Bilder ohne Worte Sebastian Preuss über Young-Kyun Lim im Palais für aktuelle Kunst, Glücksstadt

Young Kyun Lim, Face of our time, 1996 Young Kyun Lim, Face of our time, 1996 Young Kyun Lim, Face of our time, 1996

Die Porträts des Fotografen Young-Kyun Lim sind einem strengen Realismus verpflichtet, während man in seinen schwarz-weißen Momentaufnahmen gleichzeitig auch immer wieder malerische Effekte findet. Unter dem Titel „Portraits/Destiny" waren die Bilder des Südkoreaners zuletzt im Palais für aktuelle Kunst in Glückstadt zu sehen.

Ein asiatischer Ruff – das ist der erste, unwillkürliche Gedanke vor den großen Frontalporträts von Young Kyun Lim. Dass diese Einordnung dem koreanischen Fotografen kaum gerecht wird, begreift man aber bald. In Südkorea ist der 1955 geborene Lim berühmt, und auch in New York, wo er wie in seiner Heimat eine Professur innehat, genießt er den Ruf eines bedeutenden Fotografen, in Deutschland ist er hingegen noch weitgehend unbekannt. Nun bietet der Kunstverein Glückstadt erstmals, nach Stationen in Münster und Oldenburg, die Gelegenheit, dieses Werk eingehender zu erkunden. Ein Ausschnitt aus Lims Porträtserie war hierzulande erstmals 2001 in der Ausstellung „Translated Acts“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen, begleitet von einer Präsentation in der Galerie Prüss & Ochs. Auch in Glückstadt markieren zehn großformatige Bildnisse einen Schwerpunkt, daneben dokumentieren Straßenfotografien, Stillleben, Selbst- und Künstlerporträts die ganze Bandbreite von Lims Schaffen. Es ist ein Werk, das westliche Rezipient/innen, die den Kontext der asiatischen Entwicklung nicht kennen, als ein wenig nostalgisch empfinden könnten, denn es greift wichtige Stationen der modernen europäischen und amerikanischen Fotogeschichte wieder auf. Lim ist ein klassischer Schwarzweißfotograf, der seine Herkunft aus Bildwelten von August Sander, Paul Strand, der Tschechen Koudelka und Sudek nicht verleugnet, zudem auf manche asiatische Vorbilder verweist, die ihn geprägt haben.

Im Erdgeschoss des Glückstädter Palais für zeitgenössische Kunst, einem knarrenden Amtshaus aus der dänischen Zeit des Elb-Marschlandes, übertönen die überlebensgroßen Porträtköpfe beinahe das übrige Werk. Seit 1994 fotografierte Lim mit der Großplattenkamera über dreihundert Personen: junge Gesichter, die den Betrachter mit starrem Blick fixieren. Sie sind gleichmäßig von vorne ausgeleuchtet, eine extreme Schärfe zeigt jeden Bartstoppel und jede Hautunebenheit. Im Schwarzweiß gewinnen die Gesichter zudem eine fast metallische Plastizität. Nicht die Vereinheitlichung des Individuellen in der Zweidimensionalität ist hier beabsichtigt (wie etwa bei Ruffs Porträts), sondern gerade das Gegenteil: Hier werden die Möglichkeiten der Fotografie ausgereizt, Körperlichkeit darzustellen. Das verleiht den Bildern ihre ungeheure Präsenz; fast meint man, die Köpfe sprängen gleich aus dem Rahmen. Verstärkt wird diese Wirkung noch, indem die Gesichter fast die gesamte Bildfläche einnehmen.

Einen Anhaltspunkt gibt Lim selber mit dem Titel der Serie: „Face of our Time“, der sich auf „Antlitz der Zeit“ bezieht, den ersten, 1929 erschienenen Band von August Sanders groß angelegter Sozialtypologie „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Die Vollendung von Sanders Porträtatlas, in dem es mehr um charakteristische Gestalten aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten als um Individuen ging, wurde von den Nazis vereitelt, und so blieb „Antlitz der Zeit“ der einzige veröffentlichte Teil. Ob Lim mit diesem Bezug die richtige Fährte zum Verständnis seiner Porträtserie ausgelegt hat, ist allerdings zu hinterfragen. Sander stellte die Menschen mit Attributen und in berufsspezifischer Kleidung dar; es ging ihm nicht um ihr „Wesen“, sondern um ihre soziale Rolle. Bei Lim hingegen sind nur die Gesichtsphysiognomien unterscheidbar, ansonsten unterwirft er alle Porträtierten einem strengen formalen Korsett – der Brustausschnitt gibt die Kleidung kaum zu erkennen. Zudem hat Lim seine Modelle sichtlich dazu angehalten, ohne speziellen Gesichtsausdruck in die Kamera zu schauen. Anstatt wie Sander Typen im sozialen Gefüge stellt er individuelle Wesenszüge dar, die er, frei von jedem Außeneinfluss, allein im unbewegten Gesicht sichtbar macht. Dass Lim, ein gläubiger, praktizierender Buddhist, sich immer wieder in ein Kloster in Seoul zurückzieht und auch mit seinen Foto-Studenten meditiert, ist hierbei keine Nebensächlichkeit. Seine Modelle strahlen gelöste Konzentration und Verinnerlichung aus. Hierin liegt der grundlegende Unterschied zu den konzeptuell bestimmten Porträts von Thomas Ruff, der Gesichter in erster Linie als Oberflächen begreift. Lims Bildnisse hingegen bilden trotz ihrer ästhetischen Hermetik offene Seelenlandschaften. Ruff und Lim verkörpern zwei vordergründig ähnliche Positionen, die sich zudem beide auf den gemeinsamen Ahnen Sander berufen, dabei aber von tiefgreifender kultureller Differenz getrennt sind.

Still, meditativ, verinnerlicht, nicht selten auch melancholisch sind auch Lims Stillleben, Straßen- und Alltagsszenen. Hier arbeitete er ebenfalls über Jahre in Serien, die er unter dem Begriff „Destiny“ zusammenfasst. In ihrer thematischen Gruppierung geben diese Serien jedoch einen eher zwanglosen Rahmen ab: Selbstporträts, Künstlerporträts, Reisen, New York nach dem 11. September. Wie Paul Strand oder Koudelka und Sudek versucht Lim, das Besondere im Alltäglichen und Banalen sichtbar zu machen: Radfahrer, die im Regen einer asiatischen Stadt wie Schemen vorbeihuschen; eine steinerne Treppenspindel wie ein steinernes Muschelornament; ein anrührendes Kopfkissen („With Love“) in einem kalten, unwirtlichen Gasthaus in Nepal; Straßenschilder oder ein stählerner U-Bahn-Zugang; Wolkenformationen über der Stadt; Straßenverkehr, der sich in einem Schaufenster spiegelt; ein einsamer, Fußball spielender Junge in der Stadtwüste. Es sind flüchtige Eindrücke, Erinnerungsfetzen, kleine Geschichten im hektischen Getriebe der modernen Welt, die hier eingefroren werden. Oft wirken die Bilder, als seien sie mit der Lupe dem Großstadtleben entnommen oder als sei in ihnen der Ton ausgestellt.

Eine wichtige Rolle spielen malerische Effekte, etwa der Nebeldunst in Venedig, verwischt-unscharfe Straßenszenen, der Regen hinter einer Glasscheibe, Schattenspiele und weiche Abtastung der Gegenstände. Eine der schönsten Fotografien ist ein unspektakuläres Stillleben: eine Zigarettenschachtel, ein Feuerzeug, ein Aschenbecher auf einer schrägen Fensterbank; darüber wie durch einen Gazeschleier der Blick durchs Fenster auf einen verschwommenen Strand mit Brandung und einigen Menschenpunkten. Die samtigen Binnenstrukturen und die beinahe körperlich fassbare Modulation der Atmosphäre zeichnen diese wunderbare Fotografie aus, die dabei in ihrem Verfahren so klassisch ist, dass man sie schon anachronistisch nennen kann. Mit solchen Bildern hätte der 47-jährige Young Kyun Lim schon in seinem Geburtsjahr Erfolge auf Foto-Ausstellungen feiern können. Um zeitgenössische Strömungen schert sich dieser Fotograf offenbar wenig. Mit einigem guten Willen ist er allenfalls als postmoderner Nostalgiker zu deuten.

Young Kyun Lim, „Portraits/Destiny“, Palais für aktuelle Kunst – Kunstverein Glückstadt, 13. April bis 18. Mai 2003 (zwei Ausstellungskataloge).