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Vorwort

"Und was bedeutete uns alles Genie in der Welt, ließe es nicht an seiner Seite diese reizende Korrektur zu, die der Liebe [...]“ André Breton, „Nadja" (1928)

LIEBE? LIEBE!

Es war in einem Pariser Café — wo sonst —, dass der Plan entstand, ein Heft über Liebe zu machen. So bereitwillig Beziehungen unter Freund/innen mündlich besprochen werden, in Gesprächen, die oftmals stundenlang um die eigenen Liebes- und Beziehungserfahrungen kreisen, so wenig fand die entsprechende Liebeskompetenz bislang Eingang in diese Zeitschrift. Liebe war höchstens Subtext — explizit thematisiert wurde sie jedoch nie. Nun ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass das Thema der Liebe in einem kulturellen Milieu an die Oberfläche tritt, in dem Beziehungen bislang eher unter machttheoretischen, ökonomischen und genderpolitischen Gesichtspunkten verhandelt wurden. So flüstern sich beispielsweise René Polleschs Subjektivitätsdarsteller/innen in den jüngsten Produktionen Texte über Liebe und Tod zu, deren ethische Dimension eigentümlich anrührend aus dem emanzipiert-entfremdeten Vokabular herausragt, in dem sie sich artikuliert. Und auch Judith Butler öffnet ihre Philosophie zunehmend dem Pçoblem einer Ethik der Anerkennung. Dass sie sich der Liebe zuwenden wird, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dabei muss die Hinwendung auf die ethische Dimension der Liebe keineswegs eine Abkehr von der im weitesten Sinne ideologiekritischen Perspektive bedeuten, die ihr im Rücken liegt. Angesichts einer Situation, in der das romantische Klischee der heterosexuellen Liebe wieder einmal für besonders werbewirksam gehalten wird (vgl. aktuelle McDonalds- und VWWerbungen), das Genre der romantischen Liebeskomödie immer noch in voller Blüte steht und auch sonst die massenkulturelle Konjunktur dieses Themas nicht nachlässt, spitzt sich vielmehr die Notwendigkeit zu, ethische und ideologiekritische Perspektiven auf die Liebe zusammenzudenken.

Dem Zusammenhang zwischen romantischem Gefühl und Kapitalismus ist die Soziologin Eva Illouz (vgl. Interview von Isabelle Graw) in ihrer Studie über die Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus nachgegangen. Im Ergebnis sind Liebes- und Konsumrituale eng miteinander verzahnt. Die Vorstellung eines romantischen Abends impliziert immer auch Vorstellungen bestimmter Konsumrituale. Keine Liebe, und schon gar nicht die romantische, entgeht also ökonomischen Prinzipien, und dementsprechend skeptisch äußern sich die Befragten bei Illouz über die Chancen der „amour fou", Sie sei auf Dauer nicht lebensfähig und kaum alltagstauglich. Sendungen wie „Dismissed" auf MTV oder „The Bachelor" auf RTL haben aus diesem Befund die Konsequenz gezogen, das Modell der arrangierten Ehe wiederauferstehen zu lassen. Eine Art Anbahnungsindustrie. Die Idee der Vernunft- oder Zweckehe hat aber auch an anderer Stelle Konjunktur. Dr. Robert Epstein, ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift Psychology Today, entschloss sich nach dem Scheitern des Prinzips serieller Monogamie zu folgendem Experiment: Er suchte nach einer Kandidatin, die mit ihm einen Liebesvertrag eingehen und den Vorsatz unterschreiben würde, sich in einigen Jahren zu lieben (vgl. Interview von Jörg-Uwe Albig). Psychologische Beratung war Teil dieses Deals. Dieses Experiment ist zwar vorerst gescheitert, was Dr. Epstein jedoch nicht davon abhält, beziehungswilligen Singles auch weiterhin den Rat zu geben, sich mit einem guten Freund oder einer guten Freundin, den oder die man sympathisch findet, die Liebe vorzunehmen.

Was hat Liebe jedoch mit Kunst zu tun? Sehr viel — bedenkt man die Rolle, die Einbildungskraft, Imagination und Projektion gewöhnlich in der Liebe spielen. Tatsächlich erweist sich die Liebe in der Ästhetik immer wieder als Modell, um die Beziehung zur Kunst zu theoretisieren (vgl. auch Gertrud Kochs Überlegungen zum Film). Statt von den kreativ-projektiven Aspekten der Liebe — in der Phase der Verliebtheit — ist der moderne Kunstdiskurs allerdings an einem ethischen Modell von Liebe orientiert, bei der der Andere nicht bloß als Verlängerung subjektiver Projektionen erscheint, sondern in seiner Andersheit anerkannt wird. An dem modernistischen Gedanken, dass sich die Beziehung zum Kunstobjekt wie die zum Anderen nicht auf ein konsumistisches Verfügungsverhältnis reduzieren lässt, wäre theoretisch anzuknüpfen, auch wenn an der Reduktion der ästhetischen auf eine ethische Erfahrung aus der Perspektive heutiger Kunstpraxis Zweifel anzumelden sind (Juliane Rebentisch). Der ethischen Konzeption der Beziehung zur Kunst steht in der Moderne aber noch eine andere, auf den ersten Blick subjektzentriertere gegenüber. Breton zum Beispiel gab bereitwillig zu, dass ihn nur jene Kunstwerke interessieren, die „im Akt der Wahrnehmung unverzüglich eine körperliche Erregung auslösen". Dies scheint Kunstwerke auf die Funktion einer subjektiven Erregung zu verengen, die ihrerseits zum einzigen Gradmesser wird. Der Umstand, dass die „amour fou" bei den Surrealisten zum Idealtypus von Kunstproduktion und ästhetischer Erfahrung wurde, zeichnet jedoch auch umgekehrt eine Produktionsästhetik vor, die heute gerade in ihren antisubjektivistischen Implikationen relevant werden könnte: Die Idee, dass die Liebe wie die Kunst den Charakter eines Ereignisses hat, das einem widerfährt, lässt sich gegen die derzeit weit verbreitete Vorstellung eines strategisch operierenden Künstlersubjekts produktiv machen. In ihr ist die Möglichkeit von Impulsen, die von außen kommen und den KÜnst1er leiten, wenigstens festgehalten. Statt jedoch der Kunst oder der Liebe magische Kräfte zuzusprechen, wäre zugleich anzuerkennen, dass noch eine angeblich so unmittelbare Erfahrung wie die des „coup de foudre" der Liebe auf den ersten Blick -- stets vermittelt ist (vgl. Text von Gerhard Neumann). Nicht das als heftig oder unkontrollierbar Erlebte dieser Erfahrung wäre somit infrage zu stellen, sondern der Mythos, dass es sich hierbei um den Inbegriff des Authentischen handelt.

Versucht man, der Liebe auf empirischem Wege beizukommen, dann wird man auch nicht auf ihre Wahrheit stoßen. Man nähert sich ihr nur auf einer anderen Ebene. Im spielerischen Rückgriff auf die surrealistischen Umfragen zum Thema Liebe und Sexualität haben wir eine kleine empirische Erhebung gestartet und eine Reihe von Künstler/innen sowie die Redaktion dazu aufgefordert, zum Zusammenhang zwischen ihrem Liebesleben und ihrer kulturellen Produktion Stellung zu nehmen.

Aus den wenigen und zum Teil eher zurückhaltend formulierten Antworten auf diese Zumutung muss wohl geschlossen werden, dass bildende Künstler/innen heute kaum Interesse daran haben, sich öffentlich zu ihrem Liebesleben zu äußern. Die in diesem Zusammenhang oft vorgebrachte Sorge, dass die eigene Arbeit auf diese Weise aufs Private reduziert werden könne, ist zwar durchaus berechtigt, nur fragt es sich eben auch, ob Überlegungen zum eigenen Liebesleben notwendig auf dessen Preisgabe hinauslaufen müssen.

In diesem Sinne möchten wir Sie unsere Leserinnen und Leser -- ganz herzlich zum „Fest der Liebe" einladen, das am 17. Dezember 2003 im WMF (Berlin) stattfinden wird. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

ISABELLE GRAW / JULIANE REBENTISCH