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Vorwort "ESCAPE TO NEW YORK?"

Seit der ersten Ausgabe war es nicht nur ein allgemeiner, sachlicher Bezug auf Kunst und Theorie aus den USA, der diese Zeitschrift entscheidend geprägt hat. Es war gerade eine besondere Faszination für alles, was sich mit der Kunstmetropole New York verband - und das, obwohl immer wieder von einem weitgehend einseitigen Import die Rede sein musste. New York hat uns bereichert. Wie viele andere, die sich auf diese Stadt beziehen.Nicht dass hier suggeriert werden sollte, wir könnten uns ein Jet-Set-Doppelleben zwischen Berlin und New York leisten. Die Besuche in der "anderen Stadt" sind seltene Gelegenheiten zur gründlichen Flucht aus den ebenfalls sprichwörtlichen eingeschliffenen Alltagszusammenhängen, denn, wie kurz auch immer, bieten sie doch in äußerster Verdichtung Zugriffsmöglichkeiten auf einen hypertrophen Pool der ästhetischen Neuigkeiten, die Begegnung mit Institutionen und Galerien, Künstler/innen und Kritiker/innen, Diskussionen und Ideen und mit einer tausendköpfigen Konsumhydra. Und sie erlauben das kurze Eintauchen in die - allerdings auch nicht immer sehr tiefen, aber eben: tieferen - Glamourverhältnisse New Yorks. Solche "Standortfaktoren", besonders letzterer, sind beispielsweise in Berlin nicht gerade leicht zu finden, und sie sind auch kaum zu konstruieren. Keiner wird ernsthaft bezweifeln, so sehr auch Köln und Berlin ihre besonderen Reize als Kunststandorte haben, dass man sich in New York in einer anderen Liga bewegt! Oder doch? Nicht erst seit den politischen Fährnissen nach der Regierungsübernahme durch George W. Bush und nach dem 11.September 2001 haben sich Teile des Charmes der Stadt, der auch vorher oft sehr rau ausgefallen ist, in etwas Härteres verwandelt. Nun ist der mit viel Gewalt und Ungleichheit zusammengehaltene Organisationszusammenhang einer Metropole kaum in psychologischen Kategorien zu erfassen. Sobald man sich dermaßen auf eine Stadt als Ideengeberin bezieht, läuft man natürlich Gefahr, ihr Autorität, Reichtum und Glanz zuzuschreiben. Der Titel dieser Ausgabe, "Escape to New York", spielt auf eine formelhafte Denkweise in der zeitgenössischen Kunstwelt an, die uns auch nicht fremd ist - derzufolge ist New York nach wie vor der entscheidende Gradmesser und wird, allem zum Trotz, immer noch als Fluchtpunkt aller kunstkritischen und künstlerischen Diskurse genannt. Vor Ort sieht man sich jedoch mit seinen eigenen Wunschprojektionen konfrontiert, den eigenen Kriterien, den eigenen Schwächen. Empfehlenswerter Tourismus also.

Escape To New York!

Der Zeitpunkt war glücklich und unglücklich zugleich. Zeitgleich mit Whitney Biennial und Armory Show, aber auch mitten im Umzugs- und Neuformierungsstress traditionell wichtiger Ausstellungsinstitute haben wir uns zu einer redaktionellen Recherche nach New York aufgemacht. "Alle" waren wegen der Umtriebe auf dem großen Marktplatz in der Stadt. So gut wie keiner hatte wirklich Zeit. Unser Interesse war, heute nachzuprüfen, wie sich die Situation der "New York Scene" unter dem Eindruck eines verschärften (kultur)politischen Klimas darstellt. Welche Bedeutungsverschiebungen ergeben sich, wenn Künstler/innen sich das Leben und Arbeiten in der Stadt nicht mehr leisten können? Was sind die Konsequenzen in der kritischen Wahrnehmung des Kunstbetriebs, wenn Zentren aufgegeben werden und zentrifugale Bewegungen eigentlich voraussetzen würden, dass man ihnen als Kurator/in, Künstler/in oder Kritiker/in nachreist. Sind überhaupt Auflösungserscheinungen festzustellen? Den Auftakt dieser Ausgabe bilden von Markus Müller gesammelte Gespräche mit Leiter/innen und Kurator/innen von Museen, Institutionen und alternativen Ausstellungsräumen - sowie mit den beiden New Yorker "Großkritikern" Jerry Saltz und Michael Kimmelman, die sich ebenfalls zu neuen Bewegungen auf dem Stadtplan äußern. Die vielleicht bildträchtigste Verschiebung war vor zwei Jahren die Eröffnung eines gigantischen Außenpostens der Dia Art Foundation in Beacon. Christine Mehring stellt die gleichermaßen auf den urbanen Raum New York und auf die Raumbegriffe der Land Art und Minimal Art reagierende Institution ausführlich vor, ein weiteres Interview mit der Kuratorin Lynne Cooke, das sie auf unserer Website finden können, ergänzt diese Reportage. Die in Chelsea lebende Künstlerin, Musikerin und Autorin Jutta Koether war von Anfang an unsere unverzichtbare und zu jeder Sekunde hochinformierte New-York-Korrespondentin. Eine New- York-Ausgabe ohne ihren Beitrag wäre für uns ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Sie schafft es auch in diesem Text auf unnachahmliche Weise, den Eindruck einer nachvollziehbaren Arbeit des Suchens und Findens in einem labyrinthischen Szenemonstrum zu vermitteln. Eine (sehr andere) "Innenperspektive" auf die New Yorker Kunst(markt)szene gibt auch der Galerist Friedrich Petzel, eine Perspektive, die zum Teil überraschendes Echo in einem Essay des Kunsthistorikers Hal Foster findet, der sich in unterschiedlicher Weise zum Teil mit den gleichen künstlerischen Phänomenen auseinandersetzt. Möglicherweise ephemere, aber dennoch viel diskutierte Erscheinungen zu beschreiben, scheint uns eine angemessene Art und Weise der "Fluchtbeschreibung". In diesem Sinn führen wir auch unsere neue Kolumne "Fashion Victim" ein, in der Isabelle Graw sich zur abendländischen Dichotomie von High Heels und Ugg-Boots äußert. Nicolás Guagnini kommentiert das Phänomen John Currin, ein Maler, aus dessen derzeitiger Karriere recht klare Rückschlüsse auf die Laufweise der Promotion-Maschine New York im Verhältnis zu anderen westlichen Städten wie London oder Berlin gezogen werden können. Die legendäre Produktionsformel der Warhol'schen Factory als historischen Einfluss auf heutige Aktivitäten herauszustellen - das versucht ein Text von Bettina Funcke. Gareth James stellt dagegen den neuen Ausstellungsraum "Dresse Shoppe" vor - einen wenige Quadratmeter großen Ladenraum, in dem sich auf die eine oder andere Weise gerade alle Fäden zusammenzufinden scheinen. Bei unserer Umfrage haben wir Wahl-New-Yorker/innen (und einigen Ex-New-Yorker/innen) schließlich die leicht anmaßende Frage gestellt: Haben Sie schon einmal daran gedacht, die Stadt zu verlassen - und wenn ja, warum? Diese Frage mag rätselhaft klingen, wenn sie nicht auch umkehrbar verstanden wird. Wir verstehen dieses ganze Heft als (vorläufige) Antwort auf die ähnlich zu stellende Frage: Haben Sie schon einmal daran gedacht, Berlin zu verlassen? Und wenn ja, wohin?

Esther Buss / Isabelle Graw / Clemens Krümmel