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Karl-Siegbert Rehberg

Konsumismusfallen Verdeckung sozialer Ungleichheit und Krisenverschärfung

Andy Warhol, "Area Rug Sale", 1976-86 Andy Warhol, "Area Rug Sale", 1976-86

Für kurze Momente gelingt es dem Business der Mode immer wieder, auch über ihre rituellen Feiern auf den Laufstegen der Welt hinaus, den Schein zu erzeugen, der Begriff "Klasse" spiele keine Rolle. Besser Verdienende und aufstrebende schlechter Verdienende schauten als Fashion Victims auf den gleichen Mond. Während es durchaus Anzeichen dafür gibt, dass der Massenkonsum nicht nur von Mode gesellschaftliche Strukturen verdeckt, treten gleichzeitig - insbesondere angesichts einer verschärften wirtschaftlichen Situation - soziale Ungleichheiten durch bestimmte Konsummuster deutlicher hervor.

Wir erleben ein neues Sichtbarwerden der Ungleichheitsgesellschaft. [1] Die Veränderungen der Arbeitswelt "setzen Arbeitskräfte frei", die sich nicht einmal mehr als "industrielle Reservearmee" erleben können, denn auf einer "Reservebank" (um eine harmlosere Fußball-Metapher zu wählen) darf man die Chance auf einen Einsatz im laufenden Spiel erwarten. Heute erweist sich Vollbeschäftigung (eines der Ziele wirtschaftspolitischen Handelns, das sogar in die in Rom gerade unterzeichnete Europäische Verfassung Eingang gefunden hat) als historischer Sonderfall der Nachkriegszeit.

Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau wird zu einem Strukturmerkmal auch der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften, woran die durch Politiker und Wirtschaftswissenschaftler beschworenen Konjunkturaufschwünge nichts ändern werden. Die usa sind - samt zunehmender Massenarmut - auch hier "vorbildlich". Und die (in einer Mediengesellschaft kurzlebigen) "Montagsdemonstrationen" gegen Hartz iv haben uns in Deutschland ein Bild von der Angst vor einem Verarmungsschub vermittelt. So werden lange vergessene Klassenstrukturen wieder sichtbar; das bedeutet, dass immer mehr Menschen bewusst wird, in welcher Weise die Stellung der Menschen im Produktionsprozess (Marx) und die "durch ökonomische Güterbesitz- und Erwerbsinteressen" bedingte "Klassenlage" (Weber [2]) in den kapitalistischen Gesellschaften von durchschlagender Bedeutung geblieben sind - allen konsumistischen Annäherungsphantasmen zum Trotz. So mögen die Konturen der Klassengesellschaftlichkeit im Wohlstand verschwimmen, in Zeiten der Krisen treten sie deutlicher wieder hervor.

Fragt man sich nach den Integrationschancen der Gesellschaft in einer solchen Lage, erweist sich die Dialektik des Massenkonsums und gerade auch der Produktion von "Moden" und unablässigen Variationserweiterungen des Warenangebots (etwa von Filmproduktionen, deren kommerziellen Megaerfolgen vor allem im Absatz der weltweit vermarkteten Begleitprodukte): Konsum integriert und spaltet die Gesellschaft gleichermaßen. Das gilt gerade auch für die "Kulturindustrie" (Adorno). Mag auch nach dem Schock über die terroristische Zerstörung der New Yorker Twin Towers das "Ende der Spaßgesellschaft" ausgerufen worden sein (wobei Erschütterung wohl doch den Evidenzgrund für diese medial schnell verbreitete These bildete), so kann man zwar sagen, dass "der Spaß" beispielsweise bei den us-amerikanischen protestantischen Fundamentalisten ebenso aufgehört hat wie in jener Nationalismuswelle, welche immer mehr Todesanzeigen in amerikanischen Zeitungen mit Stars-and-Stripes-Symbolen ziert. Nun hat man wirklich Ernst gemacht in einer Gemeinschaftsregression, für die der gerade wiedergewählte Präsident George W. Bush sich als beste Projektionsfigur erweist. Jedoch hat das der Beschleunigungsmaschinerie der Begehrenserweckung wie der der Weltauslegung keinerlei Einhalt geboten.

Kein Ende des Spektakels

"Gesellschaft des Spektakels" ist ein Ausdruck, der schnellen Wechsel von (zuweilen grauenhaften) Ereignismassen meint, die latent immer der Abwechslung dienen, so dass Information und "Amusement" (wie Adorno sagte [3]) sich vielfältig überschneiden und sich gegenseitig verstärken - das von Neil Postman perhorreszierte Fernsehen [4] erwies sich als Produzent und Ritualienmeister dieser Verknüpfung. Die Beschleunigung bringt das Auffällig-Aufregende in immer kürzeren Abständen hervor und sorgt zugleich für sein Verschlucken im rastlosen Vergessen der unstillbaren Neugierde. Zugleich setzen sich die Sensationen bis ins Kleinste der Beobachtungen fort: Charles Baudelaire und auf ihn verweisend Walter Benjamin haben das minutiös empfunden und beschrieben. [5]

Zwar gibt es nationale Differenzen des Spektakels, ist die Expressivität der Aufregung unterschiedlich. Aber das Prinzip ist in der massenmedial vernetzten Welt überall dasselbe. Sicher könnte man ein Ende des Spektakels für möglich halten, wenn man die Dauersensationalisierung der italienischen Pressemedien gegen die Süddeutsche Zeitung, die FAZ oder die bieder-sympathische Frankfurter Rundschau eingetauscht hat (von der Neuen Zürcher ganz zu schweigen) - aber die ewige Wiederkehr der sich überschlagenden Aufgeregtheiten ist ja unverändert geblieben, wenn man in das Land Berlusconis zurückkehrt, in dem sich jeder über alles aufs Äußerste erregt - nur leider nicht im gleichen Maße über Berlusconi. Kein Tag ohne "la Guerra", kaum eine Woche ohne "Apocalisse": Nach dem 11. September gingen dieser Presse wirklich die Worte aus.

Aber wie gesagt: Das sind Habitus-Differenzen. Die Sache ist überall dieselbe, die Überbietungen und - so könnte man meinen - die latente Spannung eines Wartens auf den nächsten Eklat, wenn nicht sogar auf das wirklich Entsetzliche der Attentate und Warlord-Kriege und ihrer entstellten Opfer, der Erdbeben und vielleicht sogar nur trivialisierter Prominentendramen.

Ein Ende von alledem ist nicht zu sehen. Wenn man nicht eine allgemeine Tendenz des Menschen zur Überschreitung des Alltags, zu Erschütterung und Schrecken als anthropologische Gegebenheit ins Spiel bringen will, so wäre die sicherste Basis zur Erklärung aller dieser Exaltationen eine Verschiebung des "Erhabenen" in Zeiten des Massenkonsums und der mit ihm verbundenen Zunahme der Beschleunigung. Übrigens wird dabei ein merkwürdiger Wechsel im historischen Ablauf sichtbar: Die feudalen Eliten waren Träger eines ihrer ständischen Ehre entsprechen müssenden Überflusskonsums (bis hin zum Potlatsch), eine Ausgabenorientierung der "sterilen Klassen" zeigend, der von den produktiven bürgerlichen Aufsteigerschichten erfolgreich denunziert werden konnte, so dass - ohne die Schätzung einer gehobenen Bedürfnisbefriedigung aufzuheben - allein die Produktivität legitimierend für die (auch politische) Stellung in der Gesellschaft wurde. Im Massenkonsum-Kapitalismus scheint sich dieses Verhältnis nun wieder zu verschieben, tritt die Konsumption als Produktivkraft und Produktionsanlass derart in den Vordergrund, dass in Zeiten der konjunkturellen Krise (und auch angesichts der von den Regierungen mitgeschaffenen Kaufkraftschwächung) ein Bundeskanzler heute flehentlich an die Bürger appellieren muss, doch bitte zu konsumieren, damit es allen besser gehe.

Immer noch Kulturindustrie

Ebenso wenig wie die Strukturen des Spektakels sind die pessimistischen Bestandsaufnahmen und Prognosen Theodor W. Adornos außer Kraft gesetzt, dessen 100. Geburtstag im vorigen Jahr eine auffällige Medienpräsenz schuf, wie er sie schon zu Lebzeiten sehr wohl in Gang zu halten wusste. Bekannt sind die Einwände gegen den alternativlosen Pessimismus seiner Kulturkritik, gegen das Bild der Ausweglosigkeit der Verhältnisse, aus der schließlich auch ein Ende Kritischer Theorie resultieren würde. Davon musste Jürgen Habermas sich in umfangreichen Texten erst freischreiben. Und wir alle könnten Einwendungen gegen Adorno vorbringen, Argumente, welche dem Zusammenspiel von bildungsbürgerlichem Hochmut und einer davon geprägten Empfindsamkeit entgegenzuhalten wären. Und doch liest sich das viel gerühmte Kapitel aus dem - wie Habermas meinte - "schwärzesten Buch" der Frankfurter Denker [6], der Essay über die "Kulturindustrie", aktueller denn je. "Lichtspiele" und "Rundfunk" mögen altmodische Vokabeln sein, und das Radio ist ja längst aufgerückt in die kulturelle Geltung, die einem je "vorletzten" Medium beschieden ist: Denn wie verdarben die Bücher die Frauen, bevor die Zeitschriften auf den Markt kamen, und diese, bevor die Panoptiken und später die Radioempfänger ein sehnsüchtiges Bewusstsein schufen, abgelöst vom Film, dem Fernsehen, der Flüchtigkeit des Telefons, längst überboten durch E-Mails und Handys. Schließlich hob der durch keine Qualitätssicherung mehr strukturierbare Internetsog alles zuvor Genannte in den Rang wahrer Kulturinstitutionen. Adornos Beispiele - etwa die Soap Operas in den Nachmittagsprogrammen der amerikanischen Networks - mögen längst überboten sein. Aber jeder analytische Satz gilt für die Massenunterhaltung unverändert - mit dem einen Unterschied, dass viele Macher solcher "Formate" mit Massensuggestion inzwischen ihren Adorno kennen.

Zentral in dessen früher These war die Anbahnung des Konsums durch Kultur und jene (kapitalistisch erzeugte) Formentsprechung zwischen diesen beiden Sphären, die umgekehrt dazu führt, dass alle Kultur selbst unter das Gesetz des Warentauschs gestellt ist. Besonders die Wirkungsprinzipien "Wiederholung" und "Ähnlichkeit", welche das ständig Neue aller Überraschung entkleiden, das Unbekannte domestizieren und in vertraute und unbefragte Lebenswelten einbetten, zeigen Grundstrukturen des Konsumierens im Allgemeinen: Das gilt für die Aneignung kultureller Güter ebenso wie für den Konsum anderer Waren, selbst der exzentrisch auftretenden Mode. Dabei ist eine Pointe, dass die Sicherung des Vertrauten nicht mehr der konservativen Bewahrung des Eingewöhnten bedarf, sondern sich der ständigen News und Innovationen bedienen kann, um das Eingelebte umso mehr zu bestätigen. Es sind dies Beschreibungen vor allem eines Konsums in saturierten Lagen, vom mittleren Wohlstand bis in die Höhen des Reichtums und vielleicht auch verbunden mit einer Etabliertheit durch Altern, denn die Muster des Erlebbaren sind dann zumeist schon verfestigt.

Vom demonstrativen Konsum zur neuen Bescheidenheit

Eine andere Beobachtung, die zur Interpretation der heutigen Konsumformen und ihrer "Kulturbedeutung" (um mit Max Weber zu sprechen) beiträgt, liegt in der Normalisierung konsumptiver Erfüllungen, im Abschied oder wenigstens im Herunterspielen des "demonstrativen Konsums", den Thorstein Veblen schon 1899 beschrieben hat. [7] Ihm ging es um Selbstdarstellungsformen der Adelsgesellschaft und um die Visualisierung einer daseinserhöhenden Verschwendung, welche jedoch als Großzügigkeit und Noblesse aufgefasst werden musste. Es waren dies Habitusformen einer "Leisure Class", welche die Pflichten des großen Konsums erfüllen musste, um das "Vermeiden einer jeglichen nützlichen Tätigkeit" glaubhaft darstellen zu können. Aus den Traditionen des Kriegsadels legitimierte man die räuberischen anstelle produktiver Interessen, kümmerte man sich mehr um die Jagd als um Arbeit, legte man Wert auf die entlasteten und verfeinerten Ritualisierungen der Geselligkeit und einer feinabgestimmten Präsenzkultur, in der hierarchisierende Unterscheidungen (nach dem Vorbild des Hofes) die Bühne der Interaktion schufen. Veblen sah sehr wohl, dass diese Einstellungen von der Bourgeoisie übernommen worden waren, obwohl doch die Grundlagen des bürgerlichen Vermögenszuwachses auf dem Gegenprinzip einer oft hart erarbeiteten Produktivität beruhten. Es ist dies eben das Prinzip der Selbstnobilitierung aufgestiegener Schichten, wie wir sie in allen Hochkulturen beobachten können - etwa in der Aristokratisierung in den (politisch durchaus adelsfeindlichen) Zentren der Renaissance. Sobald die großen Händler und Bankiers, Wollproduzenten und gehobensten Kunsthandwerker, ja auch die Künstler über die Quellen ihres Reichtums hinausgewachsen waren, begann eine aufwendige Ästhetisierung des Lebens. Und manches davon betrifft auch noch die Konsumrealität unserer Tage, jedenfalls aber die von Veblen bissig beschriebenen Verhältnisse. Der sah übrigens auch, dass das Prestige, sich Muße leisten zu können, bei den mittleren Ständen nur noch dazu ausreichte, durch eine im Hause gehaltene und alimentierte Frau zu demonstrieren, dass man, wenn selbst auch zur Arbeit genötigt, es sich wenigstens leisten könne, diese nicht arbeiten zu lassen.

Alle diese Beobachtungen erinnern an Pierre Bourdieu, der die Geltungskraft und gesteigerte Legitimität der am Auftreten der Machteliten orientierten Umgangsformen betonte. Insbesondere ist es die symbolische Entkörperlichung des verfeinerten Konsums, der Andeutungsreichtum, der das Essen, die neusten Kreationen der Haute Couture und andere kulturelle Praktiken bis hin zum sportlichen Kampf über alle Nutzenerwägungen hinaus in diskursive Andeutungsspiele transformiert, in denen das Wissen sich mit Resten von Materialität sozusagen vergeistigend durchdringt. Das verweist auf kulturelle Praktiken der Oberschichten, wie sie auch Veblen vor Augen standen. Entscheidend ist die Sichtbarkeit, die verkörperte und in den Objektivationen des Umfeldes sich zeigende Überwindung der Nützlichkeit, die zum Mittel der zeremoniellen Selbstabgrenzung nach unten und der sichtbaren Selbstvergewisserung wird. Die sozial bedingte und auf Nutzenkalkülen sehr wohl beruhende "Nutzlosigkeit" war auch schon für Veblen wichtig: "Derartige Beweise sind zum Beispiel quasi-gelehrte und quasi-künstlerische Werke sowie die Kenntnis von Erscheinungen und Vorfällen, die nicht unmittelbar zur Förderung des Lebens beitragen", also etwa "die Kenntnis toter Sprachen oder [...] die Beherrschung von Grammatik und Versmaßen, die Hausmusik und andere häusliche Künste, Mode, Möbel und Reisen, Spiele, Sport, Hunde- und Pferdezucht." Und zu alledem gehören auch hier Habitusformen, nämlich "Manieren, gute Erziehung, Höflichkeit, Anstand". [8] Und ganz wie bei Bourdieu heißt es: "Die subtilen Unterschiede zwischen den verschiedenen Mitteln der Selbstreklame stellen einen Bestandteil jeder hochentwickelten und vom Geld geprägten Kultur dar." [9]

Heute versteckt sich der Überfluss oftmals in Anpassungen an ein vorgetäuschtes gehobenes Mittelschichtsleben (die "Dallas"-Serie lebte geradezu davon: Obwohl unablässig von den Ölmilliarden und der zu ihrer Vermehrung notwendigen Bosheit die Rede war, wurde die Familie in fast kleinbürgerliche Enge gezwängt, wenn durchaus auch umgeben von einer Range erstaunlichen Ausmaßes). Die "Reichen" darzustellen ist selbst arbeitsteilig organisiert. Der Jetset, einzelne Reichtumsrepräsentanten, die oft aber - wie Bill Gates - durch Leistung ausgewiesen sind, stehen für ein System, in dem der Traum, reich werden zu können, mit fassbaren Inhalten verknüpft wird. Und zugleich gibt es doch die Zurückhaltung und vorsichtige Anpassung an die massendemokratischen Verhältnisse, sollen die Rangdarstellungen nicht zu Unzufriedenheit und unkalkulierbaren Gegenreaktionen führen.

"Lebe jetzt!" bzw. "Ich will alles - und das sofort!"

Die modernen, durch Kredit ermutigten Konsumgewohnheiten entsprechen kapitalistischen Expansionsbedürfnissen, die kaum darauf warten können, bis die Menschen ein teures Gut zusammengespart haben. Das führt umgekehrt zu dem Versprechen, alle Bedürfnisse sofort befriedigen zu können. Den Reichen ist das selbstverständlich, die weniger Bemittelten müssen die Bezahlung nachfolgen lassen. Alle Kaufangebote sind daraufhin inszeniert, und es gibt keine Ladenkasse mehr, welche die Botschaft nicht schon den Kleinstkindern nachhaltig einprägt, zumindest doch noch einen Schokoriegel oder ein Überraschungsei unbedingt haben zu wollen, während die Erwachsenen mit den Transaktionen ihres Einkaufs beschäftigt sind. Jedoch ist auch dieses Prinzip der konsumgesteuerten Ungeduld vielleicht nicht so neu, wie es in der Generationenfolge der notgewohnten Kriegsteilnehmer und der an den Massenkonsum noch nicht wieder gewöhnten Nachkriegsgeneration bis hin zu heutigen Kindern und Jugendlichen sich darstellt. Und im Zeitraffer erleben das die einstigen ddr-Bürger, wie man nämlich aus einer chronischen Versorgungsmisere und der sie legitimierenden Ethisierung des Mangels in jenes lang ersehnte Konsumparadies kommt, für das nun aber gerade die durch Arbeit geschaffenen Voraussetzungen der Kaufkraft für viele Menschen ausfallen. Aus solchen in einem einzigen Leben erfahrbaren Veränderungen ergibt sich die konsumistische Gier nach der schnellen Erfüllung als Selbstverständlichkeit. Und neben Esswaren und der Mode sind es ja vor allem die Angebote der Massenkultur - sowohl der Hardware, der Phono-, der tv- und Computerausstattungen als der so transportierbaren Melodien, Rhythmen, Bilder und Informationsangebote.

Konsumdialektik

All das ist nicht gänzlich neu. Aber das Irritierende liegt in der Konsumchance für die Massen. Das ist der Grund für die tiefsitzende Beunruhigung der Intellektuellen im 20. Jahrhundert (nachwirkend noch in der "Postmoderne", die tendenziell aber ihren Frieden mit der Massenkultur zu machen versucht). Aus dieser Spannung zwischen kultureller Anspruchsteigerung und dem Verdacht, dass große Gruppen dazu doch nicht fähig seien, ein Verlust des Gehaltes mit der Verbreitung unweigerlich verbunden sei, ist auch der Ausgangspunkt für die bis heute suggestiven und doch allzu subjektiven Bilder vom Ende der Subjektivität. Diese weist zugleich ein Dilemma der Intellektuellen aus: Bis heute ist von ihnen die Tatsache der Massengesellschaft nicht wirklich verarbeitet worden. Faszination mischt sich mit Abwehr, Verfügungswille mit Angst. Im 19. Jahrhundert - man denke an Gustave LeBon [10] - sind es die Aktualmassen, die beunruhigen, in unserer Zeit eine Zersplitterung der Individuen als "massenhafter". Fabrik, Streikversammlungen, die trostlosen Schlangen der "stempelnden" Arbeitslosen, ebenso die in der scheinbaren Individualitätssteigerung der "Führerpersönlichkeit" sich spiegelnden Aufmarsch-Massen [11] wurden zunehmend ersetzt durch die atomistische, aber massenhafte Gleichgerichtetheit des Konsumierens - wenigstens ist das ein Schreckbild der Intellektuellen (der Tourist sieht in Florenz mit Entsetzen die Verheerung durch jene, die er abschätzig "Touristen" nennt); das Stichwort der "einsamen Masse" stammt schon aus den fünfziger Jahren. [12] Seit Marx wissen wir, dass die Ware als Fetisch den Produktionsprozess vergessen macht, wie Begehren und Gebrauchswertvermutung sowie die für den Austausch notwendige Fixierung auf den Preis die Wertschöpfung ebenso unsichtbar machen wie die im Prozess der Lohnarbeit systematisierte Ausbeutung. Diese Grundeinsicht charakterisiert bis heute den Massenkonsum. Nicht nur "beraubt" er das Proletariat der aus dem Lebensalltag geschöpften Einsicht in die Verhältnisse (so dass eine hegelianische Vision von dessen struktureller Aufgeklärtheit, wie sie sich Georg Lukács noch vorstellte [13], vollends illusionär geworden ist), vielmehr eröffnet die Welt des Konsums einen ambivalenten Realitätszugang für alle Menschen.

Die tiefgreifendste Veränderung des Kapitalismus nach seiner industriellen Aufstiegsphase lag in der Entwicklung eines Wirtschaftssystems, das Ausdehnung und Profitsteigerung auf dem Massenkonsum gründete, wie sich das anekdotisch mit dem Plan Henry Fords verknüpft, ein Auto zu bauen, das jene, die es produzieren, sich selbst kaufen können. So erfüllte sich eine Hoffnung, die schon Adam Smith gehegt hatte: Die wirtschaftliche Prosperität und die Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft führten zur Verbesserung der Lebensumstände für die Mehrheit der Menschen in den kapitalistischen Ländern und erlaubten ihnen, die Gesellschaftsteilnahme durch Konsum weit über das Lebensnotwendige hinaus zu steigern. Keine abstrakte Theorie sollte dazu verführen, das gering zu schätzen. Und dennoch müssen die Ambivalenzen dieses Prozesses verstanden werden.

Unmittelbar verweist der Konsum auf die Kaufkraftverteilung, vor allem auf das verfügbare oder kreditierbare Geld. Im Konsum werden also die sozialen Unterschiede unübersehbar und konkret greifbar. Dabei ist zu bedenken, was Michael Makropoulos in seiner Reflexion über die "Kulturindustrie" herausarbeitete, dass soziale Ungleichheit sich nämlich heute nicht mehr "nur aus materieller Deprivation, sondern auch aus mangelnder kommunikativer Anschlussfähigkeit innerhalb eines gesamtgesellschaftlichen Dispositivs der individuellen und kollektiven Optimierungen" ergebe. [14] Was einst Luxuskonsum war, wurde zum Massenkonsum - und schon im Begriff äußerte sich für lange Zeit eine Abwertung, denn: Was allen zugänglich ist, verliert eben seinen exklusiven Distinktionswert. Im Konsum manifestiert sich soziale Ungleichheit in vielen Facetten, wird sie bestätigt und zugleich infrage gestellt. Unablässig, so sollte man meinen, müssten die Statussymbole die extrem ungleiche Verteilung der Ressourcen und Chancen ins Bewusstsein heben. Jedoch ist es eher so, dass die Regel von der normschaffenden Kraft des Faktischen zugleich einen Ausgleich herstellt.

Besitz und auch die erworbenen Güter sind stets differenziell: Kein Landpächter entfaltet den Ehrgeiz, die herzoglichen oder königlichen Territorien besitzen zu wollen, während der falsche Grenzstein des Nachbarn ihn bis auf den Tod erzürnen mag. So organisiert der Konsum also auch Abstandsregeln, meinen die Menschen gut zu wissen, was zu ihnen passt, und liefern entsprechende Bewertungen oft sogar nach. Hatten die Rousseauisten und Sozialisten im Eigentum zuerst den Diebstahl gesehen, so trägt die Konkretisierung des Besitzes im Konsum dazu bei, die Legitimität des Begehrens, zumindest emotional, in den Menschen zu limitieren. Vor allem führt die Ausdehnung von Konsumchancen zu einer Überblendung der Ungleichheitsstrukturen, macht die Verbesserung der sozialen Position das Grundprinzip der Klassengesellschaft, also der Ungleichheitsgesellschaft, zu einer Nebensache. Das gilt besonders, wenn die Erfüllungsmöglichkeiten der Wünsche sich einander annähern (zumindest im Quantitativen). Da die Sättigungsgrade doch beschränkt sind, wird soziale Ungleichheit im wichtigsten Medium ihrer Präsenz zugleich verdeckt. Die meisten von uns können nur für eine gewisse Zeit im Jahr am oder auf dem Meere sein, sei es nun in einer Yacht oder in einem Schlauchboot. Demselben Prinzip folgt die Annäherung der Hotelübernachtungen und Fernreisen, der Erlebnisgehalte bei Festivals oder der Möglichkeiten, sich modisch zu kleiden oder zumindest durch bestimmte Accessoires noch mit der Spitzenproduktion der großen Couturiers in Verbindung zu kommen. Events und Ereignisbeschleunigungen erweisen sich dabei als besonders wirksam, denn kulturelles Kapital scheint nun ablösbar zu werden von den Objektivierungen, die den Reichtum unüberholbar auszeichnen. Man kann den Mangel an ökonomischer Ausstattung mit der Kenntnisanreicherung ebenso kompensieren wie mit einer schnellen Adaptionsfähigkeit neuster Entwicklungen.

Die Anreicherung eigener Erlebniswelten, die Orientierungskompetenz in Trends und Diskurstendenzen, die Möglichkeiten, in traditionellen oder avantgardistischen Kulturentwicklungen "auf der Höhe der Zeit" zu sein, nähern die Wünschbarkeiten und Erfüllungsmöglichkeiten einander derart an, dass die Unterschiede der Lebenslagen dadurch verschwimmen. Nur so konnten Soziologen auf den Gedanken kommen, die Realität der "Erlebnisgesellschaft" trage zur Auflösung alter Schichtungsmuster bei oder habe diese schon überholt. Und noch mehr fällt auf, dass alle - die sozialwissenschaftlichen Analytiker wie die meisten Menschen in den reichen Gesellschaften - vergessen konnten, dass sie unverändert in Klassengesellschaften leben. Dabei ist "Klassengesellschaftlichkeit" (die in ihren Erscheinungsweisen selbstverständlich nicht mehr die des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts ist) in ausdifferenzierten Gesellschaften an Ressourcenunterschiede allein nicht gebunden, sondern vor allem durch vier weitere Komponenten bestimmbar: erstens durch die Bedeutung der auf Kapitalinvestition beruhenden Produktivität (auch in den Dienstleistungsbereichen) mit ihrer meritokratischen (in vielen Feldern schwer bestimmbaren) "Leistungs"-Legitimierung und einem beschleunigenden Wachstumszwang als Grundgesetz der Kapitalvermehrung, wofür die Fusionshysterie der letzten Jahre stehen mag; zweitens durch die Konzentrationstendenz der großen Kapitalien - weshalb die dominierende "kapitalistische Wirtschaft" nicht gleichzusetzen ist mit allen Sektoren und Dimensionen der Marktwirtschaft (etwa den mittleren und kleinen Unternehmen). Mit historischem Blick sah Fernand Braudel die Dynamik des Kapitalismus an die (heute global agierenden) mächtigsten Spitzen gebunden; drittens durch die Limitierung von Entscheidungsmöglichkeiten der nicht-ökonomischen gesellschaftlichen Systeme, Institutionen und Handlungsbereiche, nicht im Sinne einer Determination, doch aber als "Rahmen" dessen, was getan werden kann, vor allem aber dessen, was sich nicht durchsetzen, zuweilen nicht einmal denken lässt. Schließlich gehört viertens die Macht des Transfers der Logik kapitalistischer Entscheidungskriterien und Situationsdefinitionen in andere Lebenszusammenhänge dazu, beispielsweise die heute allgegenwärtige, sozusagen schon habitualisierte Ökonomisierung der unterschiedlichsten Handlungsfelder.

In heutigen Sozialkonflikten zeigt sich nun aber zugleich die desintegrative Seite des Konsumkapitalismus. Mag sein, dass vom Markt niemand vollständig zu exkludieren ist. Aber dies ist eher eine begriffslogische Erwägung. Tatsächlich könnte sich aus der Schwächung der Massenkaufkraft eine Systemkrise entwickeln, an die man nicht denkt, wenn man nur die Staatsausgaben oder die Debatten um die Mindestausstattung zur Lebenserhaltung in den Blick nimmt. Was als zyklische Konjunkturkrise immer schon zu Lasten der "industriellen Reservearmee" (Marx) ging und auf der anderen Seite einen geradezu darwinistischen Überlebenskampf der einzelnen Unternehmen begründet, könnte sich unter diesen Bedingungen als tiefgreifendere Vernichtung von Absatzmärkten und damit von Expansionschancen der Kapitalverwertung erweisen. Das wäre bei struktureller Stabilisierung einer großen Anzahl von "Überflüssigen" bestandsbedrohender als die seit je mit der kapitalistischen Wirtschaft verbundenen Überproduktions- und Nachfrageschwankungen. Aber wie immer das ausgehen mag: Die Klassengesellschaftlichkeit wird wiederum in das allgemeine Bewusstsein gehoben.

Anmerkungen

[1]Diese These ist näher ausgeführt in meiner "Die unsichtbare Klassengesellschaft" überschriebenen Eröffnungsrede des Münchener Soziologiekongresses. Der Text wird veröffentlicht in: Karl-Siegbert Rehberg (Hg.), Soziale Ungleichheit - kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 4.-8. Oktober 2004, Frankfurt/M./New York 2005.
[2]Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976, S. 531.
[3]Vgl. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1969, S. 145.
[4]Vgl. Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt/M. 1985.
[5]Vgl. Walter Benjamin, Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, Frankfurt/M. 1969.
[6]Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt/M. 1985, S. 130.
[7]Thorstein Veblen, Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen, Köln/Berlin o.J. [1958].
[8]Ebd., S. 59 f.
[9]Ebd., S. 183.
[10]Gustave LeBon, Psychologie der Massen, Stuttgart 1985.
[11]Vgl. Horkheimer/Adorno, a.a.O., S. 144.
[12]Vgl. David Riesman/Reuel Denny/Nathan Glazer, Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters, Reinbek bei Hamburg 1958.
[13]Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewusstsein, Neuwied 1968.
[14]Michael Makropoulos, "Massenkultur als Kontingenzkultur. Artifizielle Wirklichkeiten zwischen Technisierung, Ökonomisierung und Ästhetisierung", in: Harm Lux (Hg.), "... lautloses irren - ways of worldmaking, too ...", Berlin 2003, S. 153-171, hier S. 171.