Image Transfer Barbara Buchmaier über Seth Price in der Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Seth Price In Der Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Seth Price gehört zu jenen Vertretern einer neuen amerikanischen Künstlergeneration, deren mit politischem Anspruch auftretenden Arbeiten man in Europa derzeit gerne ein Forum bietet. So war er vor kurzem nicht nur Teilnehmer der Osloer Ausstellung "Uncertain States of America", sondern ist momentan auch in einer Gruppenausstellung in der Kunsthalle Zürich vertreten, die versucht, Price und seine New Yorker Künstlerkollegen Wade Guyton, Josh Smith und Kelley Walker unter dem Banner einer "Post-Pop-Attitude" und eines "Neo-Appropriation"-Ansatzes zu vereinen. In seiner ersten Einzelausstellung in Europa zeigte Price nun in der Berliner Galerie Isabella Bortolozzi eine raumgreifende Installation mit dem Titel "Skulptur". Die klassische Teilung der Galerie zwischen Arbeits- und Ausstellungsbereich wurde aufgehoben, indem eine weiße raumteilende Wand demontiert und zu einem riesigen flachen Podest um funktioniert wurde, das dann fast den gesamten Boden des Ausstellungsraumes einnahm. Ein markanter ortsspezifischer Eingriff, der mit dem Aplomb einer Michael-Asher-Referenz inszeniert war. Eingeklemmt in den Spalt zwischen Podest und Galeriewand, hatte Price nebeneinander vier Rollen aus transparenter Kunststofffolie installiert, die mit farbigen, teils nur fragmentarischen Bildern bedruckt waren. Auf der rechts stehenden Röhre, die außen durch zwei Metallösen zusammengehalten wurde, waren in grüner Farbe mehrere Figurationen abgebildet, die vage an Pferde erinnerten. Links davon stand eine Gruppe aus drei mehrfach in sich gedrehten Rollen, von denen sich eine in Falten gelegt auf der zur Bühne umfunktionierten Galeriewand ausrollte. Der einsehbare Ausschnitt ließ einen genaueren Blick auf das abgebildete Motiv zu, das sich auf den anderen Folien wiederholte. Neben dunkelvioletten Farbflächen war das gerasterte Bild eines abgetrennten menschlichen Kopfes zu erkennen.

In der Ausstellung prallten zwei verschiedene Ansätze förmlich aufeinander - einerseits der großspurige architektonische Eingriff, andererseits eine Präsentation objekthafter Kunstwerke mit gegenständlichem Abbildungscharakter, die Price jedoch so weit in den Hintergrund drängte, dass er damit ihre Bedeutung relativieren zu wollen schien. Zugleich war der Betrachter durch die Ausmaße des Podests bewusst auf Distanz gehalten und in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Auch die von Price selbst verfasste "Pressemitteilung" verhalf der Rezeption zu keiner größeren Bestimmtheit. Anhand illustrer Beispiele - einem Konversationsspiel zwischen britischen Männern aus der Zeit Edwards VII. und den aktuellen Arbeitskämpfen südamerikanischer Immigranten in den USA - reflektierte der Künstler in seinem essayistischen Text in semi-wissenschaftlicher Manier über Bedeutung und Wirkung von "Bildern" und die Möglichkeiten einer "radikalen linken Politik". In einem eher zweifelhaften Verhältnis dazu stand dann auch der Titel "Skulptur". Solche Gesten der Inszenierung der eigenen Autorität beziehungsweise Strategien der Irritation kommen in den Arbeiten von Seth Price immer wieder zum Einsatz. Seine Pressetexte funktionieren weniger als Beschreibung oder gar Deutung des aufgeführten Displays, sondern avancieren vielmehr zu eigenständigen "Pieces", die er ohne Anpassung des Inhalts in verschiedenen neuen Zusammenhängen recycelt.

Die in der Installation verwendete farblos transparente Kunststofffolie gehört ebenso wie die dargestellten Motive fast schon zum Standardvokabular des Künstlers. Die grünen Aufdrucke reproduzieren das so genannte "Chinesische Pferd" aus den etwa 18 000 Jahre alten Malereien in der Höhle von Lascaux, die zu den ältesten bekannten abbildenden Kunstwerken der Menschheitsgeschichte zählen. Das auf der aufgefalteten Folie einsehbare Motiv zeigt ausschnitthaft die grausame Szene der Zurschaustellung eines abgeschlagenen Kopfes. Gerade durch die in letzter Zeit von Terroristen im Internet verbreiteten Geiselvideos hat dieses uralte Motiv, das auch durch die Kunstgeschichte übermittelt ist - ein bekanntes Beispiel ist Caravaggios "David mit dem Haupt des Goliath" - neue Aktualität gewonnen. Die genaue Sequenz, die Price hier wiedergibt, geht auf ein Standbild aus einem typischen Internet-Video zurück, das von einer irakischen Jihad-Organisation für das Netz hergestellt wurde.

Mit der Auswahl und der einheitlich analogen Darstellungsform dieser Motive vereint und enthierarchisiert Price unter dem titelgebenden Skulptur-Begriff Bilder, die Menschen in weit voneinander entfernten Epochen und Kulturkreisen mit äußerst differenten medialen Mitteln und Strategien gestaltet haben und führt sie unter den Bedingungen des Internets als Allgemeingut ohne Quellennachweis und Copyright vor. In diesem Zusammenhang sei besonders darauf verwiesen, dass Price in seiner Arbeit ganz bewusst Bilder einsetzt, deren Originale von anonymen Autoren stammen. Zudem lassen sich sowohl das gejagte Pferd als auch der abgetrennte Kopf als Gewaltmotive interpretieren. Beide waren für eine öffentliche Zurschaustellung bestimmt und fallen in einen unklaren Zwischenbereich von Kunstfertigkeit, Kult und Propaganda. Ähnlich früheren Werken von Seth Price - wie die vakuumgeschäumten, fetischartigen Styroportafeln mit Abdrücken von Fäusten, Brüsten oder Kleidungsstücken, die verfremdeten Videofilme oder die vom Künstler gebrannten CDs und DVDs - wirkt diese Ausstellung wie eine Collage kultur- bzw. kunsthistorischer Referenzen, mit denen der Künstler versucht, sowohl an kritische Kunstpraktiken seit den sechziger Jahren als auch an aktuelle politische Diskurse anzuknüpfen. Mit dieser Inszenierung einer politisch engagierten und durch historische Verweise vielfach abgesicherten Kunstpraxis schaffte Price es, die Ausstellung in der Schwebe zwischen konkreten tagesaktuellen Bezügen und Verweisen auf anthropologisch aufgeladene Kulturgüter zu halten - die Antwort auf die Frage nach dem institutionellen wie politischen Einsatz dieser ästhetisch und inhaltlich abgeklärten Referenzmixtur rückte dabei allerdings ebenso in die Ferne wie die Betrachter räumlich auf Distanz gehalten wurden.

Seth Price, "Sculpture", Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 28. März bis 6. Mai 2006