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Vorwort

Das Thema "Romantik" ist derzeit allgegenwärtig. Der vorliegenden Ausgabe geht es indes nicht darum, eine allgemeine Klärung dessen vorzunehmen, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Vielmehr nimmt das Heft den Umstand, dass es in Kunst und Kunstkritik wie auch in einer Reihe kunstnaher Felder momentan verstärkt zu Debatten kommt, die auf romantische Motive rekurrieren, zum Anlass, die entsprechenden Fragestellungen in ihrem Verhältnis zu befragen. Dabei setzt unser Interesse vor allem bei den subjekttheoretischen und ästhetischen Implikationen der entsprechenden Diskussionszusammenhänge an: es geht um die Wiederkehr der romantischen Melancholie und ihre Theoretisierung in sozialpsychologischen Analysen; um das oftmals mythisch aufgeladene Bild des Künstlers als Inbegriff moderner Individualität; den im Zeichen des sogenannten "Romantic Conceptualism" diskutierten Status von Emotionen für Kunst und Kunsterfahrung; und schließlich um die jeweiligen romantischen Anleihen in den Schnittmengen von Avantgarde und Subkultur.

Der Melancholie kommt in der Frage nach dem Phänomen der Romantik insofern eine entscheidende Bedeutung zu, als sich in dieser Gemütslage - die in Medizin, Psychologie und Soziologie seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem unter dem Begriff der Depression verhandelt wird - die Insistenz des Individuellen gegenüber den Anforderungen des Sozialen zu manifestieren scheint. Angesichts des Status von Individualität im Kontext neoliberaler Flexibilisierungsforderungen gilt es aber, Melancholie auf ihren veränderten Stellenwert für den Begriff zeitgenössischer Subjektivität hin zu befragen (siehe den Beitrag von Alain Ehrenberg). Die mythischen Rollenbilder des Künstlers romantischer Prägung - der gesellschaftliche Außenseiter, der für seine Kunst womöglich mit dem Leben zahlt - sind als Teil dieses Diskurszusammenhangs zu verstehen. Lange Zeit wurde die Vorstellung vom Künstler als leidendem Genie von einer entsprechend autorzentrierten Kunstgeschichtsschreibung perpetuiert, und erfährt unter der ägide einer Rückkehr der Romantik derzeit eine Aktualisierung, die gleichermaßen vor dem Hintergrund der Anforderung postfordistischer Projektökonomien neuerlich zu befragen sind (siehe den Beitrag von Sven Lütticken).

Gerade im Kunstfeld lässt sich ein zunehmendes Interesse an Konzepten der Romantik festzustellen. Gleich mehrere Ausstellungsprojekte künden eine Auseinandersetzung mit der Romantik an; und auch Roger Buergel betont in seiner Funktion als Kurator der diesjährigen Documenta 12 sein "enges Verhältnis zur Frühromantik" (Tagesspiegel, 30.01.2007). In der Kunstkritik hat sich in diesem Zusammenhang eine Debatte um die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Neubewertung der Konzeptkunst jenseits einer vermeintlichen Frontstellung zwischen Emotion und Reflektion ergeben, die ungeachtet der Differenzen zwischen den einzelnen kunstkritischen und philosophischen Positionen erlaubt, den Status von Emotionen für die Produktion und Rezeption von Kunst selbst zu adressieren (siehe das Roundtable-Gespräch "Powered by Emotion?") - was zugleich auch die grundlegende Frage danach aufwirft, was unter Emotionen überhaupt zu verstehen ist (siehe den Beitrag Christiane Voss).

Ein anders gelagerter Zugang zur Romantik - gleichsam zu deren "schwarzen" Seite - lässt sich schließlich anhand von Subkulturen wie "Goth" und "Industrial" diskutieren, die im Rückbezug auf die historischen Avantgarden - oftmals auf die Programmatiken des Surrealismus - "anti-normale" Subjektpositionen und Erfahrungsmodelle zu artikulieren versuchten, und darin eine anhaltende Geltung im derzeitigen Romantik-"Revival" beanspruchen können (siehe die Beiträge von Dominic Eichler und Diedrich Diederichsen).

Somit versammelt diese Ausgabe von "Texte zur Kunst", die in Zusammenarbeit mit Christoph Gurk und Juliane Rebentisch entstanden ist, Beiträge, Stellungnahmen und eine ausführliche Diskussionsrunde, in denen die aktuelle Rückkehr des Romantischen aus der Warte von Kunstkritik und Kunstgeschichte, Philosophie, Soziologie und künstlerischer Produktion verhandelt wird. Durchgängiges Anliegen ist es dabei, falsche Frontstellungen zwischen Gefühl und Intellekt oder Sinnlichkeit und Konzept zu überwinden, um die kritische und reflexive Dimension des konfliktvollen Erbes der Romantik gegen ihre Entpolitisierung und Inanspruchnahme im Sinne eines verwertbaren Ausdrucks des Individuums zu verteidigen. Aren't we all Romantics?

ANDRÉ ROTTMANN / MIRJAM THOMANN