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Melanie Gilligan

Hedge-Fonds

Melanie Gilligan (2007)

In einem Interview mit der Zeitschrift Portfolio sagte Tom Wolfe kürzlich, wenn er heute „Fegefeuer der Eitelkeiten“ noch einmal schreiben müsste, so wären Hedge-Fonds-Manager seine neuen „Herren des Universums“. Dieser Titel beschreibt treffend nicht nur den prominenten kulturellen Einfluss, den Hedge-Fonds-Manager in ihrer neuen Rolle als mächtige Kunstsammler und Besitzer von Spitzenimmobilien ausüben (Gegenden in New York und Connecticut werden inzwischen Upper und Lower Hedgistan genannt), sondern, und dies ist beunruhigender, ihre wachsende Herrschaft über den globalen wirtschaftlichen Reichtum. Der jährliche persönliche Gewinn der höchstbezahlten Hedge-Fonds-Manager (die drei bestverdienenden kommen auf jeweils über 1 Milliarde Dollar im Jahr) übersteigt das gesamte Bruttosozialprodukt etwa von Bahrain, Jordanien, Äthiopien oder Jamaika. Eine Studie kam zu der Einschätzung, dass die von der Hedge-Fonds-Industrie (einer Gruppe von nur 9000 Unternehmen) verwalteten Anlagevermögen im Jahr 2006 insgesamt 1,9 Billionen Dollar betrugen und im Verlauf dieses Jahres um 24 % anwuchsen. Jede Woche zählen Wellen von Zeitungsartikeln in großer Zahl neue Weisen auf, wie Hedge-Fonds den Weltmarkt dominieren. Am Kapitalmarkt und am Schuldenmarkt übersteigen die Umsätze der Hedge-Fonds inzwischen weltweit die der Banken – Herren des Planeten sind sie in jedem Fall.

Hedge-Fonds sind unregulierte und auf Geheimhaltung bedachte Investmentgesellschaften, die nur große Institutionen und außerordentlich reiche Investoren aufnehmen. Sie sind Mittel zu einer nie dagewesenen Schaffung von Reichtum und verwenden eine große Bandbreite von Investitionsmethoden, darunter den Handel am konventionellen Markt, Fremdfinanzierung (also die Aufnahme von Fremdkapital in großen Mengen, um den Ertrag zu vergrößern), den Handel mit Derivaten wie Optionen und Futures und Leerverkäufe. Unablässig auf der Suche nach höheren Erträgen schließen Hedge-Fonds oftmals kurzfristige Wetten auf eine stets wachsende Reihe von Anlagearten ab, zu denen nicht nur Aktien, Anleihen, Güter und Devisen gehören, sondern auch Werte aller Art, von Portfolios aus verbrieften Verbindlichkeiten (Schulden, die in am Kapitalmarkt handelbare Finanz-instrumente umgewandelt wurden) bis hin zu Kunstwerken. Hedge-Fonds haben ihren Namen von einer oft verwendeten Technik, dem Leerverkauf, einer Methode, sich abzusichern („hedge“), indem man aus Kursverlusten Gewinn schlägt: Der Fonds leiht sich Aktien oder andere Finanzinstrumente, verkauft sie, kauft sie dann zurück, sobald ihr Preis gefallen ist, und profitiert so von der Differenz. Neben reiner Spekulation kaufen viele Fonds Aktien an Gesellschaften auf und versuchen dann, den Aktienkurs zu erhöhen, indem sie diese Gesellschaften dazu nötigen, ihre Geschäftsstrategie zu ändern – das kann Ausgabenreduktion bedeuten, Lohnkürzungen und Verringerung des Personalbestands –, die Führungsspitze oder die Kapitalstruktur zu wechseln oder gar Verkäufe zu erzwingen.

Da Hedge-Fonds weitgehend unreguliert sind, ist es unmöglich zu erfahren, wie sie ihre Gewinne erwirtschaften. Fonds nehmen oft zusätzlich zu den ursprünglichen Investitionen ihrer Mitglieder Fremdkapital auf, was Fonds mit großem Anlagevermögen und erheblichen Gewinnen in die Lage versetzt, Geld in enormen Mengen einzufahren. Wie allerdings in jüngerer Zeit Finanzkrisen, die durch Verluste in hochgradig fremdfinanzierter Spekulation ausgelöst wurden, wie Enron oder der Bankrott des Hedge-Fonds Long Term Capital Management im Jahr 1998, gezeigt haben, kann das Glücksspiel mit gigantischen Summen erborgten Kapitals unter Umständen außerordentlich destabilisierende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Darüber hinaus sind Hedge-Fonds beispiellose Werkzeuge, Geld aus anderen wirtschaftlichen Gebieten abzusaugen und in die Taschen einiger weniger Privilegierter zu stecken. Sie üben enormen Druck auf einzelne Gesellschaften und den Markt insgesamt aus, wirtschaftlich effizienter zu werden – eine Geschäftspraxis, die unvermeidlich Beschäftigte in den niedrigeren Gehaltsgruppen am härtesten trifft. Daher sind sie emblematisch für die sich heute stetig öffnende Schere zwischen Arm und Reich.

Es gibt, grob gesagt, zwei Typen von reichen Hedge-Fonds-Managern: „Quantis“, die ihre Profite durch Konzentration auf mathematische Modelle erzielen, und „Aktivisten“, die Firmen unter Druck setzen, ihre Struktur in bestimmter Hinsicht zu ändern, oftmals zum langfristigen Nachteil dieser Unternehmen, um die Dividenden und kurzfristig den Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Der derzeitige und durch Hedge-Fonds angestoßene Machtkampf um die Zukunft der ABN-Amro-Bank ist ein Beispiel für aktivistische Praktiken. Der Super-Quanti und Spitzen-Verdiener unter den Hedge-Fonds-Managern, James Simmons, Chef der Renaissance Technologies Corporation, ignoriert die High-Society-Szene in New York und zieht es vor, akademische Konferenzen über Geometrie zu veranstalten. Dagegen ist Daniel Loeb, der berüchtigt aggressive Aktivist und Gründer von Third Point LLC, für seine vernichtende Kritik an Firmengeschäftsführern in offenen Briefen ebenso berühmt wie für sein hervorragendes Gespür als Kunstsammler (er verkaufte kürzlich einen Kippenberger mit 500 % Gewinn).

Dies bringt uns zu dem Grund dafür, Hedge-Fonds in dieses Glossar zur Begrifflichkeit der Kunstwelt aufzunehmen: In den letzten Jahren sind aus Hedge-Fonds-Managern aufsehenerregende Sammler geworden, die Kunst als eine neue Art von Wertanlage behandeln. Während im Verlauf dieses Jahrzehnts das Vermögen von Hedge-Fonds exponentiell gewachsen ist, hat die Vorliebe ihrer Manager für „Meister“ der Nachkriegszeit und der Kunst der Gegenwart dazu beigetragen, den globalen Kunstmarkt auf Höhen zu treiben, die allenfalls mit dem Rausch der achtziger Jahre vergleichbar sind. Die Preise für Künstler, die von Hedge-Fonds-Managern geschätzt werden, sind raketenartig gestiegen; so hat die Bewunderung der Fonds-Manager den Wert von Richard Princes Werk in den letzten drei Jahren sich verfünffachen lassen. Käufe in jüngster Zeit wie der eines Gemäldes von Willem de Kooning durch Steve Cohen, den Gründer von SAC Capital, im vergangenen Jahr für 137,5 Millionen Dollar oder die 80 Millionen Dollar, die Ken Griffin, der Gründer von Citadel, für Jasper Johns’ „False Start“ bezahlte, setzen neue Standards für den Wert von Kunstwerken. Amy Cappellazzo von Christie’s sagte, dass Griffins Kauf von „False Start“, der den bisherigen Rekordpreis für eine Arbeit von Johns bei einer Auktion beinahe um das Fünffache übertraf, etwas von einer „Generalerlaubnis“ hatte. Mit anderen Worten, große Summen zu bezahlen erteilt anderen Sammlern die Erlaubnis, die Preise weiter in die Höhe zu treiben. Neben großen Einzelkäufen auf Auktionen steht die Hedge-Fonds-Industrie auch hinter einem erheblichen Teil der Ankäufe weniger bekannter zeitgenössischer Kunst. Zusätzlich zu den Investitionen, die Fonds-Manager und Mega-Sammler wie Cohen, der persönlich mehr als 600 Millionen Dollar für Kunstwerke ausgegeben hat, in Kunst stecken, sind auch Hedge-Fonds entstanden, die gezielt im Kunsthandel aktiv sind, wenngleich mit bisher, wie es scheint, nur begrenztem Erfolg.

Abgesehen von der offensichtlich zunehmenden wirtschaftlichen Symbiose zwischen Kunstmarkt und Finanzkapital kann die Art und Weise, wie die „Herren des Universums“ eine so prominente Rolle in der Kunstwelt eingenommen haben, nicht lediglich als die Erscheinung verbucht werden, dass reiche Investoren einen neuen Markt zum Spielen gefunden haben. Laut manchen Kennern der Kunstwelt besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen den geschmacklichen Eigenheiten, die Hedge-Fonds-Manager als Kunstkäufer zeigen, und dem Geschäft, in dem sie tätig sind. Die Vorliebe des Hedge-Fonds-Managers für zeitgenössische Kunst statt etwa Rembrandt oder Manet ist Ausdruck seines risikofreundlichen Geschmacks und seiner unablässigen Jagd nach dem profitablen Wissensvorsprung, beides Eigenschaften, die nützlich nicht nur für das Spiel am Kunstmarkt, sondern auch für den Kunsthändler, ja in manchen Fällen für den produzierenden Künstler sind. Insofern erstreckt sich das Auftreten des Hedge-Fonds-Managers auf der Bühne der Kunstwelt über die Vorlieben einiger weniger reicher Individuen hinaus und zeigt vielmehr die allgemeine Anziehungskraft einer Sphäre an, der sie sich eigenartig verwandt fühlen. In ihrer Arbeit profitieren diese Titanen der globalen Wirtschaftsmärkte vom Risiko, was die Fähigkeit erfordert, alles, sogar Verluste, in Gewinn zu verwandeln und subtile Differenzen innerhalb der Verhältnisse in einem System auszunutzen, in dem Positionen kurzlebig sind und laufend neue Strategien eingeführt werden, um die Rentabilität zu erhalten. Vielleicht fühlen sie sich zu den Praktiken der Kunst und Kunstwelt der Gegenwart hingezogen, weil sie einige der Prinzipien und Handlungsmodi in der heutigen Variante ästhetischen Avantgardismus wiedererkennen. Wie kann man die Auswirkungen ermessen, die solche Trends auf die Kunstproduktion der Gegenwart haben? Während es leicht ist, auf die vielen Zeichen von Frivolität und Ausschweifung im boomenden Kunstmarkt zu deuten oder zu vermuten, dass die Geschmäcker der Hedge-Fonds-Magnaten einen Einfluss darauf haben, welche Kunst gemacht und verkauft wird, wird man womöglich darauf warten müssen, dass der derzeit fieberhafte Betrieb etwas zur Ruhe kommt – einmal angenommen, dass das in näherer Zukunft möglich ist –, bevor man einen besseren Einblick in die tiefergehenden Auswirkungen dieser Veränderungen gewinnen wird.

(Übersetzung: Gerrit Jackson)