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Vorwort

Die vorliegende Ausgabe von Texte zur Kunst widmet sich den historischen wie aktuellen Verbindungslinien zwischen Psychoanalyse, Kunst und Politik. Entgegen aller Beschwörungen von Gemeinschaft oder eines nahezu „familiären“ Zusammenhalts ist das Kunstfeld – wie alle anderen sozialen Gefüge auch – bekanntermaßen auch geprägt von Konkurrenz im Kampf um ökonomisches und symbolisches Kapital. Anekdoten über Kämpfe um Dominanz und Anerkennung in Gruppenzusammenhängen oder antagonistische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen künstlerischen Formationen sind nicht erst seit den Tagen der historischen Avantgarde Legion. Dass dabei jenseits des allgemeinen Ideals eines sachlichen Austausches von Argumenten oder von Debatten um Kriterien hinaus psychologische Motivationen – oder sogar persönliche Animositäten – mitunter einen starken Anteil haben, ja manchenfalls sogar zum Movens und Gegenstand künstlerischer Arbeiten avancieren können, muss nicht eigens betont werden. Diesbezüglich kann von spezifischen Formen „psychopolitischer“ Argumentation gesprochen werden, wie sie politische Diskurse über das gesamte Spektrum von rechts nach links in Form eindimensionaler Zuschreibungen von Gefühlen wie Neid, Gier, Hass oder auch Liebe und Solidarität an einzelne soziale Gruppen betreffen.

Zwei Thesen liegen den in diesem Heft versammelten Beiträgen zur aktuellen und anhaltenden Relevanz der Psychoanalyse zu Grunde. Erstens: Theorie und Praxis der einst von Sigmund Freud begründeten „Redekur“ stellen nach wie vor ein methodologisches Instrumentarium zur Verfügung, um diese Beziehungen in ihren Dynamiken innerhalb sozialer Felder beschreiben zu können. Zweitens: Das theoretische Modell, das hierbei als Ausgangspunkt dienen muss, beruht in Abkehr von den triadischen und triebtheoretischen Strukturen („Ödipus“) der klassischen Psychoanalyse auf kleinianischen, objektbeziehungstheoretischen Ansätzen, die es überhaupt erst erlauben, den Zusammenhang zwischen individuellen psychischen Dispositionen und gesellschaftlichen Kontexten mitsamt deren Konflikten und Regulationsmechanismen in den Blick zu nehmen.

Ein produktives theoretisches Modell, das in dieser Ausgabe zur Diskussion gestellt und in seinem kritischen Potenzial erörtert wird, stellen die Arbeiten von Wolfgang Trauth zu „psychischen Organisationsprinzipien“ dar. In der Sicht des Münchener Psychoanalytikers sind Affekte stets „bipolar“ organisiert: D. h. während der eine Teil vom Ich als sich selbst zugehörig empfunden wird, wird der andere – in der Terminologie Trauths – „gegenpolige“ Part verdrängt und auf andere projiziert bzw. an diese delegiert. Dieser konsequent beziehungstheoretische Ansatz fragt mithin nach der Vielfalt von solchen um Affektproduktion und -rezeption kreisenden psychosozialen Inszenierungsformen, so dass hierbei gegensätzliche Gefühlslagen wie Autonomie und Abhängigkeit, Stärke und Schwäche, Kontrolle und Unterwerfung oder auch Mangel und Fülle im Sinne konkreter Fallstudien aus einem allgemeinen Theorierahmen heraus rekonstruiert werden können (siehe das Interview mit Wolfgang Trauth von Helmut Draxler). Dieser Ansatz scheint auch besonders geeignet, auf die besonderen Wechselverhältnisse zwischen Psychologie, Politik und Ästhetik angewendet zu werden. Statt Affekte zu essenzialisieren – ein Vorgehen, dem, wie Marie-Luise Angerer in ihrer kürzlich erschienenen Studie „Vom Begehren nach dem Affekt“ ausgeführt hat, eine entscheidende Bedeutung in biopolitischen Machtkalkülen zukommt – , muss es darum gehen, sie in ihrem „regulativen“ Zusammenhang zu sehen, um damit einerseits überhaupt erst einen „Raum für Politik“ (Étienne Balibar) zu schaffen und andererseits die Geschichte der Ästhetik als Schauplatz der Mobilisierung und Repression psychologischer Kategorien zu begreifen. In historischer Perspektive ist die Ästhetik als Theorie der Wahrnehmung und Beurteilung von Kunst selbst von Momenten des Psychologischen geprägt: Das sentimentale Genießen und die reflexive Kunsterfahrung stellen jedoch keine absoluten Gegensätze, sondern vielfach aufeinander beziehbare Ausgangspunkte ästhetischer Erfahrung dar (siehe den Beitrag von Helmut Draxler). Aus Sicht der feministischen Kunstgeschichte ist es gerade die vermeintliche Trennung von Politik und Subjektivität, die in den Praktiken von Künstlerinnen herausgefordert wird, und deren ästhetische Praktiken erst vor dem Hintergrund psychoanalytischer Theoriebildung adäquat zu fassen sind (siehe den Beitrag von Mignon Nixon).

Wie in der psychoanalytisch inspirierten Filmtheorie und den daraus resultierenden Studien zur Theorie kinematografischer Zuschaueradressierung im Anschluss an die Apparatus-Theorie der siebziger Jahre geschehen (siehe den Beitrag von Hermann Kappelhoff), können auch die institu-tio-nellen und diskursiven Strukturen des ästhetischen Feldes auf ihre psychosozialen Dynamiken hin befragt werden. Vor diesem Hintergrund unternimmt Andrea Fraser in ihrem in dieser Ausgabe veröffentlichten grundlegenden Essay den Versuch, die von Pierre Bourdieu entwickelte Theorie und Praxis der reflexiven (Kultur-)Soziologie auf ihre psychoanalytischen Implikationen hin zu untersuchen und leistet darin einen bedeutsamen Beitrag zur theoretischen Fundierung eines erweiterten Verständnisses von Institutionskritik, der nicht nur die ökonomischen Parameter von Museen und Markt in den Blick zu nimmt, sondern auch die psychischen Effekte und Affekte der handelnden, um Legitimität und Kapital kämpfenden Agent/innen des Feldes der Kunst und ihrer Institutionen diskutiert. In diesem Sinne sind schließlich auch die „Psycho-Taktiken“ von Künstler/innen zu erforschen, wie sie sich insbesondere seit den siebziger Jahren innerhalb der sich ausdifferenzierenden Kunstwelten als Dominanz- und Durchsetzungsstrategien einerseits, andererseits aber als Taktiken der Selbstbehauptung und Praktiken der Infiltration und Brechung des sozialen Raums etabliert haben (siehe die Beiträge von Michael Dreyer und Gregg Bordowitz).

HELMUT DRAXLER / STEFANIE KLEEFELD / ANDRÉ ROTTMANN