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Body and Soul Astrid Wege über Maria Lassnig im Museum Ludwig, Köln

Maria Lassnig „Im Möglichkeitsspiegel“, Museum Ludwig, Köln, 2009, Ausstellungsansicht Maria Lassnig „Im Möglichkeitsspiegel“, Museum Ludwig, Köln, 2009, Ausstellungsansicht

Maria Lassnig gilt als Grande Dame des Kunstbetriebs. Dies war jedoch nicht immer so fanden ihre Arbeiten, die ebenso biografisch motiviert wie psychoanalytisch, kunsttheoretisch und feministisch geschult sind, doch bis weit in die 90er Jahre hinein kaum Beachtung.

Mit dem MUMOK in Wien und dem Museum Ludwig in Köln widmeten ihr nun gleich zwei bedeutende Institutionen im Jahr ihres 90. Geburtstags große Überblicksschauen, die einen Einblick in das Werk der Künstlerin boten. Das dieses jedoch nicht nur Zeichnungen und Malereien umfasst, in denen der menschliche Körper und seine Empfindungen immer wieder leitmotivisch aufscheinen, dürfte für einige der Besucher mehr als eine Überraschung gewesen sein.

„Ich habe nichts dagegen, ein Geheimtip zu bleiben“ [1], äußerte Maria Lassnig 1992 – eine Aussage, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Tagebücher im Jahr 2000 bereits überholt war und doch ein Schlaglicht wirft auf ihre späte Anerkennung durch den Kunstbetrieb und ihre eigene souveräne Distanz zu ihm. Denn ihre Behauptung, ein Geheimtipp zu sein, impliziert die selbstbewusste Einschätzung, dass ihre Arbeit einflussreich ist, gleichwohl größere Aufmerksamkeit verdient – in ihrem Film „Kantate“, einer Art animierter Biografie ebenfalls aus dem Jahr 1992, führt sie sich im retrospektiven Blick auf ihr Studium an der Wiener Akademie ironisch- unbescheiden als „neuer Dürer“ ein. Mit ihrem Verweis spielt sie den Ball zurück in jenes Feld, das ihr „viel zu spät“, wie Kasper König im Vorwort zur aktuellen Ausstellung Maria Lassnigs im Museum Ludwig bestätigt [2], diese Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. 2009, im Jahr ihres 90. Geburtstags, bieten gleich zwei Museumsausstellungen in Wien und Köln Gelegenheit, sich Lassnigs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven zu nähern. Während das Wiener MUMOK der Künstlerin eine Einzelausstellung widmet, die vor allem ihr Spätwerk, „Das neunte Jahrzehnt“, in den Blick nimmt, bietet das Kölner Museum Ludwig einen Querschnitt ihres Werks im Medium der Zeichnung, jenem Medium, das Lassnig zufolge „dem Augenblick“ ebenso wie der „Idee am nächsten“ ist. [3] Anders als Malerei erlaubt die Zeichnung eine unmittelbarere Transformation von Wahrnehmung in künstlerische Formgebung – und ist dadurch für Lassnigs rigorose Selbstbeobachtung, Analyse und Darstellung von körperlichen Sensationen und Bewusstseinsbildern prädestiniert.

„Im Möglichkeitsspiegel“, so der Titel der von Julia Friedrich kuratierten Kölner Ausstellung, setzt bei den Zeichnungen der späten 1940er Jahre ein und verfolgt Lassnigs zeichnerisches Werk von den sogenannten Körpergefühlszeichnungen über die Trickfilme aus ihrer New Yorker Zeit (1968–77 und 1979) und die Werkgruppen der 1980er und 1990er Jahre chronologisch bis in die Gegenwart. Den Auftakt macht eine kleine Zeichnung aus dem Jahr 1947, „Selbstportrait Body awareness“, die stilistisch noch ganz der Tradition des Kubismus verhaftet ist und die Unverblümtheit und Nonchalance späterer Arbeiten vermissen lässt. Doch führt sie mittels des Titels den zentralen Begriff in Lassnigs Werk ein, das für seine intensive, schonungslose Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen Körper bekannt ist. „Ich trete“, schildert Lassnig den künstlerischen Prozess, „gleichsam nackt vor die Leinwand, ohne Absicht, ohne Planung, ohne Modell, ohne Fotografie, und lasse entstehen. Doch habe ich einen Ausgangspunkt, der aus der Erkenntnis entstand, dass das einzig wirklich Reale meine Gefühle sind, die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen: physio-logischer Natur, Druckgefühl beim Sitzen und Liegen, Spannungs- und räumliche Ausdehnungsgefühle – ziemlich schwierig darstellbare Dinge“ [4], zumal diese sich unablässig verändern. „Wenn der Körper der Ort ist, an dem Subjekt und Objekt sich überdecken“, schreibt Lassnig an anderer Stelle, „so ist ja doch der Ort der Erkenntnis das Subjekt.“ [5]

Lassnig lässt keinen Zweifel daran, dass diese Erkenntnis prekär sein kann und einer ständigen Verhandlung unterworfen ist, und sie tut dies mit bemerkenswerter Distanz und Ironie sich selbst und ihrem künstlerischen und sozialen Umfeld gegenüber. So lassen sich Zeichnungen wie „Informelles Knödelselbstportrait“ (1950/51), „Expressif“ (1951) oder „Phallusselbstportrait“ (1958) als Anspielung auf die damals vorherrschende Richtung des Informel und dessen Pathos von Gestik und Expression lesen; porträtiert sich Lassnig als „kommunizierendes Gefäß“ oder als „Playboystuhl“ (beide 1969); führt in Zeichnungen wie „Picnic in the Mountains“ und „Männer als Köche“ (beide 1976) ein erzählerisch-groteskes Moment ein und kommentiert in einem ihrer Vorstellungs- bzw. Bewusstseinsbilder u.a. die Körperhaltung Oswald Wieners. Dieser verweist in einem im Katalog zur aktuellen Ausstellung wieder abgedruckten Text von 1982 über die Entstehung eines Bewusstseinsbildes Lassnigs darauf, dass jede Gedankenbewegung im wachen Bewusstsein in der Regel von „quasi-optischen (quasi akustischen etc.) Empfindungen begleitet ist“ [6]. Lassnig sucht diese Empfindungen in ihrer Serie der Bewusstseinsbilder (1978–1980) festzuhalten, wobei ihre auf dem Zeichenblatt vermerkten Kommentare wiederholt die Frage nach der Grenze zwischen gewusst und gesehen aufwerfen, nach dem unwillkürlichen Aufscheinen dieser Bilder vor dem inneren Auge und der Schwierigkeit, sie zu bemerken und in ihrer Flüchtigkeit unmittelbar festzuhalten.

Die Konzentration der Ausstellung auf das Medium der Zeichnung einschließlich ihrer Erweiterung als bewegtes Bild in den Trickfilmen erweist sich nicht nur im Einzelfall, sondern auch in der Gesamtschau als überzeugend, erlaubt sie einen fokussierten, persönlichen und doch umfassenden Einblick in die eigenwilligen Formfindungen einer über die Jahrzehnte geschärften Wahrnehmung. Die Gegenüberstellung von einzelnen Zeichnungen und Trickfilmen lässt die Qualität der pointierten Zuspitzung einer flüchtigen Empfindung in einem Bild und der spielerischen Experimentierfreude in der Abfolge bewegter Bilder deutlich werden, die das Moment des Ephemeren, Wandelbaren buchstäblich umsetzen. Ein Leitmotiv ihres filmischen Werks ist die (Un-)Möglichkeit menschlicher Interaktion. So tanzen in „Chairs“ (1971) wie menschliche Charaktere anmutende und sich unablässig verwandelnde Stühle umeinander herum, während Lassnig in „Couples“ (1972) und „Palmistry“ (1973) u.a. Drama und Komik zwischengeschlechtlicher Beziehungen leichtfüßig in comicartige Sequenzen packt, etwa wenn in „Couples“ eine weibliche Figur nach dem Geschlechtsakt fragt, ob das alles gewesen sei, oder in „Palmistry“ (1973) eine üppig gezeichnete Frauenfigur beim unentwegten Essen zu beobachten ist, während im Hintergrund ein Lied über die Sinnlosigkeit, den Männern gefallen zu wollen, spielt. Auch wenn in Lassnigs Filmen unschwer teils auch persönliche und biografische Referenzen zu erkennen sind, wahrt sie wie in ihren Zeichnungen und Bildern (selbst-)ironische Distanz – eine Distanz, die auch „Kantate“ (1992), ihre gesungene Biografie, charakterisiert. In unterschiedlichen Rollen schildert sie da, zum Zeitpunkt des Films 73 Jahre alt, die verschiedenen Stationen ihres Lebens und Werdegangs als Künstlerin. „Es ist die Kunst, ja, ja, die macht mich immer jünger, sie macht den Geist erst hungrig und dann satt“, lautet der Refrain. Tatsächlich ist man nach dem Besuch der Ausstellung zugleich satt und hungrig auf mehr.

Maria Lassnig, „Im Möglichkeitsspiegel. Aquarelle und Zeichnungen von 1947 bis heute“, Museum Ludwig, Köln, 14. März bis 14. Juni 2009.

Anmerkungen

[1]Maria Lassnig, Die Feder ist die Schwester des Pinsels. Tagebücher 1943–1997, hg. von Hans-Ulrich Obrist, Köln 2000, S. 132.
[2]Maria Lassnig. Im Möglichkeitsspiegel. Aquarelle und Zeichnungen von 1947 bis heute, hg. von Julia Friedrich, Ostfildern 2009, S.7.
[3]Ebd., S.18.
[4]Lassnig, Die Feder ist die Schwester des Pinsels, a.a.O., S.74.
[5]Ebd., S. 131.
[6]Lassnig, Im Möglichkeitsspiegel, a.a.O., S. 45.