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Manuela Ammer

Ges(ch)ichtsträger Manuela Ammer über Anna Artaker in der Secession, Wien

"Anna Artaker", Secession, Wien, 2010, Ausstellungsansicht "Anna Artaker", Secession, Wien, 2010, Ausstellungsansicht

Auf dem Weg zu Anna Artakers Ausstellung in der Wiener Secession empfängt den Besucher am ersten Treppenabsatz der Wandaufdruck „GES CH ICHT E “. Mit diesem Wortspiel aus „Geschichte“ und „Gesicht“ im Hinterkopf betritt man das Grafische Kabinett, in dem auf zwei langen, parallel zur Fensterfront aufgestellten Tischen insgesamt 20 weiße Schaukästen mit Glasabdeckung aufgereiht sind. Jeder Schaukasten enthält zwei leicht voneinander abweichende, schräg gestellte Nahaufnahmen eines Gesichtsabdrucks, die durch wiederum zwei mittig aufgestellte Spiegel voneinander getrennt sind. Betrachtet man die Kästen in aufrechter Körperhaltung, lässt sich die beschriebene Innenkonstruktion ausmachen. Neigt man sich hingegen über die gläserne Abdeckung – Stirnmitte auf Spiegelkante –, so ergibt sich die Illusion eines dreidimensionalen, am Kastenboden liegenden Gesichtsabdrucks. Die Abdrücke selbst zeigen vorwiegend Gesichter von Männern mit entspannten Zügen, geschlossenen Augen und teils leicht geöffnetem Mund. Einige sind aus Bronze, die meisten aus Gips und zudem in Braun- oder Ockertönen bemalt. Hier und da sind Sprünge, abgeblätterte Stellen oder Verunreinigungen zu sehen; einige Abdrücke tragen zudem Spuren ihres Herstellungsverfahrens. Keines der Gesichter, die erst im Auge des Einzelbetrachters plastische Gestalt annehmen, ist mit einem Namen versehen. Einzig Patina und Barttracht attestieren ihnen eine gewisse Unzeitgemäßheit.

Der Katalog gibt darüber Auskunft, dass diese Galerie der anonymen Gesichter für einen bestimmten historischen, geografischen und politischen Kontext tatsächlich große Bedeutung hat. So ist Artakers jüngste Präsentation der letzte Teil einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit den Totenmasken des armenisch-sowjetischen Bildhauers Sergej Merkurow (1881–1952). Merkurow, der nach der Oktoberrevolution zu einem „Staatskünstler“ der jungen Sowjetunion wurde, nahm zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten Totenmasken ab, darunter Wladimir Majakowski, Sergej Eisenstein, Lew Tolstoi und Maxim Gorki, aber auch Parteifunktionäre wie Felix Dserschinski, Leiter der gefürchteten Geheimpolizei Tscheka, oder Andrej Schdanow, verantwortlich für die repressive Kulturpolitik unter Stalin. Eine Auswahl der Masken, die zu einem Teil der offiziellen Geschichtsschreibung der Sowjetunion wurden, ist im Merkurow-Museum im Geburtshaus des Bildhauers in Gyumri/Armenien versammelt, wo Artaker sie filmte bzw. fotografierte. Diese Dokumentation bildete zunächst die Grundlage für zwei Filme und eine Fotoserie, die gleichsam die Vorgeschichte zum aktuellen Secessionsprojekt darstellen. [1] Für die jüngste Inszenierung in den Schaukästen fotografierte die Künstlerin die Totenmasken im Stereoverfahren und verstärkt so die bereits in den Vorgängerarbeiten hergestellte Analogie zwischen Abdruck und Fotografie: Nicht nur dienen beide Techniken demselben Zweck – Konservierung und Reproduktion –, sie unterhalten durch das indexikalische Verhältnis zwischen Zeichen und Referent auch ein privilegiertes Verhältnis zur Realität. Die stereoskopische Aufnahme schließlich, die mit den Mitteln der Fotografie einen räumlichen Seheindruck herstellt, illusioniert eine wesentliche Eigenschaft des Abdrucks, was die Verwandtschaft der beiden Verfahren buchstäblich „plastisch“ macht.

Die Illusion der Dreidimensionalität steigert die auratische Präsenz der Masken, verweist jedoch auch auf ihren prekären Status als Geschichtsträger. [2] Stellen die Totenmasken als Objekte religiös-kultischen Ursprungs im Kontext nationalistischer Historiografie doch bereits für sich einen Anachronismus dar, der die Widersprüchlichkeit der Sowjetunion als gescheitertes Projekt der Moderne versinnbildlicht. [3] Indem Artaker diese Geschichtsträger nicht nur als mediale Konstrukte ausstellt, sondern sie zudem ihrer Identität entkleidet, sie gleichsam zu bloßen „Gesichtsträgern“ macht, rührt sie an die Mechanismen, die ihre historisch repräsentative Funktion im Eigentlichen erst begründet. Das horizontale und serielle Display sowie das Naheverhältnis, das die Geste des Vornüberbeugens herstellt, forcieren einen differenzierenden statt vereinheitlichenden Blick und werfen den Betrachter auf die Frage zurück, was das menschliche Gesicht eigentlich zum Ausdruck bringen kann, wenn die Mechanismen von Wiedererkennung und Identifizierung außer Kraft gesetzt sind. In diesem Sinne bieten sich die Masken weniger als transparente und realitätsbezeugende „Dokumente“ denn als „Monumente“ dar, so wie Foucault dies in der „Archäologie des Wissens“ skizziert – als Diskursgegenstände, die auf ihre Formationsregeln und Funktionalität hin zu untersuchen sind. [4]

Der Prozess, wie Geschichte Subjekte konstruiert bzw. Subjekte Geschichte(n) konstruieren und welche Funktion Bilder und reproduktive Verfahren in diesem Zusammenhang erfüllen, ist eines der zentralen Themen in Artakers Werk. In den stereoskopischen Fotografien der Totenmasken Merkurows manifestiert sich dies auf eine Weise, die den Betrachter nicht nur intellektuell, sondern auch unmittelbar phänomenologisch in die Verantwortung nimmt, das hermeneutische Verhältnis des Menschen zu seiner Vergangenheit zu befragen. Nicht zufällig, so scheint es, enthält der Begriff „Geschichte“ nicht nur das Wort „Gesicht“, sondern auch die Termini „Geste“ und „Schicht“.

„Anna Artaker“, Secession Wien, 30. April bis 20. Juni 2010.

Anmerkungen

[1]Sowohl die beiden Filme (2008, 2009) als auch die Fotoserie (2009) tragen den Titel „48 KÖPFE AUS DEM MERKUROV MUSEUM“ und nehmen auf Kurt Krens Film „48 Köpfe aus dem Szondi-Test“ (1960) Bezug.
[2]Zu der Frage, welche Bedeutung der Begriff der „Aura“, den Walter Benjamin in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936) diskutiert, für ihre Auseinandersetzung mit den Totenmasken Merkurows hat, äußert sich Anna Artaker ausführlich in einem Interview, das demnächst auf www.popkontext.de erscheinen wird.
[3]Dieser Aspekt kam insbesondere bei der Präsentation der zweiten Filmfassung von „48 KÖPFE AUS DEM MERKUROV MUSEUM“ (2009, 16 mm, s/w, stumm, 8 min) im Rahmen der von Sabine Breitwieser kuratierten Ausstellung „Modernologies“ am MACBA in Barcelona zum Tragen.
[4]Vgl. Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1973, S. 198.