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Vorwort

"Überwindung" war das Stichwort, das die vorliegende Ausgabe auf der Rückseite der letzten angekündigt hat. Für jeden leicht erkennbar, eine pathetische Verlegenheitslösung. Aber uns wollte kein schönes, griffiges Themenheft-Thema einfallen. Gründe, sich für ein Motto zwischen Unverbindlichkeit und Aufgewühltheit zu entscheiden, gibt es verschiedene. Sicher war es nicht Heideggers Begriff der "Verwindung", der hier Pate stand. Den entdeckten wir erst später. Vielmehr ist es so, daß redaktionsintern die wechselseitigen Forderungen nach Selbstüberwindung nicht abreißen. Einige inhaltlich-redaktionelle Zwischenergebnisse dieses gesteigerten Reformierungswillens finden sich bereits in dieser Ausgabe (Gesprächsrunden, Buchkolumne, Themenblock); in der nächsten wird es dann auch zu erheblichen graphischen Erneuerungen kommen.

Mit "Überwindung" wird eine Form der Radikalisierung umschrieben, die nicht vor einem selbst halt macht. Diffus, wie es ist, widersetzt sich dieses Programm jeder schnellen Programmierung. Andererseits wird durch "Überwindung" ein ursächlicher Handlungsbedarf signalisiert. Aus dem diffusen Programm kann ein Sofortprogramm werden. Das Geschehen auf deutschen Straßen und SPD-Parteitagen, auf "FAZ"-Titelseiten und Paragraph-16-Demos schafft Druck. Doch nicht als Animationsprogramm, in dem Sinne, daß das Unwillkommene zum willkommenen Anlaß für Aktivität wird. Auch hier gilt es, sich selbst zu überwinden: um nicht ein vorherrschendes falsches "Problembewußtsein" zu übernehmen und sich die Themen als gegebene diktieren zu lassen. Die Ambivalenz des "Überwindungs"-Begriffs bildet deshalb die Ambivalenz der gesamten derzeitigen Situation für diese Zeitschrift ab: Man muß die äußeren Stimuli und Informationen auffangen, aber verhindern, daß man eine bloß genießerische Theoriebeziehung zu ihnen aufbaut.

Um das eigene Verhalten im Kontext der Ereignisse genauer zu überprüfen und auch für dritte überprüfbar zu halten, empfiehlt sich eine verstärkte Beschäftigung mit Konzepten von Radikalität und Ambivalenz als Rahmenbedingungen von Überwindungsleistungen. An verschiedenen Stellen in diesem Heft ergeben sich Ansatzpunkte: Benjamin Buchloh erkennt in Gerhard Richters Ambivalenz von Ironie und Affirmation ein Resistenzpotential. Mehrdeutigkeit und Unentschiedenheit schützen Malerei vor dem Spektakel. Am Ende von Kobena Mercers Text über Robert Mapplethorpe wird aus der Beobachtung einer ausgeprägten Ambivalenz in der Rezeption der Aktphotographien eine methodologische Konsequenz abgeleitet: Rasse, Es reiche Klasse nicht und Geschlecht mehr aus, die typologisch verschiedenen voneinander Kontexte abzugrenzen und anwendbar zu halten. Wenn jeder nur noch beschriftete Kennmarken über Probleme klebt, kommt man besseren Analysen und fallbezogenen Lösungen nicht näher. Mercer pocht auf höhere Grade von Differenzierung. Sein hier übersetzter Text wendet dieses Postulat auf ihn selbst an. Er revidiert eine eigene frühere Interpretation von Mapplethorpes Werk. Leerräume, die zwischen den Paradigmen und kritischen Kategorien klaffen, werden durch präzisere Beschreibungen aufgefüllt. Mercer unterbricht die beruhigenden Differenz-Diskurse und verstärkt damit für seine eigene Arbeit zugleich deren Wirksamkeit.

Ein verwandtes Radikalisierungsmodell läßt sich im dreiteiligen Block zu Gilles Deleuze und Félix Guattari beobachten. Die Überwindung von vorgegebenen Einheiten und Größen geschieht hier allerdings nicht zur Optimierung eines analytischen oder historiographischen Instrumentariums. Deleuze/ Guattari zeichnen schreibenderweise Gesten eines praktischen Kampfes um Differenz nach. Sie stehen in keinem institutionalisierten argumentativen Zusammenhang, arbeiten mit marxistischen, psychoanalytischen, systemtheoretischen Debatten, indem sie diese Materialien ihres Denkens auf radikale Weise zerlegen und beschleunigen. Inwieweit sich aus ihrer eigensinnigen Anthropologie eine politische Theorie herauslesen läßt und welche Auswirkungen ihr Import seit den siebziger Jahren für die Praxis von Subkultur gehabt hat, sind Fragen, die das Interview über Kunst und Ästhetik mit Guattari flankieren.

In diesem Zusammenhang kommt die Rede auch auf Subkultur, ihre historischen Protagonisten. Der Beitrag von Mike Kelley versucht sich, anläßlich der Erläuterungen zur seltsam abwesenden Rezeption des Werks von Paul Thek, ebenfalls an einer alternativen Geschichtsschreibung der Gegenkulturen der sechziger Jahre. Deleuze/Guattari und ihr Konzept der Molekularität bilden hier eine Art Subtext. Denn Kelleys Begriff von politischer Kunst und Hippie-Dissidenz zielt auf das Belanglose, Schmutzige, Illegitime und Heteronome. Er mißt den gegenkulturellen Paul Thek, in dessen Skulpturen das Wirken von Grassroots-Bewegungen und Charles Manson ihre Spuren hinterlassen haben, an Warhol und dem "akademischpuritanischen Agitprop à la Hans Haacke". Hans Haacke kommt seinerseits in dieser Ausgabe zu Wort. Angreifer und Angegriffener halten sich also in unmittelbarer Nähe auf.

ISABELLE GRAW / TOM HOLERT