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Daniela Stöppel

Kein entweder oder Daniela Stöppel über Ulrike Müller und K8 Hardy bei Steinle Contemporary und Sonja Junkers, München

|ulrike-muller-miniatur-2010| Ulrike Müller, „Miniatur", 2010

Die bei Sonja Junkers gezeigten Arbeiten von K8 Hardy entsprechen weitgehend dem, was gemeinhin von einer Ausstellung erwartet wird, die explizit „queer theory“ und damit die Dekonstruktion klassischer Gender- und Identitätsmuster als Bezugspunkte aufruft: Die Künstlerin zeigt 13 Fotoarbeiten ihrer „Position Series“ (2010), auf denen sie selbst bzw. ihre Schwester in einer Reihe trashiger (Selbst-)Inszenierungen zu sehen sind, wie sie durch schrille Kostümierungen konventionelle Identitätskonstruktionen demonstrativ aufzubrechen versuchen. Die Fotoserie wird durch eine Reihe von ebenfalls mit schrägen Accessoires ausstaffierten Büsten von Schaufens-terpuppen ergänzt. Dabei ist den Arbeiten ein gewisses Vergnügen am karnevalesken Rollenspiel anzumerken – K8 Hardy war Stylistin bei Fisherspooner und drehte Videos für Le Tigre; sie verharren allerdings in einem Modus des Authentisch-Subkulturellen, der – bewusst – außen vor lässt, dass derartige Cross-Gender-Cruising-Ästhetiken längst im Mainstream angekommen sind.

K8 Hardy demonstriert ihre – offensichtlich als „feministisch“ zu identifizierende – Haltung derart plakativ, dass sie es dem Besucher schwer macht, ihre Arbeiten auch unter dem Formalismusaspekt zu lesen, der über die in der Ausstellung platzierte abstrakte Arbeit von Ulrike Müller eingebracht wird. Geht man diesem Vorschlag nach, dann fallen an den Fotoarbeiten abstrakte formalistische Einsprengsel und Montagetechniken auf, wie zerschnittene und neu kombinierte Negative, Doppelbelichtungen, monochrome Farbstreifen oder Silhouetten, die als Fotogramme das eigentliche Motiv überlagern. K8 Hardy greift hier Techniken auf, die durch die Avantgarden der klassischen Moderne eingeführt wurden und deren Radikalität im Aufbrechen der gegenständlichen Form lag. Ein solcher Rückbezug auf historische Kunstbewegungen wird auch an einer Fotografie deutlich, in der die Protagonistin eine semitransparente Plexiglasscheibe in Form eines orangefarbenen Trapezes durchs Bild trägt. Hier wird das utopisch-abstrakte Erbe des Suprematismus aufgerufen und zugleich die gegenstandslose Form zu Oberfläche, Referenz und Zeichen umgedeutet. Auch einige der Selbstinszenierungen lassen sich so lesen, wenn beispielsweise die am Zaun hängende Bat-Woman im Fledermaus-BH zur grafischen Chiffre wird, die an die Tanzfigurationen von Gret Palucca (1902–1993) denken lässt. Dies alles ließe sich durchaus schlüssig an die Codes von Geschlechterkonstruktion zurückbinden, allerdings drängt sich diese Lesart aufgrund der trotz aller Verfremdungen dominierenden Modemagazin-Ästhetik nicht auf.

Ulrike Müller wiederum zeigt bei steinle contemporary abstrakte Arbeiten, teils emaillierte Metallplatten, teils Ölbilder und Zeichnungen, alle auf kleinem bis mittlerem Format. Die „strengeren“ Arbeiten auf Emaille folgen dabei abstrakt-konstruktiven Prinzipien und werden von geometrischen Figuren beherrscht, die sich durch scharfe Kontraste voneinander absetzen. Orthogonale Linien und Kreissegmente dominieren, monochrome Flächen wechseln sich mit gleichmäßigen Farbverläufen ab. Die Arbeiten erinnern ebenfalls an Werke der historischen Avantgarden, insbesondere des Konstruktivismus, aber auch an konkrete Tendenzen der 1960er Jahre, während die Farbgebung eher auf das Neo-Geo der 1980er verweist. Die verwendete Technik des emaillierten Metalls in Verbindung mit abstrakter Formgebung hat konkrete Vorläufer, etwa Moholy-Nagy, der seine „Telefonbilder“ ebenfalls als Emaillebilder anfertigen ließ, um damit den Gebrauchscharakter von Malerei herauszustellen und deren ästhetisches Autonomiepostulat bewusst aufzubrechen.

In ähnlicher Weise geht Ulrike Müller vor, wenn sie Emailleminiaturen herstellt, die als Kettenanhänger getragen werden können. Dabei ruft Emailleschmuck Assoziationen an Kirchentag, Hobbythek und 80er-Jahre-Alternativität auf, was teils feminin konnotiert ist. Erneut wird hier aber gezielt die Grenze zwischen Kunst und Alltagskultur/Mode thematisiert, womit ein Link zur Ausstellung von K8 Hardy geschaffen wird: Ihre bei steinle gehängte Fotografie (ebenfalls aus der „Position Series“) zeigt eine frontale, zweigeteilte und in sich verschobene Aufnahme einer im Retrolook gekleideten Frau. Das ist nicht unbedingt so zu verstehen, als dass hier für die Arbeiten von Ulrike Müller eine gegenständliche oder sogar figürliche Lesart vorgeschlagen wird – obwohl sich beispielsweise in das direkt neben der Fotografie gehängte abstrakte Bild „Vienna Painting #8 (men)“ (2008) die piktogrammhaft reduzierte Silhouette eines Unterleibs hineinsehen ließe; sondern vielmehr schlägt Hardy hier eine Perspektive vor, die auf das Brüchige, Kontingente und Kodifizierte von geschlechtlicher Identitätskonstruktion allgemein abhebt. Unter diesem Blickwinkel lassen sich die Abstraktionen von Müller als Oberflächen verstehen, die konstruiert und damit eben nicht referenzfrei sind. So ließe sich also der besondere Fall der geschlechtlichen Ambivalenz auch als eine allgemeine Ambivalenz der Form/des Bildes interpretieren.

Auf Inhaltlichkeit der Abstraktion einerseits sowie Formgebundenheit des Inhaltlichen andererseits hinzuweisen, ist natürlich aus rein heuristischer Perspektive obsolet. Aber beide Lesarten im Sinne eines wechselseitigen Korrektivs im Rahmen einer solchen Versuchsanordnung vorzutragen, wie sie die Ausstellungen vorschlagen, erscheint zumindest vor dem Hintergrund legitim, dass sowohl auf dem Feld der abstrakten Malerei als auch auf dem der politischen Kunst die jeweiligen Extreme aktuell – immer noch oder schon wieder – normativ gegeneinander ins Feld geführt werden. Demnach stünde eine als referenzlos angenommene Abstraktion einer sich als politisch begreifenden Kunst gegenüber, die alles Formalistische als „Störgeräusch“ ablehnt oder die Form lediglich als funktionales Mittel zum Zweck begreift. Schon der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass es jenseits dieser Extreme auch Alternativen gibt, wie die revolutionär verstandene Gegenstandslosigkeit der Konstruktivisten oder die Formalismen von Lee Lozano, die gerade auch in ihrer formalen Rigidität klar politisch intendiert waren. Das Einklinken in diesen Diskurs um die abstrakte Malerei kommt damit indirekt auch einer politischen Positionierung gleich. Um einiges direkter nehmen die Künstlerinnen Stellung, indem sie sich gezielt diverser Klischees von feministischer Kunst bedienen – schon die Einladungskarte, die die beiden Künstlerinnen in Latzhose im Stil der 1970er zeigt, macht das deutlich. Als selbstironischer Kommentar wird hier die Frage gestellt, wie eine Auseinandersetzung mit weiblichen Stereotypen aussehen könnte und wie und ob mit den bestehenden, einstmals radikalen Mustern politisch-feministischer Kunst überhaupt gearbeitet werden kann. Das Interessante der Doppelpräsentation liegt also in dem jeweils eingebrachten alternativen Blick. Diesen hätte jede Ausstellung möglicherweise auch aus sich selbst heraus erzeugen können, doch gerade in der gegenseitig formulierten Referenz und Reverenz liegt der Mehrwert – als Kommentar – von „FeminismFormalism“.

Ulrike Müller & K8 Hardy, „FeminismFormalism“, steinle contemporary, München, 22. September bis 29. Oktober, und Galerie Sonja Junkers, München, 23. September bis 30. Oktober 2010.

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