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General Sex Daniel Loick über "Testo Junkie" von Paul B. Preciado

Abbildung aus Beatriz Preciado, "Testo Junkie", New York: The Feminist Press, 2013

Sich-Widersetzen, das kann man zum Beispiel bei Deleuze und Guattari lesen, ist nicht zuletzt eine Frage der Taktik, und Überraschungsmanöver gehören dabei zum Repertoire. Wo liegen die neuralgischen Punkte, an denen Dissidenz unerwartet ansetzen kann?

Solch einen überraschenden Schachzug muss man wohl im betont ostentativen Griff der Person, die man früher als Beatriz Preciado kannte, zum Testos­teron erkennen. Denn: Die Affirmation – auch hormonell herbeigeführter – Maskulinität würde man gewöhnlich eher nicht im Feld der kritischen Praktiken verorten. Hier erklärt Daniel Loick, warum ein solches Verfahren und dessen Protokollierung weder Privatangelegenheit noch zwangsläufig normhörig ist. Wer im Biokapitalismus standhalten will, muss Porno und Pharmakon zusammenkommen lassen.

Wer sich in Kunst-, Kultur- oder Unikontexten bewegt, macht nicht selten die ebenso irritierende wie frustrierende Erfahrung der Folgenlosigkeit von Theorie für das Leben. Wie kann man nach der Lektüre von Judith Butler noch die zwei­geschlechtliche Einteilung der Toiletten akzeptieren? Wie kann eine Galerie in einem Katalogtext Jacques Rancière zitieren und bei der Vernissage Champagner ausschenken? Wie kann ein Dozent vormittags Michel Foucault unterrichten und nachmittags Prüfungen abhalten? [1] In der griechischen Antike wäre diese Kluft zwischen Theorie und Praxis, die heute allenfalls mit einem Schulterzucken registriert wird, gar nicht vorstellbar gewesen: Ethik, die Lehre vom richtigen Leben, stellte einen potenziell fundamentalen Anspruch an die eigene Lebensführung. Philosophische Erkenntnis beinhaltete damit immer schon die Möglichkeit, als der Mensch, der man war, zugrunde zu gehen – oder sogar, wie Sokrates, das eigene Leben ganz zu verlieren.

BP’s [2] Buch „Testo Junkie“ stellt nicht weniger dar als die Erneuerung dieses Anspruchs der Philosophie, Folgen für das Leben zu haben, mag sie auch den Ruin eines Subjekts bedeuten. „Testo Junkie“ ist weder eine theoretische Abhandlung noch eine Autobiografie noch ein Roman – zumindest nicht, wenn man diese drei Genres nach konventionellen Kriterien definiert. Die Einleitung des Buches bestimmt dessen Textgattung vielmehr als „testosterone-based, voluntary intoxication protocol“, als „body-essay“, als „somato-political fiction“, als „theory of the self, or self-theory“ (11) [3]. BP verwebt in „Testo Junkie“ soziologische Analyse und politische Kritik mit Berichten über seine_ihre neunmonatige niedrig dosierte Einnahme von Testosteron und anderen körpermodifizierenden Praktiken. Zugleich ist das Buch ein Brief an BP’s Freund GD, den HIV-positiven Autor und Filmemacher Guillaume Dustan, der 2005 an einer Medikamentenüber­dosis gestorben ist, sowie eine Auseinandersetzung mit VD, der Schriftstellerin und Regisseurin Virginie Despentes, mit der BP zum Zeitpunkt des Verfassens von „Testo Junkie“ gerade eine neue Liebesbeziehung eingeht.

Liest man „Testo Junkie“ als Theorie-Buch, so enthält es eine Gesellschaftstheorie, eine Theorie gegenwärtiger Subjektivierungsstrategien und einen Vorschlag für politisches Widerstandshandeln. Gesellschaftstheoretisch bezeichnet BP die zeitgenössischen westlichen Gesellschaften als „pharmako-pornographischen Biokapitalismus“. In Anlehnung an Foucaults Analyse der Biomacht als der Gesamtheit von Machttechniken, die auf produktive Weise das Leben der Bevölkerung regulieren, geht BP davon aus, dass sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den postindustriellen Nationen eine „Somato-Macht“ herausgebildet hat. In dieser Macht sind eine biologische und eine semiotische Dimension miteinander verschränkt. Die biologische Dimension bestimmt BP als pharmakologisch. Unsere Körper sind immer mehr durch Drogen reguliert: der Sex und die Fortpflanzung, die Arbeit und der Schlaf, die äußere Gestalt und die inneren Stimmungen (Pille, Viagra, Red Bull, Nikotin, Kortison, Prozac). Die semiotische Dimension ist pornografisch. Dabei betrifft die Pornifizierung der Gesellschaft zum einen den Bereich der Sexualität: Wie allein die gigantische wirtschaftliche Bedeutung des pornografischen Sektors beweist, nimmt das hegemoniale sexistische Bildregime entscheidenden Einfluss auf das kollektive Imaginäre. Zum anderen ist aber auch die Ökonomie einer Pornifizierung unterworfen. BP wendet sich gegen den desexualisierten Begriff der immateriellen Arbeit („None of them“, polemisiert BP gegen Operaisten wie Hardt, Negri, Lazzarato und Virno, „mention the effects on their philosopher’s cocks of a dose of Viagra accompanied by the right image“ (293)) und spricht stattdessen von Porno-Arbeit: Die Sexindustrie mit ihrem Modell des minimalen Einsatzes, von direkten Verkäufen und unmittelbarer Konsumbefriedigung, basierend auf der niemals endenden somatischen Kette von Erregung – Frustration – Erregung, ist zum Paradigma aller Produktion geworden. BP stellt beim Besuch eines Day Spa fest, dass moderne Dienstleistungen auf denselben Konsumbedürfnissen basieren wie Sexarbeit – dass also zwischen einer Massage mit oder ohne Happy Ending kein großer Unterschied besteht. Die These vom Spektakelcharakter des zeitgenössischen Kapitalismus wendet BP feministisch: „There is no work that isn’t destined to produce a hard-on.“ (293)

Gefängnis-Entwurf von Jeremy Bentham nach dem Panopticon-Prinzip, 1791

Beide Dimensionen, die pharmakologische und die pornografische, bilden gemeinsam den Kern der aktuellen biopolitischen Kontrolle des Lebens. Dieses Regime beruht auf spezifischen Techniken der Subjektivierung. BP aktualisiert Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft, wenn er_sie nicht mehr das Gefängnis, sondern die Pille als paradigmatische Form der Subjektkonsti­tution erkennt (BP nennt die Pille folgerichtig ein „essbares Panoptikum“). Die Pille wird täglich freiwillig von Millionen von Frauen eingenommen, deren Körper damit tief greifend biologisch rekonfiguriert werden (erst viel später werden mit der Erfindung von Viagra auch Männer zum Objekt dieser Medikalisierung biopolitischer Kontrolle). Tatsächlich, erinnert BP, ist die Pille die am meisten verwendete chemisch hergestellte Substanz in der Geschichte der Menschheit. Das in Eigenregie mit Blick auf den Kalender durchgeführte hormonelle Management des eigenen Körpers konstruiert eine spezifische Form der Intimität, die sexuelle ebenso wie nichtsexuelle Aktivitäten programmiert. Die Pille dient dabei zum einen der nationalen (das heißt immer auch: ethnischen und somit rassifizierenden) Regulierung der Bevölkerung insgesamt als auch der Normalisierung der individuellen Sexualität.

Wie jedes Subjektivierungsregime, so erweist sich allerdings auch die Somato-Macht als brüchig. Das ist der Einsatz von „Testo Junkie“ für politisches Widerstandshandeln. Pharmazie und Pornografie können auch gegenhegemonial in Anspruch genommen werden. Die Möglichkeit ist im Fall der Pille schon dadurch gegeben, dass die Somato-Macht ihre Einnahme in die Verantwortung der einzelnen Frauen legen muss, was immer auch die Gefahr nichtvorgesehener Verwendungsweisen birgt. Auch die in „Testo Junkie“ geschilderte Einnahme von Testosteron kündigt das vorherrschende pharmakopornografische Protokoll experimentell auf. BP sieht sich hier in der Tradition der berühmten Selbstversuche von Intellektuellen mit psychoaktiven Substanzen: Sigmund Freuds Kokain, Walter Benjamins Haschisch, Henri Michauxs Mescalin. Weil das pharmakopornografische Regime sich durch Wiederholung und Gewöhnung ins Werk setzt, ist es anfällig für eine widerständige Aneignung der biologischen und semiotischen Ressourcen, für gender piracy und gender hacking. Es handelt sich dabei jedoch keinesfalls nur um punktuelle subversive Unterbrechungen. Gegen die pharmakopornografische Übung setzt BP eine andere, eine postpharmako­pornografische Gegen-Übung, eine Gegen-Disziplin. Dazu gehört die pünktliche Durchführung, sorgfältige Befolgung der Versuchsanordnung, die achtsame Protokollierung der Ergebnisse. Insofern macht „Testo Junkie“, was es beschreibt: Die Passagen, in denen die Effekte des Testosteron geschildert werden, sind weder private Tagebucheinträge noch festgelegte Anleitungen, sondern Versuchsprotokolle aus einem Labor, in dem die mögliche Entwendung von Pornografie und Pharmazie erforscht wird.

Schema für die Verpackung von Arzneimitteln, 1964

BP versteht diese Arbeit nicht individualistisch. Wie jede wissenschaftliche Arbeit auf eine scientific community angewiesen ist, um die eigenen Ergebnisse zu dokumentieren, zu publizieren, zu diskutieren und gegebenenfalls zu revidieren, so produzieren auch transgressive Körperexperimente eine eigene Fachöffentlichkeit. Über die eigenständige Einnahme von Testosteron, die schon in der Beschaffung auf einen kreativen Umgang mit den vorhandenen Distributionswegen angewiesen ist, gibt es kein offizielles Wissen, keine Bedienungsanleitung und keinen Beipackzettel, aber es gibt ein Gegen-Wissen: einzeln oder gemeinsam gemachte Erfahrungen, systematische Archivierung und interdisziplinäre Kooperation minoritärer Körper. Der Biokapitalismus produziert systematisch Subjektivitäten, welche die von ihm bereitgestellten Ressourcen gegen ihn selbst wenden können. Marx verwendete in den „Grundrissen“ den Begriff des general intellect, um diesen Zusammenhang zu beschreiben: Der Kapitalismus muss seine Arbeiter_innen zusammenbringen, sie ausbilden, ihnen Wissen und Kenntnisse bereitstellen. Gegen eine allzu verkopfte Deutung der Idee des general intellect, die vor allem in der kognitiven oder kommunikativen Verfasstheit des gegenwärtigen Kapitalismus kommunistische Potenziale angelegt sieht, verortet BP solche Aneignungsmöglichkeiten gerade in dessen pharmakopornografischer Gestalt und spricht daher lieber von general sex. Die Kooperation von Sex-Arbeiter_innen, Quelle allen pharmakopornografischen Reichtums, schafft zugleich ein neues postpharmakopornografisches Proletariat.

Wenn es eine Schwäche in „Testo Junkie“ gibt, so liegt sie in der Formulierung der Alternative zum gegenwärtigen Biokapitalismus, dem techno-somatischen Kommunismus. Indem BP das Konzept des general sex, das heißt der Möglichkeit der revolutionären Aneignung der vorhandenen biologischen und semiotischen Potenziale, wissenschaftsexperimentell deutet – „anyone wishing to be a political subject“, schreibt BP, „will begin by being a lab rat in her or his own laboratory“ (353) –, wird der Horizont einer postpharmakopornografischen Imagination vorschnell verschlossen. Marx zielte auf eine Gesellschaft, die von Privateigentum, Kapitalakkumulation und Warenform ganz befreit ist. BP’s Strategie des Détournement von Pharmazie und Pornografie gibt sich mit weniger zufrieden. Sie scheint der revolutionären Perspektive von Marx eine Art lacanianische Realpolitik unterzuschieben, die immer schon davon ausgeht, dass eine Welt ohne Phallus ohnehin nicht möglich ist. [4] Der general sex wird zum Beispiel als „public erection, global ejaculation, collective coming, orbital shooting“ (309) beschrieben – wie wäre es aber mal mit Sex ganz ohne Erektion und Ejakulation, ohne Aufrichten und Abspritzen? Wie wäre eine Welt jenseits des Lärms der biokapitalistischen Produktion, ohne den Drang zur ständigen Kodierung und Rekodierung? Wie wäre ein Leben, dessen Wahrheit sich – auch wenn das hoffnungslos sentimental klingen mag – nicht immer nur im Sex beweist? Auch diese Option sollte sich eine postpharmakopornografische Ästhetik der Exis­tenz vorbehalten.

In so gut wie jeder Besprechung zu einem von BP’s Büchern wird erwähnt, dass er_sie bei Jacques Derrida studiert hat, als bedürfte jede methodische Exzentrik die Rückendeckung eines weißen, heterosexuellen Meister-Mannes. Tatsächlich lassen sich in BP’s Werk oft die Einflüsse kanonischer Denker_innen identifizieren und rekonstruieren: Es nimmt seinen Ausgangspunkt von Michel Foucaults Genealogie der Disziplinierung und der Biopolitik, spezifiziert sie geschlechtertheoretisch mithilfe von Judith Butlers Begriff der Performativität, macht sie mittels Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Konzept des Minoritärwerdens für politisches Widerstandshandeln fruchtbar, wobei es wie Donna Haraways Cyborg-Feminismus auf eine Romantisierung von Natürlichkeit verzichtet und stattdessen kapitalis­tisch-patriarchale Technologie gegen Kapitalismus und Patriarchat wendet. Würde man all diese Ansätze in einen Shaker stecken, käme bereits ein spannender und inspirierender Cocktail dabei heraus, der mit den High Theory-Bestsellern der letzten zwei Jahrzehnte locker mithalten kann – was auch die beeindruckende Rezeption erklären hilft, die „Testo Junkie“ in den sieben Jahren seit Erscheinen der spanischen Erstausgabe und mehr noch in den drei Jahren erst seit der englischen Übersetzung zuteil wurde. Auch in Deutschland wird die bei b_books erscheinende Übersetzung auf reges Interesse stoßen, schon weil sie eine wichtige Intervention in einige wichtige gegenwärtige Debatten etwa um queere Ökonomiekritik oder um den „New Materialism“ darstellt.

Aber doch ist dieses Buch so ganz anders als ein Mix bekannter Ansätze, ganz anders als jeder von ihnen einzeln. Und das kommt daher, dass niemand sonst so konsequent Theorie und Praxis miteinander verknüpft wie BP. „I take [testosterone]“, heißt es in der Einleitung, „to foil what society wanted to make of me, so that I can write, fuck, feel a form of pleasure that is post-pornographic, add a molecular prosthesis to my low-tech transgender identity composed of dildos, texts, and moving images; I do it to avenge your death.“ (16) Um deinen Tod zu rächen – BP nimmt die Einsicht des AIDS-Aktivismus auf, dass das Allerpersönlichste das Allerpolitischste ist. Man wird von diesem Buch aufgeklärt, herausgefordert, provoziert, abgestoßen, amüsiert, belehrt, irritiert und aufs Zärtlichste berührt. Es ist, im bestmöglichen Sinne, ein Buch, das das Leben verändert.

Daniel Loick

Beatriz Preciado, Testo Junkie. Sex, Drugs, and Biopolitics in the Pharmacopornographic Era, New York: The Feminist Press, 2013; deutsche Übersetzung in Vorbereitung als Paul B. Preciado, Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik, Berlin: b_books, 2015.

Anmerkungen

[1]Allerdings ist die Erfahrung dieser Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis ein Luxus, den sich nur wenige leisten können. Für ausgeschlossene, verworfene oder subalterne Liebens- und Begehrensweisen ist das Leben sowieso immer schon politisch.
[2]Beatriz Preciado heißt inzwischen Paul B. Preciado. Während das spanische Original (2008) und die englische Übersetzung (2013) noch unter dem alten Namen erschienen, wird die deutsche Ausgabe unter dem Namen Paul B. Preciado veröffentlicht. Preciado betont in dem Buch immer wieder den experimentellen Charakter seiner_ihrer Testosteron-Einnahme, deren Ziel also nicht von vornherein auf die Annahme des männlichen Geschlechts angelegt ist. Ich verwende in dieser Besprechung daher die Initialen des_der Ich-Erzähler_in BP sowie trans-sensible Personalpronomen.
[3]Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Ausgabe.
[4]Diese Tendenz lässt sich bereits in dem Buch bemerken, mit dem BP vor gut zehn Jahren in Deutschland berühmt wurde: Beatriz Preciado, Kontrasexuelles Manifest, Berlin: b_books, 2004.