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Seth Price

Vortrag über das Extra

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Was Seth Prices Arbeiten abbilden, sind, so könnte man sagen, vor allem die in den Bildern selbst wirksamen Kräfte des Weiterverbreitens, Auflösens und Korrumpierens. Wir haben ihn im Vorfeld dieser Ausgabe gefragt, welche Rolle dem Fotografischen, der scheinbar automatischen Bildgenerierung in seiner Praxis zukommt.

Prices Antwort in Form einer kurzen Geschichte der Magie lässt sich in diesem Kontext lesen: Sie suggeriert die Geburt der Fotografie nicht nur aus dem Okkulten oder Spirituellen, sondern auch aus dem wachsenden Bedürfnis, die Gesellschaft als Bild festzuhalten. Und auch die Verfahren des Ordnens und Institutionalisierens und ihre Festigung in der modernen Welt sind, so schlägt er vor, vielleicht nicht von ungefähr mit technischen Neuerungen parallel verlaufen: Fotografie als Glaubenssache, Fotografie als Kontrollinstrument.

Ich hielt den Vortrag vor Gleichgesinnten, die grundsätzlich interessiert und wohlwollend waren, doch auch ein wenig skeptisch:

„Magie gibt es schon seit Ewigkeiten“, sagte ich, „lasst uns bei der frühesten Phase anfangen. Um meinen Vortrag zu strukturieren, setze ich drei Magie-Epochen voraus. Die erste beginnt mit der Entstehung der Menschheit und geht über x Jahrtausende. Nennen wir sie schamanisches Zeitalter; praktisch alle menschlichen Handlungen können in dessen Verlauf als Magie bezeichnet werden. Die ganze Welt war magisch. Die Bäume hatten einen eigenen Willen, die Luft war ein Lebewesen, das Feuer erzählte Geschichten. Oder anders: Dein Wille war ein Feuer, deine Geschichten waren Wind und die menschliche Lebenskraft baumgleich. Jedes beliebige Ding konnte sich in ein anderes verwandeln. Es gibt viele, die gerne in diesen Urzustand zurückfinden würden – dank digitaler Techniken ist das vielleicht bald möglich.

Dann folgt das heidnische Zeitalter, es endet mit Christi Geburt. Im Gegensatz zum kaum festgeschriebenen, ortlosen Schamanismus ist das Heidentum strukturierter, bildet Traditionen und Institutionen aus. Am Beispiel der alten Ägypter, Griechen und Römer lässt sich zeigen, wie hoch entwickelt diese Epoche war. Aber in den Jahrhunderten kurz vor Christus kommt es zu einem relativ schnellen, weltweiten Wandel: Die Zeit des Monotheismus beginnt. Die neuen Institutionen rüsten sich für die feindliche Übernahme heidnischer Konzepte. Man behält den strukturgebenden Rahmen bei, aber schließt Vielgötterglauben und Tieranbetung aus, und den Glauben an Naturkräfte belächelt man nur noch. Den Kult auf einzelne Propheten wie Christus, Mohammed oder Buddha zu konzentrieren, ist eine Form der Machtausübung. Die genannten Figuren bündeln wie ein Flaschenhals, sie ermöglichen es, das Begehren einer Gesellschaft durch eine Priesterschicht zu lenken, die in sich wiederum hierarchisch aufgebaut und gut zu beherrschen ist. Das ist der Moment, in dem Religion anfängt, ähnlich wie Fotografie zu arbeiten: Sie friert das Spirituelle gewissermaßen ein, verbaut es in eine Struktur, in der der Einzelne kaum etwas selbstständig machen muss, nur beten beispielsweise – den Rest erledigt das System.

Seth Price, „Hostage Video Still With Time Stamp“, 2005

Die Epoche, um die es hier heute geht, kann als Gegenbewegung zum Monotheismus bezeichnet werden. Man will nicht zum Schamanismus oder Heidentum zurückkehren, aber will sich auch nicht im Rahmen traditioneller Institutionen bewegen. Man interessiert sich für spirituelles Wachstum und Transformation, aber bleibt bewusst außerhalb der herrschenden Tradition. Man will autonom sein, nicht wahr? Man will eigene Bildsymbole entwickeln und sie nach eigenem Ermessen verbreiten. Ich kann nicht über jede Strömung, nicht über jeden einzelnen Magier sprechen, der in den 2000 Jahren nach Christus gewirkt hat. Nur so viel: Es war eine ziemlich ungünstige Zeit, ihnen drohte Folter, öffentliche Hinrichtung. Also spulen wir lieber ein bisschen vor, überspringen Mittelalter und Aufklärung und halten erst wieder im späten 19. Jahrhundert an, als das Interesse für Magisches plötzlich ungeheuer stark wiederauflebt. Das Okkulte kehrt mit aller Macht zurück. Mystische Persönlichkeiten wie z. B. Madame Blavatsky oder Dion Fortune versuchen, ein neues systemisches Denken zu entwickeln, ziehen Scharen von Jüngern an. Sie stehen für ein neues Zeitalter der Magie. Mit einem akademisch-historischen Begriff könnte man es „modern“ nennen. Tatsächlich fällt es mit der Moderne zusammen: mit der Erfindung von Fotografie und Film, der Entwicklung moderner Städte, der Industrialisierung und mit dem relativierenden Denken Darwins, Freuds, Marx’ und Nietzsches, sogar bis hin zu Duchamp. 200 Jahre früher hätte man die Genannten übrigens allesamt als Hexenmeister gebrandmarkt!

Die Magie modernisiert sich sehr rasch. Weitverzweigte, meist urbane Strukturen entstehen, die ironischerweise das kirchliche System nachahmen, obwohl man sich wahrscheinlich eher in der Tradition der Freimaurer verortet wissen will. In London wird der Hermetic Order of the Golden Dawn gegründet, eine der einflussreichsten Organisationen, die es je gegeben hat. The Golden Dawn praktiziert keine abseitige Mystik wie zeitgleich beispielsweise Gurdjieff, sondern bildet institutionelle Strukturen aus: Eine Priesterschaft wacht über Initiationsrituale, die Anwärter durchlaufen müssen. Dann gibt es noch die sogenannten Secret Chiefs: namenlose allmächtige Individuen, die niemand je zu Gesicht bekommen hat, die womöglich gar nicht existieren. Jedenfalls können nur die Priester mit ihnen in Kontakt treten. Das funktioniert doch genau wie die Kirche, oder etwa nicht?

In dieser Zeit tritt Aleister Crowley auf den Plan, der selbst ernannte Antichrist, ein brillanter, höchst ambivalenter Mann. Man fragt sich natürlich immer: Glaubt er das alles wirklich, oder macht er es nur für die Macht und die Frauen? Solche Persönlichkeiten balancieren auf dem schmalen Grat, der Schamanen von Scharlatanen trennt. Ganz ähnlich ist es bei Künstlern wie Beuys oder Koons, sie verführen dich regelrecht dazu, ihrem Klimbim zu glauben. In gewisser Weise steht Crowley in der alten institutionellen Tradition, aber er führt eine radikale Neuheit ein: den Willen. Das Willenskonzept gibt es natürlich schon länger, aber er adaptiert es für den Magier, der stets seinem eigenen Willen folgen soll. Das hat beinahe religiöse Züge. Die zentrale Botschaft lautet: „Es gibt nur ein Gesetz: Mach, was du willst.“ Ahnungslose meinen immer, dieses Gesetz führe zu Anarchismus und Chaos, aber das ist nicht richtig. Über die Auswirkungen mag man streiten, der Punkt ist aber, dass der Wille das Individuum über das System stellt. Das ist Crowleys Geschenk an die Magie, die er „Magick“ statt „Magic“ schreibt. Am Willen kann man sich festhalten, er ist eine störrische Schöpfung aus dem Nichts heraus, vergleichbar damit, Magick eben mit „ck“ zu schreiben. Das ist der Grund, warum Crowley eine so starke Anziehungskraft auf Künstler/innen ausübt.

Seth Price, „Hostage Video Still With Time Stamp“, 2005

Crowley stirbt 1947, was für uns einen geschickten Sprung in die Nachkriegszeit bedeutet. In dieser Zeit entfaltet Austin Osman Spare große Wirkung, ein beeindruckender Mann, nur wenig jünger als Crowley, aber deutlich einer neuen Epoche zugehörig. Er verkörpert den Umbruch. Crowley war zwar revolutionär, aber doch auch eine Figur des vergangenen 19. Jahrhunderts. Spare ist eine Art einsamer Wolf, ein kompromissloser Typ. Als Künstler nicht unbegabt, bleibt ihm eine künstlerische Karriere aber verwehrt, ähnlich wie Hitler. Bis zu seinem Tode beschäftigt er sich in seiner Dachkammer ganz allein mit der Magie. Aber er wird schnell zur Legende, weil er ganz für sich, kraft seines Willens, ein geschlossenes System entwickelt hat, das auch heute noch Verwendung findet.

Sein wohl größtes Verdienst ist die Neufassung der „Sigillenmagie“. Man nimmt ein Wort, das auf etwas verweist, was man beeinflussen oder kontrollieren will – beispielsweise den Namen eines Feindes –, und formt aus den einzelnen Buchstaben ein grafisches Monogramm. Materie wird zu einem grafischen Zeichen komprimiert, in das man sich versenken, das man kopieren und weitergeben, wegschließen oder zerstören kann. In diesem kleinen Index verkörpert sich konzentrierter Willen. Es ist eine der Grundlagen der Magie, dass sie die gesamte Energie in ein einziges Bild bannen kann, richtig? Magie bannt die Willenskraft in ein Bild. Kunst funktioniert genauso. Und seit der Moderne befindet sich die Magie in einem andauernden Dialog mit neu entstehenden Bildtechnologien. Spare war der Ansicht, dass es in der Moderne immer schwieriger wird, die materielle Welt in reine Substanz zu verwandeln, dass Bilder diese Arbeit aber sehr gut für uns übernehmen können.

Spare ist ein waschechter Individualist. Er bahnt den Weg für eine der interessanteren neueren Strömungen, die Chaos Magick – Chaosmagie. Sie kommt zuerst in den 1970ern auf, eine Zeit, die man „The Me Decade“ genannt hat, was sehr gut passt: Bei Chaosmagie geht es immer um den Einzelnen, Top-Down-Modelle lehnt man ab. Wenn man Crowley und die eben genannten hierarchisch strukturierten Gruppen als modernistisch bezeichnet, kann man die ­Chaosmagie postmodern nennen. Sie ist dezentralisiert, schizo­phren, flächig, sie weicht Hierarchien aus. Es gibt keine Priester, keine Anwärter, es gibt nicht einmal fest definierte Glaubenssätze. Der Chaosmagier darf heute an Jesus Christus glauben, ihm morgen abschwören und dem Islam beitreten. Exzentrik und Anarchismus werden befürwortet, was auf traditionelle Magier bedrohlich wirkt. Es ist kein Zufall, dass parallel Internet und Personal Computer entwickelt werden; man kann sich die bärtigen, langhaarigen Programmierer gut vorstellen, wie sie, die Hosentaschen mit Sigillen vollgestopft, auf dem MIT-Campus oder so herumlaufen und mit reiner Willenskraft eine neue Welt erschaffen wollen.“ An dieser Stelle legte ich eine Kunstpause ein. „Und wisst ihr was? Es ist ihnen gelungen.“

Zögerliche, höfliche Lacher aus dem Publikum. Ich griff nach meiner Wasserflasche, um mich auf den nächsten Teil vorzubereiten. Da hörte ich aus dem hinteren Teil des Raumes eine dünne Stimme. „Pardon, aber haben wir das monotheistische Zeitalter nicht bereits hinter uns gelassen? Ist es nicht möglich, dass wir schon dabei sind, uns fundamental zu verändern?“

Ich dachte nach. Sorgsam legte ich mir eine nachgerade defensive Erwiderung zurecht. „Irgendwie hast du Recht“, sagte ich. „In unserer Zeit basteln sich die Leute ihre Existenz so zusammen, wie es am besten passt. Mit Monotheismus hat das nichts zu tun. Sonntags besucht man den episkopalen Gottesdienst, am Dienstag hat man einen Akkupunkturtermin, und donnerstags geht es zum Handleser.“ Im Stillen stellte ich mir die Frage: Ist das wirklich meine Überzeugung? Aber die Stimme ertönte wieder, als hätte ich nichts Entscheidendes gesagt. „Du hast außerdem erwähnt, dass die Digitalisierung uns vielleicht ermöglicht, in den Urzustand zurückzukehren.“ – „Stimmt. Aber nur dann, und das ist entscheidend, wenn alle Unterschiede ausgelöscht werden. Außerdem könnte man mit Nietzsche sagen, dass Wissenschaft nur ein anderer, neuerer Glaube ist. Die Technologien bieten Erklärungsmuster für die gleichen uralten Fragen an, für die gleichen unwissenden Subjekte. Zudem, das könnte man noch hinzufügen, gibt es Hollywood, Starkult und soziale Medien: Unsere Welt, aus reproduzierten Bildern bestehend, hat längst ein neues Glaubenssystem errichtet.“ – „Nein, nein“, antwortete es, „davon rede ich gar nicht.“ – „Wirklich nicht?“ Ich unterdrückte aufsteigenden Ärger. „Du behauptest doch, dass es da ein Wir gibt, das in eine neue Zeit eingetreten ist, in der über ganz andere Kanäle neue Fragen gestellt werden. Ich glaube kaum, dass das der Fall ist. Ich sehe weder so eine Umwandlung noch irgendeine andere Welt.“ – „Schamanen berichten von der Reise in eine andere Welt. Doch das ist nur eine Vision.“ Stille. Als die Stimme wieder anhob, war sie nur noch ein Wispern: „In der Vision habe ich einen vollständig zergliederten Körper. Dann setzt er sich wieder neu zusammen. Am Ende kann ich wieder tun, was ich immer getan habe, nur dass mein Körper jetzt einen Zusatz bekommen hat, ein kleines Extra, eine Art zusätzlichen Knochen.“

Auch wenn wir die Sterne am Tage nicht sehen, stehen sie doch über uns, und also stimmt es auch, dass wir den gesamten Tag lang träumen, nicht nur nachts.

Übersetzung: Simon Elson

Anmerkungen

[1]Seth Price, „Hostage Video Still With Time Stamp“, 2005