ZWISCHEN HAUT UND BILD

ZWISCHEN HAUT UND BILD

30.01 - 08.05.2011  / X-RATED / WILLIAM N. COPLEY & ANDREAS SLOMINSKI / ME COLLECTORS ROOM / BERLIN

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William N. Copley, “Gathering of the Clan”, 1974, © Paul Kasmin Gallery & Copley LLC

Angesichts dieser Unmengen von Beischlafszenarien ist man schon mal froh, dass echte Menschen nicht nur aus Strichen oder Styropor bestehen. Der Me-Collectors Rooms zeigt zwei Künstler, die sich auf dem Feld der Erotik umtun bzw. umgetan haben. Bei Andreas Slominski hätte man sich so ein Sujet vor sieben Jahren kaum vorstellen können. Seit er sich aber seit einiger Zeit mit einer eigentümlichen Art von poppiger Jahrmarkt-Avantgarde beschäftigt, ist das inzwischen nur eine halbe Überraschung. William Copley war ein recht bemerkenswerter Zeitgenosse, wenn auch eher immer zur falschen Zeit am rechten Ort. Das Schicksal teilt er mit Philip Guston oder Peter Saul. Wie diese hat er als mittlerweile klassischer Artist´s Artist auch vergleichsweise frühzeitig ein beachtenswertes Crossover zwischen Kunst und Comic realisiert, wobei Copleys malerischer Cartoonlook sich durch einen klassisch-lässigen Anteil Matisse auszeichnet. Ohne ihn ist Keith Haring kaum vorstellbar, wenn man sich für Stilevolution interessiert. Die Rekonstruktion einer New Yorker Ausstellung im Cultural Center von 1974 zeigt in über zwanzig Bildern den Geschlechtsakt oder erwartungsfrohe Beteiligte und wie es da eben hautnah zur Sache geht. „Das visuelle Vokabular [von Copley] beginnt mit `Ich liebe´ ...“ (Penrose) Damals war die Ausstellung nicht unbedingt ein Erfolg. Drastisch könnte man zu manchen Bildern auch sagen, wenn nicht Copleys vereinfachender Zeichenstil auch immer zwangsläufig eine Verflachung und Verhübschung mit sich brächte. Auch wenn man viele Szenerien eigentlich nur anzüglich nennen kann, bleiben eben durch seine leicht florale Strich- und Pinselführung vermeintliche Obszönitäten außen vor. Es geht um die einfachste oder die schönste Sache der Welt. Das entscheidet sich immer im Moment des Geschehens. Und schließt sich dementsprechend aus. „Ich behaupte, dass jeder ein Stümper ist, wenn es um Sex geht. Darum macht Sex soviel Spaß ...“ (Copley) Der Begriff des politischen Korrekten steht diesen Bildwelten aus den Posthippie-Siebzigern lustig hilflos wie verspätet gegenüber. Copley selbst hat sich immer entschieden auf eine Tradition der erotischen Malerei berufen, im Unterschied zu pornographischen Darstellungscodes. Zu dieser Unterscheidung sind seiner Meinung nach Angelsachsen nicht in der Lage. Copley selbst könnte sich dieses Differenzierungspotential in seinen Pariser Jahren von 1951 bis 1964 erworben haben. „ ... und schließlich ist er der Erfinder des Alphabets, dessen Buchstaben zusammengesetzt aus nackten Mädchenleibern, das Wort THINK ergeben.“ (Penrose) Was vergleichbare erotische Malerei betrifft, fallen auf Anhieb eher Namen, die man nicht nennen möchte. Klossowski, Lucian Freud, Balthus als gelungene klassische Parallelen haben alle einen anderen thematischen Einfallswinkel. Aktuelle Zeitgenossen wie Richard Phillips, Jenny Saville oder John Currin versuchen sich mehr in abgeschmackter Härte, die gemalt nackte Haut eher wie frisch abgezogen wirken lässt. Für Erotik bleibt da nicht viel Platz zwischen Haut und Bild.

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William N. Copley, “Maltese Falcon”, 1973, © Paul Kasmin Gallery & Copley LLC

Copleys Stärke ist eine charmante präzise Beiläufigkeit - mit großer Neugier für das Wesentliche -, die auch sein Buch „Portrait des Künstlers als junger Händler“ immer noch überaus lesenswert macht. Er ist vergleichsweise spät zur Kunst gekommen. Angestiftet durch seinen Schwager gründete er 1948 mit diesem als begeisterter Surrealismus-Fan eine der ersten nennenswerten Galerien in Los Angeles. Auch wenn diese nach bereits zwölf Monaten wieder schließen musste, - nur drei Bildverkäufe, die nie abgeholt wurden, sind die wenigen Künstler der Galerie namens Man Ray, Robert Matta, Yves Tanguy, Joseph Cornell und Rene Magritte sozusagen en passant zu erfolgreichen Lehrmeistern des angehenden Künstlers Copley geworden. Sammler gab es damals an der Westcoast zwar schon genug, das Problem war nur, dass diese ausschließlich in New York einkaufen gingen. Eigentlich seiner vermeintlichen Berufung als Schreiber folgend, begann Copley nur mit dem Malen, um seine selbst konstatierte mangelnde Imagination zu verbessern. Zum Glück kam er zeitlebens nicht mehr davon los.

 imageAndreas Slominski, „xyz. erotic vol.“, 2011, © Privatsammlung

Andreas Slominski war vermutlich bereits als Kunststudent ein interessanter Museumskünstler. Vielleicht erklären sich so ein wenig die überraschenden Ausfallschritte der letzten Jahre. Seine vermeintlich erotischen Motive im Ausstellungsraum der Sammlung Olbricht versuchen nach dem mal so genannten Resteficken (auch der Kunstgeschichte) hier noch etwas unerwartetes ins Spiel zu bringen. Demselben schmierigen Witz in der hundertsten Version eine neue Blüte abzutrotzen, ist eigentlich eine Aufgabe, an der man nur gereift scheitern kann. Was natürlich auch wieder Respekt abverlangt. Slominski folgt anscheinend da noch einer Restavantgarderegel, immer dahin, wo es allerwenigstens möglich scheint, etwas herauszuholen. Das gelingt in den kleinteiligen Polysterol-Arbeiten hier nur bedingt. Da stampft dann jemand nahezu trotzig auf gängig anzüglichen Sotissen und Latrinenwitzen herum, die als Partydeko in jedem halbtrunkenen hessischen Hobbykeller sofort nur Freunde finden. Wo Copleys freudige und unschuldige Neugier auf das Abgebildete und das Abbilden des ewig Verfänglichen durchaus auch bezaubern kann,  - der zeitliche Abstand mag auch eine Rolle spielen -, wirkt das bei Slominskis Arbeiten wie die bemüht naive Launigkeit eines Houellebecq, dem ausgewiesenen Experten für Männerbetroffenheitsliteratur.

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Andreas Slomiski, „xyz. erotic vol. 12, 2010 © me Collectors Room, Berlin

Von Slominskis referenz-und bedeutungsfreiem Haus-Obst-Flora-Vokabular, mit dem er seit 2006 in den großformatigen Polysterin-Arbeiten auftrumpfte, ging deutlich mehr erfrischende radikale Redundanz aus. Auch wenn in Zusammenhang mit seiner sonstigen Arbeitsweise nach wie vor mit einer Finte zu rechnen ist. Das gewagte Unter-den-Erwartungen-Wegtauchen landete hier wie Dirk von Lowtzow anschaulich beschrieben, erfrischend im glamourfreien Folkorebereich. Das war insbesondere für einen Künstler bemerkenswert, der sonst so versiert Haken schlägt, das er wahrscheinlich auch den Lottozahlen bei der Ziehung sagen kann, welche jetzt aber wirklich nicht hinausfallen darf.

Alle Zitate: Katalog William N. Copley, Kestner-Gesellschaft, Hannover, 1995