Ana Teixeira Pinto: Artwashing – Nrx und „Alt-right"

Anfang dieses Jahres zwang der starke Protest gegen eine Veranstaltung mit der sogenannten „Alt-Right“ (der alternativen Rechten) eine Galerie im Norden von London zur Schließung. Der als LD50 bekannte Raum wurde so ein Beispiel für die Rolle der Institution - sei es Off-Space, Zeitschrift oder Nationalmuseum - in den laufenden politischen Debatten.

Denn nicht zuletzt zeigte sich hier auch, wie Methoden und Strategien der „alternativen Rechten“, von Ironie bis Störaktionen, künstlerischer Anti-Establishment-Kritik ähneln. Ana Teixeira Pinto betrachtet die LD50-Debatte und ihre Überschneidungen mit Akzelerationismus und Post-Internet-Diskursen.

Neoreaction (NRx) ist reißerische politische Theorie. Das ist, denke ich, der Grund für ihre große Popularität in weiten Kreisen der sogenannten Neuen Rechten und darüber hinaus. Als geistiges Kind des britischen Philosophen und Ideologen c und von Curtis Yarvin, dem Eigentümer von Urbit (der unter dem Namen Mencius Moldbug veröffentlicht), tauchte NRx um 2013 in der Kunstwelt auf, in der Lands politische Philosophie durch Nick Srnicek und Alex Williams’ akzelerationistisches Manifest popularisiert wurde. Man muss der Fairness halber sagen, dass das Manifest die Ansichten von Land nicht wirklich unterstützt, sondern versuchte, Lands Idee von Akzeleration für sozial-progressive Ziele umzuwidmen – allerdings spiegelte sich im Argumentieren für einen prometheischen Umsturz der Politik durchaus der Land’sche Pathos. [1]

Akzeleration im Sinne Lands ist eine Singularitätstheorie: Kapital, so Land, kann nicht negiert werden, sondern nur akzeleriert, das heißt intensiviert, bis quantitative Akkumulation einen qualitativen Sprung der Technologie hervorbringt und in das höhere evolutionäre Versprechen von KI, künstlicher Intelligenz, hinüberführt. Mögliche katastrophale Folgen für die Umwelt sind dabei Nebensache: Wesen auf Grundlage von Silikon brauchen, anders als kohlenstoffbasierte Lebensformen, keine atembare Atmosphäre; das Leben auf der Erde ist nur das Rohmaterial, aus dem eine höhere Intelligenz hervorgehen wird, und der Kapitalismus ist dafür Geburtshelfer. In ähnlicher Weise haben einige Risikokapitalisten aus dem Silicon Valley die Auffassung vertreten, dass der Klimawandel die Menschheit dazu bringen könnte, ihre Komfortzone (die Biosphäre der Erde) hinter sich zu lassen und endlich in den Weltraum aufzubrechen – die neue kapitalistische Frontier (eine weiße Flucht von der Erde?). [2]

Die Überschneidungen zwischen der Theorie Lands und der politischen Agenda im Valley sind nicht zufällig. „The Dark Enlightenment“, eine Art Grundlagentext für NRx, ist weitgehend Yarvin/Moldbugs Blog Unqualified Reservations, durch Nick Land angereichert mit theoretischem Jargon. Yarvins Tlon (ein Firmenvehikel für Urbit, seine Open-Source-Datenverarbeitungsplattform) wird wiederum von Peter Thiel unterstützt, Gründer von Paypal, der sich als Unterstützer und Berater von Donald Trump hervorgetan hat und für seinen antidemokratischen Aktivismus bekannt ist. Cyberlibertäre Ansichten und Lands Ideen von Transhumanismus sind in der Tech-Industrie weit verbreitet.

Wie Yarvin ist auch Land kein Nihilist. Er ist ein Moralist à la Ayn Rand. [3] Seine Version der Singularität – also des evolutionären Moments, an dem künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz überholt und somit auch überwältigt – ist kapitalistische Eschatologie. Die Menschheit wird nicht verschwinden, sondern sich in zwei Linien aufteilen: die hoch technologisierten Superreichen, die mit biotechnologischer Hilfe in eine transhumane Superrasse mutieren; und die anderen 99 %, der Ausschuss der Evolution.

Thiels Frage „Wie können wir die Freiheit vor der Demokratie retten?“ [4] taucht bei Land in anderen Begriffen wieder auf und wird rekonzeptualisiert zu: „Wie können wir Weiß-Sein …“ (das hier als Wille zur Macht verstanden wird) „ … vor den Weißen retten?“. Mit den Weißen meint er die Leute, die mit ihren Politiken der Mitmenschlichkeit die kapitalistische Akkumulation verlangsamen (das heißt, sie zu sozial relevanten Projekten wie Bildung, Grundversorgung oder Gesundheitswesen umleiten) und so die Apotheose der Geschichte verhindern. Lands Theorien sind, genau besehen, nicht ausdrücklich rassistisch (er selbst hingegen ist es zweifellos) [5] ; sie erkennen einfach an, dass SES (sozioökonomischer Status) ein faires Maß für den Intelligenzquotienten ist und damit für Verdienst. Biomedizinische Verfahren werden nur bereits bestehende Klassenunterschiede verstärken und eine transhumane Masterrasse hervorbringen (in dem Kauderwelsch von Land heißt das „Hyperrassismus“). [6]

China, darauf hat Yuk Hui kürzlich hingewiesen, wird dabei als Thema nicht angesprochen, obwohl NRx – deutlich chinesisches Wirtschaftswachstum beneidend – eine Theorie entwirft, die man vielleicht am besten so umformulieren könnte: „Wie managt man die Globalisierung, ohne an Hegemonialität einzubüßen?“ [7] Und auch wenn westliches Risikokapital nur zu gern die parlamentarische Demokratie auf dem Altar der Produktivität opfert, geht NRx noch einen Schritt weiter und spricht für eine Rückkehr zur Monarchie; eine Staatsfirma unter der Führung eines CEO-Königs [8] (zurzeit wäre Elon Musk wohl der Kandidat für diese Rolle). Die Ängste, die aus diesem Modell sprechen, sind weitverbreitet und ziehen sich bis in die sogenannten weißen Arbeiter- und Mittelklassen. Auch wenn diese nicht so sehr ein politisches Subjekt sind als vielmehr ein rassistisches Konstrukt, das durch einen Wohlfahrtschauvinismus rekrutiert und mobilisiert werden kann.

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Im Zuge der US-Wahlen 2016 stellte sich heraus, dass die NRx eine Allianz mit einer politischen Bewegung eingegangen war, die sich selbst als „Alt-Right“ (alternative Rechte) bezeichnete (eine lose Koalition von Verfechtern weißer Vorherrschaft, Maskulinisten, Antifeministen, Old-School-Rassisten, Islamophoben, Neomonarchisten und Antisemiten). Der Rassismus der NRx wird durch einen Anschein von Meritokratie rationalisiert, die alternative Rechte ist explizit proweiß, das heißt, beide Bewegungen setzen eine Matrix von Vorherrschaft und Unterwerfung in Kraft. Wer für die Abschaffung demokratischer Rechte und Absicherungen eintritt, sanktioniert damit eine Gesellschaft mit Verfolgung und Diskriminisierung in der einen oder anderen Form. Die Unterscheidung zwischen der alternativen Rechten und dem konventionellen Rechtsradikalismus ist nicht so sehr eine der Inhalte, sondern eine des Stils. Die Alt-Rechte setzt auf Nihilismus, Sarkasmus, auf ein Selbstverständnis als Anti-Establishment, und das neben anderen Modalitäten von Dissidenz, die früher einmal eine Domäne der Linken waren und traditionell mit dem Begriff „alternativ“ assoziiert wurden.

NRx und die alternative Rechte bilden so eine superstrukturelle Bewegung. Sie überführen die ökonomischen und kulturellen Dimensionen des Begriffs „Disruption“ [9] in eine Dude-bro-Ästhetik, die die Imageboard-Kultur des Internets als Waffe einsetzt. Dabei flirtet die alternative Rechte, anders als konventionelle Rechtsradikale, mit den institutionellen Räumen, die sich traditionell einer weniger politisch widerspenstigen Gegenwartskunst widmen und zu der die alternative Rechte nach Zugängen sucht.

Gegen Ende 2016 sagte der Boiler Space, ein Ableger der Pierogi Gallery in Williamsburg, Brooklyn, eine Pro-Trump-Ausstellung ab, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Show ernst gemeint war und keine, wie man angenommen hatte, ironische Absicht verfolgte. Im vergangenen Jahr machte in London die Künstlerin Sophie Jung auf das Programm der LD50 Gallery in Dalston aufmerksam. [10] Weil sie es satt hatte, dass ihre kritischen Kommentare über diesen Raum und seine Politik ständig gelöscht wurden, entschied sie sich, eine private Unterhaltung mit der Betreiberin Lucia Diego öffentlich zu machen. Diego hatte sich abfällig über die Entscheidung des MoMA geäußert, die Sammlung in Reaktion auf Trumps „Muslim Ban“ umzuhängen. Über die Einreisebeschränkungen sagte Diego: „Ich sehe das als eine temporäre Maßnahme, mit der Amerika sich Zeit verschafft, um mit dem Übergang zu einer neuen Form von Regierung umzugehen.“ Unter Diegos Leitung hatte LD50 eine von der alternativen Rechten inspirierte Ausstellung und ein Symposion organisiert, auf dem einige der verwandten Ideologien repräsentiert wurden: Zu den Vortragenden gehörten Nick Land wie auch der Amerikaner Brett Stevens („Demokratie ist das Ende der Weißen“), der Anti-Immigrationsaktivist Peter Brimelow (VDare), der Maskulinist Mark Citadel (Return of Kings) und der antifeministische Journalist Iben Thranholm (der davon ausgeht, dass europäische Kultur feminisiert wurde, weshalb sich Männer wie Frauen verhielten, aggressive Zuwanderer deutsche Frauen in aller Öffentlichkeit vergewaltigten und es eine männliche Revolution brauche und man sich auf alte, männliche Werte rückbesinnen müsse). Das Zusammenbringen von Land, der im Kunstkontext schon eine gewisse Präsenz hatte, mit Brimelow, Stevens, Thranholm und Citadel kann als ein Versuch gesehen werden, das Spektrum rechter Äußerungen, die in der Kunstwelt zirkulieren, zu erweitern – in Larne Abse Gogartys Worten: ein „Milieu“ zu schaffen.

Während die Diskussion auf Jungs Facebook-Wand heiß lief, postete Diego (oder jemand in ihrem Namen) Screenshots auf dem Blog von LD50 und leitete den Link offensichtlich an die Rechtsaußen-Webseite Amerika.org weiter, die alle Beteiligten doxxte, das heißt, ihre Klarnamen und Anschriften veröffentlichte. In der Folge wurde die Aufforderung laut, LD50 zu schließen, was für eine kurze Zeit auch geschah. (LD50 eröffnete dann wieder am 2. Mai mit TV KWA und Kantbot, die unter anderem regelmäßig zum Daily Stormer beitragen. Derzeit ist unklar, ob die Galerie an ihrer derzeitigen Adresse weitermachen wird, oder an einem anderen Ort oder unter einem anderen Namen.) [11]

Mit zunehmender Intensität der Kontroverse beschimpften einige Künstler, die offiziell oder informell mit LD50 verbunden sind, das Vorgehen von Jung als naming-and-shaming-Kampagne. Den Aufschrei, den sie damit hervorrief, verstanden sie als „Zensur“ oder als „Hexenjagd“. Aber das trifft so nicht zu. Auch eine Galerie in privatem Besitz muss sich der Forderung nach öffentlicher Wachsamkeit stellen. No-platforming ist, wie Boykotte, Demonstrationen, offene Briefe oder Streiks, ein politisches Mittel – und eines, das man mit Fug und Recht in einem solchen Szenario anwendet. [12] Um einer politischen Bewegung entgegenzuwirken, muss man sich politisch organisieren.

Der einzige Gegenprotestler, zu sehen auf einem Foto, das Frieze in seiner Berichterstattung über die Kontroverse veröffentlichte, antwortete den Demonstranten: „Ich bin kein Faschist, ist bin Jude.“ Er hatte sich mit einem Schild an die Öffentlichkeit gewandt, auf dem zu lesen stand: „Das Recht, Ideen offen zu diskutieren, muss verteidigt werden.“ Seine Äußerung ist Identitätspolitik als Farce: Nicht deine Religion bestimmt deine Politik, nicht deine sexuelle Orientierung bestimmt deine Politik, und auch nicht deine ethnische Identität bestimmt deine Politik – deine politischen Positionen definieren deine Politik. „Ich bin kein Faschist, ich bin ein Anarchist“, wäre die bessere Antwort gewesen.

Als die Kontroverse den Mainstream erreichte, verglichen der Guardian, verglichen Frieze oder ArtReview die Kampagne für eine „Schließung von LD50“, in denen „wütende Mengen“ gegen die „Gegenwartskunst“ demonstrierten, mit den Pegida-Protesten in Dresden. [13] Auch diese Argumentationen verfehlen es wieder einmal, die politischen Inhalte sowohl der Proteste als auch der fraglichen Kunstwerke zu berücksichtigen. Stattdessen zeigt sich hier ein Vorurteil der Mittelschicht über das bourgeoise Protokoll hochkultureller Orte und die (bildungsferne) Unterschicht. Ein Kunstraum, wie ein Gemälde [14] , ein privilegierter Ort der bourgeoisen Rezeption, muss verteidigt werden, was auch immer damit tatsächlich vertreten wird.

Derselbe Reflex in der Maske eines transgressiven Ethos zeigt sich auch in Daniel Kellers Äußerungen, der seine Gesprächsveranstaltung am Goldsmiths wegen der LD50-Fehde absagte. [15] Für Keller waren die Proteste „kontraproduktiv – eine Definition von nach unten treten“, schließlich sei LD50 ein „kleiner Projektraum“, den außerhalb Londons kaum jemand kenne. Die Kampagne für seine Schließung schaffe selbst erst Aufmerksamkeit für einen Gegenstand, den man aus dem Weg schaffen wollte – ein typisches Beispiel für einen „Streisand-Effekt“. Als ihn im Anschluss das Magazin Spike einlud, in Berlin einen Vortrag zu halten, trat Keller hier genau mit dem an die Öffentlichkeit, was er ursprünglich für Goldsmiths vorbereitet hatte: Er sprach über die „Meme Magick“ der alternativen Rechten, über Pepe den Frosch und den Basilisk. Er vertrat dabei die These, dass es gegen die sogenannte alternative Rechte keinen wirksamen Protest gibt, sie könne nur durch mimetische Appropriation ausgehöhlt werden. Und für die ungewollte Verbreitung von Inhalten hatte er auch eine persönliche Anekdote: die Absage der Goldsmith-Veranstaltung habe eine Einladung, seinen Standpunkt in der Frieze zu schildern, ergeben und dann eben diesen Vortrag in Berlin. Was sich auch hier zeigt, von den Folgewirkungen der Aufmerksamkeitsökonomie einmal abgesehen, ist eine orthodoxe Geste der Affirmation: künstlerische Freiheit, der sozial sanktionierte Lokus der kreativen Mittelklasse, sticht (falsch verstandene) „politische Korrektheit“ aus.

Hier zeigt sich etwas an der Psychologie des Liberalismus und seines Repertoires an Prinzipien, über das man nachdenken müsste. Liberale Demokratie kann sich illiberal verhalten: Subjekte werden, je nach geopolitischen und sozioökonomischen Unterteilungen, unterschiedlich aufeinander bezogen; dabei kann auch der Entzug von Fürsorge biopolitisch eingesetzt werden. Kurz: Derselbe Staat kann für manche als soziale Demokratie auftreten und für andere als ein faschistisches Regime. [16] Das liberale Ethos ist sich dieser Mängel bewusst, aber es findet immer noch gute Gründe, seine Maske nicht abzulegen, und beschwört dabei eine moralische Rhetorik, um sein unmoralisches Konstrukt abzusichern. [17]

Übersichtsgrafik zu NRx, April 2013

Affirmierende Strategien folgen der Logik des Fetischs. [18] Ihr einziger Modus ist Intensivierung (zum Beispiel: je schlechter, desto besser; die Trolls trollen; der einzige Ausweg ist der Weg mitten hindurch). In dieser Manier lässt auch das ANON Kollektiv (Autoren des „Alt-Woke-Manifests“, das sich auf Keller bezieht), das den offenen Brief „Keine Plattform für Land“ zurückweist [19] und linken Akzelerationismus verteidigt, Gedankenfiguren von Land erkennen [20] (z.B. eine reaktive Linke; oder politische Korrektheit und „Social justice Warrior“ als phantasmatische Gegner). Ungewollt lassen sie diese Inhalte und ihre affektive Wirkung damit noch interessanter erscheinen, statt sie zu entschärfen.

Das verwendete Vokabular, so meinen manche, sei einfach im Umlauf und nicht festgelegt. Ich sehe das anders: Die Begriffe sind genauso sehr auf der Seite des antilinken Kreuzzugs von Land und Yarvin, wie Lügenpresse und Volksverräter Teil des Nationalsozialismus sind. Nicht festgelegt ist der Pool von Nutzern und sind die Kontexte, in denen dieses Vokabular auftaucht: Chauvinistische Episteme durchlaufen einen Prozess der Normalisierung durch Gruppen, die selbst mit der extremen Rechten nichts zu tun haben. Auch hier ist Land eine entscheidende Figur, an der diese Operation hängt. Niemand, den ich kenne, würde für Brimelow oder Brett Stevens in die Bresche springen, aber Land hat eine Schar von unerschütterlichen Anhängern, die hartnäckig behaupten, dass seine derzeitige Tendenz die Bedeutung seiner früheren philosophischen Beiträge nicht schmälert. Für Institutionen wie das New Center [21] , an die der offene Brief gerichtet war und in dem gefordert wurde, dass Land keine Plattform bekommen sollte, teilt sich Land wie die Lacanianische Mutter [22] in einen „guten“ und einen „schlechten Land“. [23] Und sie haben es nur mit dem guten Land zu tun. Es geht bei dieser Debatte weniger darum, ob man sich mit Lands Schriften beschäftigen sollte oder nicht, sondern darum, dass Institutionen eben instituieren. Sie setzen Menschen in Funktionen ein. Wer den guten Land auftreten lässt, muss den ungewollten Effekt berücksichtigen, dass auf diese Weise auch der schlechte Land respektabel wird und sogar an Einfluss gewinnt. Ohnehin ist der Gegensatz zwischen den beiden Lands übertrieben: Land war niemals „links“, wie immer man es auch dreht und wendet. [24] Alex Williams schreibt, dass Land „immer einen absoluten Prozess von Akzeleration und Deterritorialisierung wollte“ und deswegen daran festhielt, dass „Politik und jegliche Moral, vor allem die der Linken, diesen fundamentalen historischen Prozess blockieren“. [25] Auf die Frage, wer oder was die wirkende Kraft der Revolution ist, war Lands Antwort immer: der Kapitalismus. Für diejenigen Linken, die sich ein kollektives Subjekt nicht länger vorstellen konnten, erwiesen sich seine Argumente als verführerisch. Aber der Kapitalismus ist nicht die wirkende Kraft der Geschichte. Dem Kapitalismus liegt per definitionem an sozialer Stasis. Bei Land geht Dialektik entsprechend in Phylogenese auf, und politische Konflikte werden zu chimärischen Kämpfen um Überleben und Auslöschung verschoben. Anders gesagt: Nicht Land hat sich verändert, sondern der Kontext, und auf den Kontext kommt es nun einmal an. Was in den 90ern noch eine Außenseiterposition war und vor allem Widerpart sein wollte – und als solcher verteidigenswert –, ist nun eine zunehmend aggressive politische Präsenz.

In ihrem Beitrag in The Baffler zitiert Megan Nolan zur LD50-Debatte eine Person aus dem Antifa-Umfeld: „Hier geht’s nicht um Kunst, sondern um Faschismus.“ Ich würde es anders formulieren: Bei LD50 geht es weder nur um Kunst noch allein um Faschismus. Es geht spezifisch um den Wiederaufstieg des Faschismus als kulturelle Kraft. Wir würden darüber nicht reden, ginge es dabei wirklich nur um einen kleinen Projektraum in Dalston. Von einem beträchtlichen Teil der Kunst, die gegenwärtig ausgestellt wird, könnte man sagen, dass sie, zumindest halb bewusst, ideologische Prinzipien einschließt, die auch den cyberlibertären Ansichten von NRx gut ins Programm passen. Eine Faszination für Memes und andere evolutionäre Figuren, für „Tausch“-Ökonomie und eine Position zwischen links und rechts, sind verbindende Punkte zwischen der Rhetorik des Cyberutopischen und der Kunst, die nun schon seit einigen Jahren informell als „Post-Internet“ bezeichnet wird. Aber das Reich des Affekts ist vorsubjektiv; diese Überschneidungen implizieren keine Übereinstimmung der Politik, eher ein geteiltes libidinales Investment in die Triade Neuheit-Technologie-Potenz. Von daher stellt sich die Frage: Wie beschreibt man den Nexus zwischen Ästhetik und Ideologie, der an diesem akzelerationistischen Impuls hängt? Wie erfasst man das Ineinandergreifen von technologischer Entwicklung, Kapitalakkumulation und sozialer Formation, ohne das Silicon Valley, Akzelerationismus und Post-Internet zu einem einzigen schlechten Gegenstand zusammenzuwerfen? [26]

Kunstformen, die in Warhol’schen Währungen handeln (Appropriation, Ent- oder Umwertung, Ikonophilie) sind, aufgrund eben ihrer Plastizität, an die Drehungen und Wendungen kommerzieller Kultur gebunden. Letztere wird derzeit vor allem von der Tech-Industrie des Silicon Valley verkörpert. „Digital“ bezeichnet hier nicht einfach eine Produktionsweise, sondern einen Repräsentationsmodus. Digital steht für die kulturelle Logik ihrer Wertform.

In den Fußstapfen von Pop sehe ich den Post-Internet-Stil eine einzige konzeptuelle Geste vollziehen: Er affirmiert die Identität zwischen Kunst und Kapital – und es ist diese affirmierende Strategie, die ein ansonsten eher loses Genre unter dem akzelerationistischen Mantra vereint. Es gibt kein Außen zum Kapitalismus, deswegen ist der einzige Weg der Weg mitten hindurch. [27] Paradoxerweise wird diese Geste durch das lesbar gemacht, was sie negiert, nämlich das Erbe von Moderne und Kritischer Theorie als oppositioneller oder semi-autonomer Figuren. Man könnte sagen: Der Post-Internet-Stil ist die Negation der Negation. Die doppelte Verneinung wird zum Positiv eines globalen visuellen Idioms, das die Vektoren von Silicon-Valley-Warenraum mit den globalen Strategien des Imperiums der Vereinigten Staaten verknüpft. Und so verwandelten sich nach dem Ethos der Tech-Industrie-Kultur (von der schwachen Utopie des konsumentenorientierten Liberalismus eines Bill Gates zum digitalen Feudalismus von Peter Thiel, Curtis Yarvin und Eliezer Yudkowsky) auch einige der ästhetischen Ränder des Post-Internet-Stils von marktverliebter Frivolität in einen Untergangskult, dessen Mischung aus New-Age-Esoterica und Cyber-Dystopie die Bildwelten der äußersten Rechten beliefert und ihnen nihilistischen Glanz verleiht.

Rokos Basilisk, ein Gedankenspiel, das der Blog LessWrong hervorbrachte, ist die Hypothese, dass KI, sobald sie einmal existiert, ihre Entstehung beschleunigen will und damit retroaktiv alle Menschen unter Druck setzen würde, die nicht zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Man kann diesen Gedanken (den Daniel Keller in seinem Vortrag fetischisierte, offensichtlich ohne ihn völlig zu verstehen) als ein Symptom lesen [28] : Alle, die ihr Leben nicht der Hervorbringung des Basilisken widmen, werden grausam bestraft werden – eine perfekte Parabel für die digitale Ökonomie und dafür, wie sie eine strikte Unterscheidung zwischen der Tech-Plutokratie (die ihr Leben der Aufzucht des „Basilisken“ widmen) und der darin anwachsenden Unterklasse der gering Beschäftigten oder prekären Nutzer repräsentiert und erzeugt.

Paradoxerweise sind es gerade diejenigen, die den nachteiligen Effekten von Ungleichheit und Prekarität eher ausgesetzt sind, die sich stärker vom Nihilismus dieses Modells faszinieren lassen. Die Einführung des Internets wird darin als eine neue Bedingung verstanden, als Markierung einer evolutionären Schwelle. In dieser „Logan’s Run“-Logik maskiert das Konzept der Digital Natives einen soziopolitischen Verlust (den rapiden Niedergang des Lebensstandards) als evolutionären Fortschritt (Millenials adaptieren sich leichter). [29] Von daher die Hochglanzoberflächen, zu denen Post-Internet neigt: Diese schlüpfrigen Oberflächen sind eine Chiffre für die Weise, in der das Geldwesen seine Daseinsform allem aufzwingt und es verflüssigt und deterritorialisiert. Prekarität wird nicht als Problem verstanden, das eine politische Antwort erfordert. Stattdessen wird sie zum Spiel ums Überleben und zugleich in einer libidinalen Ökonomie aufgehoben. Weil wir es uns kaum leisten können zu leben, halluzinieren wir, dass das Leben selbst verschwinden wird: Die Singularität ist eine zur Theorie erhobene soziale Angst.

Das Gegenteil von Affirmation ist nicht Rückzug, sondern Negation. Hier finden wir etwas, so würde ich argumentieren, das sich nicht in Warhol’sche Währung tauschen lässt. Die Frage ist nicht, ob Kunst den von der Tech-Industrie ausgelösten sozialen Dynamiken entgegentreten sollte, sondern wie man das Management zurückdreht, das, in den Worten von Evan Calder Williams, „Leben, Materialien und Systeme auf unterschiedliche, sanktionierende Weise an einen Zeitmodus fesselt, der als Kontinuität der Gegenwart entworfen wurde“. [30] Daniel Keller meint, dass man den Basilisken der „alternativen Rechten“, um ihn zu vernichten, nur spiegeln kann. Hier wird, denke ich, der Todestrieb als Dialektik missverstanden. Das Spiegeln inszeniert eine mise-en-abyme, in der ästhetische Erfahrung zu einer direkten Verlängerung von kommerziellem Terror wird, ohne dass den Bedingungen, die ihn entstehen ließen, in irgendeiner Form etwas entgegengesetzt wird.

Übersetzung: Bert Rebhandl

Anmerkungen

[1]Nick Srnicek und Alex Williams verwenden den Begriff inzwischen nicht mehr. „Inventing the Future“ ruft in sozialer Hinsicht eher zu einer Dezeleration auf. Schon 2010 beschimpfte Ray Brassier Land als „Handlanger einer zynischen Spielart des libertären Kapitalismus“. Ein neuerer Artikel im Guardian über den Akzelerationismus sieht Land eher als eine Randfigur, nachdem er so lange eine Schlüsselfigur in der Szene des spekulativen Realismus und des Akzelerationismus gewesen war: https://www.theguardian.com/world/2017/may/11/accelerationism-how-a-fringe-philosophy-predicted-the-future-we-live-in.
[2]Siehe den brillanten Aufsatz von Shuja Haider: https://www.viewpointmag.com/2017/03/28/the-darkness-at-the-end-of-the-tunnel-artificial-intelligence-and-neoreaction/.
[3]Viele Kommentatoren nennen Deleuze und Guattari oder Lyotard als wichtige philosophische Einflüsse für Land, in seinen neueren Schriften sind aber Ray Kurzweil und Ayn Rand viel stärker präsent.
[4]Die Formulierung findet sich hier: https://www.cato-unbound.org/2009/04/13/peter-thiel/education-libertarian.
[5]Dies ließ sich allenfalls bis zu dem Zeitpunkt bestreiten, an dem Land sich auf Twitter (dieser universalen „Entsublimierungsmaschine“, um Sven Lütticken zu zitieren) mit dem Statement meldete, dass nordafrikanische Migranten die Kriminalitätsrate in Deutschland anwachsen ließen.
[6]Trump brachte dies in weniger philosophischen Worten zum Ausdruck: „Mein ganzes Leben habe ich Politiker gesehen, die sich damit brüsteten, wie sie von ganz unten kamen und wie arm ihre Eltern und Großeltern waren. Wenn die über Generationen so arm bleiben können, sagte ich mir, dann ist das vielleicht niemand, den wir unbedingt in ein höheres Amt wählen wollen. Wie gescheit können die schon sein? Das sind Schwachköpfe.“ http://www.nytimes.com/1999/11/28/opinion/liberties-trump-shrugged.html.
[7]Zitat Hui: „Die neoreaktionäre Bewegung und die Alt-Rechte zeugen grundlegend von einer Angst angesichts der Tatsache, dass der Westen unfähig ist, mit der gegenwärtigen Phase der Globalisierung zurechtzukommen und die Privilegien aufrechtzuerhalten, die er in den vergangenen paar hundert Jahren genossen hat.“ http://www.e-flux.com/journal/81/125815/on-the-unhappy-consciousness-of-neoreactionaries/.
[8]Gov-Corp ist die Trump-Doktrin. Nikki Halley hat gerade erst die Entlassung von FBI-Direktor Comey mit den Worten verteidigt: „Der Präsident ist der CEO des Landes, er kann einstellen und rauswerfen, wen und wie er will.“
[9]Das heißt „disruptive Innovation“, das unternehmerische Mantra der Tech-Industrie; eine New-Age-Version der „schöpferischen Zerstörung“ des Ökonomen Joseph Schumpeter, eines Klassikers des 20. Jahrhunderts. Auf einen institutionellen Kontext angewandt, bedeutet „Disruption“ den Austausch kritischer ((Kritischer)) Theorie. Andrew Stefan Weiner bringt es so auf den Punkt: Disruption ist ein „aktuelles Thema, das dem Kunstmarkt bei seinen Versuchen hilfreich ist, die Kluft zwischen seinem gegenwärtigen Publikum (die Leserschaft des Artforums) und einem anderen, heftig ersehnten (die zunehmend wohlhabenden und dominanten Leser von Wired) zu schließen“.
[10]In der Toxikologie ist LD50 die mittlere lethale Dosis, die erforderlich ist, um die Hälfte einer Testpopulation zu töten – diese Namenswahl mag für die Diskussion relevant sein oder nicht, sie steht aber offensichtlich im Einklang mit Positionen, die von einigen der eingeladenen Vortragenden eingenommen wurden: dass Immigranten Toxine sind, die den sozialen Brunnen vergiften.
[11]https://www.dailystormer.com/tv-kwa-introducing-kwaly/.
[12]Redefreiheit ist das Recht, seine Meinung zu äußern, ohne Angst vor Regierungsmaßnahmen haben zu müssen. Sie beinhaltet nicht das Recht auf eine Plattform für die Ausübung des Rechts.
[13]Am 7. Februar dieses Jahres führte die Enthüllung einer Hommage an die zivilen Opfer in Aleppo – Monument von dem syrisch-deutschen Künstler Manaf Halbouni – zu Protesten von Demonstranten der äußersten Rechten und Pegida-Organisatoren (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands).
[14]Man kann eine Analogie zu der Malerei von Dana Schutz ziehen: Aufrufe zu ihrer Zerstörung wurden auch als hysterisch und rachsüchtig empfunden und in den Medien ausführlich behandelt, wodurch die wichtigere Diskussion über weiße Autorenschaft und Schwarzes Leid an den Rand gedrängt wurde.
[15]Zu diesem Vorgang gibt es widersprüchliche Versionen. Kellers eigene Darstellung findet sich hier: https://frieze.com/article/survey-culture-wars. Angehörige des Goldsmith College, mit denen ich gesprochen habe, gaben zu verstehen, dass Kellers Text vieles auslässt und verdreht und dass die Studierenden niemals seine Ausladung gefordert hatten, sondern eine Gelegenheit, auf seinen Vortrag zu reagieren.
[16]Siehe Josephine Armistead, „The Silicon Ideology“, https://archive.org/details/the-silicon-ideology.
[17]So das berühmte Argument von Slavoj Zizek in seiner Kritik des Zynismus als einer Ideologie.
[18]In derselben Woche hielt Hito Steyerl einen Vortrag im HKW zum selben Thema, allerdings mit einem gänzlich anderen Zugang: Sie sprach sich dafür aus, den Basilisken nicht zu zeigen; stattdessen zeigte sie Menschen, die in der Türkei für ein Nein beim Verfassungsreferendum warben. Steyerl wich damit von dem Klischee ab, dass Protest etwas rein Negatives ist, und ließ Negation als ein produktives Prinzip erkennbar werden, als ein Mittel, sich unserer elenden Gegenwart zu entziehen.
[19]https://shutdownld50.tumblr.com/post/158928600961/no-platform-for-land-on-nick-lands-racist.
[20]SJW (social justice warriors, i.e. Krieger für soziale Gerechtigkeit), Calvinist Left, Red Guards, The Cathedral, Cucks, Alphas and Betas und andere Beispiele aus dem NRx-Glossar werden ohne viel Nachdenken in Posts in Facebook oder anderen sozialen Medien verwendet.
[21]Das New Center ist eine Nonprofit-Bildungsplattform, die Land kürzlich die Mitgliedschaft in seiner Fakultät entzogen hat: https://www.facebook.com/thenewcentre/posts/644026572465531 . (Die gedruckte englische Fassung dieses Textes bezeichnete das New Center fälschlicherweise als For-Profit-Organisation. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler).
[22]Weil das Kind die gleichzeitige Präsenz widersprüchlicher Eigenschaften nicht erfassen kann, teilt es die Mutter in eine gute (anwesende) und eine schlechte (abwesende) Mutter auf.
[23]Land ist kein idiosynkratischer Misanthrop. Er ist eine Galionsfigur eines äußerst rechten Netzwerks. Ähnliche Fragen könnte man in Deutschland zu Marc Jongen stellen: Wie kann man dem Philosophen Marc Jongen eine Plattform einräumen, ohne den Ideologen Marc Jongen damit zu bestätigen?
[24]Benjamin Noys beschrieb die Entwicklung von Lands philosophischem Denken als eine von einem „deleuzianischen Thatcherismus“ zu dem geringschätzigen Label „Akzelerationismus“. Dieser Verlauf hängt an einem irrigen Verständnis von Marx, der die These vertrat, dass der Kapitalismus schließlich an seinen eigenen Widersprüchen zerbrechen würde. Für den frühen Land ging es darum, diese Widersprüche aufzugreifen und zu beschleunigen, um die Implosion des Systems schneller herbeizuführen.
[25]http://www.e-flux.com/journal/46/60063/escape-velocities/.
[26]Ich danke Tirdad Zolghadr, der diese Frage aufgeworfen hat.
[27]Siehe Shuja Haider in https://www.viewpointmag.com/2017/03/28/the-darkness-at-the-end-of-the-tunnel-artificial-intelligence-and-neoreaction/.
[28]Rokos Hypothese beruht auf einer Bayes’schen Wahrscheinlichkeit, die Wahrscheinlichkeit als plausible Erwartbarkeit versteht, das heißt, wenn man den Basilisken (und seine mutmaßlichen Absichten) zum Thema macht, dann macht man ihn auch stärker. Das kann auch eine Widerlegung von Kellers Argument ergeben. Der Basilisk war auch ein populäres antisemitisches Bild während der Reformation. Dass dieses Emblem jetzt in 4chan und in der Folge auf LessWrong auftaucht, hat damit zu tun, dass der Pool von Postern Überschneidungen mit dem Neonazi-Untergrund im Netz hat. Dort hat diese Ikonografie immer noch Anhänger.
[29]Ich arbeite hier mit einigen Ideen, die ich gemeinsam mit Anselm Franke in einem früheren Aufsatz über die postpolitische Kondition für Open! entwickelt habe.
[30]Evan Calder Williams, „Volcano, Waiting“, http://wdwreview.org/sediments/future/.

Titelbild / lead image: Neil Blomkamp, „Elysium,” 2013, Filmstill