„Denn keiner trägt das Leben allein“: Vojin Saša Vukadinović über „What was I thinking?“ von Sladja Blazan und Avital Ronell im HAU3, Berlin

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Sladja Blazan, Avital Ronell, Lecture Performance „What was I thinking? A Critical Autobiography & Spectral Colloquy: The History of My Unthought“, HAU 3, Berlin, 17. Juni 2010, Copyright: Christina Zück

Avital Ronell gehört zweifelsohne zu den originellsten Theoretiker/innen der Gegenwart. Jede ihrer Arbeiten ist bislang ein Ereignis gewesen. Ob zu Goethe („Dictations“, 1986), zum Telefon („The Telephone Book“, 1989), über Sucht („Crack Wars“, 1992), Fernsehen („Finitude’s Score“, 1994), Dummheit („Stupidity“, 2001) oder das Begehren, zu testen („The Test Drive“, 2005) 1 – ihre Texte suspendieren die Opposition von Philosophie und Literatur, während sie dem behandelten Sujet gerade dadurch auf den Grund gehen, indem sie ihn erst einmal verunklären. Ronells schriftliches Werk ist von jeher durch eine künstlerische, der Performancekunst zugehörige Seite ergänzt worden. In Berlin hat sie diese bezüglich der Frage demonstriert, was es heißt, „sich“ im akademischen Diskurs und unter den Bedingungen seiner konventionalisierten Wissens- und Repräsentationsweisen „darzustellen“.

Unter der Regie von Sladja Blazan, zu einem Bühnenbild von Judith Hopf, begleitet von Musik von Tatjana Mesar und Greg Cohen, Video-Einsprengseln von Chris Kondek sowie einer Camera Obscura von Orthographe widmete sich Ronell, die am German Department der NYU lehrt, an drei Abenden im Berliner Theater Hebbel am Ufer 3 der Frage „What was I thinking? A Critical Autobiography & Spectral Colloquy: The History of My Unthought“. In Referenz auf Heideggers „Was heißt Denken?“ wurde hier eine Lecture-Performance aufgeführt, die Ronell gemeinsam mit ihren „life-long (one of her lives) interlocutors“ und Germanistik-Kolleg/innen Laurence Rickels und Susan Bernstein bestritt.2 Das Zusammenbringen von nur vordergründig disparaten Feldern des Wissens, Personen und Imaginärem, hieß es weiter im Programmheft, solle Auskunft über einen „intellectual process“ geben. Doch ähnlich wie bei Ronells Texten entzog sich der Versuch, die eigene Prozesshaftigkeit des Denkens offen zu legen, jeder unmittelbaren Greifbarkeit, denn narrative autobiographische Eindeutigkeiten verschwanden im Laufe der Performance zusehends, während typische akademische Fixpunkte hingegen, die sich etwa in der ostentativen Pflege von CVs manifestieren, gar nicht erst auftauchten.

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Laurence Rickels, Avital Ronell und Susan Bernstein, Lecture Performance „What was I thinking? A Critical Autobiography & Spectral Colloquy: The History of My Unthought“, HAU 3, Berlin, 17. Juni 2010, Bühnenbild von Judith Hopf, Copyright: Christina Zück

Rickels eingangs gestellte Forderung, Ronell möge sich selbst vorstellen, wurde von dieser zunächst abgewiesen: „I lack the narcisstic enzyme count to be able to present myself“,  erwiderte sie, nicht ohne professoral zu unterstreichen: „Plus it’s theoretically incorrect. I mean, who presents herself?“. Rickels – in Krankenschwestern-Drag – ließ jedoch nicht locker. In zunehmend spitzer werdendem Tonfall forderte er Ronell auf, sich zu erklären, ihr Werk über die Autobiographie oder die Autobiographie über das Werk kenntlich zu machen, ihm und dem Publikum Klarheit zu schenken über das Phänomen AR. Ronell gab schließlich partiell nach und legte los, indem sie ihre Herkunft offen legte, die sie als „true fiction“ titulierte und die über die bloße Bekanntgabe ihrer „intellectual DNA“ hinausging. Ihre Abstammung wurde als schwuler Schöpfungsakt wiedergegeben, der in Form eines oldschool-Schwulenpornos auf die Leinwand projiziert wurde, während Ronell von der Affäre eines strengen Vaters namens Hermeneutik und einer zärtlichen Mutter namens Dekonstruktion berichtete, als deren legitimer Nachwuchs sie sich bekannte. Auf den ersten Blick erinnerte diese Vorstellung an die Zeugungsidee von Deleuze, mittels der er seine Arbeiten einst als monströse Brut seiner textuellen Penetration von Autoren auswies.3 Hier ging es jedoch nicht um die Genese der eigenen Theorieproduktion, sondern um mehr, um das eigene Subjekt-Werden lange vor jeder universitären Betätigung. Ronell jedenfalls berichtete, dass sie unter diesem strikten Vater und dieser verspielten, wenn auch melancholischen Mutter zum „troublemaker“ aufwuchs. Das bedeutete zwar leider auch viel Ärger für sie selbst, hat sich allerdings auch dahingehend ausgezahlt, als es genau dieser betonte Aspekt des produktiven Ärger Machens ist, der mit dazu beiträgt, ihren Arbeiten den unnachahmlichen Tonfall zu verleihen.

Nun handelte es sich trotz der zahlreichen, häufig nur angedeuteten Verweise auf viele ihrer eigenen Texte bei „What was I thinking?“ nicht um eine Ronell’sche Werkschau, sondern um ein Nachzeichnen jener spezifischen High-Theory-Koordinaten, vor deren Hintergrund sich die Arbeiten der Philosophin und Literaturwissenschaftlerin konstituiert haben. Sie nannte „L-L“ (Philippe Lacoue-Labarthe), „JD“ (Jacques Derrida), „HC“ (Hélène Cixous), „FN“ (Friedrich Nietzsche) und andere – auf Initialen verkürzte Chiffren ihrer theoretischen Bezugsgrößen, von denen in der Performance manche einen zusätzlichen Auftritt als Angehörige einer ausgedehnten Familie der Geistesgeschichte erlebten, so zum Beispiel „Aunt Kierkegaard“, „Oma Schlegel“, „Tante Nietzsche“ oder „Cousin Freud“. Selbstverständlich erklärt diese illustre Namensliste die Einzigartigkeit von Ronells Texten nur bedingt. Die Präzision ihrer Analysen und ihr einmaliger Einsatz von Fiktion zur Er- oder Entgründung philosophischer Fragen sprechen schließlich genauso für sich wie die unerwarteten stilistischen Brechungen, die sich in ihnen ereignen. Weder dieser Stil, der den Slang der Straße mit demjenigen der hohen philosophischen Reflexion vermischt, noch die thematische Aufmerksamkeit, die Ronell dem vordergründig philosophisch nicht zu Erklärenden widmete – sei es das Fernsehen, sei es das Telefon –, hatten Vorläufer/innen in akademischen Publikationen. Ihre dekonstruktivistisch wie psychoanalytisch vorgehenden Arbeiten, die sich häufig durch direkte Adressierungen der Leser/innen per „you“ in ihren Texten auszeichnen und diese somit zu einem Teil ebendieser Analysen werden lassen, richten die Aufmerksamkeit auf Alltägliches bzw. auf Objekte, von denen kaum gesagt werden kann, dass sie bislang den Status philosophischer Sujets inne gehabt hätten. Zu Tage treten dann allerdings keine Gewissheiten, sondern vielmehr Unheimlichkeit, die aus dem Nachzeichnen der unbewussten Besetzungen resultiert, die etwa die Geschichte des Telefons oder auch diejenige der Sucht umgeben.

Mit ihrer ironischen Selbstlokalisierung inmitten einer weit verzweigten, imaginierten Familienkarte setzte sich Ronell jedenfalls von den leeren Gesten akademischer Namedropping-Gepflogenheiten genauso dezidiert ab wie von intellektuellen Geniekulten, welche die eigenen Arbeiten ausschließlich aus sich selbst heraus verstanden haben wollen. Es geht ihr um ein fortwährendes Miteinander, darum, unvereinnahmend Halt im Denken der Anderen zu finden, denn „every ‚I’ is always a ‚we’“. Dies gilt auch dann, wenn die genannten philosophischen Bezugsgrößen lange vor Ronell lebten oder einige ihrer wichtigsten Weggefährt/innen mittlerweile verstorben sind. Eine wiederholte Zeile Hölderlins hob diesen Punkt besonders hervor: „Denn keiner trägt das Leben allein“. Im weiteren Sinne ist dieser Satz auch dahingehend zu lesen, welchen Subjektivierungsmodi man sich unterwirft, wenn die Frage des Lernens aufgeworfen wird. Das Bühnenbild aus wenigen Tischen, Vortragspult und einer Leinwand, auf dem Ronell für die überwiegende Dauer der Performance zwischen Rickels und Bernstein an einem Tisch platziert war, unterstrich hier den individualisierenden Geist des Klassenzimmers bzw. Seminarraums. Dort scheint eine auffordernde, hierarchische oder auch autoritäre „Wissensvermittlung“ von Lehrer/in oder Dozent/in des Öfteren weniger darauf bedacht zu sein, Wissen den größtmöglichen und generösen Freiraum zu bieten – vielmehr produziert und etabliert akademische Lehre vereindeutigende und konforme Weisen der Selbstdarstellung.4 

Ronell vollzog schließlich einen radikalen split off und wechselte für einen Moment in ihr Professorinnen-Selbst, das über eine schwerwiegende Lektion ihres akademischen Lebens referierte: die Auswirkungen ihres ersten Buches über Goethe, in welchem sie dessen Assistenten Eckermann als eigentliche Prominenz hinter dem germanistischen Superstar hervortreten ließ und die exkrementellen Aspekte in Goethes Arbeit betonte, die aus Eckermann „Dreckermann“ machten. Das Resultat, von dem man eigentlich annehmen könnte, dass es der nicht gerade überschaubaren – und häufig auch nicht besonders aufregenden – Goethe-Forschung tatsächlich Neues zufügen würde, ist niederschmetternd gewesen: „Lost my job in Germanistik as a result“.

Wie es sich für eine troublemaker jedoch gehört, ist dieser Rauswurf  durch die „normal, straight and boring Wissenschaft“ kein Grund dafür, sich selbst zu bemitleiden. Ronells ausgegebene Devise lautete „never complain, never explain“. Sie verwies auf ihre Teilhabe an losen Theorie-Gangs, um dissidentem Denken innerhalb rigider akademischer Gepflogenheiten und Curricula einen Platz zu verschaffen, der einzeln nicht zu erkämpfen sei. Dass es sich dabei auch um einen dezidiert feministischen Kampf handelt, hat Ronells Arbeiten von Anfang an wesentlich geprägt. Wo Nietzsche (in der englischen Übersetzung) einst von „woman as truth“ sprach, setzt Ronell in seiner feministisch gewendeten Nachfolge und metonymischer Verschiebung auf „woman as trouble“: „I have defined trouble to be a woman’s duty“. An genau diesem Punkt, an dem subjektives und theoretisches Interesse in einander übergehen, beginnen auch die Unterschiede zwischen Philosophie und Autobiographie unscharf zu werden, bevor sie im Falle von „What was I thinking?“ zusammen mit allen Protagonist/innen in einer riesigen Camera Obscura verschwanden. Aus deren Off verkündete Ronell schließlich noch eine kondensierte Auslegung der eigenen Arbeit. Nach einer zugleich sehr heiteren und bewegenden, da mit sämtlichen akademischen Gepflogenheiten vermeintlicher Zurückhaltung brechenden autobiographischen tour de force vermittelte dies nochmals, was es heißt, dem Ruf der Anderen ausgesetzt zu sein, der aus der Unbestimmtheit auf das eigene Nichtwissen zielt und, wie Ronell bekundet, dem Denken und Schreiben seine Konturen verleiht.

 

Anmerkungen

1 Vgl. auch die Übersetzungen von Ronells Arbeiten ins Deutsche von Rike Felka: „Das Telefonbuch. Technik, Schizophrenie, elektrische Rede“ (Berlin: Brinkmann & Bose 2001) und „Dummheit“ (Berlin: Brinkmann & Bose 2005)

2 Sladja Blazan hat für „What was I thinking?“ eine Website eingerichtet: www.spectralcolloquy.de

3 Vgl. Gilles Deleuze, „Brief an einen strengen Kritiker“, in: ders., „Unterhandlungen. 1972-1990“, Frankfurt am Main 1993, S. 11-24, hier: S. 15.

4 In einem Vortrag am ZfL Berlin widmete sich Ronell am 30.06.2010 der Frage „What was authority? A Parasite’s Report (On the Defeat of Politics since Kafka)“. Autorität ist zudem das Sujet ihrer kommenden Arbeit, „Loser Sons“.