Die DDR in Rekonstruktion

Lenka Clayton, "Zweifel", 2006, Filmstill, copyright: Lenka Clayton

„Die DDR hat's nicht gegeben“, dieses Graffiti zierte die letzten Fundamente des Palastes der Republik auf dem Schlossplatz in Berlin. Inzwischen ist der Spruch wie auch das ganze Gebäude aus dem Stadtbild verschwunden. Lediglich ein verkleinerter Klon in Gestalt der Temporären Kunsthalle, eine Außenarbeit von Bettina Pousttchi, erinnert vorübergehend an die einstige Volkskammer der DDR, bis auch diese wieder abgebaut wird. Ansonsten wächst längst Gras über dem Ort, an dem dann irgendwann einmal das Stadtschloss in neuer, alter Pracht entstehen soll. Die Frage, wo die DDR geblieben ist, stellt sich nicht nur in Berlins Mitte, sondern ebenso mit Blick auf die ausgestellte Kunst der letzten Jahre. Einen produktiven Umgang mit dem Thema gibt es nicht zu verzeichnen, im Unterschied etwa zum Kino, wo es einen breiten Niederschlag gefunden hat.1


Während Künstlerinnen und Künstler aus den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks darauf abonniert zu sein scheinen, dem westlichen Kunstbetrieb die triste Wirklichkeit der post-sozialistischen Gegenwart näher zu bringen, sind im wiedervereinten Deutschland zeitgenössische Positionen, die sich mit der DDR und der Nachwendezeit befassen, jedenfalls erstaunlich wenig anzutreffen. Sind sie einfach unterrepräsentiert, weil diese Epoche lieber gleich zu den Akten der Geschichte gelegt wird? Zu dieser Einschätzung kann man jedenfalls kommen, wenn man sich die Veranstaltungen zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls ansieht. Das Haus der Kulturen der Welt stellte anlässlich dieses Jubiläums historische Fotografien von vier Mitgliedern der Agentur Ostkreuz aus. In der benachbarten Akademie der Künste beleuchtete man unter dem Oberbegriff „Kunst und Revolte '89“ mit Werken und Dokumenten aus der damaligen Zeit die kreative Szene der DDR.


Schon allein aus diesem Grund ist die Ausstellung „Reconstructed Zone – Aktuelle Kunst zur DDR und danach“ im Kunstverein Wolfsburg erst einmal zu begrüßen. Die von Anne Kersten kuratierte Schau versammelt Arbeiten zum Gegenstand von neun Künstlerinnen und Künstlern, die zwischen 1964 und 1979 geboren wurden. Einige, Sandra Kuhne und Sven Johne etwa, wuchsen in der DDR auf; andere wie Nina Fischer und Maroan el Sani wurden im Ruhrgebiet geboren; Dora García und Lenka Clayton schließlich stammen aus Spanien bzw. Großbritannien. Ein schmaler, aber konstruktiver Katalog begleitet die Präsentation.2  Hervorzuheben ist hier vor allem der Beitrag von Jan Scheunemann. Unter der Überschrift „Die ungleiche Musealisierung der DDR“ beschreibt der Museumswissenschaftler die bestehenden Probleme beim Umgang mit dem ostdeutschen Erbe. So werde in ostdeutschen Heimatmuseen kommunaler Träger das Kapitel DDR oft schlicht ausgespart oder noch anhand von Präsentationen aus den 1970er Jahren dargestellt; in privaten Museen herrsche demgegenüber häufig unkritische Ostalgie vor, da zumeist eine historische Einordnungen der Exponate vermieden werde.


Die in „Reconstructed Zone“ gezeigten Arbeiten umkreisen unterschiedliche Aspekte der jüngsten ostdeutschen Vergangenheit. Mit „Virtuelle Mauer“ (2008) hat etwa das Duo Tamiko Thiel und Teresa Reuter ein Stück des Berliner Grenzwalls digital animiert und in originaler Größe auf eine Leinwand projektiert. Mit Hilfe einer Steuerungskonsole kann der Betrachter nun den Verlauf abschreiten. Tonaufnahmen geben an bestimmten Stellen Auskunft über historische Vorfälle und Begebenheiten: ein Projekt, das wegen seiner Anschaulichkeit allerdings in erster Linie als Lehrmittel geeignet ist.

„Reconstructed Zone – Aktuelle Kunst zur DDR und danach“, Kunstverein Wolfsburg, Wolfsburg, 2009, Ausstellungsansicht, Foto: Claudia Mucha


Das Verhältnis von Geschichte und persönlicher Erinnerung greifen Nina Fischer und Maroan el Sani auf. Bei „Rekonstruktion des Tanzbodens aus dem Jugendtreff des PDR“ (2004) haben sie diese Fläche des Clubs im Palast der Republik nachgebaut und ehemalige Gäste nach ihren Eindrücken befragt. Verglichen mit dem Modell hat kaum einer der Zeitzeugen noch eine korrekte Vorstellung von der kreisenden Scheibe mit ihrem schwarz-weißen Spiralmuster. Daran wird deutlich, wie sehr unsere Perspektive auf die Vergangenheit von Emotionen geprägt wird, was sich sicherlich aber auch anhand eines anderen historischen Beispiels herausgestellt hätte. Die DDR selbst bleibt bei Fischer und el Sani bloße Folie.


Lenka Clayton befasst sich mir der Teilung Deutschlands und ihren immer noch sichtbaren Folgen. Bei „BerlinBerlin“ (2009) spielt sie auf die Besonderheit der deutschen Hauptstadt an, die durch die Wiedervereinigung über eine Vielzahl von doppelten Institutionen verfügt. Clayton stellt Gegenstände mit ähnlichen Funktionen wie Türstopper und Schlüssel einander gegenüber, die sie in Einrichtungen im Westteil und ihren östlichen Gegenparts gefunden hat. Wie sehr die 40jährige Trennung zwischen BRD und DDR innerhalb der Bevölkerung noch spürbar ist, verdeutlicht ihr Video „Zweifel“ (2006). Der Film lehnt sich an die Installation „Palast des Zweifels“ des norwegischen Künstlers Lars Ramberg an, der im Frühjahr 2005 auf dem Dach des Ost-Berliner Regierungssitzes den Schriftzug ZWEIFEL aufgestellt hatte. Für ihr Video hat Clayton eine Gedenkstätte an die Grenzanlage besucht, die von zwei, sich im Kalten Krieg gegenüberstehenden Wachmännern betrieben wird, sowie das DDR-Museum in Tutow, eine Art privatwirtschaftlicher DDR-Freizeitpark. Von dem mit Rambergs Intervention gekrönten Bauwerk aus begleitet die Künstlerin einen Imitator Erich Honeckers durch die Stadt. Was anfangs wie eine schale Provokation wirkt – „Kohl ist weg, ich bin wieder da“, kalauert das Diktatorendouble zur Eröffnung – entpuppt sich schnell als cleverer Trick, um Gesprächspartner aus der Reserve zu locken. Ehemalige Genossen, die von der grassierenden Arbeitslosigkeit erzählen, machen sich einen Spaß daraus, sich mit ihrem Staatsoberhaupt fotografieren zu lassen. Eine ältere Dame schaut nur verständnislos drein, als der onkelhafte Honecker von ihr die Antwort auf den Pioniergruß erhalten möchte; es täte ihr Leid, sie stamme aus dem Westen. Brisant wird es am Checkpoint Charlie, wo zu diesem Zeitpunkt noch Kreuze an die Maueropfer erinnerten. Eine Passantin beklagt sich, das früher alles besser gewesen sei, als ein Regimegegner sich lautstark über die Anwesenheit des Staatsratsvorsitzenden an diesem Ort empört. Auf seine Inhaftierung verweisend, entgegnet die Frau lakonisch, dass auch ihre Nachbarn eingesessen hätten und die waren Alkoholiker. Präziser lässt sich nicht vermessen, wo die Mauer in den Köpfen heute genau verläuft. Daher hinterlässt das Video von Lenka Clayton den nachhaltigsten Eindruck von „Reconstructed Zone“.


Insgesamt zeugen die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten von einer gewissen Ratlosigkeit ihrem Thema gegenüber. Der Antrieb für die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte bleibt jedenfalls vielfach unklar. In einem Gespräch mit der Kuratorin und Christine Heidemann, das im Katalog zur Ausstellung abgedruckt ist, wirft Sven Johne jedoch eine interessante Frage auf, wenn er die Probleme der Generation, die die Mechanismen des Systems als Kinder noch mitbekommen haben, dann aber in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, erklärt: „Was uns wirklich beunruhigt, ist vielleicht die Unwissenheit, ob man zum 50. Jahrestag der DDR Dissident, Mitläufer oder gar Kundschafter für den Frieden gewesen wäre. Ich kann das eine wie das andere niemals ausschließen. Als 11- oder 12-Jähriger habe ich eine Klassenkameradin verprügelt, weil sie nicht an Gott geglaubt hat. Ich war vollkommen ideologisiert. Das beschäftigt mich, diese Verführbarkeit.“3

Anmerkungen
1 Zur DDR im Film vgl. die kritische Analyse von Matthias Dell: In ein anderes Grau, Ausstattung oder Die allseits akzeptierte Vergangenheit, Anmerkungen zur spezifischen Lebendigkeit der DDR im deutschen Kino 20 Jahre nach ihrem Ende, in: Cargo, Film/Medien/Kultur 3, 2009, S. 21ff.
2 Anne Kersten/Kunstverein Wolfsburg (Hrsg.): Reconstructed Zone, Aktuelle Kunst zur DDR und danach, Ausstellungskatalog Kunstverein Wolfsburg, Wolfsburg 2009.
3 Sven Johne zitiert nach: Das Buch der Geschichte ist ja nicht geschlossen, ich erzähle meine Perspektive, in: Ebd., S. 23.