„Ruhe und Kraft" Eric Aichinger über Peter Piller in der Galerie Barbara Wien/Wilma Lukatsch, Berlin

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Peter Piller, „Kraft", 2010

„Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre.“ Mit dieser Maxime wird der Besucher der aktuellen Ausstellung von Peter Piller in der Berliner Galerie Barbara Wien/Wilma Lukatsch empfangen. Ein Goethe-Zitat, – „Lehre“ mit „h“ wohlgemerkt – das Piller einst zum besseren Wiederfinden durch Bleistiftunterstreichung ein wenig krakelig in einer Ausgabe der „Schriften zur Naturwissenschaft“ hervorgehoben hat. Isoliert, gescannt und stark vergrößert bildet dieser Satz als losgelöstes Wortbild innerhalb der Rätselbild-Serie „Anstreichungen" (2011) und mehr noch als Auftakt einer hauptsächlich aus Fotografien bestehenden Präsentation einen Selbstwiderspruch der besonderen Art: Denn jedes Abbild, besonders aber jedes Foto fordert genau dazu auf, zu fragen, was ihm und seinem Motiv eigentlich genau Bedeutung verleiht. Deshalb bildet dieses Bild das treffende Motto einer Schau, die hinter das Phänomen Fotografie blicken will und mit der Piller insgesamt eine Weiterführung seiner gewohnten Praxis mit anderen, nämlich vorwiegend eigenen Aufnahmen unternimmt.

Dieser Schritt allein ist erst einmal zu honorieren, denn bekannt und erfolgreich geworden ist der Hamburger Konzeptkünstler als Verwerter und Bearbeiter eines Fundus aus fremden Bildern, insbesondere eines Archivs aus rund 7.000 überwiegend aus Regionalzeitungen zusammengetragenen Zeitungsfotos, die er nach 100 Sammelgebieten ordnet und als Serien präsentiert. Zwar zeichnen sich die Bilder der Stockfotografie gerade nicht durch Unverwechselbarkeit und visuelle Prägnanz aus, sondern sind in ihrer Beliebigkeit inhaltlich so unbestimmt, dass sie zu allen möglichen Anlässen passen und entsprechend häufig verwendet und vertrieben werden können. Doch zu Pillers Markenzeichen wurde dessen verblüffend leichtfüßige Systematik und absurd-komische Kategorisierung des an sich furchtbar drögen Materials in Rubriken wie etwa „Auto berühren", eine Serie, die Menschen auf Tuchfühlung mit Kraftfahrzeugen oder „Bauerwartung", die noch ungenutzte Bodenflächen zeigt.


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Peter Piller, „Lurup", 2011

Pillers Vorliebe für Randgebiete, Brachen und andere Wüsteneien zeigt sich erneut in „Lurup" (2011), einer Sequenz aus 20 selbst aufgenommenen und 8 gefundenen Fotos aus einem Luruper Lokalblatt, die sich in der Berliner Schau als Band über die Wandmitten eines Raumes verteilt. Wer den Hamburger Vorort („luur up“, niederdeutsch für auflauern, warten), auf den sich die Arbeit bezieht, nicht kennt, dürfte bis auf weiteres keine gesteigerten Besuchsabsichten beim Anblick der Bilder verspüren. Die (erwartbare) Tristesse, Langeweile und Banalität provinziellen Lebens, die Piller in mittelformatigen Schwarz-Weiß-Bildern entwirft, legen sich als apathischer Grauschleier über den Galerieraum. Einzig die dank Vergrößerung stark gerasterten Zeitungsfotos durchbrechen mit ihrer fahlen Farbigkeit das bleiche Band des Trübsinns: Eines beweist, dass das wahre Glück einzig im Kauf eines Kühlschranks zu finden ist, ein anderes, dass wohl irgendein Gemeindefest unter luftballonverhangener Decke ein Wahnsinnserfolg gewesen sein muss – man denkt sich die Bildunterschriften geradezu zwangsläufig mit, so stereotypisch sind die von Piller ausgewählten Bilder. Das ist Teil der Strategie, „Lurup" entpuppt sich bei genauerem Hinsehen  als dramatischer Quell absonderlichster Verwicklungen. Etwa dann, wenn das Bild von einem Skelett hinter einer beinahe blickdichten Häkelgardine zwischen einer sich spiegelnden Auslage mit Eierbrötchen und giacomettihaften Sonnenblumen vor einem Reihenhaus auftaucht. Pillers stupende Stärke liegt in der lakonisch-ephemeren Engführung von Alltag und Allegorie.

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Peter Piller, „Lurup", 2011

Dazwischen glimmt mitunter ein Funken Poesie auf. Oder, wie im Falle von „Kraft" (2010), ein poetologisches Sperrfeuer aus einem Set von 40 Dias, die in Berlin wandfüllend projiziert werden. Stehend, schleichend, fahrend, rasend nahm Piller als Pendler auf der Autobahn zwischen Hamburg und Leipzig das Firmenlogo des Nahrungsmittelherstellers Kraft zu allen Tages- und Jahreszeiten auf. Man kann sich an dieser Arbeit nicht satt sehen – dieses zugegebenermaßen flache Wortspiel sei an dieser Stelle erlaubt, angesichts dessen, wie souverän Piller bei „Kraft" den Bedeutungsebenen des Begriffs hier Gestalt verleiht, indem er sowohl die beschleunigende Wucht der physikalischen Größe evoziert als auch unser Vermögen der dynamischen Wahrnehmung und Auffassung der auf uns einwirkenden Außenwelt. Mal sieht der Betrachter das Emblem als Schemen glühend in einer lauen Sommernacht, mal steht es gestochen scharf vor einem kristallklaren Winterhimmel, dann wieder erscheint es verwischt, verwackelt und das einzelne Bild dadurch selbst wie in Fahrt.

Entscheidender aber ist, dass hier Präsentationsform und Inhalt einander kongenial bedingen: das technisch bedingte und vom mechanisch aufreizenden Klacken begleitete Intervall der Einzelbilder fungiert hier wie ein Stock in den Speichen jeder hermeneutischen Suche nach einer imaginären Erzählung. Mit der Taktung entsteht nichts zwischen den Bildern, jedes Bild verweist entschieden auf seine Entstehung. Bei „Kraft" geht es nicht um die vermeintliche Wahrheit oder Lüge des fotografischen Bildes, sondern vordringlich um dessen Bedingungen. Schärfe, Ausschnitt, Kadrierung, Tonalität und Wirkungen: Es sind dies die dem technischen Dispositiv der Fotografie immanenten Fliehkräfte der Möglichkeit von fotografischer Bedeutungsproduktion.

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Peter Piller, „Schlaf", 2011

Mit „Schlaf" (2011) greift Piller wieder auf seine übliche Praxis der Akkumulation und Dekontextualisierung von angeeignetem Bildmaterial zurück, allerdings unter anderen Vorzeichen. Die erstmals in Berlin vorgestellte Arbeit erscheint im Rahmen der Publikationen des Archiv Peter Piller als limitiertes Künstlerbuch und zeigt 38 von Piller ausgewählte und vergrößerte Farbfotos, die von dessen achtjährigem Sohn aufgenommen wurden. Allesamt zeigen sie dasselbe Motiv an verschiedenen Orten, nämlich den schlafenden Peter Piller. Aus dem ursprünglich wohl rein dokumentarischen Zusammenhang gelöst und in den Kunstkontext verschoben, wirft die Arbeit offenkundig Fragen zu Autorschaft, Originalität und der Hierarchisierung von Bildern in High und Low. Und auch die selbstironische Pointe der Arbeit liegt auf der Hand: Schließlich sehen wir nicht den Vater, sondern den Künstler Piller, dem (ein Teil) der „originären Schöpfung“ und „originellen Bildfindung“ gewissermaßen im Schlaf zufällt. Man mag hier kurz schmunzeln, konzeptualistisch anspruchsvoller aber ist die insgesamt gelungene Schau dann, wenn sie bestehende Bildklischees vorführt, die kollektive Wahrnehmungsmuster und individuelle Erwartungen bestimmen. Genau dann gelingt es Piller nämlich, die Wirkungsmechanismen und die Überzeugungskraft des sozialen Mediums der Fotografie bildkritisch zu analysieren.

Schließlich sind es gerade nicht die einzigartigen und zeitlosen Bilder, die uns massenhaft umgeben, sondern solche, die dem Vergessen im Moment ihres Auftauchens sofort wieder anheim gestellt sind. Was aber nicht heißt, dass sie in der Summe und Struktur bedeutungslos wären und ihre beiläufige Lektüre folgenlos bliebe. Pillers spezieller Umgang mit gefundenen wie mit eigenen Bildern schärft den Blick für die Textualität der fotografischen Bildsprache und deren instrumentelle Wirkungsweisen. Oder, um noch einmal Goethe zu bemühen: „Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist.“ Wenigstens, dass die fotografisch-dokumentarische Bildform in diskursive und institutionelle Systeme eingebettet ist. Das haben wir zwar schon gewusst, aber selten wird es mit soviel auf sich selbst angewandten Witz vorgetragen.

Peter Piller, „Am liebsten sitze ich allein im Auto“, Galerie Barbara Wien/Wilma Lukatsch, Berlin. Vom 18. Februar bis 15. April 2011.