Gustav Metzger (1926–2017): ein Nachruf von Sabine Breitwieser

YEARS WITHOUT GUSTAV METZGER

Als ich vom Tod Gustav Metzgers erfahren habe, wurde mir schmerzhaft bewusst, dass das ein weiterer Schritt ist hin zum Ende einer Epoche: Die der Generation der Zeugen von Lebens-umständen und Ereignissen, die ich mir auch nach Filmen wie „Shoah“ von Claude Lanzmann einfach nicht vorstellen kann, die ich nicht verstehen kann und die uns Gustav Metzger in seinen Arbeiten, aber vor allem durch die Präsenz seiner Person stets in Erinnerung rief. Ein Künstler und Aktivist, der als einer der Ersten gegen nukleare Aufrüstung und Umweltverschmutzung Stellung bezog und der ein starker Befürworter des Vegetarismus wurde. Der Mann, der Pete Townshend von der Rockband The Who dazu inspirierte, seine Elektrogitarre bei Ende ihrer Konzerte zu zertrümmern und damit einen demonstrativen akustischen wie performativen Schlusspunkt zu setzen.

Gustav Metzger wurde zunächst als Möbeltischler ausgebildet und lebte mit einer Gruppe politischer Anarchisten und Aktivisten auf einer Farm in England, bevor er nach London zog, um Kunst zu studieren. Im Jahr 1944 findet sich in einem Abriss zu seiner Biografie der lapidare Satz: „Decides to become a sculptor rather than a professional revolutionary.“

Metzger, der „Begründer“ – wie er das gern betrachtet haben wollte – der „autodestruktiven Kunst“, die er in seinem ersten Manifest, „Auto-Destructive Art“, 1959 als „primarily a form of public art for industrial societies“ deklarierte und in mehreren Lecture Demonstrations realisiert hat. Eine sich selbst zerstörende Kunst, die eine Lebensdauer hat –„varying from a few moments to twenty years“– und die erst, wenn der „disintegrative process“ abgeschlossen ist, als Werk vollendet ist und vom Ort ihrer Entstehung anschließend einfach entfernt und entsorgt wird. Eine Kunst also, die sich nicht auf die Kritik der Institutionen beschränkt, sondern diese in ihrer Existenz selbst infrage stellt und frontal angreift.

Metzger war kein Gestalter von „Holocaust-Kunst“, sondern ein kritischer Betrachter der Nachkriegsgesellschaft in ihrem Streben nach Wachstum, technologischem Fortschritt und Aufrüstung in den Zeiten des Kalten Krieges. In seinem dritten Manifesto mit dem Titel „Auto-Destructive Art Machine Art Auto-Creative Art“ definiert er 1961 sein Konzept der „auto-creative art“, einer „art of change, growth movement“, greift sein erstes Manifesto auf und verdeutlicht dieses mit den Worten: „Auto-destructive art is an attack on capitalist values and the drive to nuclear annihilation.“ Metzgers Verständnis von Ästhetik war ein grundlegend anderes als das seiner Zeit. Im Mittelpunkt der autodestruktiven Kunst steht nicht das Künstlersubjekt; dieses tritt vielmehr weitgehend zurück und wird durch einen Automatismus ersetzt, durch Prozesse der Zerstörung, die biologisch, chemisch oder technologisch eingeleitet werden. „Ich habe nie eines gesucht, das heißt Kunst oder Politik oder Revolution, sondern ich wollte alles für mich Wichtige, und ich hoffe für die Gesellschaft Wichtige in einer Grundthese zusammenbringen“, sagt er in einem Gespräch mit Justin Hoffmann.

Gustav Metzger wurde 1926 in Nürnberg geboren, als Sohn orthodoxer Juden, die 1918 aus Galizien nach Deutschland eingewandert sind. Fast alle seine Familienangehörigen wurden vom Naziregime ermordet. Seine beiden Schwestern, er selbst und sein Bruder Max (Mendel) konnten nach England fliehen. Gustav und sein Bruder kamen 1939 in England mit einem der letzten Transporte des Refugee Children’s Movement an. Jedes Mal wenn ich Gustav Metzger begegnete, seiner kleinen, zarten und stets irgendwie in sich gekrümmten Gestalt, erinnerte mich das daran, wie Menschen während der Nazidiktatur aufgrund von rassistischen Gesetzen kein Raum mehr zugestanden wurde. Gustav war bis zu seinem Tod, obwohl er doch schon so lange in England lebte, staatenlos und beharrte auch auf diesem Status. Er verfügte über ein Reisedokument, das den Vermerk „polnischer Herkunft“ trug.

Gustav Metzger war zu Lebzeiten eine Legende in vielerlei Hinsicht. Wenn man ihn treffen wollte, ging man am besten zu Galerieeröffnungen oder einschlägigen Veranstaltungen in London und konnte dann über Kunst und alles Mögliche mit ihm sprechen. Als ich mit ihm an der Ausstellung in Wien arbeitete, hatte er weder eine Postadresse, die er mir geben wollte, noch eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer. Für die Organisation der Ausstellung rief er mich jeden Mittwoch um zwölf Uhr an, um mir die Telefonnummer einer öffentlichen Telefonzelle in London bekanntzugeben. Ich rief ihn dann zurück, und wir besprachen die anstehenden Fragen. Einmal stöberte er mich sogar telefonisch in Liverpool auf, um sicherzugehen, dass wir uns die Tage darauf in London sehen würden. Anfangs war ich über Metzgers Geräuschkulisse irritiert, denn in den zahlreichen Plastiktüten, die er stets mit sich trug, verbarg er meistens einen Weltempfänger, mit dem er sich laufend über die Weltereignisse informierte. In London sahen wir uns gemeinsam Ausstellungen an, aßen in billigen vegetarischen Selbstbedienungsrestaurants, und Gustav kam oft spät nachts noch in mein Hotel, um mir die unterschiedlichen Abendausgaben des Evening Standard zu zeigen, mit denen er dann einige Arbeiten in Wien gestaltete. Gustav Metzger sammelte bekanntlich ganze Berge von Zeitungen, die er auch immer wieder in Ausstellungen zugänglich machte.

Ich bin beruflich derzeit in Salzburg stationiert, wo der aus Berlin gebürtige Zukunftsforscher Robert Jungk von 1970 bis zu seinem Tod 1994 lebte, den Metzger 1982 im Zuge der Anti-Atomkraft-Bewegung getroffen hat, um das Projekt „Convergence 84“ zu planen. In Salzburg lebt auch ein anderer bekannter Zeuge der Massenvernichtung durch die Nationalsozialisten: Marko Feingold, ein Mann, der vier Konzentrationslager überlebt hat und zufällig – obwohl er eigentlich aus Wien stammt – hier gelandet ist. Inzwischen im 104. Lebensjahr, lebt er, um Zeugnis abzugeben, wie er selbst sagt.

Wir müssen uns jetzt ohne Gustav Metzgers Präsenz bewusst sein, dass etwas nicht einfach Geschichte bleibt, sondern vielmehr „Geschichte Geschichte“ ist – wie der Künstler seine Ausstellung und begleitende Publikation 2005 in der Generali Foundation in Wien betitelte. Eine mediatisierte Geschichte also, so wie seine autodestruktiven und autokreativen Werke über Kunst vermittelte Zerstörung und Schöpfung sind. Legimitierter Rassismus kann ganz rasch zur Gegenwart werden, in Ländern, wo wir das nicht erwartet haben. Die Zerstörung unserer Lebenswelt findet täglich statt, und vielleicht haben wir uns daran schon viel zu sehr gewöhnt; wir sollten viel mehr dagegen antreten, wie derzeit zahlreiche Initiativen in den Vereinigten Staaten das demonstrieren. Auch wenn uns Jahre ohne Gustav Metzger bevorstehen.

SABINE BREITWIESER

Titelbild: Gustav Metzger, London, 2010