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STRUGGLES IN SENSING AMO’S THINKING Ines Kleesattel über „THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo“ im Kunstverein Braunschweig

Adjani Okpu Egbe, Kunstverein Braunschweig, 2020, Installationsansicht

Adjani Okpu Egbe, Kunstverein Braunschweig, 2020, Installationsansicht

Der Kunstverein Braunschweig hat dem afrodeutschen Philosophen Amo Afer eine Ausstellung gewidmet. Im Interesse postkolonialer Kanonverschiebung wird hier Amos Philosophie zum Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung gemacht. Dabei stellt der europäisch-aufklärerische Dualismus, in dessen Tradition Amos Philosophie steht und der eine strikte Trennung des immateriellen Geistes vom lebendigen, empfindsamen Körper vorsieht, die an der Ausstellung beteiligten Künstler*innen vor die Herausforderung, auf die historische Situiertheit Amos entsprechend kontextsensibel zu reagieren. Wie Ines Kleesattel herausarbeitet, zeichnet sich so an den Rändern des historisch Verbrieften die enorme Gegenwartsrelevanz Amos ab. Die Ausstellung, die Corona-bedingt auch online einzusehen ist, wird in Kürze auch bei Savvy Contemporary in Berlin gezeigt werden.

Im Oktober präsentierte Google ein von Diana Ejaita illustriertes Doodle „zu Ehren Anton Wilhelm Amos“. Ein Segelschiff im Rücken, mit barocker Perücke und von einer braunen Aureole umgeben, blickt Amo an der Google-User*in vorbei ins Unbestimmte. Tatsächlich ist kein Porträt von ihm gesichert überliefert. Im Google-Schriftzug erinnert das sich zum Straßenschild auswachsende „L“ daran, wie es der Name des afrodeutschen Philosophen diesen Sommer zu breiter Bekanntheit brachte, als die Bezirksverordneten von Berlin-Mitte verkündeten, die M[ö]hrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen.

Um 1700 in Axim im heutigen Ghana geboren, kam Amo als Kleinkind über Amsterdam nach Wolfenbüttel an den Hof von Herzog Ulrich Anton, wo er christlich getauft und ihm eine humanistische Ausbildung zuteil wurde. Während historiografisch ungeklärt bleibt, ob er als Sklave aus Afrika geraubt oder als Gesandter privilegierter Herkunft nach Europa geschickt wurde [1] , ist eindeutig belegt: 1734 promovierte Amo in Wittenberg Über die Apatheia des menschlichen Geistes, fügte ab dann seinem Namen das herkunftsbezeichnende „Afer ab Aximo“ hinzu („Afer“ heißt „aus Afrika“) und lehrte fortan an den Universitäten von Halle und Jena, bis er Mitte des 18. Jahrhunderts unter erneut unklaren Umständen – zu denen der zunehmende Rassismus in Europa gezählt haben dürfte – nach Westafrika zurückkehrte. Sprachgewandt bewegte Amo Afer sich zwischen Latein, Niederländisch, Deutsch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Englisch und wahrscheinlich Nzema. Würden die Berliner Bezirksverordneten dem Komparatisten Ottmar Ette folgen, hätte die Straße in Mitte bald Anton-Wilhelm-Amo-Afer-ab-Aximo-Straße zu heißen. Denn nur in dieser von Amo gewählten Form erzählt sein Name ein diasporisches Narrativ, das „sich bewusst in unterschiedliche Traditionen, Sprachen, Kulturen und Herkunftsbezeichnungen einschreibt“ [2] .

Dass Antirassist*innen die Umbenennung der M[ö]hrenstraße seit Langem gefordert hatten und wie sich das Straßenschild in ein größeres Bild deutscher Kolonialgeschichte fügt, lässt sich auf der Website des Kunstvereins Braunschweig (und nun auch bei Savvy Contemporary ) [3] lernen. Dort ist – neben weiterem Material der seit März online aktiven und von Mai bis September physisch gezeigten Ausstellung „THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo“ – eine Video-Lecture-Performance von andcompany&Co zu sehen, die mit bissiger Postdramatik erzählt, wie auch in Zeiten spätliberaler Globalisierung noch immer gilt: „Ein Gespenst geht um: Europa“; und dass aufgrund der schauderhaften Wirkmacht des kolonialen „Aberglaubens, der Geist sei weiß“, eben entscheidend ist, endlich an Amo zu erinnern.

Lungiswa Gqunta, Benisya Ndawoni, „Return to the Unfamiliar“, 2020

Lungiswa Gqunta, Benisya Ndawoni, „Return to the Unfamiliar“, 2020

Amo beweist, dass Afrodeutsche Dichten und Denken in Deutschland schon seit Jahrhunderten mitprägen. Seiner zu gedenken, trägt zu einer postkolonialen Korrektur deutscher Philosophie- und Kulturgeschichte bei und lässt allen voran deren Gallionsfigur Kant ‚morsch‘ werden. Nicht genug, dass dieser Zeitgenosse Amos People of Color generell jede philosophische Fähigkeit absprach [4] , auch findet sich das gemeinhin Kant zugeschriebene Konzept des „Dings an sich“ schon Jahrzehnte früher in Amos Schriften. [5]

Was sich die Ausstellung „The Faculty of Sensing“ vorgenommen hat, ist allerdings fast schon ein Ding der Unmöglichkeit: eine Kunstausstellung, die im Interesse postkolonialer Kanonverschiebung primär Amos Philosophie statt seine oft spektakularisierte Biografie zu fokussieren sucht. [6] Das ist so sinnvoll wie vertrackt. Denn während die Quellenlage zu Amos Leben mehr als lückenhaft bleibt, belegen seine eigenen Schriften zweifelsfrei, dass er ein astreiner Vertreter der europäischen Aufklärung ist – und als solcher ein radikalerer Dualist als selbst Descartes. Den Vater des Leib-Seele-Dualismus für dessen Inkonsequenz kritisierend, argumentiert Amo für eine noch strengere Trennung des immateriellen Geistes vom lebendigen, empfindsamen Körper. Und so betont „The Faculty of Sensing“ mit Saal- und Begleittexten sowie einigen künstlerischen Arbeiten, dass diese faculty Amo zufolge eine exklusiv physische sei: „The human mind is spirit“; „spirit does not feel“ und „there is no faculty of sensation in the mind“ repetierte in Braunschweig etwa Theo Eshetus Video Amo Speaks (2020), während es zu den mal in Latein, mal in Englisch oder Deutsch verlesenen Textfragmenten verschiedene historische Porträtdarstellungen (die allesamt freilich nicht Amo zeigen) auf das Gesicht eines Performers projiziert.

Aus heutiger, von feministischen und postkolonialen Epistemologien geschulter Warte scheint Amo Afers Dualismus einigermaßen befremdlich. Was ist mit materiellen Semiotiken und situiertem Wissen, mit lebensweltlichen Differenzen, die auch ideell ins Gewicht fallen? Was ist mit feelings als „spawning grounds for the most radical and daring of ideas“, wie Audre Lorde sie beschwört? [7] Was ist mit den rassistischen Grundlegungen westlich-aufgeklärten Denkens, die unbedacht gewaltförmig weiterwirken und hinsichtlich derer Christina Sharpe erklärt: „that thinking needs care“? [8]

Kitso Lynn Lelliott, „291 years condensed into the same number of seconds (or) one day out there our paths might cross“, 2020

Kitso Lynn Lelliott, „291 years condensed into the same number of seconds (or) one day out there our paths might cross“, 2020

Und tatsächlich kümmern sich in „The Faculty of Sensing“ einige Arbeiten eher sorgsam um ein dichtes Zusammenklingen von caring, thinking und sensing, als dass sie dem Separatismus Amos allzu streng folgen. Lungiswa Gqunta etwa verspannt Salbei und Mpepho, um Natodraht geflochten, kreuz und quer durch einen der hohen Räume der klassizistischen Kunstverein-Villa. Den bittersüßen Geruch in der Nase und vorsichtig durch die mit Kräutern, dunkelroter Schnur und Klingen bestückten Drahtachsen steigend, scheint die Annahme unsinnig, thinking könne vom sensing unberührt bleiben. Kitso Lynn Lelliott berichtet in einem Videointerview , wie schwer es ihr fiel, sich in Beziehung zu Amos Philosophie zu setzen, da ihre eigene Praxis stark von anzestralem, verkörpertem Wissen geprägt ist – also von genau jenem materiell-spirituellen Ineinander, das der europäisch-aufklärerische Dualismus negiert. Für die Ausstellung in Braunschweig kombinierte Lelliott in einem Mehrkanal-Video Aufnahmen, die sich durch Landschaften in Ghana und in Deutschland bewegen: Wälder, Pflanzen, Gewässer hier wie dort; eine Hand, die nach Schnee greift; ein Fuß, der sich in den Sand eines Strandes drückt. Später eine Einblendung Weiß auf Schwarz, diese eine Stelle Amos zitierend: „Nothing is in the act of understanding of the mind, which has not previously been perceived by the senses.“

Auch Amo befand, dass die immaterielle Seele irgendwie mit dem Sinnlich-Körperlichen in einen „Austausch“ (lat. „commercio“) zu treten habe. [9] Doch hatte dieser Austausch für ihn ein distanzierter zu bleiben: Der immaterielle Geist ließe sich vom Materiellen nicht affizieren; während er zwar – gewissermaßen remote – Kenntnis über das materielle Berühren und Berührt-Werden des Körpers habe, bliebe der Geist apathisch, frei von Pathos, also Leiden, und unberührt von materiellen Einflüssen.

Ein sensing, das sich quer zur Trennung von Körper und Geist für Affizierungen zwischen Semiotischem und Sensorischem und für sinnliche Fluiditäten zwischen lokalen wie historischen Distanzen interessiert, aktiviert auch Adama Delphine Fawundu. Ihr Video Sunsum (2020) macht Wasser zum Protagonisten; Wasser, das „gegen den Strich“ in unmögliche Richtungen kopfüber und nach oben fließt und dessen translokales Strömen, Diffundieren und Kondensieren den Black Atlantic subtil allgegenwärtig machen. Dazu erklingt ein betörendes Ritornell aus Vogelschreien, Gesängen, Glocken und May Ayims Stimme, die grenzenlos und unverschämt – ein Gedicht gegen die deutsche sch-einheit (1990) vorträgt:

„ich werde trotzdem
afrikanisch
sein
auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht paßt.“

Ayims Zeilen hören sich wie eine poetische Ausfaltung der Namenswahl von Anton Wilhelm Amo Afer ab Aximo an. Dass sie auch 2020 noch so unerhört schön wie unverschämt klingen, weist die eigentliche Gegenwartsrelevanz Amo Afers aus: Eine Relevanz, die darin liegt, dass dessen Philosophie womöglich viel stärker, als es zunächst scheint, von der spezifisch situierten Lebenserfahrung des Philosophen durchdrungen ist [10] : Kaum etwas von dieser Erfahrung ist verbrieft überliefert, nur, dass es diejenige eines Schwarzen Körpers war, der in der damaligen akademischen ‚Weltsprache‘ Latein erklärte, dass das Denken frei sei von körperlicher Beeinflussung – „grenzenlos und unverschämt“.

Eine entscheidende Frage ließ Anna Dasović auf eines der Fenster der Kunstverein-Villa drucken: „Wie kann man verhindern, dass Amo zu einem Talisman stilisiert wird, dessen Existenz nur einer Geschichte dient, die von Weiß-Sein geprägt ist?“ Antworten hierauf finden sich wohl weder auf einem Straßenschild „zu Ehren Anton Wilhelm Amos“ noch in beflissener Kanonergänzung, womöglich aber im schwierigen caring an den Rändern des historisch Verbrieften, im thinking und sensing mit jenen, die Saidiya Hartman „the Chorus“ nennt: namenlose Rioutous Black Girls, Troublesome Women und Queer Radicals, „who tirelessly imagined other ways to live and never failed to consider how the world might be otherwise“ – „as if they were free“. [11]

Ines Kleesattel ist Philosophin, Kunst- und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

„THE FACULTY OF SENSING – Thinking With, Through, and by Anton Wilhelm Amo“, Kunstverein Braunschweig, 28. März bis 13. September 2020. Demnächst auch im Web Space von Savvy Contemporary unter http://facultyofsensing.savvy-contemporary.com.

Image credits: 1. Lungiswa Gqunta, Foto: Stefan Stark. 2. Adjani Okpu Egbe und Sulger Buel Gallery, London; Foto: Stefan Stark. 3. Kitso Lynn Lellio, Foto: Stefan Stark.

Anmerkungen

[1]Vgl. dazu Justin E. H. Smith, „The Life of Anton Wilhelm Amo“, in: Anton Wilhelm Amo’s Philosophical Dissertations on Mind and Body, hg. v. Stephen Menn/Justin E. H. Smith, Oxford 2020, S. 4–19.
[2]Ebd.
[3]Die physische Ausstellung findet in Berlin aktuell (04.12.20 – 31.01.21) eine Wiederholung bei Savvy Contemporary. Eine digitale Variante soll zudem in Kürze unter http://facultyofsensing.savvy-contemporary.com zu sehen sein.
[4]Vgl. dazu Ruth Sonderegger, „Kants Ästhetik im Kontext des kolonial gestützten Kolonialismus“, in: Sensibilität der Gegenwart. Wahrnehmung, Ethik und politische Sensibilisierung im Kontext westlicher Gewaltgeschichte, hg. v. Burkhard Liebsch, Hamburg 2018, S. 109–125.
[5]Vgl. dazu Jacob Emmanuel Mabe, Anton Wilhelm Amo interkulturell gelesen, Nordhausen 2007, S. 56ff.
[6]https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/bild_und_raum/detail/the_faculty_of_sensing.html.
[7]Audre Lorde, „Poetry is not a Luxery“ [1977], in: Dies., Sister Outsider, Berkeley 2007, S. 36–39, hier: S. 37.
[8]Christina Sharpe, In the Wake. On Blackness and Being, Durham/London 2016, S. 5.
[9]Vgl. Anton Wilhelm Amo, „Descriptio mentis hvmanae in specie“, in: Anton Wilhelm Amo’s Philosophical Dissertations on Mind and Body, S. 168.
[10]Eine Erörterung dessen, dass Amos Dualismus ein antirassistisches Argument impliziert und wie die egalitäre Trennung von Körper und Geist mit voranschreitender Aufklärung eine rassistische Diskreditierung erfuhr, lässt sich nachlesen in: Justin E. H. Smith, Nature, Human Nature, and Human Difference. Race in Early Modern Philosophy, New Jersey 2015, S. 207–230.
[11]Saidiya Hartman, Wayward Lives, Beautiful Experiments. Intimate Histories of Riotous Black Girls, Troublesome Women, and Queer Radicals, New York 2019, S. XV, XIII.