Niklas Lichti über Maggie Nelsons „Die Argonauten" Der endlose Sommer sich verändernder Körper

Und hier stoßen wir auf wichtige Inspirationsquellen des Schreibens und auf entscheidende Selbstzerstörungsmotive von Schriftstellern – Verräter an seinem eigenen Reich, an seinem Geschlecht, an seiner Klasse, an der Mehrheit zu sein, welchen Grund sonst sollte es zum Schreiben geben? Einzig den, Verräter zu sein, selbst noch im Schreiben. Deleuze und Claire Parnet „Dialoge“ (aus M. Nelson, Die Argonauten, S. 127)

Bereits von Homer in der Odyssee erwähnt, findet der Raubzug der Argonauten etwa 300 Jahre vor Christus in der Argonautika zu seiner ersten in sich geschlossenen Erzählform. Die Geschichte von Iason und seinen Begleitern durchläuft über die Jahrhunderte zahlreiche Transformationen und Abweichungen, die ihre Entsprechung in der schlingernden Reiseroute der Argonauten findet. Nicht nur werden einige Stationen dieser Seefahrt in den unterschiedlichen Versionen des Epos variiert, schon die ursprüngliche Route lässt ein hohes Maß an Zerstreuung vermuten und gleicht darin einem anhaltenden antiken Dérive - das Heldenschiff als driftwood.

Seinen Anfang aber nimmt diese ziellos, zielgerichtete Expedition, wie könnte es anders sein, in einem familiären Thronfolgekonflikt. In Sorge um seinen prekären Machtanspruch, schickt der König Pelias seinen Neffen, den rechtmäßigen Souverän Iason, auf eine halsbrecherische Seereise nach Kolchis am Schwarzen Meer. Die daraufhin einsetzende Jagd der eilig versammelten Argonauten nach dem Goldenen Vlies erinnert jedoch an einen von Alfred Hitchcock erdachten MacGuffin Plot; Geht es dem sinister strategischen Onkel doch letztlich darum Iason auf dieser Reise zu verheizen, während letzterer zwischen intensivem male-bonding, drachentöten und zahlreichen Verführungen zum Helden heranwächst. So lässt sich behaupten, dass in diesem Mythos weniger die angestrebte Ressource des goldenen Widderfells im Vordergrund steht als vielmehr der mühsame Weg dorthin, wodurch nicht zuletzt eine Kartographie der zu diesem Zeitpunkt bekannten Welt miterzählt wird. Da aber die damals bekannte Welt eben auch das Metaphysische beinhaltete, beginnt diese Reise mit der Hilfe der Göttin Athene beim Schiffsbau, führt zwischenzeitlich am Stöhnen des im Kaukasus elendig leidenden Prometheus vorbei, um schließlich mit der Übergabe des Schiffs, der Argo, an den Meeresgott Poseidon zu enden.

Das Schiff, welches von Athene höchst selbst durch die Verarbeitung weissagender Eichen als sprachfähiges Objekt zum Leben erweckt wird, kann aufgrund ihrer zentralen Bedeutung auf dieser Reise als eine weitere Protagonistin des Epos verstanden werden. In den unterschiedlichen Variationen der Geschichte wird die Argo wahlweise als das erste, schnellste oder auch größte ihrer Art beschrieben und wie auch der Mythos selber, gilt sie als eine frühe Repräsentation von Kolonialismus und ökonomischer Expansion. Gehen doch viele der Darstellungen der Argo auf antike griechische Handelsschiffe zurück und der Mythos selber legt nahe, dass es sich bei dem Langschiff um den Archetypus der späteren Händlergaleeren handelte.

Dennoch ist weder die Entwicklungsgeschichte der Helden, noch die unheimliche Sprachfähigkeit der Argo, oder gar ihre ökonomische Symbolik entscheidend für Maggie Nelsons Buchtitel Die Argonauten, oder nicht nur. Vermittelt über eine Beobachtung Roland Barthes’ bezieht sich Nelson vielmehr auf ein oft übersehenes Detail der Argo:

Ihre Eigenschaft als persistierende Einheit, die gleichzeitig einer permanenten Transformation unterzogen wird. Denn aufgerieben zwischen Hochseestürmen und der Begegnung mit beweglichen Klippen, werden sukzessive alle Teile der Argo ausgetauscht, so dass am Ende der Reise ein rundum erneuertes Schiff gleichen Namens an den Meeresgott weitergereicht wird (welcher es ein weiteres Mal transformiert und als Sternenformation dem Nachthimmel übergibt).

Dieses paradoxe Prinzip einer sich stetig verändernden, stabilen Entität, repräsentiert sowohl für Barthes als auch in der Folge für Maggie Nelson die Struktur eines Sprechaktes: Ist es doch letztlich der Name, die Bezeichnung, welche die Argo, über alle Modifikationen hinweg, als eben jenes Schiff zurückkehren lässt, als welche sie zuvor auf die Reise aufgebrochen war – same same but different.

Da es hier um die deutschsprachige Ausgabe des 2015 im Original vom amerikanischen Independent Verlag Gray Wolf Press verlegten Buches gehen soll, lässt es sich nicht vermeiden die Übersetzung als ein weiteres Echo dieser Transformationslogik zu betrachten: Dem Übersetzer Jan Wilms gelingt es in den allermeisten Fällen auch Humor und Duktus des Originals ins Deutsche zu übertragen und klugerweise hat sich zudem der Hanser Verlag in einem Akt schamloser Appropriation dafür entschieden gleich Font, Cover Layout und Auswahl der Praisezitate von der amerikanischen Originalausgabe zu übernehmen. Das Ergebnis ist eine auf die Ebene des Buchobjektes ausgelagerte, subtile Illustration dessen was Nelson zum Gegenstand ihres Schreibens macht.

Hier aber von nur einem Gegenstand des Schreibens zu sprechen, führt schnell in die Irre bei einer Autorin, deren Praxis immer schon von Beweglichkeit und Formexperiment geprägt war. Ein Schreiben durchzogen von Sprachskepsis, angetrieben von „Angst vor der Behauptung, vor Assertion. Der ständige Versuch, einer ‘totalisierenden‘ Sprache zu entkommen, die rücksichtslos über Besonderheiten hinweggeht“, um anschließend „zu verstehen, dass das eine andere Form ist, paranoid zu sein" (S.127). Schreiben als eine Form der Selbstverfolgung und Selbstermächtigung, angesiedelt irgendwo zwischen Roland Barthes Aufruf zu Nuancierung und Robert Musils Utopie der exakten Genauigkeit, gleichzeitig großzügig und spezifisch. Schaut man zurück auf Maggie Nelsons frühere Veröffentlichungen, so fällt vor allem auf wie mühelos sie sich zwischen Prosa, Poetry, Autobiografie, Nonfiction, und Critical Writing bewegt und wie selbstverständlich sie in ihrem Schreiben vom Intimen zum Strukturellen übergeht. In ihrer Bereitschaft genreübergreifend der eigenen Erfahrung analytisch zu begegnen ist sie im Amerikanischen Literaturkontext sicherlich nicht allein und muss mit so unterschiedlichen Autorinnen wie Dody Bellamy, Wayne Koestenbaum, Ben Lerner, Eileen Myles und Lynne Tillman in Zusammenhang gebracht werden. Im deutschsprachigen Raum erinnert Nelsons Ansatz vielleicht ein wenig an die großartige autobiografische Ethnografie Hubert Fichtes oder Navid Kermanis umfassendes Selbstverdinglichungsprojekt Dein Name, but then again...

„Die Argonauten" jedenfalls ist Essay und Roman, Autobiografie und Theorie und eben all das nicht (was in verschiedenen Zusammenhängen zu dem Neologismus Autotheory führte). Vor allem ist es aber ein gelungenes Beispiel einer (queeren) Liebesgeschichte, die weit über Intimität und Hermetik hinausgeht. Durch ihre Genauigkeit im Umgang mit privatem Erleben macht Nelson uns ihre Biografie zugänglich: Individuelle Erfahrung und soziale Ableitung in permanenten Bezug aufeinander. So beschreibt Nelson etwa die Erfahrung ihrer Schwangerschaft als Begegnung mit der „Verführung des Normalen“, um dann zu präzisieren: „(...) der Schwangere Körper in der Öffentlichkeit ist auch obszön. Er strahlt eine Art selbstgefällige Autoerotik aus: eine intime Verbindung, die für andere sichtbar ist, sie aber entschieden ausschließt. Fremde Menschen mögen salutieren, ihre Glückwünsche aussprechen oder ihre Sitzplätze anbieten, doch diese Privatheit, diese Bindung, kann auch irritieren. Besonders irritiert sie die Abtreibungsgegner, die dieses Doppelangebot aus Frau und Kind am liebsten früher und früher auseinanderdividieren würden, vierundzwanzig Wochen, zwanzig Wochen, zwölf Wochen, sechs Wochen... Je früher man es aufbrechen kann, desto schneller kann man sich eines seiner Bestandteile entledigen: Der Frau mit Rechten.“ (S.117)

Als Rezensent wünscht man sich der Autorin und ihrem Schreiben mit ebensolcher Genauigkeit begegnen zu können und steht damit vor dem Problem der Borges‘schen Landkarte, der Notwendigkeit einer Abbildung, welche den Dimensionen des Abgebildeten entspricht. Ein Anspruch, der sich im besten Fall auf den 188 Seiten des Buches, im unmöglichsten Fall aber in einer 8000 Zeichen Rezension einlösen lässt. Maggie Nelson jedenfalls schürt die Hoffnung, dass das Nichtsagbare dennoch im Gesagten enthalten ist und ermöglicht uns die Erfahrung von Empathie, selbst wenn unsere „Perversionen nicht kompatibel“ (S.120) sein mögen. Und das ist schon ziemlich viel angesichts einer Gegenwart, welche sich gerade zwischen Identity Politics und neo-regressiven Tendenzen aufzureiben droht. Vielleicht würde es in dieser Situation helfen das Leben gelegentlich auch als anhaltenden Sommer unserer sich verändernder Körper zu betrachten, allein schon für diesen Gedanken muss man Maggie Nelsons performativem Schreiben dankbar sein.

Maggie Nelson, „Die Argonauten“, Hanser Verlag, München 2017.