„Spekulationsspektakel", Naoko Kaltschmidt über „The Otolith Group" im MACBA, Barcelona

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The Otolith Group, „Be Silent for the Ear of the god are everywhere", 2006, Filmstill

„Much remains to be said“, mit diesem Satz endet der Einführungstext zu der bislang umfangreichsten Werkschau von „The Otolith Group", einer Formation, die in letzter Zeit des öfteren Aufmerksamkeit auf sich zog, etwa mit der Nominierung für den Turner Prize 2010 oder der Teilnahme an der Manifesta 8 im vergangenen Jahr. Im MACBA wird die seit 2002 bestehende und in London ansässige Gruppe um Anjalika Sagar und Kodwo Eshun parallel zu einer Überblicksausstellung zum Wechselverhältnis von Kunst und Fernsehen („Are you Ready for TV?“) gezeigt – eine durchaus sinnvolle Zusammenführung, zumal die künstlerische Praxis von The Otolith Group häufig als eine audiovisuelle beschrieben werden kann. Ihre Arbeiten lassen sich weiterhin als Kommentar zu konventionellen Fernsehformaten und Filmästhetiken lesen, auch oder gerade weil sie im krassen Gegensatz hierzu stehen: Explizit verweisen sie auf das (Anti-)Genre des Essayfilms, jener Filmtradition also, die sich weniger bis gar nicht durch eine narrative Struktur, sondern vielmehr durch das – stark subjektiv geprägte – Nachdenken über medienspezifische Beschaffenheiten und Besonderheiten auszeichnet. Damit einher geht die Relativierung jenes gerne als dokumentarisch bezeichneten Wahrheitsanspruchs, den das fotografische Verfahren suggeriert, ebenso wie die Enthierarchisierung des zumeist ungleichgewichtigen Verhältnisses von Bild und Ton.

Einen wesentlichen Aspekt dieser Vorgehensweise, der Methodologie – die zu illustrieren im Zentrum dieser Ausstellungskonzeption stehen soll – macht das Hinterfragen von derartigen (Darstellungs- sowie Rezeptions-)Normen aus. Diese Programmatik spiegelt sich bereits in der Namensgebung der Gruppe wider: Die Bezugnahme auf einen aus der Anatomie stammenden Begriff (Otolith, zu Deutsch ‚Ohrstein’), der winzige im Innenohr befindliche Partikel benennt, die den Gleichgewichtssinn steuern und somit auch für die Orientierung zuständig sind, markiert zum einen die transdisziplinäre Ausrichtung (oder allgemeiner formuliert, das bewusst praktizierte Überschreiten von Gattungsgrenzen); zum anderen charakterisiert die Wahl eines unscheinbaren, kaum geläufigen Bestandteils des (im Übrigen nicht nur menschlichen) Organismus, der aber letztlich die gesamte Wahrnehmung beeinflusst, just diese Form der intendierten Aufmerksamkeitsverschiebung.

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„Thoughtform", Ausstellungsansicht, MACBA, 2011

Im Hinblick auf die vielseitige künstlerische Praxis der Gruppe lässt sich zudem von einer Kontextverschiebung sprechen, wenn der Autor und Theoretiker Eshun (geb. 1967) und die Anthropologin und Soundkünstlerin Sagar (geb. 1968) das Publizieren sowie Programmieren und Kuratieren von Ausstellungen, Film- und Vortragsreihen ebenso als ihre künstlerische Arbeit ansehen – gewiss an sich kein Novum, doch maßgeblich scheint hier der Anspruch einer anderen, weil komplexeren und gleichsam integrativen Art von Autorschaft (die auch durch die Favorisierung eines Auftretens als Kollektiv zum Ausdruck kommt). Eshun zieht diesbezüglich den Vergleich mit dem ‚editing’, was bezeichnenderweise sowohl den Filmschnitt meinen kann als auch das Herausgeben, in beiden Fällen aber geht es letztlich um ein Arrangieren distinkter Segmente zu einem – neuen – Gefüge, einem Kompositum.

So verwundert es nicht, wenn sich in der Ausstellung (unter der kuratorischen Ägide von Chus Martínez) auch Werke anderer Urheberschaft finden, so zum Beispiel einige Blätter der „Lord of Light“-Serie von Jack Kirby, jenem ‚King of Comics’, dem wir Marvel-Ikonen wie „The Fantastic Four“ oder „Hulk“ verdanken. Es handelt sich dabei um hinduistisch inspirierte Set-Design-Entwürfe zu einem Science-Fiction-Film, der allerdings nie realisiert werden sollte; alle diese drei Komponenten – nämlich Indien als (seitens Sagar biografisch motivierter) Bezugspunkt, das Science-Fiction-Genre als Kontrastfolie für die reale Gegenwart und somit als Relativierung der aktuellen Zeitlichkeit sowie das Unfertige, Unvollendete als Gegensatz zum (kanonisierten) Erfolg – tauchen an anderen Stellen wieder auf und bekräftigen die Machart dieser Ausstellung als ein Gewebe von unterschiedlich korrespondierenden, widerhallenden Teilen.

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The Otolith Group, „Communists Like Us", 2006, Filmstill

In der Zweikanalprojektion „Communists Like Us“ (2006) wird die Abfolge von Vorder- und Rückansichten von Archivfotografien, die einige Räume weiter als einzelne Abzüge präsentiert werden, mit Dialogsequenzen (als Untertitelung) aus Jean-Luc Godards „La Chinoise“ (1967) verknüpft: Schwarzweißbilder aus den 1950er und 60er Jahren, die kommunistische Delegationen oder indische Frauen in Fabriken zeigen (recto), wechseln sich ab mit nicht näher zuordenbaren handschriftlichen Notizen oder bürokratischen Vermerken (verso), werden ergänzt von Sätzen wie „Il faut confronter les idées vagues avec des images claires“. Vage bleiben denn auch, wenngleich wohl einer Programmatik folgend, die Aussage bzw. das eigentliche Anliegen der zumeist konzeptuell sehr dichten, ja mitunter überladen wirkenden Arbeiten: Wenn etwa – vorgeblich neutrale – Zeittafeln sowohl realhistorische Ereignisse als auch individuelle Daten (hier sind es ebenfalls Sagars familiäre Bande, die zu dieser Subjektposition geflochten werden) verzeichnen und dabei jahrzehnteweit in die Zukunft vorgreifen oder eine Serie von Pastellbildern (mit Titeln wie „For the Peace and Safety of Mankind”) vordatiert beschriftet sind, könnte man in Bezug auf diese Fiktionalisierung einen (auch institutions-)kritischen Impetus vermuten, doch die Frage wäre, was über dieses selbstreflexive Moment hinaus bleibt. Stattdessen liest sich dieser Parcours nun eher wie eine Passage, die einlädt zu mal freieren, mal gezielten Assoziationen.

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The Otolith Group, „Otolith II", 2003, Filmstill


Die Ausstellungssituation für die Filmtrilogie „Otolith I-III“ (2003/2007/2009) scheint diese Idee der Passage zwar treffend umzusetzen, indem zwei Räume mit drei Projektionen bespielt werden, wodurch sich die Tonspuren überlagern, was einerseits stimmig wirkt, andererseits der Rezeption der einzelnen Arbeiten in diesem das Kino zwar zitierenden, aber eben doch installativen, also offenen Raumarrangement nicht sonderlich zuträglich ist. Andererseits zeichnen sich auch die Arbeiten selbst durch eine Vermischung von heterogenem Material aus, was im Grunde einen ähnlichen Effekt erzielt. „Call it a premake“, heißt es an einer Stelle – auch das eine bewusste Irritation und Verkehrung der chronologischen Bezüge und zugleich eine Betonung der Zukunftsgerichtetheit als Hinweis auf die (prinzipielle) Potenzialität des Gedankenexperiments. Gleichzeitig bilden die nicht eben wenigen – und dabei häufig nur mehr schwer nachvollziehbaren – Referenzen eine wesentliche Matrix für die Arbeiten der „The Otolith Group": von literarischen Verweisen auf Jean Genet oder Fernando Pessoa über die Auseinandersetzung mit einem nie fertiggestellten Film von Satyajit Ray („The Alien“, 1967) bis hin zu einer Hommage an jene künstlerische Position, die ideell am Beginn der Zusammenarbeit von Eshun und Sagar stand: Chris Marker.

Die Athen-Bienniale 2007 nahm die Gruppe zum Anlass, die selten gezeigte dreizehnteilige Fernsehserie „L’Héritage de la chouette“ (1989) von Marker, jenem essayistischen Filmemacher par excellence, der das Medium verschiedentlich weiterzudenken imstande ist, neu aufzuführen (unter dem Titel „Inner Time of Television“) und später auch in Buchform zu würdigen. Viele Mittel sind „The Otolith Group" also recht, um für das (Nach-, Über- oder auch An-)Denken eine Form zu finden, wie es schließlich auch im Titel der MACBA-Ausstellung „Thoughtform“ zur Sprache kommt. Diese ebenso meditative wie prozessuale Qualität ist in ihrer Essenz inzitativ und damit aber immer auch ein Stück weit unabgeschlossen. „We must let hypothesis run wild“, lautet da eine deutlich emphatische Ansage. Dem Publikum bleibt dabei eine gewisse Frustrationserfahrung wohl nicht selten erspart, doch das ist mit Sicherheit einkalkuliert, man könnte auch sagen: gewollt.

The Otolith Group, „Thoughtform“, MACBA, Barcelona, 26. Februar bis 29. Mai 2011