„Marcel´s Nachlaß“, Otto Mühls

Otto Mühl

Marcel´s Nachlaß (1994)

Otto Mühl ist zu sieben Jahren Freiheitsstrafe wegen „Beischlafs mit Unmündigen“ verurteilt worden und sitzt in der Strafvollzugsanstalt von Stein an der Donau ein. Abgesehen davon, dass es bei diesem Urteil wohl darum ging, ein Exempel zu statuieren und ein Signal gegen aktionistische Aktivitäten zu setzten, möchten wir uns an der Diskussion über die Angemessenheit dieses Urteils nicht beteiligen. Auch über Mühls Haftbedingungen wissen wir wenig. Immerhin scheint es Mühl möglich zu sein, im Gefängnis künstlerisch zu arbeiten. Die Einschließung führt nicht zu einem Ausnahmezustand – es wird weiterproduziert. Für uns machte Mühl eine Graphik, auf der Duchamps Pissoir mit braunen herausquellenden Würsten und angedeutetem Abflussrohr zu sehen ist.Mühl signalisiert damit, dass von ihm keine Besserung oder Reue erwartet werden kann. Das von der Gesellschaft Verdrängte und ins Abseits Verbannte steht für ihn nach wie vor im Zentrum. Mühl scheint daran zu erinnern, dass Duchamps Pissoir eine Funktion hatte, deren Spuren Duchamp beseitigte und die von ihm jetzt sichtbar gemacht werden. Mühls Gefängnisaufenthalt führt aber notgedrungen dazu, dass seine Überschreitungen heute ästhetisch bleiben. Es gibt jedenfalls in seinem Pissoir-Bild keine Hinweise auf ein kommunitäres Leben und dazugehörige Machtbeziehungen. Deshalb ist die These von Mühls Unverbesserlichkeit doch nicht ganz richtig, weil Mühl jetzt nur noch die ästhetische Überschreitung sucht und in dieser vorhersehbar bleibt. Wie ein klassischer, mit den Traditionen ringender Künstler klinkt er sich in die kunstspezifische Diskussion über Duchamps Hinterlassenschaft ein: War es das Ready-made oder die Kritik an den Institutionen, die mit Duchamp möglich wurden? Laut Mühl waren es Exkremente, die Duchamp als Erbe zurückließ und die den Status von künstlerischem Material erhalten konnten.

Otto Mühls Arbeit heißt „Marcel´s Nachlaß“, ist in den Farben Gold, Schwarz, Weiß und Braun gehalten, hat ein Format von 21,6 x 15,6 cm, liegt in einer Auflage von 100 + 20 Exemplaren vor und kostet 245,- Euro zzgl. Versand.