Thomas Struth

Storage, Charité, Berlin 2015 (2015)

Das Motiv von Thomas Struths Edition für Texte zur Kunst erscheint dem kunsthistorisch geschulten Auge vertraut: Ein enger, niedriger Raum, vollgestellt mit Tischen, auf denen sich leere, mit einem grauen Schmutzfilm belegte Wasserbehälter stapeln, ein einziger bescheidener Holzstuhl, ein kleiner Ofen oder Schränkchen im Hintergrund – all dies mag das tradierte Bild eines chaotischen Künstlerateliers evozieren. Doch tatsächlich dienen die Schläuche und Gefäße der Konservierung von Gewebepräparaten. Die Aufnahme zeigt einen Lagerraum im Keller des Campus der Charité in Berlin-Mitte, um die Jahrhundertwende erbaut und heute vom Medizinhistorischen Museum genutzt. Struth hat an der Charité mehrere Fotos aufgenommen, suchte sie nicht zuletzt als Ort der wissenschaftlichen und technologischen Innovation auf: als Ort, an dem Zukunft gemacht wird. So zeigt eine Aufnahme von 2012 einen Operationsroboter in Aktion. Für das vorliegende Bild jedoch kehrt Struth diesen Blick um, betrachtet nicht medizinische Neuerungen, sondern deren achtlose Ablage(rungen). Was hier abgestellt wird, ist auf doppelte Weise technisch überholt, vernachlässigt und doch nicht ohne Wert: ein Wert des Vergessenen, den Struth als Tableau inszeniert und dabei jede mythische Aufladung an der klirrenden Schärfe des Kamerablicks bricht. Was in Struths Edition augenfällig wird, ist nicht zuletzt der Wunsch des Innehaltens und Betrachtens angesichts rasenden Fortschritts; das Bedürfnis, vergangene wie aktuelle „Innovation“ mit einem Rahmen zu versehen, bis sie sich schließlich zur scheinbar vertrauten Komposition kristallisiert.

Injekt Print, 31,9 x 40,5 cm, Auflage 80 + 20 A.P., rückseitig nummeriert und signiert, € 690,- zzgl. Versand.