92_J.Mehretu_Edition

Julie Mehretu

"Untitled (pulse)" (2013)

Julie Mehretus Edition für "Texte zur Kunst" ist eine Studie zum Thema Markierung, eine Übung, die letztlich – wie so oft bei Mehretus Arbeiten – unser Verständnis dessen, wie eine Linie überhaupt funktioniert und was sie leistet, verändert. Vielen Betrachtern wird Mehretu, die an der documenta, der Whitney Bienniale und anderen internationalen Ausstellungen teilgenommen hat, mit ihren oft großformatigen Gemälden in Erinnerung sein: dichten und zugleich durchlässigen Feldern übereinandergeschichteter Linien. Die zeichnerischen Elemente, aus denen diese Werke bestehen, entstammen oft den visuellen Darstellungen und Karten, mittels derer wir die unseren gesellschaftlichen Formen zugrunde liegenden materiellen Anordnungen erfassen: Architekturen, Städte, Straßen.

In dieser Arbeit allerdings leiten sich Mehretus Formen nicht mehr von solchen Darstellungs- oder Organisationsformen ab. Vielmehr schafft sie etwas, das sich als eine Gesellschaft von Linien beschreiben ließe. Dünne Geraden, die an Vektorgrafik erinnern, federleichte Markierungen, die an die Grannen von Weizen oder die Flügel von Vögeln denken lassen, Kurven und Halbkreise bezeichnen ein Gebiet, in dem die Linie Raum aufspannt, Oberflächen beschreibt, andere Linien kreuzt und sogar eine fein nuancierte Palette aus Weiß, Blau, Grau und Braun hervorbringt. Umrahmt ist dieses Feld von einem weißen Rand, einem negativen Puffer, an dem alle Spuren sich ins Leere verlieren. Ein erstes Blatt, auf dem die Linien vor dem Druck aufgebracht waren, endete entweder ursprünglich hier, oder aber es erstreckte sich über das nunmehr sichtbare Feld hinaus und wurde abgeschnitten. Dieser minimale Bruch manifestiert sich nunmehr als Grenze, an der alle Linien verschwinden.

Julie Mehretu, „Untitled (pulse)“, 2013, vierfarbige Lithografie, Papiergröße: 56 x 65 cm; Bildgröße: 40,8 x 51 cm, 100 + 30 A.P., vorderseitig nummeriert und signiert, € 580,- zzgl. Versand.