Cookie Warnung
Für statistische Zwecke und um bestmögliche Funktionalität zu bieten, speichert diese Website Cookies auf Ihrem Gerät. Das Speichern von Cookies kann in den Browser-Einstellungen deaktiviert werden. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren

6

VORWORT

Der derzeitige misogyne Backlash reiht sich in eine lange Tradition geschlechterspezifischer Diskriminierung ein und aktualisiert diese unter Indienstnahme technologischer und ­politischer Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund untersucht diese Ausgabe die aktuelle ­Konjunktur frauenfeindlicher Dynamiken und Topoi in Kunst und Popkultur unter Berücksichtigung veränderter medialer und soziopolitischer Bedingungen. Wir verstehen Misogynie mit Kate Manne als kulturübergreifendes Phänomen, das – im Gegensatz zu punktuellen sexistischen Praktiken oder Äußerungen – eine tiefe, wenn auch oft unbewusste frauenverachtende Haltung artikuliert.

Seit den frühen 1990er Jahren hat sich TEXTE ZUR KUNST immer wieder mit der mehr oder weniger subtil und gewaltvoll ausfallenden Rückgängigmachung feministischer Errungenschaften befasst. Auf das Heft „Feminismen“, das sich 1993 mit unterschiedlichen Verständnissen von Feminismus auseinandersetzte, folgte 1994 unter dem Titel „Sexismen“ ein Fokus auf die diversen Ausprägungen geschlechterspezifischer Diskriminierung. Vor sechs Jahren rief das Themenheft „The Feminist“ dazu auf, Prozesse der Subjektivierung und die historische Situierung dieses so kulturell umkämpften wie konjunkturabhängigen Begriffs genauer zu untersuchen. Seitdem sind maskulinistische Identitätspolitiken erneut auf dem Vormarsch. Mit Blick auf frühere ­reaktionäre Bestrebungen, bedeutende feministische Errungenschaften wie die der frühen 1970er Jahre zurückzudrehen, ist die Stoßrichtung des aktuell zu beobachtenden misogynen Backlash wenig überraschend. Er wird befeuert vom Rechtsruck und von Internetplattformen, die sich als idealer Nährboden für frauenfeindliche Ideologien ­erwiesen haben.

Aufgrund von globalen Konflikten, ökologischen Krisen, wirtschaftlichen Rezessionen, imperialistischen Tendenzen sowie tiefgreifen­den technologischen Umbrüchen konnten konservative politische Agenden und autoritäre Bewegungen erstarken – und damit verbunden auch reaktionäre Frauenbilder. ­Besonders deutlich zeigt sich die Rückkehr zu einem traditionellen Verständnis von Weiblichkeit am Phänomen der ­Tradwives, dem sich der Round Table dieser Ausgabe zuwendet. Im Gespräch mit Sabeth ­Buchmann und der TZK-Redaktion diskutieren die Künstlerin Petra Cortright, die Kunsthistorikerin Friederike Sigler und die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer die paradoxen Performances, mit denen eine wachsende Anzahl junger vermeintlicher Hausfrauen, die in Wahrheit auch geschäftstüchtige Onlineunternehmerinnen sind, Scharen an Follower*innen von ihrem Lebens­entwurf und dem Kauf der von ihnen ­beworbenen Produkte überzeugt. Es zeigt sich, wie sich die Politik der Neuen Rechten mit bestimmten sozioökonomischen Bedingungen verbindet und auf welche historischen Vorbilder dieser Social-Media-Trend zurückgreift.

Parallel zur Glorifizierung der stay-at-home mom werden Frauen, die beruflich erfolgreich und gesellschaftlich sichtbar sind, immer häufiger Opfer von misogynen Kampagnen und Hatespeech. Im deutschen Politikbetrieb wurde dies im vergangenen Jahr am Fall der vereitelten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin deutlich; in den USA richtet sich Donald Trumps misogyne Rhetorik wiederholt gegen meinungsstarke, demokratische congresswomen – und ist längst vom locker room in das offizielle Skript von Pressekonferenzen des Weißen Hauses eingegangen. Inwieweit die Popkultur der vergangenen Jahre, insbesondere der nach Sheryl Sandbergs 2013 erschienenem Buch benannte „Lean In“-Feminismus, für die oft internalisierte Frauenverachtung der heutigen Zeit mitverantwortlich ist und wie sich Misogynie moralphilosophisch einordnen lässt, reflektieren Kritikerin Sophie Gilbert und Philosophin Kate Manne im Gespräch mit der Popfeministin Kersty Grether.

Feministische Errungenschaften und verwandte progressive Politiken für die eigene sozio­ökonomische Misere verantwortlich zu machen, ist eine zentrale argumentative Strategie der sogenannten Manosphere, die Mitte der 2010er Jahre als loses Online-Netzwerk erstmals öffentlich in Erscheinung trat. Während die hier behauptete Vormachtstellung von Männern heute vermehrt vom konservativen politischen Mainstream aufgegriffen und algorithmisch verstärkt wird, wenden sich die Nutzer*innen von Online-Plattformen wie 4chan, auf denen die Manosphere sich ursprünglich vernetzte, mittlerweile einer eher nihilistischen Weltanschauung zu – eine Entwicklung, die Marcus Maloney nachzeichnet.

Neben liberalen Feminist*innen hat die Neue Rechte auch trans Personen zum Feindbild erkoren. Der Spezifik von Transmisogynie widmet sich Antidiskriminierungstrainer*in Mine Pleasure Bouvar mit einer Untersuchung von Repräsentationen transfemininer Körper, die dem bürgerlichen Blick zu gefallen suchen. Einerseits betont Bouvar die Verbindung solcher Darstellungen zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung, andererseits die kalkulierte Vergeschlechtlichung von trans Personen, unter anderem zu militärischen und Propagandazwecken.

Den Blick zurück auf jenen historischen Backlash, der im frühen 20. Jahrhundert die Errungen­schaften der ersten feministischen Welle zu revertieren suchte, wirft Vivian Liska am Beispiel der Darstellung von Frauen im Werk Martin Bubers. In dessen Ansichten und Schriften sieht sie ein Exempel für das Paradoxon, durch die Wiederbelebung älterer Traditionen etwas Neues zu schaffen, das manch modernistische Denker und Autoren mit dem Neokonser­vativismus von heute verbindet.

Für die Bildstrecke dieser Ausgabe hat ­Victoria Colmegna sich ­Illustrationen aus dem Buch Astrología Esotérica (1962) des ­argentinischen Politikers José López Rega angeeignet, dessen orthodoxe peronistische und rechtsextreme Politik in Kombination mit seinem Interesse am Okkultismus ihm den Spitznamen El Brujo (der Hexer) einbrachte. Die typisierten, nach Tierkreiszeichen ­benannten Frauenbilder aus López Regas Buch können hier wie in einem Malbuch buchstäblich neu ­eingefärbt werden. Zudem lassen sie sich als Verweis auf historische misogyne Gewalt und die Figur der Hexe als Symbol für weiblichen Widerstand gegen patriarchale Strukturen lesen und erinnern an die frappierende Kontinuität antifeministischer Topoi.

Sabeth Buchmann, Ben Caton, Isabelle Graw, Leonie Huber und Anna Sinofzik