VORWORT
Seit dem Aufkommen des Begriffs Mittelalter ist diese historische Epoche untrennbar mit Vorstellungen von Alterität verbunden. Wurde ab dem 14. Jahrhundert das Bild eines dunklen Zeitalters geschürt, das als Kontrastfolie zu Idealen von Aufklärung und Humanismus in der Renaissance herhalten musste, diente das Mittelalter bereits in der Romantik als Projektionsfläche für eine nicht von der fortschreitenden Industrialisierung korrumpierte Lebensweise im Einklang mit Natur und Spiritualität. Im 20. Jahrhundert verwiesen Denker*innen wie Michel Foucault oder Georges Bataille auf die Sozialformen des Mittelalters, um Kritik an der kapitalistischen Moderne zu üben. Der Impuls, der komplexen und unsteten Gegenwart in eine vermeintlich einfachere Vergangenheit zu entfliehen, kennzeichnet auch heutige Bezugnahmen auf das Mittelalter in Popkultur und Politik. Diese Ausgabe von TEXTE ZUR KUNST setzt solchen reduktionistischen Rückgriffen ein differenzierteres Bild des Mittelalters entgegen, das historische Parallelen und Kontinuitäten, aber auch Widersprüche anerkennt. Im Sinne einer Zurückweisung des Epochenmodells, das die Geschichtswissenschaften ab dem 18. Jahrhundert dominiert, greifen zahlreiche Beiträge methodisch auf marxistische und feministische Kritik zurück sowie auf Postcolonial, Queer und Trans Studies.
Mit der Kombination unterschiedlicher Repräsentationsformen und scheinbar unvereinbarer Perspektiven kann die Kunst des Mittelalters selbst zur Stichwortgeberin für partikulare und pluralistische Erzählungen werden. Was wir in KI-generierten Bildern als Glitches bezeichnen, ähnelt auf eigentümliche Weise den für heutige Betrachter*innen mitunter befremdlichen Inkonsistenzen mittelalterlicher Darstellungsweisen, die aus dieser Sicht überraschend aktuell erscheinen. Auch das Coverbild dieser Ausgabe – eine Tafel eines Altar-Triptychons von Simone Martini, das eine Wunderheilung durch den Seligen Augustinus Novellus zeigt – lässt sich in seiner Simultandarstellung eines vom Balkon fallenden und zugleich schon wieder auferstehenden Kindes als Indiz für die Gleichzeitigkeit und Komplexität historischer Entwicklungen in einem globalen Mittelalter lesen. Wie sich ein solcher erweiterter Epochenbegriff für die Mediävistik produktiv machen lässt, diskutieren Suzanne Conklin Akbari, Lloyd de Beer, Beate Fricke und Clovis Maillet in einem von Eva Schlotheuber moderierten Round Table. Mit Blick auf zeitgenössische Kunst, die Bezüge zum Mittelalter strategisch nutzt, um historische Narrative zu verkomplizieren, zeigen die Mediävist*innen einerseits auf, welche Möglichkeiten Indigene Ikonografien und Methoden der Wissensaufzeichnung für die Kritik am Universalanspruch der eurozentrischen Geschichtsschreibung bieten. Andererseits bezeugen ihre Close Readings mittelalterlicher Werke auch, wie festgeschriebene Interpretationen in bestimmten geografischen und historischen Kontexten durch ein gezieltes Herauszoomen hinterfragt werden können.
Die Kontingenz mittelalterlicher Ikonografie steht auch im Fokus von Nancy Thebauts Fallstudie spätmittelalterlicher Darstellungen der Begegnung zwischen dem König Salomon und der Königin von Saba. Mit Blick auf die Verbindung von Bild und Text zeigt sie, dass eine oft mit der Moderne assoziierte Selbstreflexion der Grenzen bildlicher Repräsentation bereits in der Kunst des Mittelalters zu finden ist, und hinterfragt zudem den Wahrheitsgehalt der Darstellung von Geschlechtlichkeit.
Wie der Begriff des Mittelalters strategisch zur Abwertung von Kunst- und Sozialformen des Islam gebraucht wird, diskutieren Hussein Fancy und Wendy Shaw. Der schematischen Gegenüberstellung des christlichen Mittelalters und der parallelen Blütezeit der islamischen Welt stellen sie die Realität eines regen kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs im Mittelmeerraum entgegen. Im Fokus ihres Gesprächs steht zudem, wie die Fortschrittserzählung der Moderne und die kapitalistische Infrastruktur die Wahrnehmung islamischer Kunst prägt.
Auch in aktuellen Analysen des Spätkapitalismus nehmen Rückgriffe auf das Mittelalter zu, um die Verschiebungen der westlichen Gesellschaftsordnung zu fassen. Während Yanis Varoufakis mit seinem Buch aus dem Jahr 2023 den Begriff des Technofeudalismus populär machte, beschreibt Sighard Neckel jene mittelalterlich anmutenden Sozialformen, die im Zuge kapitalistischer Modernisierung aufkommen, als Refeudalisierung. Wie er betont, bedeutet dies jedoch kein tatsächliches Zurückfallen in feudale Zeiten, sondern vielmehr eine neuartige Form des Kapitalismus, die dessen historisch gewachsene Beziehung zur Bürgerlichkeit hinter sich lässt. Dass ausgerechnet Disneyland, Inbegriff US-amerikanischer Unterhaltungsindustrie, die ursprüngliche transzendentale Kraft mittelalterlicher Baukunst durch kontrafaktische Anleihen und deren weltweiten Export auf neue Weise erfahrbar macht, argumentiert Roland Betancourt in seinem Text über die populären Themenparks. Dabei konzentriert er sich darauf, wie das Mittelalter zur Kulisse zeitlich entrückter Rollenspiele wird.
Mittelalterliche Architekturen bilden auch den Ausgangspunkt für Luke Fidlers Beitrag, der sich mit Ashley Hunts künstlerischer Forschung zu karzeralen Gebäuden befasst. Mit Rekurs auf Foucault und in Form einer Gegenüberstellung historischer und gegenwärtiger Gefängnisbauten arbeitet Fidler neben Kontinuitäten zwischen Mittelalter und Moderne auch Verbindungen zwischen Justizvollzugsanstalten und Kulturinstitutionen heraus – womit er Hunts abolitionistische Institutionskritik einen Schritt weiterdenkt.
In ihrer Bildstrecke nutzt Katharina Schilling formale Anleihen mittelalterlicher Kunst: Ihre abstrakten Kompositionen greifen Darstellungen von Bodenmosaiken in kollektiv angefertigten Manuskripten auf – künstlerische Gemeinschaftsprojekte, die Schilling in ihrer Malerei fortführt. Wenn wir vom Mittelalter lernen können, wovon uns die Arbeit an diesem Heft überzeugt hat, basiert dieser Lernprozess zunächst auf einer Bereitschaft zum Verlernen: Mittelalterliche Quellen erfordern eine methodische Offenheit ebenso wie ein Bewusstsein dafür, dass historische Bedeutung untrennbar mit den Grundannahmen der eigenen Perspektive verbunden ist. So gesehen kann sowohl die Mediävistik als auch die Kunst des Mittelalters interdisziplinär und epochenübergreifend wertvolle Impulse setzen. Für die Unterstützung bei der Konzeptentwicklung dieser Ausgabe möchten wir uns ganz herzlich bei unseren Berater*innen Helmut Draxler und Aden Kumler bedanken, die die inhaltliche Ausrichtung des Hefts maßgeblich geprägt haben.
Ben Caton, Leonie Huber und Anna Sinofzik