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POETIK DER ENTWURZELTEN ZEIT Roland Betancourt über den zeitlichen Schwindel des Themenparks

Sleeping Beauty Castle at Disneyland, Anaheim, 1968

Sleeping Beauty Castle at Disneyland, Anaheim, 1968

Die oft ahistorische Aneignung mittelalterlicher ­Elemente in der Populärkultur trägt zu dem verzerrten Bild bei, das viele Menschen vom ­Mittelalter haben. Wie Roland Betancourt am Beispiel von Disneyland-­Schlössern zeigt, können aus ihrem Kontext ­gerissene Architekturen und Ikonografien im ­mittelalterlichen Stil unseren Geschichtsbegriff jedoch nicht nur ­verflachen: Unter Rückgriff auf das Phänomen des zeitlichen Schwindels lenkt Betancourt unsere ­Aufmerksamkeit darauf, wie die Verfälschung von Referenzen in Disney-Parks die Kontinuitätswahr­nehmung der Besucher*innen aufbricht. Mit Blick auf die Fantasyland-Bereiche der Parks untersucht er, wie der Unterhaltungskonzern insbesondere das mittelalter­liche Schloss als Tor zu einer Welt einsetzt, in der eine bestimmte Art des Spiels gepflegt wird.

Als Walt Disney 1955 das kalifornische Disneyland errichtete, diente ein Schloss im mittelalter­lichen Stil als architektonischer Fluchtpunkt der Hauptachse des Parks und als Wahrzeichen des Fantasyland-Bereichs. Heute bildet das Mittelalter den konzeptuellen Kern des Genres Fantasy in der zeitgenössischen Populärkultur. [1] Von Büchern bis hin zum Fernsehen ist Fantasy ohne die ­Verpackung in europäisch-­mittelalterliche Bildlichkeit inzwischen kaum vorstellbar. Doch welche Rolle spielt das Mittelalter bei der Konstruktion unserer kontrafaktischen ­Vorstellungen von der Vergangenheit in Disneyland? Und wie untergraben mittelalterliche Verweise die Zeitlichkeit dieser Landschaft, statt lediglich ein verlorenes „Dort und Damals“ zu zitieren?

In einer frühen Zeichnung des ersten ­Disney-­Parks, die Herb Ryman, ein leitender künstlerischer Angestellter der Walt Disney Studios, 1953 anfertigte, erschien das Schloss als beinahe exakte Replik des neuromanischen Schlosses ­Neuschwanstein aus dem 19. Jahrhundert. Letztlich gebaut wurde jedoch eine stark abgespeckte Version, die den Einfluss typisch amerikanischer Vorstellungen von spätmittelalterlicher französischer Architektur widerspiegelt. [2] Dieser château style oder châteauesque genannte Stil überträgt fantasievolle gotische Elemente (insbesondere Türmchen, steile Dächer und Bossenputz) auf ein ansonsten unscheinbares Gebäude. Er ist wie andere sogenannte Märchenbuch-Stile eine Schöpfung der Studioindustrie von Hollywood. Beispiele sind über ganz Los Angeles verstreut zu finden: Man denke an prominente ­Wohnanlagen wie ­Hollywood Tower (1929) und Le Trianon Apartments (1928) oder auch an profanere Bauten aus den 1930ern. In diesem Zusammenhang war das Schloss von Disneyland mit seiner mittelalterlichen Anmutung weniger eine Anomalie im städtischen Gefüge als die Wiederaufnahme eines Lokalstils.

Blueprint for Disneyland’s ­Sleeping Beauty Castle, ca. 1954–55

Blueprint for Disneyland’s ­Sleeping Beauty Castle, ca. 1954–55

Das Original-Fantasyland in Disneyland verschmolz diese beliebte Vorstellung vom Mittel­alter mit einer stromlinienförmigen Midcentury-­Modern-Ästhetik, die das Markenzeichen des Stils von Eyvind Earle, einem Künstler und Illustrator bei Disney, war. [3] Während der Bauzeit des Parks arbeitete Earle an Walt Disneys Sleeping Beauty; der Look von Fantasyland orientierte sich an dieser Filmgestalt, nach der auch das Schloss in Disneyland benannt ist. Wappen, Turnierzelte und königliche Standarten aus ­buntem Blech belebten die Mittelalter-Fantasie, die der ­Disneyland-Park vermitteln sollte. Seitdem wurde Walt Disneys Vorstellung vom Mittelalter über Themenparks in alle Welt exportiert. Im Falle des Euro Disney Resort (1992 eröffnet, mittlerweile in Disneyland Paris umbenannt) jedoch musste das Unternehmen zum ersten Mal sein Fantasy­land in der Nähe tatsächlicher mittel­alterlicher Stätten errichten, die für das kulturelle Erbe des Landes von zentraler Bedeutung sind.

Charakteristisch für das Schloss von Disneyland Paris ist der überproportional hohe, schlanke Mittelturm mit dem ovalen ­Rosettenfenster. Von dieser vertikalen Achse des ­Schlosses aus ­erstrecken sich alle anderen Elemente treppen­-­förmig nach außen, getragen von mit ­Bossenwerk versehenen Befestigungsmauern am Sockel. Wer mit gotischer Architektur oder auch mit ihren fantasievollen Rekonstruktionen aus dem 19. Jahrhundert wie dem nahe ­gelegenen ­Château de Chantilly vertraut ist, wird ­feststellen, dass das Vokabular des Schlosses von Disneyland Paris von einer Hyperakkumulation geprägt ist, die noch über die Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert hinausgeht. In den ­Illustrationen des Stundenbuchs Très Riches Heures du Duc de Berry (ca. 1412–16) etwa ist eine Ansammlung architek­tonischer ­Elemente zu beobachten. Diese Merkmale bleiben in der Buchmalerei jedoch auf die horizontale Ebene der Dachlinie eines gedrungenen Gebäudes beschränkt. Das Schloss von Disneyland Paris erweitert diese Formen hingegen in die Höhe, und zwar kontrafaktisch: Es geht darum, ein Schloss zu erschaffen, das strukturell nie hätte existieren können – die Wolkenkratzer-­Version einer spätmittelalter­lichen französischen Festung.

In der Pariser Peripherie konnte das Schloss im mittelalterlichen Stil keinerlei Anspruch auf Authentizität oder Zitathaftigkeit erheben. Stattdessen gab es sich durch seine überladene Camp-Ästhetik als Fantasy zu erkennen. Das im Schloss von Disneyland Paris umgesetzte geschützte Design der Walt Disney Company für die „ornamentale Gestaltung eines Vergnügungsparkschlosses“ nahm die Ästhetik im mittelalterlichen Midcentury-Stil, die Disneyland bereits Jahrzehnte zuvor gepflegt hatte, auf und übersteigerte sie. [4] Unter den im Patentantrag genannten Referenzen finden sich allerdings keine mittelalterlichen Stätten oder Bilder, stattdessen beziehen die ­Verfasser*innen sich auf einen firmeninternen Bestand an Fotografien von Schlössern aus Disney-Parks sowie auf bereits eingetragene Designs für Spielzeugschlösser aus der Mitte des Jahrhunderts. ­Festungsmauern, Türmchen und Bögen erscheinen in diesen Patenten nicht als dokumentierte ­Wirklichkeit, sondern als Ästhetisierung der mittelalterlichen Vergangenheit in einem ­massenhaft produzierten Kinderspielzeug.

Neuschwanstein Castle, ca. 1890–1905

Neuschwanstein Castle, ca. 1890–1905

Ein Themenpark ist ebenso sehr ein Ort hochgradig regulierter kommerzieller Unterhaltung wie ein Ort des Spiels – ein Ort nichtproduktiver, manchmal kreativer Tätigkeit, des Eintauchens und der Fantasie. Doch muss man, um im Park zu spielen, nichts weiter tun, als Zeit innerhalb seiner Grenzen und Architekturen zu ­verbringen. Ein darüber hinausgehender performativer Aufwand, wie man ihn mit Rollenspielen oder Cosplay in Verbindung bringt, ist nicht nötig. Im Fantasyland der Disney-Parks dient die Vorstellung vom Mittelalter als Architektur und Voraussetzung des Spiels und verwirklicht so ganz unmittelbar die Verknüpfung vom Schloss als Spielzeug und den darin stattfindenden Aktivitäten: Fahrgeschäfte nutzen, Fotos machen, sich als Figur verkleiden und so weiter.

Bei der Eröffnung des ersten Disneyland-­Parks im kalifornischen Anaheim kam in keiner der Attraktionen in Fantasyland eine der Haupt­figuren aus den Filmen vor, auf denen sie ­basierten. Bei einer Fahrt mit „Peter Pan’s Flight“ sah man nie Peter Pan selbst; stattdessen ritt man auf einer fliegenden Galeone durch die Szenen der Erzählung – die Idee war also, dass man (als ­Fahrgast) selbst Peter Pan ist. Dies führte jedoch zu Beschwerden. Bei „Snow White and Her Adventures“ stieß dieser Ansatz an seine konzeptuellen Grenzen: Die ­Besucher*innen des ­Fahrgeschäfts wurden hinter jeder Ecke von einer bösen Hexe belauert, während ­Schneewittchen nirgends zu sehen war. Die Attraktion versetzte Kinder in Angst und ­Schrecken und verwirrte Erwachsene, die nach Schneewittchen suchten. [5]

In anderen Themenbereichen von Disneyland wurden die Besucher*innen durchgängig als ­Tourist*innen angesprochen: in Tomorrow­land, Frontierland und Adventureland als ­Passagier*innen auf einem Flussschiff, das durch die Dschungel der Welt fuhr; als Reisende auf einem kommerziellen Raumflug und als Auto­fahrer*innen auf den neuen ­Interstates. Nirgendwo sollten sie eine Disney-Figur „­spielen“ – nur in Fantasyland, dessen Ethos dieses Rollenspiel ­förderte. Dort diente das Mittelalter als Kulisse und als imaginärer Spielraum. Am überraschendsten ist vielleicht, dass die in den mittelalterlich gestalteten Gebäuden von Fantasy­land beheimateten Geschichten niemals im Mittel­alter spielten: Man flog durch das ­London der Jahrhundertwende, raste mit dem Auto durch die englische Landschaft und erlebte ein ­Abenteuer im Deutschland des 16. Jahrhunderts.

Jean de Berry, “Les Très Riches Heures”, September scene, Chatêau de Saumur, ca. 1412–16

Jean de Berry, “Les Très Riches Heures”, September scene, Chatêau de Saumur, ca. 1412–16

In allen genannten Fällen diente das Mittel­alter nicht als historischer Schauplatz für die sich dort entfaltenden Geschichten. Vielmehr bewirkte es eine zeitliche Entrückung der ­Besucher*innen und fungierte als Portal zu vielen verschiedenen Zeiten und Orten. Fantasyland funktioniert gerade dadurch als Spiel, dass es die Illusion erweckt, es sei den Bedingungen von Kapital, Arbeit und Fortschritt entzogen. Indem Disneyland dieses spielerische Element in ­seinen konzeptuellen Mittelpunkt stellt, greift es Nachkriegsideale rund um die Notwendigkeit des fantasievollen Spiels für die kindliche ­Kreativität auf und schreibt den befreienden Charakter des Spiels in die kommerzielle und von großen Konzernen beherrschte Vergnügungsindustrie ein. [6] Diese zeitliche Spaltung ist sicherlich einzigartig in der Konzeption des Themenparks, in dem die Gäste dazu aufgefordert werden, „das Heute hinter sich zu lassen“ und in die Welten von morgen in Tomorrowland, in den Wilden Westen in ­Frontierland, in die Welt der Entdeckungsreisen des frühen 20. Jahrhunderts in Adventureland und in das Amerika der 1900er Jahre in Main Street einzutauchen. Während alle anderen Bereiche der Disney-Parks zeitlich klar verortet sind und deutliche Verweise auf und Zitate aus einem bestimmten historischen Dort und Damals enthalten, ist der Mittelaltercharakter von ­Fantasyland eine zeitliche Finte.

Indem sie das Mittelalter außerhalb der Zeit verortet, suggeriert Disneys Midcentury-­Mittelalter-Ästhetik eine vielseitig anschlussfähige Zeitlichkeit, die historisch gesehen fern, in der Vorstellungswelt jedoch nah ist. Die Ikonografien der mittelalterlichen Vergangenheit werden hier in einer unbestreitbar modernen Ästhetik der klaren Farben und Linien präsentiert, insbesondere in den über Fantasyland verteilten Dekorationen. Einwohner*innen Südkaliforniens, die 1955 Disneyland besuchten, dürfte die Vertrautheit des Disneyland-Schlosses, das aus so vielen die Szenerie von Los Angeles prägenden Elementen bestand, kaum entgangen sein. Wenn die mittel­alterliche Architektur von Fantasyland in irgendeiner Weise auf eine historische Vergangenheit anspielte, dann auf eine, die sich ebenfalls nah und futuristisch angefühlt haben dürfte. Man sollte dabei nicht vergessen, dass Sleeping Beauty erst 1959 in die Kinos kam. Earles ­mittelalterliche Midcentury-Ästhetik nahm also die Ästhetik eines Films vorweg, der vier Jahre nach der Eröffnung von Disneyland herauskam.

Haben die zeitlichen Ausgriffe, für die das Mittelalter in Disneyland als Kulisse dient, dennoch etwas Mittelalterliches? Als ich mein Interesse an dem Themenpark zum Ausdruck brachte, bemerkte der Disney-Imagineer Joe M. Rohde (nachdem er erfahren hatte, dass ich Mediävist bin): „Wenn Sie Themenräume mögen, gibt es immer noch die Sainte-Chapelle.“ [7] Rohdes Worte brachten den jede zeitliche und ­räumliche Verortung entwurzelnden Effekt gotischer Architektur treffend auf den Punkt. Als Verkörperung des himmlischen Jerusalem und als Aufbewahrungsort der aus ­Konstantinopel geplünderten Passions­relikte wirkt die Sainte-­Chapelle in Paris tatsächlich wie ein Themenraum, der Besucher*innen aus den alltäglichen Realitäten des Lebens jenseits seiner Mauern in eine höhere – göttliche und geistige – Welt versetzen will und zugleich auf imperialer Macht, Krieg und Eroberung beruht.

Visitors and cast members at Disneyland, Anaheim, 1964

Visitors and cast members at Disneyland, Anaheim, 1964

In modernen Themenparks spielt das ­Mittelalter entweder als eigenständiger historischer Bezugs­punkt eine Rolle oder – was interessanter ist – als historische Chiffre, die die Zeit aus ihrer geschichtlichen Kontinuität herauslöst. Während „exakte“ oder „historische“ Nachbildungen des Mittelalters eine faszinierende Kuriosität darstellen mögen, wirkt die Nutzung des Mittelalters zur Vermittlung eines zeitlichen Schwindels auf mich am überzeugendsten. Letzterer setzt mittelalterliche Kunst und Architektur so ein, wie sie ursprünglich gedacht war: um die Gegenwart zu transzendieren und Pilger*innen in die Sphären der Kontemplation und des Einbildungs­vermögens zu entführen. Von liturgischen Kelchen für das Blut Christi bis zum Raum einer Kirche sollten Objekte und ­Architekturen unsichtbare ­Realitäten im Hier und Jetzt sichtbar machen. So riefen ­russische Gesandte, die im 10. Jahrhundert die Hagia Sophia in ­Konstantinopel betraten, ­anschließend aus: „Und wir wissen nicht: Sind wir im ­Himmel gewesen oder auf der Erde.“ [8] In Details und stilistischen ­Vermischungen wie im Schloss von Disneyland Paris, die ­Historiker*innen als fahrlässig oder schreiend bunt empfinden mögen, klingt die konzeptuelle Kraft des Mittelalters als Poetik der entwurzelten Zeit an.

Übersetzung: Gerrit Jackson

Roland Betancourt ist Chancellor’s Professor am Institut für Kunstgeschichte an der University of California, Irvine, und Guggenheim-­Stipendiat 2023. Von 2024 bis 2026 ist er der Andrew W. Mellon-­Professor am Center for Advanced Study in the Visual Arts der National Gallery of Art in Washington, DC. ­Betancourt ist Experte für Kunst und Kultur des Byzantinischen Reiches und befasst sich in seiner Forschung zudem mit der Aneignung des Mittelalters in der modernen Welt. Zu seinen Büchern gehören Disneyland and the Rise of Automation (Princeton University Press, 2026) und die preisgekrönte Publikation Byzantine Intersectionality: Sexuality, Gender, and Race in the Middle Ages (Princeton University Press, 2020).

Image Credit: 1. GLC Pix/Alamy; 3. Library of Congress collection; 4. Musée Condé; 5. UCLA Library Special Collections, 2.-5. public domain

Anmerkungen

[1]Larisa Grollemond/Bryan C. Keene, The Fantasy of the Middle Ages: An Epic Journey Through Imaginary Medieval Worlds, Los Angeles 2022. Siehe auch Helen Young/Kavita Mudan Finn, Global Medievalism: An Introduction, Cambridge/New York 2022.
[2]Erika Doss, „Making Imagination Safe in the 1950s: Disneyland’s Fantasy Art and Architecture“, in: Designing Disney’s Theme Parks: The Architecture of Reassurance, hrsg. von Karal Ann Marling, Montréal/Paris 1997, S. 179–189.
[3]Ioan Szasz mit Michael Labrie, Awaking Beauty: The Art of Eyvind Earle, San Francisco 2017.
[4]Anthony Baxter/Thomas K. Morris/Mark A. Lescault, „Amusement Castle“, US Patent No. D350995S, eingereicht 20. März 1992, erteilt 27. September 1994.
[5]Suzanne Rahn, „The Dark Ride of Snow White: Narrative Strategies at Disneyland“, in: Disneyland and Culture: Essays on the Parks and Their Influence, hrsg. von Kathy Merlock ­Jackson/Mark I. West, Jefferson, N.C./London 2011, S. 87–100, hier: S. 92.
[6]See Amy F. Ogata, Designing the Creative Child: Playthings and Places in Midcentury America, Minneapolis 2013.
[7]Joe M. Rohde im Gespräch mit dem Autor, 21. März 2021.
[8]Die Nestorchronik, übers. von Ludolf Müller, München 2001, S. 134.