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VORWORT

Von anonymen Pamphleten, mit denen ­Kunstkritiker des 18. Jahrhunderts die Autorität der ­französischen Académie Royale herausforderten und dabei den Anspruch erhoben, fürs anonyme Publikum zu sprechen, bis hin zu Künstler*innenkollektiven wie den Guerrilla Girls, die seit Mitte der 1980er Jahre die Unkenntlichkeit ihrer Mitglieder in den Dienst aktivistischer, institutionskritischer und feminis­tischer Ziele stellen: Im Kunstfeld galt Anonymität lange vor allem als emanzipatorische Strategie. Auch die Möglichkeit, im Internet anonym zu ­bleiben, wird vielfach mit dem Versprechen einer Demokratisierung öffentlicher Debatten und politischer Teilhabe in Verbindung gebracht. Gerade in repressiven politischen Systemen ist die anonyme Wortmeldung im Netz weiterhin unabdingbar für die freie Meinungsäußerung Oppositioneller und marginalisierter ­Gruppen. Zugleich treibt Anonymität die Verbreitung diskriminierender Inhalte an und wird so zum ­Katalysator von Cybermobbing und Hatespeech.

Auch im Kunstbetrieb sind Äußerungen, die online ohne Klarnamen publiziert werden, nicht selten von Diffamierung und Ressentiments geprägt. Erschwerend hinzu kommt, dass sich die Enthemmtheit, die den weitgehend straffreien Raum des scheinbar anonymen Internets kennzeichnet, inzwischen auf die Straße ausdehnt – man denke in diesem Zusammenhang an die vermummten ICE-Agent*innen in US-amerikanischen Städten. Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz bedingt außerdem, dass ein ­letztlich anonymes Gegenüber an Einfluss gewinnt, ­während Nutzer*innen als anonyme Autor*innen für die der KI zugrunde liegenden Large Language Models fungieren.

Angesichts dieser gesellschaftspolitischen und medialen Entwicklungen sind Vorbehalte gegenüber anonymen und pseudonymen Akteur*innen nachvollziehbar. Doch anstatt sich vorschnell vom emanzipatorischen Potenzial der Anonymität zu verabschieden, wendet sich diese Ausgabe, deren Konzeptionsphase Isabel Mehl beratend begleitet hat, einer kritischen Neu­bewertung zu. Dazu setzen die Beiträge aktuelle Phänomene in Kunst und Medien in Beziehung zu historischen Beispielen und Theorien, womit sie sich in das Spannungsfeld begeben, in dem die konfliktgeladene Thematik angesiedelt ist.

Die grundlegende Ambivalenz der Anonymität hat Georg Simmel bereits 1903 beschrieben. In seinem Aufsatz „Die Großstadt und das Geistesleben“ legt er dar, wie das anonyme Stadtleben einerseits zur Abstumpfung führen, andererseits jedoch auch die individuelle Autonomie in einer komplexen Gesellschaft schützen kann. Simmels Gedanken zum Geheimnis als fundamentaler Form sozialer Beziehungen dienen Gary T. Marx als Ausgangspunkt, um das Thema Anonymität anhand von Typen, Rollen und Funktionen aufzufächern und aufzuzeigen, wie kontextabhängig deren Bedeutung und Wert sind – und dies nicht erst in der technologisch komplexen Gemengelage unserer Gegenwart. So unterscheidet sich beispielsweise die Annahme einer neuen Identität im Rahmen eines Zeug*innenschutzprogramms ­fundamental von einem Wechsel von Identitäten in der Kunst, wie sie Philippe Thomas in den 1980er und 1990er Jahren im Spiel mit Namen praktizierte. Hanna Magauer fasst Letzteres als postmoderne Verschlüsselungsbewegung zwischen Identitätssuche und -verschleierung und thematisiert nicht nur Thomas’ widersprüchliches Verhältnis zur Autor*innenschaft, sondern auch deren Bedeutung für die Kunstgeschichtsschreibung und ihren ­sozioökonomischen Status im Kunstfeld.

Die kunstsoziologischen Konsequenzen pseudo­nymisierter Kritik werden in zwei Beiträgen verhandelt: Anke Dyes unterzieht den selbsterklärten Anspruch aktuell im Trend liegender Blogs und Kollektive, sich den sozialen Dynamiken des Kunstfeldes durch den Einsatz von Pseudonymen zu entziehen, einer kritischen Revision. Ihre These, dass jeder Text, der heute im Internet zirkuliert, eine Form der hope labor (Kylie Jarrett) darstellt – also der Profilierung der jeweiligen Verfasser*innen auf dem Arbeitsmarkt und im eigenen Netzwerk dient –, erweitert die Analyse über Online-Personas hinaus um die spezifische Verwertungslogik des Plattformkapitalismus. Auch Annika Bender, das bekannteste Pseudonym des Donnerstag-Blogs, der in den 2010er Jahren im deutschsprachigen Raum für Aufsehen sorgte, erweist sich retrospektiv als Produkt seiner Zeit. Im Gespräch mit Leonie Huber und Anna Sinofzik bewertet Steffen Zillig, einer der beiden Autoren, die unter diesem Nom de Plume Rezensionen veröffentlichten, das Zurücktreten hinter eine fiktive Persona einerseits kritisch; anderer­seits verteidigt er diese Praxis als disruptive Spielart innerhalb eines Feldes, dem er (damals wie heute) einen Mangel an diskursivem Sportsgeist attestiert.

Inwiefern das Verbergen individueller ­Identität kollektiven politischen Zielen zugutekommen kann, die über partikulare Interessen und essenzi­alistische Tendenzen hinausgehen, wird in den Beiträgen von Gabriella Coleman, Simon Denny und Jaleh Mansoor diskutiert. Mansoor widmet sich der Arbeitsgruppe Emilia-Amalia und deren Strategie des affidamento, die in der marxistisch-­feministischen Bewegung im Italien der 19070er Jahre zur Bewusstseins- und Gemeinschaftsbildung entstand. Sie untersucht diese Praxis des Sich-­einander-Anvertrauens mit Blick auf den Einfluss einer kapitalistisch kompromittierten Kulturpolitik auf Institutionen und identitätspolitische ­Diskurse. Wenn im Sinne des öffentlichen Interesses vertrauliche Regierungsdokumente an Journalist*innen weitergegeben werden, stecken dahinter meist anonyme Hacker*innen wie die der Gruppierung Anonymous, die seit den ­Nullerjahren in wechselnden Formationen aktiv ist und im Zentrum von Colemans Forschung steht. Im Gespräch mit Denny, dessen künstlerische Arbeit sich immer wieder mit Whistleblowing und dem wachsenden Einfluss digitaler Technologien auf Politik und ­Gesellschaft befasst, erläutert Coleman die Ursprünge der „Hacktivists“ sowie deren opake Taktiken, die oft pauschal und fälschlich mit denen rechter Akteur*innen wie QAnon enggeführt werden.

Wie sich der Einsatz von Personas und literarischen Masken im Grenzbereich zwischen Fiktion und Kritik produktiv machen lässt, wird beim Launch-Event dieses Heftes verhandelt. In einer Lesung bei Amant in New York werden Lynne Tillman und Stephanie LaCava weniger selbst ­miteinander in Dialog treten, als vielmehr einige ihrer Figuren sprechen lassen – neben ­Tillmansʼ Madame Realism beispielsweise Bath, die ­Erzählerin aus LaCavas Roman Nymph.

Die Bildstrecke von American Artist zeigt diesen dezidiert generischen Namen, der auf eine künstlerische Auseinandersetzung mit Identität, Race und Wissensproduktion zurückgeht und seit 2013 auch offiziell eingetragener Meldename von American Artist ist, in unterschiedlichen Kontexten: mal auf einer Platzkarte, wie man sie von gesetzten Abendessen kennt; dann auf einem Strafzettel, wo er neben Kraftfahrzeugkennzeichen und weiteren Identifikationsnummern steht. So wird die altbekannte Frage aufgeworfen, die dieses Heft insgesamt umtreibt: „What’s in a name?“

Leonie Huber, Elsa Mack und Anna Sinofzik