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SOZIOKULTURELLE CHIFFREN Ein Gespräch zwischen Gabriella Coleman und Simon Denny

“Metahaven: Black Transparency,” Future Gallery, Berlin, 2014

“Metahaven: Black Transparency,” Future Gallery, Berlin, 2014

Als Chronistin der Onlinekulturen, die rund um das ­Kollektiv Anonymous entstanden sind, hat ­Gabriella Coleman sich mit Büchern wie „Hacker, Hoaxer, Whistle­blower, Spy: The Many Faces of ­Anonymous“ (2014) einen Namen gemacht. Simon Denny setzt sich in seiner Kunst seit vielen Jahren mit den politischen Implikationen digitaler Technologien ­auseinander und greift dabei häufig auf Colemans ­Untersuchungen zurück. Hier diskutieren die beiden, wie ­Anonymous – das allzu oft fälschlicherweise mit anonymen ­Akteur*innen der Neuen Rechten in einen Topf geworfen wird – die öffentliche Wahrnehmung ­anonymer Onlinepersönlichkeiten beeinflusst hat. Indem es ­Colemans Methode der rekursiven Rückbesinnung ins Werk setzt, um intransparente ­Onlineformationen neu zu bewerten, erinnert das Gespräch uns an die Rolle, die Hacks und Leaks für den ­investigativen ­Journalismus spielen – und an die Vorteile, die ein Zurückstellen der eigenen Identität und persönlichen Marke zugunsten gemeinsamer Ziele bietet.

SIMON DENNY: Erstmals auf deine Arbeit gestoßen bin ich während der Vorbereitungen für meinen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2015, für den ich von Edward Snowden geleakte Regierungsdokumente aufgearbeitet habe. Was du über das Kollektiv Anonymous geschrieben hattest, war entscheidend für mein Verständnis des Kontexts. Imageboards wie 4chan und 8chan – die der Gruppierung vielfach als Nährboden dienten – haben mich fasziniert. Wie hat Anonymous die öffentliche Wahrnehmung des Themas Anonymisierung von Identitäten im Internet beeinflusst?

GABRIELLA COLEMAN: Anonymous ist aus der Troll-Kultur der Imageboards hervorgegangen. Bis 2008 wurde der Name, der sich vom Standard-Tag „Anonymous“ bei jedem 4chan-Beitrag ableitet, fast ausschließlich für oft ziemlich grausame Streiche und Belästigungen verwendet. Insofern war es eine massive Wende, ja eine historische Anomalie, als das Kollektiv zum Hacktivismus überging und eine Anti-Celebrity-Ethik entwickelte, bei der die Community gemeinsame Urheber*innenschaft über ­persönliches Renommee stellte. Diese Verwandlung hat mich in ihren Bann gezogen. Was 2008 als kleiner Protest gegen Scientology begann, entwickelte sich zu etwas viel Größerem. Als Anonymous sich dann 2011 in den Aufstand in Tunesien einmischte, schossen weltweit weitere Knotenpunkte aus dem Boden, und es schien, als sei die Gruppe überall – ein wenig paradox: eine anonyme, aber globale und in den Sozialen Medien überaus präsente, vielfältige ­Formation. Die ­öffentliche Wahrnehmung war äußerst gemischt. Vor allem im linken Spektrum bewunderten viele den kooperativen Aktivismus von Anonymous. Andere waren wegen der Wurzeln der Gruppe in der anstößigen Welt des Trolling ­skeptisch und argumentierten, die Gruppe würde sich der Verantwortung entziehen – was sich als fadenscheinig erwies, wenn man bedenkt, dass viele Anonymous-­Aktivist*innen und ­Hacker*innen echte Risiken eingingen und verhaftet wurden. Manche ­Kritiker*innen behaupteten sogar, die Taktiken und die Ästhetik der Gruppe erinnerten sie an faschistische Methoden. Besonders beunruhigte mich, als ab etwa 2016 – zu einer Zeit, als die Aktivitäten von Anonymous nachließen – einige Journalist*innen und ­Filmemacher*innen behaupteten, anonyme rechtsextreme Gruppen wie QAnon stammten von Anonymous ab. [1] Tatsächlich entstanden beide im selben Umfeld, sie gehen aber auf ganz unterschiedliche ­Akteur*innen und Motivationen zurück. Als die anonymen rechtsextremen Gruppen und QAnon sich in den Boards formierten, hatte Anonymous diese bereits hinter sich gelassen und setzte sich lautstark für sinnvolle politische Anliegen ein: vom Kampf gegen die rape culture bis hin zur Unterstützung von Bewegungen für ­soziale Gerechtigkeit. [2] Die Anonymität und Flüchtigkeit, die diese Kollektive auszeichnen, machen es leicht, ein falsches Bild von ihnen zu zeichnen. Insofern ist es verständlich, dass Außenstehende eine anonyme Gruppierung mit einer anderen in einen Topf werfen. Aber die Ähnlichkeit ist nur ­oberflächlich. Die Arbeitsweise von Anonymous ist trotz aller Rechtsbrüche und Grenzüberschreitungen mit dem investigativen Journalismus kompatibel: Unterlagen wurden an Reporter durchgestellt, in der Hoffnung, dass diese sie durchforsten und Missstände aufdecken würden. Trolle und anonyme Formationen der extremen Rechten verbergen Identitäten, um Menschen zu täuschen, Desinformation zu verbreiten und sich der Verantwortung für ihr Tun zu entziehen. Die Geheimhaltung von Anonymous war von einer Anti-Celebrity-Ethik motiviert, und da Hacking illegal ist, diente Anonymität vor allem dem Selbstschutz. Natürlich hat Anonymous auch Fake-Kampagnen gestartet. Aber im ­Gegensatz zur extremen Rechten war Täuschung nie ­wirklich das Ziel der Gruppe. Als zum Beispiel ein Anonymous-­Ableger namens LulzSec die Website des PBS hackte, um eine unwahre Story über 2Pac und Biggie Smalls zu platzieren, sollte diese als Fälschung entlarvt werden.

“Simon Denny: Secret Power,” Biblioteca Nazionale Marciana, Venice, 2015

“Simon Denny: Secret Power,” Biblioteca Nazionale Marciana, Venice, 2015

DENNY: Für mich als 2Pac-Fan aus Neuseeland ist diese Story, dass er am Leben sei und sich dort niedergelassen habe, natürlich eine meiner Lieblingsgeschichten.

COLEMAN: Aber alle wussten, dass das Fake war, oder? Wir waren alle eingeweiht, während ­anonyme Akteure der extremen Rechten 2014 auf Twitter eine gefälschte Kampagne pushten, in der behauptet wurde, Feminist*innen wollten den Vatertag abschaffen. Damit sollten Leute gerade durch die Illusion, sie durchschauten eine Verschwörung, in die Falle reaktionären Denkens gelockt werden.

DENNY: Man könnte die These vertreten, dass Anonymous’ Taktiken von mächtigeren Akteur*innen gekapert wurden. Es ist aber immer noch unklar, wer wirklich von der Macht profitiert hat, die die Entwicklung des Online-Trolling entfesselt hat, oder? Es scheint, als hätten die Umfelder von Donald Trump und Vladimir Putin diese Taktiken am erfolgreichsten umgesetzt.

COLEMAN: Das stimmt. Eine Theorie ist, dass Trolle ebenso wie Hacktivist*innen sich ­Taktiken zu eigen gemacht haben, die das Internet ermöglicht hat. Andere meinen, dass Peter Thiel, Steve ­Bannon und andere den Werkzeugkasten von Anonymous für ihre Zwecke vereinnahmt und gezielt eingesetzt haben. Das eindeutigste Beispiel dafür ist Bannon, der über Breitbart und Milo Yiannopoulos Öl ins Feuer der Gamergate-­Kontroverse gegossen hat. Thiels Rolle ist derzeit etwas unklar, auch wenn einige Forscher*innen versuchen, sie genauer zu umreißen. Was auch immer das Ergebnis sein wird: Die Taktiken von Anonymous haben einen Zeitgeist verstärkt und standen dann auch anderen zur Verfügung. Vor allem in den Nullerjahren, als Anonymous aufkam, gab es sehr lebendige Onlinesphären, in denen Kulturen der Anonymität und Pseudo­nymität gediehen – eine sehr wirkmächtige ­Tendenz, weil sich das Internet ansonsten eher in die entgegengesetzte Richtung entwickelte.

DENNY: Wie Facebook seit seiner Gründung im Jahr 2004: Durch die Verknüpfung von Konten mit echten Identitäten unterscheiden Social-­Media-Plattformen sich erheblich von anonymen oder pseudonymen Chatforen.

COLEMAN: Genau. Und jetzt gibt es die KI, die darauf beruht, Daten aus dem Internet aufzusaugen, und zwar auf ganz andere Weise als bei Anonymous, wo unter erheblichem rechtlichen Risiko gezielt bestimmte Konvolute gestohlen wurden. KI-Unternehmen raffen das gesamte Web zusammen, aber wenn wir die KI prompten, verschleiert das Ergebnis die ursprünglichen Quellen, als käme das Material von der Maschine selbst. Jedes Mal, wenn wir diese Werkzeuge nutzen, füttern wir sie mit neuen, oft sehr persönlichen Daten, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. ChatGPT und Claude ­überwachen uns auf einer Mikroebene und erweitern damit die Infrastruktur hardwarebasierter Geräte wie Kameras in den Straßen, Kennzeichenleser oder Handys, die unsere Bewegungen verfolgen. Wir befinden uns auf dem bisherigen Höhepunkt des Überwachungsstaates.

Sakrowski, “Anonymous: A Shared Identity in The Era of a Global Networked Society,” 2011/14

Sakrowski, “Anonymous: A Shared Identity in The Era of a Global Networked Society,” 2011/14

DENNY: Heutige Akteur*innen wie OpenAI ­privatisieren anonymisierte Beiträge, um darauf nie dagewesene firmeneigene Modelle aufzu­bauen. Außerdem lieferst du, wenn du ein LLM wie ChatGPT aktiv nutzt, so detaillierte Daten, dass Plattformen erstaunlich ­feinkörnige Nutzer*innenprofile erstellen können. Die Offenlegung von Daten erfolgt dabei jedoch viel unwissentlicher als auf Social-Media-­Plattformen, wo du einen Beitrag ganz bewusst mit einer bestimmten Öffentlichkeit teilst. LLMs ­füttert man indes mit sehr privaten Dingen, wie E-Mail-Entwürfen oder bürokratischen Daten, die man niemals in den Sozialen Medien veröffentlichen würde. Für ­Nutzer*innen fühlt KI sich sehr privat an – aber das ist sie nicht. KI-Unternehmen nutzen dies zu ihrem eigenen Vorteil aus. Wo liegen deiner Meinung nach in diesem neuen Terrain Macht und Einfluss im Vergleich zum Internet von gestern, was die persönliche Anonymität von ­Nutzer*innen angeht?

COLEMAN: Zum einen sind KI-Systeme ziemlich intransparent. Und während die ­Hacktivist*innen von Anonymous diese Intransparenz von Grund auf als User*innen ins Werk setzten, tun die KI-Unternehmen es aus ihren Festungen heraus von oben herab. Auf der Systemseite gibt es viele Formen der Intransparenz, aber nicht zum Schutz der Nutzer*innen. In den letzten zwei oder drei Jahrzehnten sind Technologien zur Nachverfolgung und Überwachung deutlich besser geworden, dasselbe gilt jedoch für Datenschutz-Werkzeuge wie Tor und Signal. Es war eine Koevolution, bei der das Kräfteverhältnis sich nicht ­wirklich verschoben hat. Die KI-Systeme hingegen, mit denen wir es heute zu tun haben, sind leistungsfähiger und entwickeln sich schneller. Datenschutz-Werkzeuge wie Tor und Signal sind robust und viel benutzerfreundlicher als ihre Vorgänger wie Pretty Good Privacy (PGP), ein E-Mail-­Verschlüsselungstool, das 1991 ­herauskam. Doch trotz solcher Verbesserungen wirken diese Werkzeuge wie Spielzeug im Vergleich zu dem, was Unternehmen wie Palantir, OpenAI, Flock Safety und Clearview AI mit ihren enormen Kapazitäten aufbieten. Die Entwicklung einer KI mit integriertem Datenschutz – und genau der wird jetzt dringend gebraucht – wird noch viel Arbeit bedeuten.

DENNY: Welchen Preis zahlt man heute dafür, für Anonymität einzustehen? Und warum ist es ­wichtig, es dennoch zu tun?

COLEMAN: Bei meiner Forschung zu Anonymous – die ich nicht anonym, sondern unter meinem eigenen Namen betrieben habe – bin ich immer wieder Leuten begegnet, für die Anonymität an sich Grund genug war, Menschen oder ihren Motiven zu misstrauen und sie als zwielichtig abzutun. Das ist ein Problem. Natürlich gab und gibt es jede Menge anonymes oder ­pseudonymes Trolling, das sehr bösartig und verletzend war und ist. Aber es lohnt sich, die Annahme zu hinterfragen, dass Anonymität automatisch zu negativen Verhaltensweisen führt – eine Annahme, die übrigens eine lange Tradition hat. Gestern noch habe ich in Thomas ­DeGlomas Anonymous: The Performance of Hidden Identities (2023) gelesen, wie Christ*innen versuchten, ­heidnische Maskenrituale auszurotten und als sündhaft darzustellen. Im Fall der Anonymität und ihrer öffentlichen Wahrnehmung ­spielen eine sehr alte und eine jüngere Geschichte ineinander, die uns ihr gesellschaftliches und ­emanzipatorisches Potenzial aus den Augen verlieren lassen. Die Aktivitäten von Anonymous zum Beispiel begannen zu einer Zeit, als viele Menschen sich den Sozialen Medien zuwandten, um sich einen Namen zu machen, eine Marke aufzubauen, ihre eigenen individuellen Projekte und öffentlichen Persönlichkeiten zu bewerben – was der Solidarität manchmal im Weg steht. Vor allem in einer Gesellschaft, die den Individualismus anbetet, liegt eine besondere Kraft darin, Gutes zu tun, ohne dafür Anerkennung zu suchen. So viel gesellschaftlicher und finanzieller Wert erwächst aus der Pflege der eigenen Identität, zumal in jüngster Zeit. Die Hacktivist*innen von Anonymous waren nicht einfach nur anonym, weil sie Gesetze brachen; sie standen auf diesem gemeinsamen ethischen Fundament, dass man die ­Anerkennung, die man innerhalb der Gruppe vielleicht erwirbt, nicht in persönlichen Ruhm umwandelt.

Trevor Paglen, “CLOUD #135 Hough Lines,” 2019

Trevor Paglen, “CLOUD #135 Hough Lines,” 2019

DENNY: Aus deiner Analyse habe ich gelernt, dass eine solche Ethik in diesen Kontexten auch gesellschaftlich durchgesetzt wurde. Sobald einzelne Pseudonyme – in Einzelfällen auch ­Klarnamen – zu viel Anerkennung erhielten, mussten die Akteur*innen dahinter mit Konsequenzen rechnen.

COLEMAN: Ja, sie wurden zuerst verwarnt, dann rausgeschmissen. Grundlage war die Ethik der frühen Imageboards, wo die Leute anonym posteten und sich weder einen Namen machen noch eine öffentliche Persönlichkeit entwickeln konnten. Aber in der Welt der Hacktivist*innen war das mit individuellen Pseudonymen möglich, weswegen diese Mechanismen eingeführt wurden, wie um zu sagen: Hey, dein Ego wird zu groß, schalt mal einen Gang runter. Ich wünschte, wir hätten mehr solcher Mechanismen in der Gesellschaft insgesamt, besonders in den Vereinigten Staaten, wo der Geist des Individualismus die Solidarität verdrängt. Anonymous war in dieser Hinsicht bemerkenswert, weil die Gruppe wirklich kollektiv arbeitete. Es gab eine spürbare Solidarität, die auf Plattformen wie Reddit immer noch vorhanden ist, wo Leute oft unter einem Pseudonym Rat erteilen – einfach, um der Gemeinschaft etwas zu geben und das jeweilige Thema voranzubringen. Die anonyme extreme Rechte, die in Sachen Kollektivität offensichtlich ihre eigene Agenda verfolgt, übernahm zunächst diese Anti-Celebrity-Ethik von den Boards. Aber bald stellte sich heraus, dass man dennoch bereit war, sogenannte E-Celebrities wie Tucker Carlson zu tolerieren, wenn das den eigenen Anliegen diente. Die Hacktivist*innen haben alle großen Egos rausgeschmissen. Es mag so aussehen, als würde ich aus einer Mücke einen Elefanten machen, um eine Abgrenzung zu ziehen. Aber das scheint mir ein wichtiger Unterschied zu sein.

DENNY: In der Krypto-Welt, die ihr ganz eigenes Verhältnis zur Wertbildung hat, werden häufig Pseudonyme verwendet – vielleicht, um einige jener Vorteile in Bezug auf Datenschutz oder Verantwortlichkeit, die Anonymität bietet, mit der wertsteigernden Funktion der Verwendung von Klarnamen zu verbinden. Zum Beispiel spielt die Pseudonymität von Satoshi, der Name hinter Bitcoin, in Netzwerken rund um Krypto immer noch eine wichtige Rolle. Könntest du die Hauptunterschiede zwischen Pseudonymität und Anonymität als Handlungspositionen erläutern?

COLEMAN: Auf einer bestimmten Ebene sind sie sehr verschieden. Im Gegensatz zu einer anonymen baut eine pseudonyme Person sich einen konsistenten Ruf auf und gerät so schnell mit der eben beschriebenen Anti-Celebrity-Ethik in Konflikt. Bei einem Pseudonym neigen wir dazu, uns (oft falsche) Vorstellungen davon zu machen, wer dahintersteckt – so wie wir es bei allen tun, die wir online oder offline treffen, bevor wir sie wirklich kennenlernen. Wie Walter Lippmann vor gut einem Jahrhundert analysierte, ist Stereotypisierung bis zu einem gewissen Grad notwendig, um Menschen und soziale Situationen vorab einzuschätzen. Das Besondere an der Pseudonymität ist, dass sie uns Gelegenheit bietet, die Probleme und den Prozess der Stereotypisierung sichtbarer zu machen: Viele der üblichen Anhaltspunkte, auf die wir uns bei unseren ersten Einschätzungen stützen (Name, Gesicht, Akzent, Lebenslauf, Kleidung), fehlen, sodass das Bild, das man sich macht, sich fast ausschließlich aus dem zusammensetzt, was Menschen sagen und tun. Angesichts unserer Neigung, die Welt durch Stereotypen zu filtern, ist es wichtig, Orte zu haben, an denen wir diese hinterfragen.

Lass mich anhand einer Geschichte über t-flow – ein Kernmitglied bei Anonymous und LulzSec – verdeutlichen, was ich meine. Seine Sprache und Rechtschreibung verrieten mir, dass er Brite war. Er war brillant, und ich wusste, dass er jung war. Ich nahm an, dass er aus einer wohlhabenden Familie stammte und eine Eliteschule besucht hatte. Ich stellte mir vor, er wäre von seinen extrem reichen Eltern ins Internat gesteckt worden und sei weiß wie die Wand. Als er wegen seiner Hackeraktivitäten verhaftet wurde, erfuhr ich, dass er Mustafa Al-Bassam hieß und aus einem Arbeiterviertel kam; sein Profil ­entsprach überhaupt nicht dem, was ich mir in meinem Kopf ausgemalt hatte. Worauf ich hinauswill, ist, dass die pseudonyme Interaktion mit ­Menschen etwas Befreiendes hat. Nicht, weil solche Interaktionen ein reines meritokratisches Ideal verkörperten, was unmöglich sein dürfte. Unsere Neigung, andere auf Grundlage unserer Vorurteile zu beurteilen, können wir ebenso wenig völlig ablegen wie die Merkmale von sozialem Status, Klasse, Geschlecht usw., die sich darauf auswirken, wie Menschen uns behandeln. Aber sowohl anonyme als auch pseudonyme Räume geben Worten und Taten mehr Gewicht. Und Pseudonyme stellen genug Konsistenz her, um diesen Fokus auf Worte und Taten aufrechtzuerhalten, auch wenn sich eine Art Beziehung aufbaut.

John Kelsey, “Facebook Data Center, Rutherford County, NC IV.,” 2013

John Kelsey, “Facebook Data Center, Rutherford County, NC IV.,” 2013

DENNY: Ich liebe das folgende Zitat aus einem neueren Text von dir: „Online zu sein […] ist auch eine Gelegenheit, neue Ichs, gesellschaftliche Formen und ethische Beziehungen zu entwickeln und mit ihnen zu experimentieren.“ [3] Die Idee ist nicht neu, aber schön. Wenn man künstlerisch tätig ist, schafft man auch eine öffentliche Persönlichkeit: Man arbeitet als man selbst, schlüpft dabei aber in eine andere Figur. Ich habe oft mit rhetorischen Rollen gespielt, sogar Positionen eingenommen, mit denen ich nicht einverstanden war, und Dinge getan, bei denen ich mein eigenes Gesicht gewissermaßen als Maske benutzt habe.

COLEMAN: Das hat etwas sehr Theatralisches und zugleich etwas Ethnografisches. Theatralisch, insofern Leute genau das tun, wenn sie sich eine öffentliche Persönlichkeit zulegen. Und ethnografisch, weil man nicht in einem Labor ein Experiment ansetzt. Wenn man als Künstler*in eine andere Rolle und Position einnimmt, schafft man die Erfahrungsbedingungen dafür.

DENNY: Du bist Professorin an der Harvard University, hast also eine spezifische Position inne. In dieser Rolle hast du sicher auch einen eigenen Blick auf die aktuellen Kulturkämpfe.

COLEMAN: Du hast recht. Sie gehören zweifelsfrei zum zeitgenössischen Hintergrund. ­Interessant an der Geschichte der Anonymous-­Hacktivist*innen ist, dass sie sich erst um 2011, 2012 herum richtig formierten, also zu einem Zeitpunkt, als auch ein bestimmter Stil „woker“ linker Politik sich zu festigen begann. Ab 2014 schossen reaktionäre Typen sich auf „Wokeness“ ein, wofür Gamergate ein prominentes Beispiel ist. Selbstverständlich sind bestimmte Aspekte dessen, was ich grob als Identitätspolitik zusammenfasse, sehr wichtig und wertvoll. Race, Klasse, Geschlecht, Behinderung, Sexualität usw. prägen zu Recht unsere Empfindlichkeiten und Bündnisse. Aber wir sind nicht durch sie determiniert oder in ihnen gefangen. Unsere Fähigkeit, Kunst zu schaffen, uns zu organisieren, Dinge ändern zu wollen, spiegelt den menschlichen Wunsch, das Gegebene, einschließlich der eigenen Identität, zu überwinden. Politik gänzlich auf Identitäts­fragen zu reduzieren kann einen Preis fordern. Im schlimmsten Fall kann es Solidarität erschweren. Anonymous war gegen Identitätspolitik, aber, und das ist maßgebend, trotzdem für sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit. Auch die Neue Rechte nimmt eine anti-identitäre Haltung ein und stellt sich so dar, als stehe sie über solchen Merkmalen und bekenne sich zur Meritokratie. Doch ohne eine Analyse von Macht, strukturellen Kräften und Voreingenommenheiten läuft man Gefahr, Hierarchien zu naturalisieren. Solidarität über Unterschiede hinweg zu schmieden ist entscheidend, und das muss nicht auf Kosten des Kampfes für bestimmte Ismen gehen. Wir brauchen Bereiche, in denen wir aus dem Kulturkampf-Kreislauf ausbrechen können. Und dabei können Räume der Anonymität und Pseudonymität, besonders wenn sozialer Ausgleich und Gerechtigkeit in ihnen großgeschrieben werden, potenziell helfen.

DENNY: Ich hatte das Glück, mich vor David Graebers Tod ein paar Mal mit ihm austauschen zu können. Ich fand seine Art, Politik zu machen, sehr interessant. Er hat sich viel mit Occupy Wall Street beschäftigt, zudem mit Thiel diskutiert. Das fand ich inspirierend.

COLEMAN: Ich habe Graeber immer dafür ­respektiert, dass er sich dem üblichen Kulturkampf-Schema „wir gegen die“ verweigert hat und vor allem den Reinheitsprüfungen, bei denen etwa eine Diskussion mit der Gegenseite als Kapitulation oder schlimmer noch als moralisches Versagen betrachtet wird. Ja, manchmal muss man eindeutige Grenzen ziehen, und zu diskutieren ist kein politisches Allheilmittel. Aber es kann eine lohnende Übung sein, und das wusste Graeber genau. Zudem muss man anerkennen, dass nicht bei jedem Thema dieselben politischen Lager einander gegenüberstehen und dass es Situationen gibt, in denen kurzfristige Bündnisse notwendig sind. Nimm Anliegen wie die Regulierung von Rechenzentren oder den Kampf um den Datenschutz, wo es von links wie von rechts Unterstützung gibt. Auch die Frage der Anonymität und Intransparenz ist ein Bereich, in dem …

DENNY: … nicht unbedingt klar ist, wo die politischen Grenzlinien verlaufen.

COLEMAN: Ganz und gar nicht.

DENNY: Und manchmal möchte man rückblickend die eigene Position nachjustieren. Als wir für meinen Pavillon in Venedig das Bildmaterial aus den Snowden-Enthüllungen durchgegangen sind, sind wir auf diese Künstlerfigur gestoßen, einen Creative Director bei der NSA, und ich habe meine Autorfunktion ein Stück weit aufgegeben, um ihn in den Vordergrund zu rücken. Das war auf eigene Weise ein Täuschungsmanöver, eine Art Trolling – nämlich die Arbeit eines anderen ohne Genehmigung zu nutzen und sie spekulativ in ein teilweise diplomatisches Projekt einzubetten, denn ein solches ist ein Länderpavillon auf der Venedig-Biennale. Heute sehe ich das Thema viel ambivalenter als damals, als ich diese ganze Offenlegung von Staatsgeheimnissen als definitiv im Interesse der Linken einordnete und Julian Assange und seinen Mitstreiter*innen zugutehielt, den Liberalismus zu kritisieren, aufzuklären und die Politik in eine progressivere und verantwortungsvollere Richtung zu lenken. Rückblickend denke ich, dass sie eindeutig auch Misstrauen geschürt und zur Verbreitung von Falschinformationen beigetragen haben und damit Unterstellungen von der Sorte befeuert haben, aus denen Bewegungen wie QAnon ihre Macht ziehen. Du hattest und hast wesentlich mehr Kontakt zu Akteur*innen aus dem Umfeld von WikiLeaks als ich. Wie haben die politischen Verhältnisse sich aus deiner Sicht verschoben, auch im Hinblick auf progressiveren Hacktivismus oder auf Strömungen, die sich als progressiv bezeichneten?

Simon Denny: Secret Power,” Biblioteca Nazionale Marciana, Venice, 2015

Simon Denny: Secret Power,” Biblioteca Nazionale Marciana, Venice, 2015

COLEMAN: Du hast gerade eine Methode angewendet, die ich in meinem neuen Buch einsetze und theoretisch entwickle: rekursive Rückbesinnung. Dabei geht es darum, unsere ­Positionen neu zu bewerten und Dinge zu erkennen, die im Eifer des Gefechts nicht klar erkennbar waren. Anthropolog*innen schalten oft auf diese Weise zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Ich wende diese Methode unter anderem auf die Geschichte des Hackens und Leakens an. So wurde mir klar, welchen wichtigen Beitrag Jeremy Hammond – ein vielseitiger linker Hacker, der sich Anonymous anschloss – dazu geleistet hat, Hacken und Leaken im öffentlichen Interesse als konsistente Praxis zu etablieren. Um seine Rolle sichtbar zu machen, stelle ich eine Mikrogeschichte des Hack-and-Leak zusammen und kann inzwischen mit ­größerer Sicherheit sagen, dass der Werdegang von Anonymous – vom Trolling hin zum Aktivismus – begrüßenswert ist. Aus zeitgenössischer Warte waren die Aktionen der Gruppe schwierig zu bewerten. Erst mit zeitlichem Abstand wird dieser Bogen wirklich deutlich, ebenso wie der Wert ihrer Strategie für politischen Wandel. Aber natürlich sollten wir ihre Hacks und Leaks nicht naiv bewundern, als ob Informationen zutage zu bringen allein auf magische Weise alle Probleme lösen würde.

DENNY: Das tut es wohl kaum, gerade heute nicht.

COLEMAN: Ja, aber das war schon immer so und ist kein Grund, nicht trotzdem …

DENNY: … diese Taktiken im Werkzeugkasten zu behalten.

COLEMAN: Ganz genau. Und das ist entscheidend, um Journalismus zu fördern. Der ist in Gefahr, und wir sollten alles tun, um vor allem investigative und kritische Formen von Journalismus zu unterstützen. Damals erwarteten viele – auch ich – von WikiLeaks mehr positive Veränderung, als das Projekt tatsächlich bewirkt hat. Aber es war trotzdem ein wertvolles ­Experiment: Es brachte wegweisende Enthüllungen und lieferte eine Vorlage, auf die andere, wie die aktivistische Plattform Xnet und die Whistleblower-Seite DDoSecrets, seitdem aufgebaut haben. WikiLeaks als Institution und Assange als Persönlichkeit haben viele Fehler gemacht. Doch ist es wichtig, sogar unabdingbar, einen Schritt ­zurückzutreten und zu bewerten, was funktioniert hat und was nicht, insbesondere, wenn wir so gewonnene Einsichten in die Zukunft und in neue Projekte einfließen lassen können. Ob es nun ­Hacktivist*innen sind, Wissenschaftler*innen, die über sie schreiben, oder Künstler*innen, die mit dem Material arbeiten: Durch diesen rekursiven Prozess kommen die eigentlichen Knackpunkte erst zum Vorschein. Gerade experimentelle Formationen gilt es mehr als nur einmal in den Blick zu nehmen – sie verdienen eine wiederholte Analyse, die ihre Auswirkungen und das, worum es bei ihnen ging, erkennbar herausarbeitet.

Übersetzung: Gerrit Jackson

Gabriella „Biella“ Coleman ist Ernest-E.-Monrad-Professorin für ­Sozialwissenschaften am Institut für Anthropologie der Harvard University. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit den politischen, ­kulturellen und ethischen Aspekten des Hackings. Sie ist Autorin der Bücher Coding Freedom (2012) und Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy: The Many Faces of Anonymous (2014), ­Gründerin und Herausgeberin von Hack_Curio sowie Host der Podcast-Reihe The Hackers für BBC Radio 4.

Simon Denny ist Künstler und lebt in Berlin. Er arbeitet mit Malerei, Installation, Skulptur, Video, Druckgrafik und webbasierten Medien. Er stellt international aus, darunter als Vertreter Neuseelands auf der 56. Biennale von Venedig, und war zudem an zahlreichen weiteren bedeutenden Biennalen beteiligt. Ausstellungen unter anderem im K21 Düsseldorf, im MoMA PS1, New York, in den Serpentine Galleries, London, im OCAT Shenzhen sowie im Hammer Museum, Los Angeles. Denny ist Professor für Zeitbezogene Medien an der HFBK Hamburg und Mitbegründer des Mentoringprogramms BPA//Berlin Program for Artists.

Image credit: 1. © Metahaven and Future Gallery; 2. + 6. Courtesy of Simon Denny, photo Nick Ash; 3. Courtesy of Sakrowski, Kunst Halle St. Gallen and !Mediengruppe Bitnik, photo Gunnar Meier; 4. © Trevor Paglen, courtesy of Jessica Silverman, San Francisco and Pace Gallery; 5. Courtesy of Galerie Buchholz

Anmerkungen

[1]Siehe z. B. Angela Nagle, Kill All Normies: Online Culture Wars from 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right, Winchester/UK 2017; oder Cullen Hoback, Q: Into the Storm, HBO, 2021.
[2]Für eine eingehendere Darstellung siehe Gabriella ­Coleman, „From Busting Cults to Breeding Cults: Anonymous H/acktivism vs. the (A)nonymous Far Right and QAnon“, in: HAU: Journal of Ethnographic Theory 13, 2, 2023, S. 250–254.
[3]Gabriella Coleman, „Reconsidering Anonymity and Anonymous in the Age of Narcissism“, in: The Aesthetics and Politics of the Online Self: A Savage Journey into the Heart of Online Cultures, hrsg. von Donatella Della Ratta/Geert Lovink/Teresa Numerico/Peter Sarram, Cham 2021, S. 239–262, hier: S. 239.