HENRIKE NAUMANN (1984–2026) Von Marietta Kesting
Henrike Naumann
„Where were you in ‘92?“ Diese Frage stellt Henrike Naumann in ihrer schriftlichen Diplomarbeit und beantwortet sie ebendort mit einer Serie privater Schnappschüsse. Auf einem Foto, aufgenommen in Zwickau, performt sie im Alter von acht Jahren als Backgroundsängerin bei einem mit Freund*innen nachgespielten David Hasselhoff-Auftritt, an der Wand hinter ihnen hängt ein Bild mit sozialistischen Motiven. Welches Lied sie wohl singen? Wahrscheinlich das damals populärste, „Looking for Freedom“, welches der echte 1989 an der Berliner Mauer gesungen hatte. In der Auswahl dieses Bildes kristallisieren sich im Rückblick bereits die Elemente, die viele ihrer künstlerischen Projekte ausmachten: der intime Blick in deutsche Interieurs, die Differenzen und asynchronen Bezüge zwischen Ost und West, Popkultur und sich darin manifestierende Politiken. Zwei Jahre nach der offiziellen Wiedervereinigung ist 1992 das Jahr mit der größten Anzahl rechtsextremistischer Gewalttaten, seit sie in der BRD gezählt werden.
Im Club Amnesia auf Ibiza, morgens nach einer durchgemachten Nacht, euphorische Stimmung, der DJ spielt noch, Leute tanzen, die Sonne scheint schon durch die Fenster auf eine kleine Glaspyramide, es riecht nach Zigarettenrauch, Alkohol und Schweiß, der Boden ist dreckig. Mittendrin Henrike, die Schauspieler*innen, Tänzer*innen und den eine riesige VHS-Videokamera haltenden Kameramann dirigiert. Das VHS-Format signalisiert Historizität – Henrike bezeichnet es als das „Super 8“ ihrer Generation. Der Dreh findet in Neukölln neben dem Hotel Estrel statt, seitdem kennen wir uns. Amnesia ist der erste Teil ihrer praktischen Diplomarbeit Triangular Stories (2012), für die sie sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Homevideo-Ästhetik beim Clubbing auf Ibiza im Jahr 1992 vorstellt. Das zweite Video trägt den Titel Terror und reinszeniert das Trio mit Bomberjacken und Baseballschlägern als Insignien der rechten Szene. Die Videos werden immer zusammen in der Installation eines Jugendzimmers gezeigt. Triangular Stories stellt die Frage, was im Schatten des Hedonismus der Ravekultur der Wendezeit entstand, und wo Politik beginnt – nämlich häufig in scheinbar unpolitischen Settings.
Das Jugend- und das Wohnzimmer als Keimzelle des Staates oder des alternativen Staates, wie ihn sich Reichsbürger*innen und Prepper*innen vorstellen, aber auch progressive Gegenkulturen, die Jugendliche in unterschiedlichen Settings im Kontext von Musik und Mode schaffen, spielt in vielen von Henrikes Arbeiten die Hauptrolle. Hier können Kunst und Design, zuerst banal erscheinende Alltäglichkeit und extremistische Affizierung aufeinandertreffen. Das Heim kann Gestaltungslabor und durch die Linse nationaler Phantasmen recht un-heimlich sein – oder auch eine gewisse Komik entfalten. Eine Zeichnung des Architekten Andreas Brandolini, der das deutsche Wohnzimmer mit PonyExpress-Fernseher, gekennzeichnet durch Satteltaschen beiderseits des TV-Tisches, und einem Nierentisch in Form einer Bratwurst für die documenta 8 entwarf, inkludiert Henrike 2021 in der Publikation zu ihrer Ausstellung „Einstürzende Reichsbauten“ im Kunsthaus Dahlem. Dieses Buch mit Angela Schönbergers Essay (1987), erschienen im Distanzverlag, stellt eine erweiternde Reflexion zu dem megalomanischen Wohnzimmer ihrer Installation Ruinenwert (2019) dar, dessen Titel sich auf Albert Speers Ruinenwerttheorie bezieht. Die Arbeit re- bzw. dekonstruiert Gerdy Troosts Innenarchitektur für Hitlers „große Halle“ des Berghofes (Obersalzberg) und inszeniert Elemente davon im Haus der Kunst in München.
Von 2012 bis 2026 arbeitet Henrike mit Begeisterung und unermüdlicher Energie und folgt dabei nicht den Erwartungen anderer, wie ein üblicher Weg oder eine übliche künstlerische Karriere – soweit es diese überhaupt gibt – sein sollte, sondern entscheidet selbst: Zum Beispiel, Triangular Stories an der Filmuniversität Babelsberg nicht als Film, sondern als Rauminstallation zu präsentieren, immer wieder gemeinsam mit anderen auszustellen, oder auch, 2021 ihre Galerie KOW zu verlassen, um sich selbst zu vertreten. 2015 eröffnet sie für die Ghetto Biennale mit Bastian Hagedorn das Museum of Trance, 2016 ist sie auf Einladung des Goethe-Instituts in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo und recherchiert die Nach-Wende-Geschichte des „Joy Disco Palace“ im ehemaligen Musterdorf der DDR in Mestlin. Sie bewirbt sich für Kunst am Bau des Polizeipräsidiums Potsdam, und schreibt 2021 Angela Merkel an, mit dem Vorschlag ihr Porträt für das Bundeskanzleramt anzufertigen. Für ein Hearing in Wien hat sie nicht einen Vorschlag für die Arbeit mit den Studierenden ausgearbeitet, sondern gleich drei – darunter eine Intervention im Heeresgeschichtlichen Museum. Nicht all ihre Projekte konnten realisiert werden. Dokumentiert sind fast alle im gewichtigen Künstlerinnenbuch im Look eines veredelten Aktenordners, Concepts (Bierke, 2025).
Die jüngere Geschichte kann insbesondere nach historischen Einschnitten weiter entfernt wirken als die Steinzeit, gerade die nicht-hegemonial erinnerten Linien der DDR- und BRD-Geschichte. Objekte und Umgebungen werden zu immersiven Zeitmaschinen, die auch wenn sie auf realen, detailliert recherchierten Artefakten basieren, im Einklang mit Henrikes Selbstverständnis als Künstlerin niemals eine genaue Rekonstruktion vermitteln sollen, sondern immer gerade durch die spekulativen Abweichungen andere Denk- und Erfahrungsräume eröffnen. Ihr Interesse endet nicht mit der Fertigstellung einer Installation, sie organisiert häufig diskursive Begleitveranstaltungen, wie 2019 (im Rahmen ihrer Ausstellung „Ostalgie“ bei KOW) „Eastern Girls and Western Boys“, um über rechtsextreme Frauen in der DDR und die Treuhand als “Bad Bank“ der Einheit zu diskutieren. Passend zu einigen der ausgestellten Objekte, die aus einer Neosteinzeit wie bei den Flintstones zu stammen scheinen und die rechte Akteur*innen – wie etwa der sogenannte Schamane beim Sturm aufs US-Kapitol – immer wieder aufgreifen, hat sie für dieses Event Kekse in Knochenform gebacken.
Is History over or is it now?
Am 4. November 2011 setzt Beate Zschäpe die letzte konspirative Wohnung des NSU-Trios in Zwickau in Brand, um Beweismittel zu vernichten. 2024 erzählt Henrike in der Eröffnungsrede ihrer Ausstellung „Innere Sicherheit. Eine Intervention“ im Bundestag, wie sie mit ihrer Mutter an jenem Novemberabend zu dem abgesperrten Tatort spazierte und einige Teppichfetzen mitnimmt. Geschichte ist immer gleichzeitig – bereits geschehen, abgeschlossen und genau jetzt, offen und in die Zukunft führend. Oft empfindet man die alltäglichen Ereignisse jedoch nicht als Geschichte mit großem G.
Henrike sendet eine Nachricht vom Beckenrand im Prinzenbad, damit ich sie finden kann: „Hier sind meine Sachen, gleich beim ersten Becken bei den Treppen neben diesem Schild.“ In London: „Golden Lane Swimming hat am Wochenende leider zu, Ironmonger Row Baths hat am Wochenende geöffnet“, in New York: „Mc Carren? Oder sogar das Meer – bei Coney Island oder Far Rockaway Beach?“ Sie: „Alles!“ und fügt hinzu „Marietta, falls du noch nicht im public pool warst: du musst alles einschließen im Locker mit einem Schloss (ich habe eins dabei), man darf nur in Badekleidung sein, Handtuch mitnehmen und eine Plastikflasche mit Wasser und ein Buch. Bis morgen!“
Bei dem Treffen, von dem ich nicht weiß, dass es das letzte sein wird, sitzen Henrike, Clemens und ich unter dem Fernsehturm. Nina schläft in ihrem Kinderwagen mit schwarzem Lederverdeck. Henrike erzählt, dass für Kinder, die rund um den Alex aufwachsen, der nachts leuchtende Turm vor ihrem Fenster beim Einschlafen eine prägende und beruhigende Konstante sei. Nachts im Traum zeigt Henrike mir Fotos von ihren neuen Arbeiten, die erst ausgeblichen aussehen, doch in einem bestimmten Winkel, wie von innen schillernd, in gesättigten Farbtönen leuchten.
In Venedig wird der von Henrike geplante Teil des deutschen Pavillons zu sehen sein in mehreren Funktionen: als ihr letztes Werk, fertiggestellt nach ihrer Vision als Gemeinschaftswerk, und gleichzeitig in der Rezeption als Gedenken und Weiterführung des Dialogs, als (Trauer-)Feier und Sichtbarmachung der vielfältigen freundschaftlichen Netzwerke und interdisziplinären Arbeiten, die Henrike geschaffen hat, und die weiter existieren über ihren viel zu frühen Tod hinaus, der unfassbar bleibt.
Marietta Kesting ist Forschungsbeauftragte am ICI Berlin, Institute for Cultural Inquiry und leitet das FWF-Forschungsprojekt „Don’t wake up! Future Dreaming in the Arts: At the Intersection of Aesthetics, Decolonization and Technology“ in Wien.
Image credit: Courtesy President and Fellows of Harvard College, photo Tara Metal
