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HENRIKE NAUMANN (1984-2026) Von Susanne Pfeffer

Henrike Naumann

Henrike Naumann

Gesellschaftliche Umbrüche zeichnen sich – sonst wären es keine – auf allen Ebenen des Lebens ab. Zwar nicht in der eigenen Wohnung, aber in den Wohnräumen ihrer Mitschüler*innen beobachtete Henrike Naumann Anfang der 1990er Jahre Veränderungen. Die auf wenige Modelle beschränkten Möbel der Volkseigenen Betriebe (VEB) wurden aussortiert und durch pastellfarbene oder wild gemusterte Objekte und Accessoires der Postmoderne ersetzt. Aber nicht nur die Einrichtungen änderten sich, sondern auch die Betriebe und Institutionen. Vieles, was bis zur Wende Gültigkeit besessen hatte, verlor an Bedeutung. Werte, die jahrelang das Zusammenleben bestimmt hatten, waren passé. Was an deren Stelle trat, ließ sich oft nur schwer fassen oder definieren. Befreit, aber auch wie im freien Fall, orientierungslos und verraten empfanden viele Menschen ihre Situation nach dem Systemwechsel. Dieser veränderte das Leben der Menschen aus der DDR fundamental, während es in der BRD zunächst weitgehend beim Alten blieb.
Henrike stellte fest, wie sich in ihrem ganz unmittelbaren Umfeld viele Mitschüler*innen der teilweise schon immer bestehenden, sich aber in dieser Zeit neuformierenden rechten Szene zuwandten. Das Recht des Stärkeren und der grobe Sozialdarwinismus traten anstelle der zuvor staatlich propagierten sozialistischen Weltordnung. Fremdenhass wurde nicht nur offen ausgesprochen, er fand seinen Ausdruck auch in Gewaltexzessen. Sorgte die fehlende Finanzkraft im neuen kapitalistischen System nicht nur für Ausschluss, sondern führte sie auch zu Resignation, Aggression und Radikalisierung? Wie konnten eine solche Entfremdung und Verrohung überhaupt entstehen? In welchen Formen fand dieser neue Faschismus seinen Ausdruck? Welche Sprache und welche Worte wurden verwendet? Woraus speiste sich der gegenwärtige Rassismus und die Frauenfeindlichkeit? Was waren und sind ihre Quellen, ihre Autor*innen, ihre Akteur*innen?
Henrike hatte seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens keine Angst, sich diesen Fragen zu stellen. Immer wieder nahm sie sich die Kraft, sich mit diesen menschenverachtenden Ideen auseinanderzusetzen, und wurde nicht müde, sie genau zu analysieren. Erschreckend nah porträtierte sie in ihrer Arbeit Triangular Stories (2012) die pubertierenden Teenager Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die sich Anfang der 1990er Jahre im Jugendclubhaus „Winzerclub“ in Jena-Winzerla kennengelernt hatten und später den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gründen sollten. Rumhängen, rumalbern, sich necken: Unerträglich ist diese Banalität des Bösen.
In 14 Words (2018), der ersten Arbeit von Henrike, die wir für die Sammlung des MMK angekauft haben, rekonstruierte sie einen helltürkisen Blumenladen in postmodernem Design. Leer, ohne Blumen und mit nur wenigen Accessoires bestückt, erscheint der Laden trist, brutal und aggressiv. Der erste von zehn Morden des NSU wurde am 9. September 2000 an dem Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg verübt. Unter der Kassentheke hatte die Künstlerin in ihrer Installation einen kleinen Monitor versteckt. Wie im aufwendig produzierten Bekenner*innenvideo der NSU-Terrorgruppe ist das Video mit der Musik der Zeichentrickserie Der rosarote Panther unterlegt. Auch der Titel der Arbeit 14 Words bezieht sich auf das Bekenner*innenvideo und zitiert einen aus den USA stammenden, aber auch in Deutschland gebräuchlichen rechtsideologischen Zahlencode, der auf den Satz „We must secure the existence of our people and a future for white children“ referiert.
Liebe Henrike, was sollen wir nur in dieser Zeit der allgegenwärtigen und noch dazu wachsenden Faschisierungen und inmitten all dieser Kriegen tun ohne dich? Ich weiß es nicht. Dein Mut, deine Unnachgiebigkeit, deine Kompromisslosigkeit, dein Scharfsinn, dein Lachen, deine Wärme und deine Großzügigkeit werden mir für immer fehlen. Und deshalb ist es gut, dass uns und allen kommenden Generationen dein Werk dabei helfen kann, diese Gegenwarten auch in Zukunft zu begreifen. In Dankbarkeit, deine Susanne.

Susanne Pfeffer ist Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt a. M., wo sie unter anderem Retrospektiven von Cady Noland (2018), Marcel Duchamp (2022) und Rosemarie Trockel (2022) sowie die Gruppenausstellungen „Weil ich nun mal hier lebe“ (2018) und „Crip Time“ (2021) kuratiert hat.

Image credit: Courtesy President and Fellows of Harvard College, photo Tara Metal