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JÜRGEN HABERMAS (1929–2026) Von Eva Geulen

Jürgen Habermas, 2008

Jürgen Habermas, 2008

Der Tod dieses 96-Jährigen lässt eher mehr als weniger Leute ratlos zurück. Er fehlt als Feind und als Freund. So oder so hat Habermas für Orientierung gesorgt. In einer machtpolitisch enthemmten Welt ist er fehl am Platz. Man kann bezweifeln, ob er dem jüngsten Strukturwandel der Öffentlichkeit gerecht geworden ist. [1] Aber wer wird es?

In den 80er Jahren meiner US-amerikanischen akademischen Sozialisation gehörte es zum guten Ton, sich über Habermas’ Glauben an eine räsonierende Öffentlichkeit und die vermeintliche Zwanglosigkeit des besseren Arguments zu mokieren. Erst später, vor allem nach 1989, haben mir seine zeitbezogenen und offensiv politischen Interventionen nicht immer, aber häufig, Bewunderung abgerungen. Und noch einmal später lernte ich seine frühen Essays aus den späten 60er Jahren kennen und schätzen.

Die Feindjahre kamen zuerst, die Freundjahre danach. Sie überlappten sich nicht. Mit einer Ausnahme. Im September 1988 gab es im Vortragssaal der Milton S. Eisenhower Library der Johns Hopkins University ein Symposium mit dem Titel „The Contemporary German Mind“. Am selben Ort hatte 1966 die legendäre Tagung „The Languages of Criticism and the Sciences of Man“ stattgefunden, an der Jacques Lacan und Jacques Derrida teilnahmen und auf die man den Beginn des Poststrukturalismus datiert. Dem Erbe war man in Baltimore treu geblieben. Seit den 70er Jahren war dort ein akademisches Zentrum dessen entstanden, was man damals deconstruction zu nennen begann.

Zur Tagung über „den deutschen Geist“ hatte der deutschstämmige Präsident der Universität Steven Muller geladen. Seine Gäste waren Marion Gräfin Dönhoff, Hans Magnus Enzensberger, Hartmut von Hentig, Wolf Lepenies, Peter Sloterdijk – und Jürgen Habermas. Die deutschen Intellektuellen waren aber nicht zum freien Räsonieren gekommen, sondern um eine Frage zu beantworten, die der Präsident ihnen in seinem Einladungsschreiben gestellt hatte: „Gemessen an der großen Wirkung deutschen Denkens in der Vergangenheit läßt sich heute eine gewisse Erosion des deutschen intellektuellen Einflusses beobachten […] Gibt es heute in Deutschland überhaupt intellektuelle Trends von Bedeutung? Wenn nicht, warum nicht?“

Das Symposium fand auf Deutsch statt. Nicht geladen waren wir, die Promovierenden des German Departments. Es bedurfte einer Intervention des damaligen Chairs Rainer Nägele, bis uns Zutritt zu der eigentlich geschlossenen Veranstaltung gewährt wurde. Habermas hielt die Keynote. Es war das erste und einzige Mal, dass ich ihn persönlich erlebt habe.

Der Universitätspräsident wollte von der Suhrkamp-Lobby (die damals noch nicht so hieß, es aber war) und ihren Gegner*innen (Enzensberger und Sloterdijk standen in meinen Augen schon damals nicht da, wo Habermas und Dönhoff standen) wissen, wo denn das intellektuelle deutsche Wirtschaftswunder geblieben sei. Dass es tatsächlich genauso gemeint war, belegt Dönhoffs Tagungsbericht, der einige Wochen später in der Zeit erschien. Unter dem Titel „Ob unser Geist noch weht? So übel fällt die Antwort deutscher Intellektueller nicht aus“ beugte sie sich noch einmal der Fragestellung, betonte jedoch die Spannungen und Generationskonflikte unter den Tagungsgästen, die in der Situation vor Ort verblasst waren. Sloterdijk erschien ihr unverständlich, Enzensbergers vergiftetes Lob der Mittelmäßigkeit war ihr auch nicht geheuer.

Uns, der ganz jungen Generation vor Ort, stand glasklar vor Augen, dass die befremdliche Frage nach den erbrachten oder nicht erbrachten Leistungen des deutschen Geistes nach 1945 einen aktuellen Hintergrund hatte. Muller wollte wissen, warum seine Hopkins-Humanities-Leute lieber französische Autor*innen lasen, Nietzsche aus Frankreich (hrsg. von Werner Hamacher, 1986) bevorzugten, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Martin Heidegger via Jacques Derrida in englischer Übersetzung rezipierten.

Meiner Erinnerung nach nahm sich Habermas der Frage Mullers devot an. Pflichtschuldig versammelte sein Referat, was die Nachkriegskultur geleistet haben sollte, die ein Jahr später endgültig zu Ende ging. Günter Grass, Martin Walser, Peter Weiss, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger, der neue deutsche Film, Internationalisierung der Geisteswissenschaften, Abschied vom deutschen Sonderweg, Normalisierung. Gegen die Unterwürfigkeit und gegen die Erfolgsgeschichte begehrte ein mit Rest-Teutonentum versetztes und auch sonst sehr gemischtes Gefühl in mir auf. Bevor ich mich zurechtfinden konnte, ereignete sich mitten im Habermas-Vortrag eine Unterbrechung. Der Universitätspräsident Muller rollte einen Fernsehapparat in den Raum, auf dem jetzt, gleich, sofort, der Start der Raumfähre „Discovery“ zu sehen wäre. Nach der „Challenger“-Katastrophe 1986 war das NASA-Programm auf Eis gelegt worden. Für Hopkins bedeutete das einen Rückschlag, denn dort war in einer Kooperation von Universität und Defense Department das Hubble-Weltraumteleskop gebaut worden, das 1990 seine ersten Bilder sandte. Die Wiederaufnahme der Flüge galt als Zeichen dafür, dass es endlich weiterging.

Es war nicht viel zu sehen, schon gar nicht von den hinteren Plätzen des Saals, aber der Enthusiasmus des Präsidenten war grenzenlos. Habermas war bereits vom Pult zurückgetreten, als Muller sich strahlend an ihn und das Publikum wandte: „I feel like applauding.“ Und alle applaudierten, auch der mitten im Satz unterbrochene Habermas. Von wegen deutscher Geist! Da war sie, die Kehrseite der Verwestlichung, der militärisch-akademische Komplex in Reinform! Wie konnte er nur applaudieren? Aber wie konnte man einen Habermas auch so unterbrechen, mitten in seinem sehr einseitigen Loblied auf die intellektuellen Errungenschaften der Bundesrepublik?

Dass sein Referat keineswegs so einseitig war, kann man in den 1990 erschienenen proceedings des Symposiums nachlesen. [2] Engangs zitiert Habermas Mullers Frage und kommentiert ironisch: „Dieser Stachel sitzt – wenn schon nicht im satten Fleisch des ‚deutschen Geistes‘, so doch in der dünnen Haut eines Wissenschaftlers.“ Die ominöse Formel vom deutschen Geist, Mullers Bezug auf 1945 als „Schlag der Niederlage und der Okkupation“ [3] (sic!) spiegelte Habermas in dem ein Jahr zuvor erschienenen Buch der früheren NS-Propagandistin und späteren Allensbacher Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann „,Die verwundete Nation‘“ [4] :„Der deutsche Geist – hier haben wir ihn – ist demnach charakterisiert durch ein vergleichsweise schwaches Nationalbewußtsein, mangelnde Arbeitsfreude, gelockerte religiöse Bindung, gebrochenen Selbstbehauptungswillen, pazifistische Neigung, anti-autoritäre Einstellung und hadernde Selbstkritik.“ Dass dieses Buch 1987 erscheinen konnte, bezeugt, wie intakt NS-Kontinuitäten im konservativen Lager noch waren. Habermas’ „Gegenrechnungen“ waren keine apologetische Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, sondern eine Kampfansage an ältere Beharrungskräfte. Behutsam weist er Muller darauf hin.

Dessen Wort von der „Erosion des deutschen intellektuellen Einflusses“ nimmt Habermas auf, um es auf das „Zerbröseln“ solcher Kontinuitäten zu beziehen. Erst nach 1968, als die rigorose Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in die akademische Welt eindrang, „beobachten wir das Ende dieses Erosionsprozesses“. Habermas’ Bemerkung, „Kluge und Schlöndorff sind typischer als Syberberg und Herzog“, muss man ebenfalls vor dem Hintergrund dieser Gegner*innen sehen.

Für die Zeit „Nach der Revolte“ von 1968 identifiziert Habermas „zwei Reaktionen“, zum einen den konservativen „Wiederbelebungsversuch“ der Geisteswissenschaften, von der Einrichtung einer entsprechenden FAZ-Rubrik unter Joachim Fest bis zur Gruppe Poetik und Hermeneutik. Habermas verzichtet auf deren namentliche Nennung, aber man weiß, was gemeint ist, wenn es heißt: „Diesem Trend verdankt sich beispielsweise die öffentliche Aufmerksamkeit, die das bedeutende Werk von H. Blumenberg schon in den sechziger Jahren verdient hätte.“ Immerhin.

Die zweite Reaktion, das waren wir vor Ort: „Hierzulande treffen der französisch verfremdete Nietzsche und der aus dem Westen reimportierte Heidegger auf vertraute Vorurteile gegen Technik und Massenzivilisation.“ Dass der Poststrukturalismus in den USA so populär war, wundert Habermas nicht, „denn das Geschäft einer radikal selbstbezüglichen Vernunftkritik, das für Frankreich ebenso neu ist wie für die angelsächsische Welt, wird bei uns schon seit den Tagen Hegels betrieben“. Der „deutsche Geist“, hier haben wir ihn. Habermas sortiert, ordnet an und teilt aus. Aber er kennt sich aus.

Auch und gerade die Binnenfeinde haben ihren Ort in seinem Abriss von der Zwischenkriegszeit bis zur Gegenwart. Für die Zwanzigerjahre nennt Habermas Ludwig Wittgensteins „Tractatus“ (1921), Georg Lukács’ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (1923) und Martin Heideggers „Sein und Zeit“ (1927) und fügt hinzu: „Ein zeitgenössischer Beobachter Anfang der dreißiger Jahre hätte wohl eher Husserl, Scheler und Jaspers genannt.“ Die drei Bücher werden angeführt, weil sie sich in der Rezeption bis in die jüngste Gegenwart durchsetzen konnten. Daran zeigt sich, dass Habermas eben nicht nur von seinem Standpunkt aus oder für seine Generation spricht. Und dass es ihm auch nicht an Sinn für die „historische Erfahrung“ Anderer mangelt. Die Bedeutung der deutschen Emigrant*innen, an die er und andere anschließen konnten, wird auch mit Rücksicht auf Muller betont, dessen jüdischer Vater 1938 verhaftet worden und später mit der Familie in die USA geflohen war.

Gleichberechtigt mit im Fokus stehen die nach 1945 bundesrepublikanisch Sozialisierten und damit das, was sich mit der „einsetzenden Dämmerung der Adenauer-Zeit“ herauskristallisierte: darunter Ernst Tugendhat, Michael Theunissen, Dieter Henrich in der Philosophie, Claus Offe in der Soziologie, Hans-Ulrich Wehler in der Geschichtswissenschaft und natürlich der Antipode Niklas Luhmann 5_ , dessen „ingeniöse Umformulierung der Systemtheorie“ hier einmal „auf Husserls Schultern“ stehen darf. Aus der nächsten Generation finden Renate Lachmann und Hans Ulrich Gumbrecht lobende Erwähnung. Der letzte Name, der fällt, ist Christoph Menke, dessen Dissertation Die Souveränität der Kunst im Jahr der Tagung erschien. Auch die damals Jüngsten hatte Habermas auf dem Schirm.

Was er zu sagen hatte, war weder devot noch apologetisch, sondern kenntnisreich, überraschend großzügig und im Rückblick weltläufig und weitsichtig. Polemischer Arabesken ungeachtet hat seine damalige Bestandsaufnahme bis heute Bestand. Mein Respekt vor dem sich nicht verbiegenden Eigensinn, mit dem er sich auf Mullers Frage einließ, kommt spät, aus einer anderen Welt ohne Orientierung.

Eva Geulen ist seit 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung sowie Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2003 bis 2012 hatte sie den Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bonn und anschließend bis 2015 an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. inne. Seit 2025 ist sie Sekretarin der Geisteswissenschaftlichen Klasse sowie Mitglied von Vorstand und Rat der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist eine Hauptherausgeberin der kritischen Arendt-Gesamtausgabe. Zu ihren Publikationen zählen Aus dem Leben der Form. Goethes Morphologie und die Nager sowie Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel.

Image credit: Photo Wolfram Huke

ANMERKUNGEN

[1]Vgl. Jürgen Habermas, Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Frankfurt/M. 2022.
[2]Der deutsche Geist der Gegenwart. Mit Beiträgen von Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk, Wolf Lepenies, Hartmut von Hentig, hrsg. vom American Institute for Contemporary German Studies, Bonn 1990, S. 11–23. (Abgesehen von den beiden separat ausgewiesenen entstammen alle weiteren Zitate Habermas’ Beitrag zu dieser Publikation.).
[3]So Steven Muller in seiner Einleitung zum Band, S. 7–10, hier: S. 9.
[4]Habermas hat sich beim Titel vertan. Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Die verletzte Nation. Über den Versuch der Deutschen, ihren Charakter zu verändern, Berlin 1987.
[5]Vgl. Jürgen Habermas/Niklas Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt/M. 1971.