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ARCHIV OHNE WIDERSPRUCH Kathrin Heinrich über Helmut Lang im MAK, Wien

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

Seit inzwischen fünfzehn Jahren befindet sich das Archiv von Helmut Lang im Museum für angewandte Kunst in Wien, nun eröffnete dort die erste umfangreiche Präsentation, die auf großes Medien- und Publikumsinteresse stieß. Entsprechend dem Wunsch des aus Österreich stammenden Modeschöpfers steht dabei weder seine für die Neunziger Jahre stilprägende Mode im Vordergrund noch seine Person, sondern das von Lang als fortwährende Arbeitssitzung verstandene Gesamtkunstwerk. Dass in Konsequenz Archivalien zu Werbekampagnen, Modenschauen unterschiedslos neben der bildenden Kunst präsentiert werden, der sich Lang seit seinem Rückzug aus der Modewelt 2005 verschrieben hat, regt Kathrin Heinrich zum Nachdenken über die Deutungshoheit über ein Œuvre und dessen institutionelle Rahmung an.

Es war ein Paukenschlag in der Modewelt, als sich Helmut Lang 2005 aus der Branche zurückzog, seine letzten Firmenanteile des nach ihm benannten Labels an die Prada Group verkaufte und sich fortan der bildenden Kunst widmete. Wie kaum ein anderer Designer hatte er in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten Mode und Zeitgeist international geprägt; die reduzierte Coolness der Marke verkörpert das Bild des Minimalismus der 1990er und 2000er Jahre. Dass das Museum für angewandte Kunst in Wien (MAK) nun mit „Helmut Lang. Séance de Travail 1986–2005. Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“ erst über zwanzig Jahre später die laut Begleittext „erste umfassende Ausstellung seines Œuvres“ zeigt, verwundert. Geschuldet sein dürfte dies sowohl der radikalen Abkehr Langs von der Mode als auch der diffizilen Materiallage: 2011 übergab der Designer sein Archiv dem MAK, nachdem im Vorjahr ein Brand in seinem Studio viel zerstört hatte. Es beinhaltet aber in erster Linie Dokumentationen und Ephemera rund um die Marke Lang, nicht nur seine Mode selbst, die er teilweise schredderte und zu Skulpturen verarbeitete, die nun ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. An der physischen Präsenz seiner Mode sei er gar nicht so sehr interessiert, erklärte der Designer 2013 anlässlich einer digitalisierten Archivausstellung des Berliner Magazins 032c. Jetzt, da ein Video davon existiere, werde er sein verbleibendes Archiv wahrscheinlich bald verkaufen. [1] Wenngleich er einzelne Looks an Museen schenkte, befinden sich die größten Sammlungen heute in privater Hand. [2]

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

Bereits 2020 gestaltete Lang eine Intervention in der Dauerausstellung seines Archivs im MAK im Sinne eines living archives: „Die Idee“, erklärte er damals der Vogue, „besteht nicht nur darin, Fakten und Daten zu bewahren, sondern auch den Geist, der meiner Arbeit ihre Gravitas verliehen hat.“ [3] Und, dass er nun bereit sei, sich wieder mit seiner Mode zu beschäftigen. Rund fünf Jahre später holt „Helmut Lang. Séance de Travail 1986–2005“ diesen Ansatz aus dem Gewölbekeller hoch auf die große Bühne der Ausstellungshallen im Erdgeschoss und präsentiert dabei auch viel neu erschlossenes Material.

In einer Kulisse von maßstabsgetreu rekonstruierter Shoparchitektur, Modenschau und Backstagebereich gliedert sich die Schau in fünf gleichberechtigte thematische Kapitel: Identität, Raum, Backstage, Medien und kulturelle Präsenz sowie Séance de Travail – Langs Konzeptualisierung der Modenschau als sich stets fortsetzende „Arbeitssitzung“. In Zusammenarbeit mit dem Künstler – und sichtlich entlang seines Selbstbilds – präsentiert Kuratorin Marlies Wirth eine Meta-Ausstellung, die dem Look der Marke Helmut Lang entspricht und die räumliche Erfahrung des hauseigenen Archivs in ihren Mittelpunkt stellt. Groß angelegt, gibt es wenig zu sehen. Wirth, die im MAK für digitale Kulturen verantwortlich zeichnet, ist es gelungen, eine Modeausstellung zu kuratieren, die keine ist – dem Pioniergeist Langs hinsichtlich Marketing verschrieben, lässt die Ausstellung die Präsentationsform der Schneiderpuppe gänzlich hinter sich.

Die Ausstellung setzt ein am Zenit von Langs Karriere in New York: die erste digitale Modeschau, die nur über einen Livestream zu sehen war, Herbst-Winter 1998/99 bildet den Auftakt, gefolgt von der ikonischen Werbeanzeige auf New Yorker Taxis und dem minimalistischen, museal anmutenden Mobiliar der New Yorker Shops, gestaltet von Architekt Richard Gluckman. Statt Kleidern hängt in den massiven schwarzen Schränken Material zur Zusammenarbeit mit Künstler*innen, insbesondere Louise Bourgeois, die in den Shops ausstellte, und Jenny Holzer, mit der er 1996 bei der Florenz-Biennale zusammenarbeitete. Lang kreierte einen Duft, Holzer den Slogan „I SMELL YOU ON MY SKIN“, der in Folge in der New York Times als Werbeanzeige geschaltet wurde. Die radikale Verschmelzung von Kunst und Marketing in einem solch seriösen Medium stellte zum damaligen Zeitpunkt ein Novum und einen Bruch mit den Werbekonventionen der Modebranche dar.

Helmut Lang x Jenny Holzer für „The New York Times“, 2001

Helmut Lang x Jenny Holzer für „The New York Times“, 2001

Die Person Helmut Lang – die selbst das Rampenlicht scheut – solle in der Schau nicht fokussiert werden, sondern seine Haltung, so Wirth im Gespräch. Dabei ist der biografische Hintergrund des Designers ein Schlüssel, um nicht nur seine Arbeitsweise und deren Leitmotive zu verstehen, sondern auch, warum sich sein Archiv im MAK befindet: 1956 als Peter Scepka in Wien geboren, wuchs er bei seinen Großeltern und in deren Schuhmacherwerkstatt in einem kleinen Dorf in den oberösterreichischen Bergen auf, bevor er als Jugendlicher nach Wien zurückkehrte und im Szenelokal Motto als Barkeeper arbeitete.

Das urbane Nachtleben eröffnete ihm die „Arthur-Schnitzler-Perspektive“, analysiert Kulturwissenschaftlerin Ingeborg Harms. Nicht die buchstäbliche Koketterie des Wiener Fin de Siècle, aber Strategien der Verführung als Zutat seiner Designs. [4] Das Spiel mit Transparenz und Opazität sowie mit der Schnittführung ließe sich ebenso darunter subsumieren wie explizitere Referenzen auf Fetischkleidung. Auch Langs Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Anzug sei auf die spezifische Wiener Großstadtbourgeoisie vor dem Hintergrund höfischer Traditionen zurückzuführen. [5] Nahe liegt auch der Vergleich zu den Schriften Adolf Loos’ gegen das Ornament; [6] wie bei Loos ist die Auseinandersetzung mit der Oberfläche für Lang zentral: Laut Modehistoriker Alistair O’Neill habe Lang Wien als ruhig, konservativ und gemein unter einer dekorativen Oberfläche beschrieben. [7] Dieses Spannungsverhältnis von Äußerem und Innerem spiegelt sich in seinen Designs wider. Langs Stil war voller Widersprüche, so Harms: „Klar und komplex, minimalistisch und episch, modern und doch tief in der Tradition der Schneiderei verwurzelt.“ [8] Erahnen lassen sich solche Bezugspunkte im MAK am ehesten in einer den Accessoires Vêtements (ab 1995) gewidmeten Sektion: Wie Gerippe aus schwarzen Stoffstreifen formuliert Lang mit ihnen das Vokabular seiner Formsprache, das beim Anzug ebenso Anleihe nimmt wie bei der Tracht, bei SM-Harnischen und Holstern. Sie markieren auch einen ersten Schritt von Langs Ready-to-Wear Kollektionen hin zu einer eigenständigen künstlerischen Praxis, in der er vielfach auf seine Mode rekurrierte und Überbleibsel seines Archivs und Shopmobiliars recycelte, aber bis heute nie an ihren Erfolg anknüpfen konnte.

Im zentralen Oberlichtsaal begegnet man dann auch einigen dieser Schredder-Skulpturen aus der Serie make it hard (2010–13), verteilt über die nachempfundene Laufstegsituation. Schlanke Säulen in Schwarz oder Weiß, in denen sich Stofffetzen aus Denim oder Baumwolle identifizieren lassen und die wie archivarische Bohrkerne als Platzhalter für die abwesende Mode figurieren. Eine große Videowand zeigt einen von Lang für die Schau zusammengeschnittenen, in Schwarz-Weiß gehaltenen Remix von Laufstegvideos aus den Jahren 1993 bis 2004 (Séance de Travail, Special Cut, 2025). Ein vergrößerter, auf dem Boden angebrachter Sitzplan soll Besucher*innen zum Reenactment ermuntern, während Einladungslisten auratisch aufgeladen, wie Gemälde gerahmt, an der Wand gezeigt werden. Diese Inszenierung unterläuft klassische Displayformen von Archivalien im Gegensatz zum Kunstwerk; ein interessanter und auch geschickter Kniff, schließlich rückt das MAK hier sein eigenes Archiv ins rechte Licht. Implizit klingen dabei Fragen zur Deutungshoheit über Erinnerung und Erzählung eines Œuvres an, eine explizite oder gar kritische Auseinandersetzung mit ihnen bleibt aber aus – das gemeinsame Narrativ von Künstler und Institution bleibt unhinterfragt.

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

Die zentrale Erkenntnis aus dem in der Ausstellung präsentierten Material ist letztlich eine medienhistorische, die Langs Weitsicht in der Markenentwicklung eines Modelabels mit intellektuellem Flair und dessen Kommunikationsdesign belegt. Doch in Abwesenheit der eigentlichen Mode wirken die Aspekte von Produktion und Branding oftmals flach. Lang mag alles mit derselben Haltung gestaltet haben, dennoch blieb die Mode immer Kern des Ganzen: Sie wollten die Kund*innen am Körper tragen und waren bereit, dafür hohe Summen zu berappen. Das vermeintlich performative Potenzial der Laufstegsituation vermag diese Leerstelle nicht befriedigend zu füllen.

Im nächsten Raum lädt eine Screen-Station ein, sich durch die digitalen Kollektionen zu klicken; ein TV-Raum mit gestapelten Fernsehern sorgt für eine Reizüberflutung an Laufstegvideos. Der sogenannte Backstagebereich präsentiert schlussendlich zumindest eine Handvoll Eindrücke des Materialreichtums von Langs Mode: In industriellen Schaukästen liegend präsentiert, mutet ein schwarz-goldenes Samtoberteil geradezu barock an; ein Wickelrock aus Rochenleder offenbart von Nahem die feingliedrige Ornamentik des ungewöhnlichen Materials. In diesen Momenten versteht man den Reiz und die Sinnlichkeit, den textilen Witz, der Fans bis heute begeistert.

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

„Helmut Lang: Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 2026

Als reine Archivausstellung betrachtet, reflektiert „Helmut Lang. Séance de Travail 1986–2005“ durchaus geschickt ihr eigenes Format. Als umfassend kann sie jedoch nicht bezeichnet werden, wenngleich sie auch eine Flut von (digitalem) Material bereitstellt. Zu sehr ist sie Langs eigener Perspektive verpflichtet, die seit 2005 die physische Mode vernachlässigt, aber auch den Kontext zum eigenen Narrativ ausklammert: Wegbegleiter*innen wie etwa die Stylistin Melanie Ward werden kaum gewürdigt, während Stationen vor dem großen Ruhm, wie Langs autodidaktische Anfänge ab 1977 mit seiner Maßwerkstatt und dem Geschäft Bou Bou Lang, die Kollektion „Fallwick“ für den Trachtenhersteller Gössl 1985 oder die Modeprofessur an der Universität für angewandte Kunst von 1993 bis 1996, außen vor bleiben. [9]

Der Modejournalist Tim Blanks sieht Langs Erbe darin, dass jener vermochte, die Intelligenz seiner Kund*innen anzusprechen und dabei rigorose Sinnlichkeit auszudrücken. [10] Obwohl diese Sinnlichkeit, diese Körperlichkeit und diese Erotik – Stichwort I SMELL YOU ON MY SKIN – eigentlich integrale Bestandteile Langs Selbsterzählung sind, werden sie im MAK kaum spürbar. Bezeichnend ist der Umgang mit dem Parfüm: Verpackung und Mediendokumentation erhalten viel Raum, doch riechen lässt es sich nicht; aus Zeitgründen, heißt es, habe man auf eine Rekonstruktion verzichtet, obwohl entsprechende Versuche im Raum standen. So fügt sich dieses Detail in eine Ausstellung, die als große Retrospektive internationale Aufmerksamkeit verspricht, obwohl sie bereits im Untertitel auf ihren Exzerptcharakter hinweist. Die Konzeptualisierung und Vermarktung als medienhistorische Archivausstellung wäre womöglich weniger attraktiv, aber auch weniger formelhaft ausgefallen. Stattdessen wirkt die Séance de Travail wie eine spiritistische Sitzung mit dem Geist eines Genies, der seine Geschichte zum selbst verfassten Mythos verdichtet.

„Helmut Lang. Séance de Travail 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive“, MAK, Wien, 10. Dezember 2025 bis 3. Mai 2026.

Kathrin Heinrich ist Kunsthistorikerin und Kritikerin. Sie lebt in Wien.

Image credit: © kunst-dokumentation.com/MAK, Courtesy of MAK and the artist

ANMERKUNGEN

[1]Vgl. Jan Kedves, Talking Fashion. From Nick Knight to Raf Simons in their own words, München 2013, S. 196.
[2]Vgl. Michael Kardamakis, „Inside the World’s (Alleged) Best Helmut Lang Exhibition“, in: i-D Magazine, 9. Januar 2026.
[3]Laird Borrelli-Persson, „‘No Regrets.’ Helmut Lang Speaks About His ‘Living Archive’ Intervention at the MAK in Vienna and His Work in Fashion“, in: Vogue, 26. Februar 2020.
[4]Ingeborg Harms, „You can’t copy soul: The Helmut Lang Legacy“, in: 032c, 31, Winter 2016/2017, S. 38–48, hier: S. 38.
[5]Ebd.
[6]Alistair O’Neill, „Imagining Fashion: Helmut Lang & Martin Margiela“, in: Radical Fashion, hrsg. von Claire Wilcox, London 2003, S. 38–45, hier: S. 42.
[7]Ebd.
[8]Harms, S. 38.
[9]Vgl. Daniel Kalt, „In der Schwebe: Was wird aus dieser Helmut-Lang-Privatsammlung?“, in: Die Presse, 5. Dezember 2025.
[10]„Helmut Lang: The Phantom Limb. A Roundtable with Tim Blanks, Olivier Saillard, and Neville Wakefield“, in: 032c, 31, Winter 2016/17, S. 77.