UDO KIER (1944–2025)
Udo Kier
„Udo is Love“. Wie treffend diese drei Worte Udo Kier beschreiben, war uns noch nicht klar, als wir der ihm gewidmeten Ausstellung im Kölnischen Kunstverein diesen Titel gaben. „Udo is Love“ hatten wir von der Schrift eines Neons übernommen, das Sigmar Polke und seine damalige Lebensgefährtin, Mariette Althaus, Udo Kier Mitte der 1970er Jahre nach Rom als Geschenk mitbrachten. Das Neon fiel später von seinem Platz über Kiers Bett in Rom herab und zerbrach, als habe es die Turbulenzen während des Besuchs fortsetzen wollen. Niemand hatte böse Absichten, aber Dreiecksbeziehungen können explosiv sein. Trotzdem drehten die beiden Männer auf der documenta 6 mit Udo Kier + Me in Front of Drilling Tower (1977) noch einen gemeinsamen Film. Kier war, wie Polke, ein Kriegskind. Ein Traumatisierter, der darüber staunte, überlebt zu haben. Generation Schrankbett, bei der sich Linsen und Kartoffeln in der Suppe abwechselten. Ein grauer Mangel, den er stets hinter sich lassen wollte, der aber an ihm klebte.
An einem der letzten Abende, die wir mit Udo verbrachten, holten wir ihn vor der Verleihung des Kölner Filmpreises im Savoy ab. Sharp wie immer wartete Udo bereits in der Lobby. Er sprach mit dem Rezeptionisten, den er – wie alle Angestellten des Hotels – beim Namen kannte, und erkundigte sich nach dessen krankem Kind. Im Umdrehen gleich die Frage: „Da seid ihr ja, wie findet ihr meinen Anzug?“ Der sei von Valentino. Stolz zeigte er die zahllosen Mottenlöcher. „Ich schmeiß nichts weg. Sieht doch noch super aus.“ Sah er!
Udos Leben verlief wie ein schillernder Roman, als dessen Held er jedoch unprätentiös blieb. Der Rastlose konnte geduldig warten, vergaß nichts und konnte treu sein. Den Ring, den ihm Arndt von Bohlen und Halbach in Saint Tropez geschenkt hatte, als er siebzehn war, trug er noch mit 79 – manchmal zumindest, ausschließlich sonntags. Unter der Woche sah ihm der alte Krupp-Schmuck zu sehr nach „Herrenmensch“ aus. Der im Arbeiter*innenviertel von Köln-Mülheim Aufgewachsene vergaß nie, woher er kam. Auch wenn alle auf seine Schönheit flogen, blieb er nüchtern in seinen Erwartungen, was die Treue in der Welt des Glamours betraf. Als er Madonna anlässlich der Wiederauflage ihres Buches Sex (1992), in dem Udo die männliche Hauptrolle spielte, dreißig Jahre später wiedertraf, sagte sie nur: „I wear boots“, worauf er erwiderte: „Good for you.“ So viel blieb, wenn man nichts mehr voneinander wollte. Udo nahm es mit Humor. Kennengelernt hatten sich die beiden, weil Madonna auch so ein wunderschönes Buch haben wollte wie Footprints (1991) – jene poetische Bildbiografie, die Udo an einem Tiefpunkt seiner Karriere mit Annette Frick und Wilhelm Hein herausgegeben hatte.
Kurze Zusammenarbeiten wie die mit Madonna blieben die Ausnahme. War die Liebe einmal entflammt, dauerte sie meist lange. Lars von Trier gab Udo ab der ersten Zusammenarbeit bei dem Film Medea (1987) jedes Drehbuch in der Rohfassung. Er wollte seine Meinung hören, und Udo konnte sich eine Rolle aussuchen. So entstanden acht Filme, darunter Epidemic (1987), der Udo ungewöhnlich persönlich und ohne jede Maske zeigt. Aber auch die Serie Hospital der Geister (1994), in der Udo in einer surrealen Szene als der „kleine Bruder“ geboren wird. Als von Trier in der Parkinson-Krankheit versank und nicht mehr schreiben konnte, schickten sie sich Emojis. Mit Andy Warhol blieb es bei zwei Filmen, da Udo, der seine Flucht aus Köln-Mülheim mit Fließbandarbeit bei Ford finanziert hatte, nie wieder in einer Factory arbeiten wollte. Mit Rainer Werner Fassbinder, seinem Freund aus Teenagerzeiten, sollte es bei einem halben Dutzend Produktionen bleiben. Danach zog Udo die Reißleine, da er Fassbinders Launen nicht mehr ertragen konnte. Udo war diszipliniert und von äußerster Hingabe, aber alles andere als devot. Alle, mit denen wir sprachen, liebten es, mit ihm zu arbeiten. Er brachte sich extrem ein in die Produktionen, oft weit über die Rolle des Schauspielers hinaus, und dann war er wieder weg. Allein mit der Mutter aufgewachsen, konnte er sich nicht vorstellen, Teil einer Familie zu werden.
Als von der Suche nach Leben Getriebener blieb Udo ein Einzelgänger, bewegte sich aber instinktsicher auf der Höhe des jüngsten Cool und war bei dieser Form des Dazugehörens meist sogar ein paar Schritte schneller als die anderen. Gelenkt wurde sein Vorsprung von einem siebten Sinn für jene, die bald das Aufregendste produzieren würden. Udo, der sich gerne als Glückskind bezeichnete, nannte es Zufall, dass er Mitte der Achtzigerjahre das Berliner Café Florian betrat und ihm der letzte freie Platz am Tisch von Christoph Schlingensief und Tilda Swinton zugewiesen wurde. Einige Wochen später drehten die drei mit Egomania – Insel ohne Hoffnung (1986) einen der stärksten Filme von Schlingensief. Udo tobte vor der Kamera am Rande des Wahnsinns, berauscht von der eigenen Eifersucht. Er war in den Blick von Christoph verliebt, aber in dessen Zimmer schlief Tilda. Udo wollte die bedingungslose Liebe. Es folgten sieben weitere Filme ohne Swinton. Schlingensiefs wütende Abrechnung mit dem Kino der Autoren war eine einschneidende Phase für Udo, die noch mal eine andere Seite öffnete. Aus der etwas passiven, latent melancholischen Schönheit mit bösen Zügen der 1970er Jahre wurde zu dieser Zeit ein überdreht schreiender, dabei sehr witziger Psycho. Aber irgendwann musste Udo weiter, selbst wenn gerade kein klarer Weg für dieses Weiter in Sicht war. Auf einem Filmfestival sprach ihn jemand aus Amerika an, fragte, ob er neben Mike und Scott den Hans spielen wolle. Mike und Scott waren Keanu Reeves und River Phoenix, und der Jemand war Gus Van Sant. Seine Rolle als besagter Hans in My Private Idaho (1991) ließ ihn zur Ikone des neuen queeren Kinos werden. In den USA kam Udo auf der Couch einer Freundin unter und wartete geduldig auf Angebote. Wenn Hollywood gerade mal nicht anrief, drehte er einfach alles, „außer Porno“. Wer mit dem deutschen Fernsehen der Nullerjahre groß wurde, liebte ihn in der Mystery-Serie 4 gegen Z (2005–07). Trashfilm-Fans haben ihren Spaß mit Udo in der Rolle als Nazi aus dem Weltall. Für die Gen Z ist er der unheimliche alte Mann an der Seite von Hunter Schafer und Sophia Lillis in dem Computerspiel OD von Hideo Kojima.
Im Lauf seines Lebens ist es Udo gelungen, aus seiner unerschöpflichen Neugierde und Offenheit eine so singuläre wie komplexe Kunstfigur zu entwerfen, die in ihrer Mischung aus Künstlichem, Widersprüchlichem und Sprunghaftem auch aus der Perspektive der Gegenwartskunst ausgesprochen anregend wirkt. Im Gegensatz zu all jenen Schauspieler*innen, die in einem bestimmten Image versteinern, vermochte sich Udo aus seiner Paraderolle des Bösewichts zu lösen und immer wieder als ein anderer aufzutreten. Dabei war er mit dreißig schon ein Mythos: ein campy Pin-up-Boy, der literweise Blut kotzte. Doch statt Warhols schwuler Dracula zu bleiben, spielte er wenig später den heterosexuellen Libertin in Just Jaeckins Die Geschichte der O. (1975). Lange wurde Udo wegen seiner Achterbahnfahrt durch die Identitäten und Genres als halbseidene Figur betrachtet. Sein Glamour war unbestritten, aber konnte jemand, der heute mit Rob Zombie und morgen mit dem Pumuckl arbeitet, wirklich ernst genommen werden? Udos Charisma und seine zahlreichen, oft raffiniert durchdachten Kurzauftritte, die sich in die Erinnerung brannten, wurden immer wieder als selbstdarstellerische Eskapaden verkannt. Die ganz breite Anerkennung kam erst mit Todd Stephens’ Swan Song (2021), seinem späten Durchbruch als Charakterdarsteller. 53 Jahre nach der Rolle in seinem ersten Spielfilm, Schamlos (1968), wurde Udo Kier nun wirklich für voll genommen. Endlich war er mehr als „der schönste Junge der Welt“. Mehr als ein weiterer Durchgedrehter, von denen er so viele dargestellt hatte. Mehr als ein weiterer Adolf Hitler. Mehr als ein Idol für den erlesen schlechten Geschmack der Connaisseurs des Camp. Mehr als die perfektionierte Ausführung von Triers Regieanweisung „Don’t act“. Mehr als Teil der unzähligen Support-Acts, die anderen die Bühne bereiten. Endlich feierte ihn selbst die New York Times als zutiefst berührenden Schauspieler.
Während wir am frühen Nachmittag in seiner Stammbar, der Chill Bar in seiner Wahlheimat Palm Springs, saßen und Martinis tranken, betrachtete er all die Männer, die um den großen quadratischen Tresen an ihren Drinks nippten: „Sie haben alle Swan Song gesehen und lieben den Film, wissen aber nicht, worum es mir wirklich geht.“ Worum es ihm ging, hat er nicht gesagt. War es ihm in der drückenden Wüstensonne in diesem Moment selbst nicht ganz klar? Oder ließ sich das, worum es ihm wirklich ging, gar nicht fassen? Seine sich aus hunderten von Fragmenten zusammensetzende Karriere mit ihren zahllosen Brüchen ist ein wilder, oft absurder Tanz durch die Nachkriegszeit und eine gelebte Verachtung aller darin schlummernden Werte des Nationalsozialismus. Udo stand für ein anderes 1968: unakademisch, gegen den Strich, ohne Angst vor dem Schmutz und dem Abgründigen und von seltsamer Magie. Sein Aufstand war einer, der sich nicht im langen Marsch durch die Institutionen erschöpfte, sondern angetrieben war von einer ständigen Suche.
Es ist unendlich traurig, dass Udo nicht mehr aus dem Auto anruft und erzählt, er sei auf dem Weg in die Berge, um seine Bäume zu gießen – tröstlich jedoch, dass er bis zuletzt alles machen und genießen konnte: Weißwein und Zigaretten zum Frühstück, Filmproduktionen auf vier Kontinenten, allein im letzten Jahr. In Mailand sah Udo noch im vergangenen September als Special Guest von Bottega Veneta besser aus als all die jungen Männer, die sich darum rissen, mit ihm fotografiert zu werden. Wir sind dankbar, dass wir diesen Ausnahmemenschen erleben durften, und für all das, was er uns in seinen letzten Lebensjahren geschenkt hat, im Rahmen der Ausstellung und weit darüber hinaus. Er hat vorgelebt, wie es geht, jeden Tag in ein Fest zu verwandeln, ganz im Moment zu sein und alle Ängste zu vergessen. Er war eine andauernde Herausforderung, die sich ständig neu erfand – wie an dem Tag, als er uns über Stunden penetrant als seine Eltern ansprach. Entweder wuchs man an diesen Provokationen oder man flog aus dem Spiel. Die Selbstverliebtheit, die er sich erlaubt hat, ließ sich immer als Aufforderung verstehen, freier zu werden und sich selbst mehr zu lieben.
Hans-Christian Dany schreibt, unter anderem Bücher. Zuletzt erschien Schuld war mein Hobby. Bilanz einer Familie (Edition Nautilus, 2024). Gemeinsam mit Valérie Knoll kuratierte er die Ausstellung „Udo is Love. Eine Reise in das unfassbare Leben des Udo Kier“ (Kölnischer Kunstverein, 2024).
Valérie Knoll ist Kuratorin und Direktorin des Kölnischen Kunstvereins. Gemeinsam mit Hans-Christian Dany kuratierte sie die Ausstellung „Udo is Love. Eine Reise in das unfassbare Leben des Udo Kier“ (Kölnischer Kunstverein, 2024).
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