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Steffen Mau and Uwe Vormbusch

Likes statt Leistung Ein Gespräch zwischen Uwe Vormbusch und Steffen Mau über die fortschreitende Quantifizierung des Sozialen

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

In der Kunstkritik wird noch überwiegend in Worten bewertet, weniger mit Punktesystemen oder einer Sternchenskala. Dennoch sind auch Kunstveranstaltungen nicht davor gefeit, vom Quantifizierungswahn erfasst zu werden. Ob Zuschauerzahlen oder Likes in sozialen Medien – auch kulturelle Einrichtungen müssen Relevanz und Bedeutung in unmissverständlichen statistischen Werten nachweisen. Aber ist etwas auch gut, nur weil viele hingehen?

Den Kurzschlüssen und Gefahren der Bewertungsgesellschaft geht der Soziologe Steffen Mau in seinem Buch „Das metrische Wir“ nach, einer Analyse der fortschritenden Quantifizierung fast aller Aspekte des Lebens. Gemeinsam mit dem Soziologen Uwe Vormbusch diskutiert Mau über Ausmaß und Folgen der permanenten Auswertung nach Zahlen; beide betrachten die Rolle, die die Kunst darin spielen kann.

UWE VORMBUSCH: In deinem Buch „Das metrische Wir“ stellst du die Macht des Allgemeinen dar, die über Zahlen eine solche Dominanz gewinnt, dass sie auch in die intimsten Praktiken des Besonderen und des Individuellen eindringt und so letztendlich alles überformt.

Wenn du darüber schreibst, wie die Zuweisung des Status und dessen soziale Vererbung stattfinden, greifst du dieses Bourdieu’sche Thema auf und beschreibst den Anfang unserer öffentlichen Biografie, z. B. auf Facebook oder Instagram, die mit Zahlen erfasst wird und auf die hin wir uns immer stärker orientieren und uns auch selbst festschreiben. Die Biografie wird dann als eine Art Kanal aus Zahlen und Bewertungen sozial sichtbar, aus dem wir nicht mehr herauskommen, sodass wir von vornherein geeicht sind. Darauf geeicht, wie wir als besonders gute Künstler/innen, als besonders gute Wissenschaftler/innen, als besonders gute Freunde/Freundinnen, mit vielen Likes, Retweets usw. erscheinen können.

Dabei geht es dann auch um das Verhältnis des Allgemeinen und des Besonderen, was ja eine Grundfigur unseres Nachdenkens über Gesellschaft ist. Du machst eine spezifische historische Dominanz von Zahlen als Dominanz des Allgemeinen stark. Darüber würde ich gerne noch mal reden, im Hinblick auf das, was Foucault den „bebenden Sockel der Machtverhältnisse“ genannt hat, auf das also, was nicht einfach durch Machtausübung von oben ruhigzustellen ist und jetzt mittels Zahlen − in Foucaults Worten „atomar“ − gelenkt und kontrolliert, also „regiert“ werden soll.

STEFFEN MAU: Die Grundthese meines Buches ist die einer immer weiter fortschreitenden Quantifizierung des Sozialen, wie ich das nenne. Als Individuen werden wir permanent protokolliert in vielen unserer Lebensvollzüge. Unsere Konsumentscheidungen und unsere Bewegungen im Raum werden aufgezeichnet, unsere politischen und sozialen Präferenzen können registriert werden ebenso wie unsere Freundschaftsnetzwerke. Dieses Wissen über uns wird in Archiven angelegt, die immer wieder genutzt werden können, um uns in irgendeiner Weise zu klassifizieren, zu bewerten und möglicherweise auch in Märkten mit einer bestimmten Art von Kapital auszustatten. Das können Aufmerksamkeitsmärkte oder Arbeitsmärkte, Wohnungsmärkte, Partnerschaftsmärkte sein, auf denen uns diese Daten dann einen positiven oder weniger positiven Status geben. Auch können wir gezielt durch Werbung und politische Kampagnen angesprochen werden, wie wir nicht erst seit den Skandalen um Facebook und Cambridge Analytica wissen.

Das ist eine sehr generelle Tendenz, der wir uns kaum noch entziehen können. Die Verfügbarkeit dieser Daten führt auch dazu, dass sie von vielen unterschiedlichen Instanzen genutzt werden: von staatlichen Instanzen, Marktinstan-zen und auch dem, was Bourdieu „Konsekrationsinstanzen“ nennt, also Instanzen der Weihung und Adelung bestimmter Leistungen.

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

VORMBUSCH: Ich finde es ist wichtig, hervorzuheben, dass die Bestrebung, auch Menschen einen Vergleichswert anzuhängen, nicht neu ist. Die gibt es auch nicht erst, seit wir über den Neoliberalismus reden, sondern es gibt sie seit wir angefangen haben, Menschen zu benoten und der Entwicklung ihrer Kompetenzen einen numerischen Wert zu geben. Die ersten Experimente dazu kommen interessanterweise aus Eliteuniver-sitäten wie Yale und Cambridge, wo man im 18. Jahrhundert zuerst Studierenden einen numerischen Wert gegeben hat, also Noten. Man kann sagen, dass mit der Moderne die Bedeutung der Zahlen entstanden ist bzw. dass der moderne Staat mit der Statistik entstanden ist, als er begonnen hat, seine Bevölkerung zu kontrollieren und zu zählen und Buch darüber zu führen, wer in seinem Territorium lebt und wer nicht, also auch die Zu- und Abgänge in Mortalitätsstatistiken zu zählen usw.

Wir sind uns, denke ich, einig im Hinblick auf die Maschinerie, die da draußen entsteht, die uns erfasst, uns zu Daten macht und – schlimmer noch – die dazu führt, dass Menschen sich daraufhin orientieren, wie sie zu Daten gemacht werden. So wird das Selbst zunehmend als ein Kapital verstanden, in Beziehungsmärkten, in Reputationsmärkten und in der Zukunft vielleicht auch als Kapital in ökonomischen Transaktionen, wenn bestimmte Klassen von Menschen oder von Datenbündeln andere Preise bekommen werden bei den großen Online-Warenhäusern als andere. Das sind, glaube ich, ganz große Gefahren.

Zahlen haben meiner Ansicht nach aber durchaus auch produktive Eigenschaften, wenn es um die Frage geht, wie sich Menschen wechselseitig einschätzen können in einer fragmentierten Moderne. Wie können sie zu verlässlichen Informationen darüber gelangen, wer der Andere ist?

Dabei ist aber noch ungeklärt, wie Menschen wirklich mit Zahlen umgehen bzw. wer mit welchen Zahlen umgeht. Wenn es darum geht, dieser ökonomischen Maschinerie etwas entgegenzusetzen, müsste das der Ansatzpunkt sein. Man muss die Zahlenkulturen, also den gesellschaftlichen Umgang mit Zahlen, infrage stellen.

MAU: Ja, der historische Rahmen der Zahlenkulturen ist wichtig. Ich würde trotzdem sagen, dass wir mit Bezug auf die Bedeutung der Zahlen jetzt einen Qualitätssprung erleben. Unter anderem auch ausgelöst durch das, was man unscharf mit Neoliberalismus umschreiben kann, durch New Public Management, neue Regierungsmodelle, die mit Rechenschaftspflichten gegenüber Geldgebern, Politik und Öffentlichkeit einhergehen.

Damit sind ja auch viele öffentliche Einrichtungen konfrontiert. Theater z. B. müssen sich überlegen, welche Erfolgsindikatoren sie ihren Geldgebern vorlegen, um zu sagen, dass sie ein gutes Theater sind und kein mittelgutes oder gar schlechtes. Dabei spielen dann überregionale Kritiken im Feuilleton, möglichst positive natürlich, eine Rolle, Auslastungszahlen, das Verhältnis von entstehenden Kosten und der Nachfrage nach Tickets, aber auch das Auftauchen in Social Media, die Followers. Das sind alles Indikatoren, mit denen sich solche Einrichtungen beweisen und so zeigen können, dass sie eben eine gute Leistung erbringen. Das hat mit einer engeren Bewertung der künstlerischen Leistung auf der Bühne ganz wenig zu tun. Erfolg kann dann allerdings auch an ganz unterschiedlichen Faktoren liegen, etwa dem regionalen Umfeld oder daran, dass man besonders gut im Vermarkten der eigenen künstlerischen Leistung ist – das sind eigene Aufmerksamkeitsökonomien. Es kann auch sein, dass sich mit der Zeit eine Art von Reputationskapital entwickelt, sodass die Institution zum Selbstläufer wird und man hingeht, egal ob es gut oder nicht so gut ist.

Um ein etwas verschärfteres Beispiel zu geben: Bei der Performanzmessung im amerikanischen Polizeidienst werden Polizisten u. a. von einem zentralen Indikator, nämlich den Festnahmen pro Tag, bewertet.

Dabei kann man sich vorstellen, dass die Zahl der Verhaftungen gar nicht von der Leistung des einzelnen Polizisten abhängt, sondern vom zugewiesenen Distrikt, von der Tageszeit, an der man seinen Dienst schiebt, möglicherweise auch von der Rechtsprechung. Es macht einen Unterschied, ob Fahren ohne Fahrerlaubnis eine Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat ist, was dann zu unterschiedlichen Verhaftungsquoten führen kann.

Eine Studie hat gezeigt, wie die so bewerteten Polizisten anfangen, sich wechselseitig Verhaftungen zuzuschieben, um sowohl in der Reputations- als auch der Performanzordnung gut dazustehen. Sie kümmern sich um viele Verhaftungen, verbessern aber auch ihre soziale Position, indem sie eigentlich „eigene“ Verhaftungen an einen Kollegen oder eine Kollegin weitergeben.

Viele der genutzten Leistungsindikatoren weisen also eine bestimmte Art von Ambivalenz und möglicherweise sogar Fehlerhaftigkeit auf, was sie das eigentlich interessierende Phänomen, nämlich was ein guter Polizist ist oder was ein gutes Theater, nicht gut darstellen lässt. Sie messen also nicht die wirklich interessierende Leistung. So ergibt sich eine Diskrepanz zwischen gewünschter Leis-tung und dem, was dann gemessen wird.

Dabei geraten zudem etablierte Reputationssysteme, die stärker expertengetrieben sind, unter Druck, denn jetzt kommt es zur Herrschaft der Zahlen oder auch zu neuen Formen von Massenbewertung, in denen Laien das letzte Wort haben. Darin sehe ich eine Umwertung herausgebildeter und tradierter Ordnungen. Die problematischen Folgen solcher Quantifizierungen müssen bei der Nutzung von Indikatoren aber ausgeblendet bleiben, wenn man die Illusion schützen möchte, dass diese Indikatoren genau das messen, was man gerne wissen möchte.

Bei der Performance „A Dancer’s Day“ von Boris Charmatz auf dem Tempelhofer Feld z. B. ist stark über Zahlen argumentiert worden. Soundsoviele Tausend Berliner sind hingeströmt. Dabei ist das noch nicht sehr aussagekräftig, denn Hingehen können Leute ja auch aus Neugierde oder aus voyeuristischen Gründen. Vielleicht wollte man gar nicht den Erfolg der Performance beobachten, sondern das Scheitern. Die Besucherzahlen besagen nicht allzu viel, auch wenn sie eine Aussage über den Erfolg eines Ereignisses treffen sollen.

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

VORMBUSCH: Ja, nur wenn du die Performance verlässt, entgehst du einer Art Manufacturing Consent. Sie beziehen dich ein, indem sie dich zählen, und dadurch wird plausibel gemacht, dass das irgendwie ein gutes Stück ist.

Colin Crouch nennt die Verschiebung der Motive, dass also z. B. Theatermacher nicht ein nach ihren Maßstäben „gutes“ Stück aufführen, sondern eines, das Besucherzahlen generiert, „Knowledge Corruption“, also Korrumpierung des Wissens. Diese Korrumpierung der bis dato vorfindlichen Praktiken durch neue Evaluierungstechniken findet in vielen Feldern, vor allem auch in den staatlichen Dienstleistungen, in Bildung und Gesundheit statt, was ein großes Problem ist. In der Psychologie spricht man vom Crowding-out, wenn an die Stelle intrinsischer Motivationen und bestimmter Überzeugungen davon, wie ich etwas gut mache, also eine Performance aufführe oder ein Theaterstück oder Lehre betreibe oder Kinder erziehe, die Orientierung an extern vorgegebenen Zahlen tritt und damit die Logik des Feldes im Grunde außer Kraft gesetzt wird.Das führt uns direkt zum Punkt der Partizipation und zu dem Umstand, dass diejenigen, die von solchen Mechanismen betroffen sind, nicht gehört werden, wenn es darum geht, ihre Arbeit gegenüber verschiedenen Anspruchsgruppen, z. B. auch Geldgebern, zu rechtfertigen. Die meisten Menschen wollen gute Arbeit machen, und sie wollen die Vielfältigkeit dieser Arbeit verständlich machen, sind dann aber gezwungen, ihre Arbeit auf Zahlen und Bewertungen hin zu orientieren, also zu korrumpieren“.

MAU: Aber es gibt natürlich auch einen emanzipatorischen Charakter von Zahlen, etwa wenn damit Leistungen sichtbar werden, die vorher unsichtbar waren, und so durch ein Regime der Zahlen die Möglichkeit für bestimmte Gruppen entsteht, erst mal Sichtbarkeit zu erhalten, vorzukommen und in ein System der Vergleichbarkeit gestellt zu werden. Das kann zu Schwächungen des Expertenmonopols führen, das darüber befindet, was gut und was schlecht und was richtig ist. Wenn wir aber über Felder reden, wo eine bestimmte Art von Expertise dazugehört, um überhaupt Bewertungen vorzunehmen, wird das zum Problem, z. B. bei der Ärztebewertung im Internet. Weil man als Patient/in nicht vollends in der Lage ist, die ärztliche Heilkunst im engeren Sinne zu beurteilen, beurteilt man häufig sekundäre Kriterien: Fühle ich mich dort gut aufgehoben? Nimmt sich der Arzt/die Ärztin genug Zeit für ein Gespräch, gibt es Parkplätze vor der Praxis? Diese Bewertungen werden so genutzt, als ob damit die Qualität des Arztes/der Ärztin im eigentlichen Sinne bewertet werden würde. Sie haben eine sehr starke Navigationsfunktion für unsere Aufmerksamkeit und auch für unsere eigenen Entscheidungen. Die Plattformökonomie lebt davon, Sternchen zu vergeben und Rankings zu organisieren und damit die Welt in eine gedachte Hierarchie zu bringen, in der alles mit allem vergleichbar wird. Ob Hotels oder Kultureinrichtungen − was bewertet wird, ist dabei sekundär. Man könnte das als eine Art Aufstand der Massen verstehen: Die lange Ungehörten bekommen jetzt endlich auch die Möglichkeit, über Bewertungen meist quantitativer Art ihre Stimme einzubringen. Aber man könnte auch sagen, dass das eine Verwässerung lange ausgeprägter und verfeinerter professioneller Bewertungskriterien ist, die enger an die feldspezifischen Logiken angebunden sind, weil man eben davon ausgehen kann, dass Bewertungskompetenz auch erst ausgebildet werden muss.

Ich gebe noch mal ein anderes Beispiel: Bei einem Vortrag, den ich bei einer Stiftung gehalten habe, haben die Organisatoren hinterher an alle Teilnehmer/innen dieser öffentlichen Veranstaltung Fragebögen vergeben und mir dann die Auswertung zugeschickt. Die Qualität meiner Performanz wurde dabei in 25 verschiedenen Einzeldimensionen beurteilt. Ich fand das ziemlich unhöflich. Die Stiftung rechtfertigte das damit, dass sie öffentliche Gelder bekomme und so verpflichtet sei, nachzuweisen, dass sie das Geld für eine qualitätsgesicherte Veranstaltung ausgegeben habe.

Ein Fragebogen ist natürlich erst mal eine einfache Form, Feedback abzufragen. Die Erwartung, dass man sich zu ganz vielen Dingen bewertend äußert, wird heute permanent an die mithelfenden und qualitätssichernden Kunden/Kundinnen, Nutzer/Nutzerinnen oder Besucher/innen herangetragen, ob man möchte oder nicht. Es gibt eine Universalisierung von Bewertungen, also das, was ich Bewertungskult nenne, die dazu führt, dass wir alle Dinge schon mit „Bewertungsaugen“ anschauen. Dabei verlieren wir aber auch an Genussfähigkeit und Unvoreingenommenheit. Wenn schon vorab alles geratet und gerankt worden ist, geht man anders in eine Kulturveranstaltung oder zu einem Arzt oder in ein Hotel, weil man nur noch versucht, festzustellen, ob die auf Grundlage dieser Informationen aufgebauten Erwartungen erfüllt werden oder nicht. Die eigene Bewertung nimmt man dann anhand der subjektiven Diskrepanz zwischen Erwartung und Erfahrung vor.

L to R: Uwe Vormbusch und Steffen Mau

L to R: Uwe Vormbusch und Steffen Mau

VORMBUSCH: Das ist ein wichtiges Thema. Auf diese Frage der Konformität müssen wir gleich noch mal zu sprechen kommen, aber vorher würde ich gerne noch mal fragen, wo das herkommt. Die Formen des numerischen Feedbacks, die wir heute allerorten haben, sind besonders seit den späten 1970er, 1980er Jahren wichtig geworden, also im Kontext des Erstarkens des Neoliberalismus und im Kontext bestimmter Programme, die in diesem Neoliberalismus wichtig waren.

Darin formulierte sich auch eine Kritik an der Organisationsgesellschaft, an den großen Verbünden, die in der Moderne und dann im organisierten Kapitalismus entstanden sind. Diesen Organisationen war zunächst ganz egal, was da draußen passiert, weil sie alle nach ihrer eigenen Logik funktioniert haben. Die neuen Instrumente des Rechenschaftablegens, wie Kennzahlen und Audits, sollten so gegen die Ignoranz der großen Organisationen und Institutionen angewandt werden. Sie waren – neben dem Ziel der Umverteilung − ein Versuch, Transparenz herzustellen. Diese Transparenz ist das heute noch gültige Argument für die Feedbackmethoden. Denn die Ärzte, die Halbgötter in Weiß, und die Professoren, mit dem Muff unter den schwarzen Talaren, etc. hatten sich in gewisser Weise auch gegen Kritik immunisiert. Die Ratings und Feedbacks dienen auch als Kritik an der Organisationsgesellschaft, als Kritik an sich abschließenden Systemen, die das nicht schert, was in ihrer Umwelt passiert.

Die Form, die diese Kritik annimmt, liegt im gesellschaftlichen Kontext, in dem sie eingeführt wurde, begründet. Sie steht im Bezugrahmen großer Programme wie „Value for money“. Öffentliches Geld sollte, das hat Margaret Thatcher in Europa immer wieder gefordert und auch durchgesetzt, nur mehr für genau spezifizierte Leistungen gegeben und dann mittels Zahlen und Evaluationen kontrolliert werden. Aber die Kritik, die so formuliert wird, führt eben nicht dazu, dass sich die Organisationen in einer ihren professionellen Standards genügenden Art und Weise entwickeln können, sondern vor allem dazu, dass Ressourcen minimiert oder gestrichen werden. Und damit sind wir beim Aspekt der Ungleichheit, weil hierdurch faktisch den öffentlichen Dienstleistern über Jahrzehnte Gelder entzogen und die Leistungsanforderungen gleichzeitig immer höher getrieben wurden.

Gleichwohl: Bei der Einführung zahlenbasierter Feedbacksysteme geht es im Grunde um gesellschaftliche Kritik und darum, wie diese überhaupt in einer modernen Gesellschaft formuliert werden kann, in der die einzelnen Teilbereiche nicht einsehbar sind, auch nicht durch den Staat. Zumindest bislang …

MAU: Darauf hat man mit dem Konzept der totalen Transparenz reagiert: vom gläsernen Mensch bis hin zur chinesischen Big-Data-Diktatur, wo alle möglichen Daten zu einem Social-Credit-System zusammengeführt werden, das per Punktwert die Vertrauenswürdigkeit einer Person im gesellschaftlichen Kontext beschreiben soll. Diese positive Bewertung von Transparenz ist historisch etwas Neues und steht eigentlich der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, die auf der Trennung von Öffentlichem und Privatem beruht, entgegen. Transparenzerwartungen konnte es zuvor eigentlich nur in der Öffentlichkeit geben, nicht im Privaten. Heute gibt es diese Erwartungen aber auch sehr stark im privaten Bereich. Das geht auch mit Formen der digitalen Entrechtung einher, indem Daten über uns erhoben werden, zum Teil, ohne dass wir Zustimmung geben müssen. In meinem Buch bezeichne ich das als die „Die Tyrannei des Lichts“. Es gilt: Je mehr Transparenz, desto besser. Kritik an Transparenz lässt sich kaum formulieren. Dabei hat sie in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen mehr negative als positive Effekte.

VORMBUSCH: Absolut!

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

MAU: Wenn wir permanent beobachtet werden, wissen wir nicht mehr, wie wir eigentlich wären, wenn wir diesen Beobachtungen nicht ausgesetzt wären. Daher stelle ich mir die Frage, ob man die inzwischen mehr oder weniger durchgesetzte Transparenzforderung diskursiv wieder einholen kann. Ich erkenne eher einen von mir so genannten Datenvoluntarismus, also die Bereitschaft, die eigenen Daten weiterzugeben und auf Privatheit sukzessive zu verzichten.

VORMBUSCH: Wir müssen gegebene Vorstellungen der Transparenz herausfordern, weil es bei den von dir angesprochenen Methoden natürlich überhaupt nicht um deren Herstellung geht. Sie ist Teil einer Rhetorik der Objektivität. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir darüber eine gesellschaftliche Debatte führen, ob und inwiefern Zahlen objektiv sind und tatsächlicher Transparenz dienen. Dienen doch Zahlen vor allem dazu, ein Feld zu kontrollieren und nach Maßgabe von Wertungen zu beherrschen, in die ganz bestimmte und immer auch anders mögliche Formen der Kalkulation eingeflossen sind. Die von Google oder Facebook verwendeten und im Gegensatz zum Transparenzmythos geheimen und von der Öffentlichkeit nicht kontrollierbaren Algorithmen sind ein Beispiel dafür. Was wir sehen und wie wir vernetzt werden, das ist Ergebnis dieser unsichtbaren Kontrolleure, deren Arbeit und Entscheidungen für die Betroffenen nicht einholbar sind. Auf der einen Seite haben wir Zahlenproduzenten und Zahlenvirtuosen, auf der anderen Seite Zahlenkonsumenten, die die Art und Weise, wie sie im Netz präsentiert und verbunden werden, nicht einsehen, geschweige denn mitbestimmen können.

Wenn es um Kritik mittels Zahlen geht, ist das Problem, dass die Kriterien, mit denen Zahlen und Kalkulationen operieren, keinem öffentlichen Diskurs ausgesetzt sind. Die Mechanismen, die vollkommene Transparenz über unser Leben erzeugen wollen, sind ihrerseits geheim und müssen transparent werden. Das heißt, man muss die Mechanismen ins Licht holen, mittels derer die Zahlen produziert werden. Gesellschaftliche Kritik heißt dann Kritik an den Zahlenwelten, die wir erzeugt haben, um so auch den Ausschluss und die Hierarchisierungsprozesse, die diese Zahlen hervorrufen, kritisieren zu können.

Auch auf der Ebene des Einzelnen hat die zentrale ideologische Botschaft der Leistungsmessung – „Wir verteilen Ressourcen nur auf der Basis von numerischem Feedback“ – große Konsequenzen. Das wird gerade in Gesellschaften zu einem Problem, die, wie unsere Gesellschaft, durch ein großes Maß an Unsicherheit gekennzeichnet sind, in der viele keine Organisationskarriere mehr durchlaufen, sondern wo Menschen bis in ihre 30er, 40er oder auch ihr Leben lang in Unsicherheit gehalten werden, in prekarisierten Arbeitsverhältnissen oder als (unfreiwillige) Freelancer. Da wird die Zuweisung von Ressourcen nach Reputation sowie nach Status und nach Kennziffern ganz besonders entscheidend.

Leistung und Ressourcen stärker zu entkoppeln ist aber sicher nicht im Sinne derjenigen, die in den Schaltzentralen der Kennziffernsysteme sitzen. Das ist ein Punkt, an dem man Kritik artikulieren muss. Das gilt auch für die Kunst oder den sogenannten Kunstmarkt, weil das dort ja auch, genauso wie in der Wissenschaft, ein ganz massives Problem darstellt.

MAU: Die Bedeutung von Quantifizierung ist für den Kunstmarkt möglicherweise eher gering. Dort herrscht das Kriterium der Subjektivität vor, die Erzeugung des Besonderen im engeren Sinne und auch eine hohe Kritikerkompetenz. Auch wenn ich selbst im Kunstmarkt eine zunehmende Verbreitung von Ratings und Rankings und Bewertungsformen von Künstlern/Künstlerinnen sehe, ist gerade die bildende Kunst nach wie vor ein von Experten und Expertinnen abhängiger Bereich, in dem Netzwerke von Kunstkritikern und -kritikerinnen, Galerien, öffentlichen Institutionen, Kunstzeitschriften als Valorisierungsagenten tätig werden. Sie definieren den Wert bestimmter Künstler/innen und Kunstwerke. Die Intrusion neuer Bewertungsformen, die Publikumsbewertung, öffentliches Interesse, Mediennennung, Verkaufspreise, Followers und Likes in sozialen Medien miteinbeziehen, tritt allerdings nach und nach in eine Konkurrenz zu den Experten und Expertinnen. Wir haben es so mit zwei Modi der Aufmerksamkeitserzeugung zu tun. Der eine ist der Popularitäts- und der Öffentlichkeitsmodus, der andere ist der Expertenmodus, beide können auch in Konflikt miteinander geraten. Ich kann mir z. B. gut vorstellen, dass Dinge, die starken Widerhall bei einem größeren Publikum finden und die als Massenevents gelten, von professionellen Kunstkritikern/-kritikerinnen völlig anders bewertet werden.

Der Markt für kulturelle Güter ist ein sehr spezifischer Markt. In der neuen Wirtschafts-soziologie redet man von „fiktionalen Erwartungen“. Dabei geht es um die Zuschreibung zukünftiger Bewertungen; das Potenzial eines Künstlers/einer Künstlerin oder eines Kunstwerks spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Frage, ob und wie fiktionale Erwartungen erzeugt werden können. Das geschieht hauptsächlich über eine Story im Stile einer auratischen, in der Zukunft eintretenden Erfolgsgeschichte; so wird man in der jeweiligen Künstlerpersönlichkeit etwas sehen, was noch vollkommen vage und spekulativ ist, aber in Zukunft dazu führen kann, dass sie eine bestimmte Marktposition und eine bestimmte Bewertung am Markt erfahren wird. Es geht um eine dynamische Aufwärtsbewegung von Reputation, eine Positivvision. Das Erzählen dieser Storys bedarf nach wie vor der Expertenkultur, also professioneller Kritiker/innen, Kunstvermarkter/innen oder -vermittler/innen und Berater/innen.

Betrachtet man Performancekunst im engeren Sinne, ist das Interessante daran die Spannung zwischen dem Transitorischen in solchen Kunstereignissen und den Spuren, die sie hinterlassen soll. Sie hat also die Anforderung, eine Attraktion zu einem spezifischen Zeitpunkt darzustellen und zugleich über diese Attraktion hinaus anhaltende Attraktivität zu erzeugen. Denn es soll ja nach dem Ereignis etwas bleiben. Aber das Ereignis kann nie genauso erhalten werden, wie es war, was bei anderen Kunstwerken vielleicht der Fall ist. Da gibt es, denke ich, eine Art von symbolischem Kapital, das man aus einem erfolgreichen performativen Kunstprojekt ableiten kann, das an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit stattgefunden hat und so auf diese Art und Weise nicht mehr stattfinden wird. Gerade dadurch, dass es vergänglich ist, gibt es ein Image oder eine Reputation – möglicherweise eine Attraktivitätssteigerung durch Transitorität –, die sich aber auf den/die Künstler/in oder das Künstlerkollektiv oder die Einrichtung überträgt und aus der diese dann zukünftig Reputationsgewinne schlagen können. Bei Performances gilt der Ereignischarakter, aber es braucht eben auch etwas, was über den Tag hinaus erhalten bleibt. Ob sich das auch in Zahlen niederschlägt oder in einer anderen Form des Weitertragens von Besonderheit, vermag ich nicht zu sagen.

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

Melanie Gilligan, „Popular Unrest“, 2010, Filmstill

VORMBUSCH: Aber ist es wirklich so unwahrscheinlich, dass gerade im Bereich der Kunst auch solche numerischen, quasi-objektiven Maßstäbe und Bewertungen eingesetzt werden? Meiner Meinung nach wäre die Kunst der allerplausibelste Bereich, in dem man dieses numerische Feedback anwendet, und zwar deshalb, weil es in der Kunst vor allen Dingen um subjektiven Ausdruck und subjektive Interpretation von etwas geht, das wir auch als etwas Allgemeines verstehen wollen; um Probleme in dieser Gesellschaft, die dann auf irgendeine Art und Weise in ästhetische Erfahrung transformiert werden. Ein Werk, eine Performance z. B., ist so hochgradig subjektiv, dass es naheliegt, zu versuchen, ihre Bedeutung an ihren gesellschaftlichen Impact zurückzubinden. Die Idee des Impacts ist dabei nur eine pervertierte Form einer eigentlich sehr vernünftigen Frage, nämlich der: Wie steht denn diese Kunst zur Gesellschaft? Und das wird jetzt zu messen versucht, um es so an bestimmte Kriterien des Allgemeinen zu knüpfen.

Die immateriellen Kapitalien sind, um mit Andreas Reckwitz zu sprechen, an das Einzigartige, oder – etwas weniger dramatisch – an uns Individuen gebunden. Eine wichtige Frage für jede Gesellschaft ist dann, wie dieses Einzelne, dieses Besondere, wieder ins Verhältnis zum Allgemeinen gesetzt werden kann. Und das gilt ganz besonders für so hochgradig differenzierte Gesellschaften wie die unsere, die nicht nur in einzelne Subsysteme zerfällt, sondern auch in eine Vielzahl sozialer Milieus, in denen die Menschen kaum noch eine von allen verstandene Sprache entwickeln können, in der sie vernünftigerweise über etwas Gemeinsames sprechen können.

MAU: Ob man über Zahlen, Daten und Indikatoren tatsächlich gesellschaftliche Verbindungen und Verbindlichkeiten herstellen kann und sollte, kann man durchaus hinterfragen. Zunächst wird durch den permanenten Vergleich ja ein Steigerungswettbewerb ausgelöst, und es etablieren sich neue Hierarchien. Ich würde vielleicht noch eine Sache hinzufügen, die mir bei der Verwendung von Zahlen maßgeblich erscheint. Wenn Zahlen dazu genutzt werden, Sichtbarkeits- oder Reputationsordnungen zu etablieren, dann haben wir extreme Konzentrationseffekte hinsichtlich der Aufmerksamkeitsverteilung. Im Kunstmarkt ist dieses Phänomen besonders stark. Das, was wir als Soziologen als Winner-takes-all-Märkte bezeichnen, ist eigentlich auch eine Entkopplung vom zugewiesenen Erfolg der Marktrenditen von tatsächlichen Leistungsdifferenzen. Das heißt, an der Spitze stehen ein paar Künstler, die im Prinzip einen Großteil des Gesamtvolumens der monetären Mittel, die in einem Markt verfügbar sind, auf sich vereinigen können. Eine sehr kleine Gruppe von Künstlern profitiert extrem stark von diesem Markt, und viele andere können kaum überleben, obwohl möglicherweise die Differenzen ihrer künstlerischen Leistungen nicht besonders groß sind. Das hat natürlich auch mit der quantitativen Aufbereitung von Informationen, das heißt mit Ratings und Rankings zu tun.

Zahlen können eine ungeheure Markttransparenz schaffen, im Gegensatz zu einer Hörensagen-Reputation. Letztere würde ja auch sagen, welche Künstler/innen gut und welche weniger gut sind, besteht aber eben nicht in vollständig verfügbaren, schnell anklickbaren Information, die es heute in Datenbanken gibt.

Derzeit sehe ich vor allem eine große Bereitschaft der Menschen, sich – bewusst oder unbewusst – an diesen Erfassungssystemen zu beteiligen und sie zu nutzen. Zusätzlich wird die Marktmacht der Technologiekonzerne in Hinblick auf die Formierung von totalen Informationsinfrastrukturen, die dabei sind, unser gesamtes Leben zu umspannen, immer größer.

Wenn wir der Vernutzung unserer Daten nicht zustimmen, werden wir von einem Großteil der Dienstleistungen und Konsumchancen letztlich ausgeschlossen. Ich sehe bis jetzt keine Stopp-regeln und auch keine Gegenbewegung, die sich dagegen ernsthaft formiert. Es wird schwer sein, die vorhandenen Bedenken auf eine Art und Weise gesellschaftlich zu artikulieren, die eine Wucht und eine Breite gewinnen kann und die sich nicht im üblichen Kritisieren des Technologiewahns erschöpft. Es ist wohl so: Wir sitzen im digitalen Gehäuse der Hörigkeit und beklagen es, bauen daran aber immer weiter mit. In dieser Doppelbewegung aus Mitmachbereitschaft und Kritik scheinen wir gefangen zu sein, ohne dass wir das Ruder herumreißen können. Die notorischen Aufschreie bei Datenmissbrauch-Skandalen sind bislang weitgehend folgenlos geblieben.

VORMBUSCH: Wir sind tatsächlich noch nicht in der historischen Phase, wo Menschen angefangen haben, sich von den Mechanismen zu distanzieren, die sie im Sinne einer Subjektivierung qua Quantifizierung formen. Außer vielleicht der Hackerkultur und kritischen Initiativen wie Algorithmwatch sehe ich ebenfalls noch keine relevante Gegenbewegung. Dazu sind die alltäglichen wie die strategischen Möglichkeiten der Quantifizierung zu groß und ihre Konsequenzen nur allzu gut verborgen.