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Vorwort

Ein altes, immerjunges Thema, das für Theorie- und Kunstproduktion derzeit täglich an Bedeutung gewinnt: die Beziehung von Kunst und Architektur. Zu ihrer Beschreibung stehen traditionell Kategorien bereit wie „Analogie" (von künstlerischen und architektonischen Formen), „Ergänzung" (Kunst als Schmuck, Ausstattung von Architektur), „Einfluß“ (künstlerische Praktiken ,färben' auf Architektur ab, architektonische Strukturen gehen in Bilder und Bildhauerei ein), „Kritik“ (Architektur wird durch künstlerisches Handeln analysiert oder attakiert). Bei allen Verschränkungen und Vertauschungen bleiben die Konzepte „Kunst" und „Architektur“ allerdings weitgehend unangetastet. Nicht nur durch diskursive Übereinkünfte, auch mittels institutioneller Verfahren werden die Konventionen ihrer gegenseitigen Beziehung festgeschrieben oder allenfalls fortgeschrieben.

Der Titel dieser Ausgabe — „Einrichtung. Zwischen Architektur und Institution“ — unterschlägt den Begriff der „Kunst“ scheinbar, nur um desto mehr von ihm erfüllt zu sein. Die Ambiguität des Wortes „Einrichtung“ eröffnet die Möglichkeit, über die Räume und Nischen nachzudenken, in denen sich „Kunst“ verliert oder einnistet. Architektur und Institution sind Rahmenbedingungen, unter denen Kunst sowohl leidet als auch floriert. In bürokratischen Formeln wie „Kunst am Bau“ und „Kunst im öffentlichen Raum“ kann die Beziehung der Kunst zur Architektur und Institution in Bewegung geraten oder in Erstarrung fallen. Fügt man noch Kategorien wie „Stadt“ oder „Urbanität“ hinzu und erinnert überdies an künstlerische Äußerungen und Bewegungen, die in und wegen der Stadt stattfinden, entsteht ein Verweisgemisch, das „Kunst“ in eine undurchsichtige Wolke aus Bestimmungen und Zuordnungen hüllt. Manfred Hermes zeigt, wie Künstler und Kuratoren in den achtziger Jahren mit einem konventionellen, zumeist auch konservativen Begriff von Architektur und öffentlichem Raum gesellschaftliche Verantwortung und Verfügung über Geschichte für sich beanspruchen konnten. Maßnahmen der Erweiterung (oder Verengung) der Zuständigkeit von „Kunst“ sind nicht frei von Prämissen, die diesen Maßnahmen ihre vermeintliche Neutralität entziehen.

Wichtig für die Ausgangsüberlegungen zu dieser Nummer war Henri Lefebvres These von der ideologischen, diskursiven, politischen, architektonischen, technologischen oder stadtplanerischen „Produktion gesellschaftlichen Raums“. Dieser Bedingungszusammenhang ersetzt die phänomenologische Vorstellung von einem physischen Raum durch die einer permanenten sozialen Verformung und verformenden Erfahrung von Räumen. Doch wie gerechtfertigt ist die postmoderne Konzentration auf die Raumkategorie, und welche Folgen lassen sich von ihr für die künstlerische Praxis erwarten bzw. bereits beobachten?

Das Gespräch mit den Frankfurter Stadtsoziologen Peter Noller, Walter Prigge und Klaus Ronneberger behandelt die Frage nach dem Raumprimat, ohne direkt auf die zweite Frage nach den theoretischen und praktischen Auswirkungen der veränderten Raum/ Zeit-Ordnung in der Kunst einzugehen. Jedoch steckt in der Untersuchung der Konstruktion urbaner Lebensstile und der konkreten Effekte von „Stadt als Kultur“ (Dieter Hoffmann-Axthelm) auch das Problem, inwieweit Künstler städtische und soziale Wirklichkeiten mitgestalten. Diedrich Diederichsen folgt den Strategien, Manipulationen und Abhängigkeiten, die zwischen Künstlern und Stadt in Kraft treten. Sein Beitrag nimmt die aktuelle Konjunktur von Stadtforschung zum Anlaß für eine Theorie des Künstlerviertels. Er entwirft eine Typologie urbaner Praxis, mit der sich die Dynamik von Sozialem und Ästhetischem als historisch wandelbarer Zusammenhang von Ausdrucksinteressen und Kapitalverhältnissen lesen läßt. Daß sich die Wahrnehmung der heutigen Stadt entscheidend aus ästhetisch-literarischen Vorstellungsreservoirs speist, zeigt Anthony Vidlers Essay über die „posturbanistische“ Verflüssigung des Dualismus von Zentrum und Peripherie. Ob der Verlust von Orientierungshilfen wie der traditionellen Metapher des städtischen oder staatlichen „Körpers“ als Aufenthaltsort menschlicher Körper durch die Einrichtung von Cyber-Ambienten kompensiert werden kann, darüber spekulieren derzeit Medientheoretiker und „Medienkünstler“. In dieser Angelegenheit hält sich die vorliegende Ausgabe von Texte zur Kunst zurück. Prognosen — z.B. über die Zukunft der Kunst im Zeitalter der Virtualität oder des Städtischen im Zeitalter der Globalisierung — werden nicht abgegeben.

STEFAN GERMER / ISABELLE GRAW / TOM HOLERT/ HIROKO KÖNIG