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Vorwort

"Now you must remember, every day in Class, and as you Write your papers, that this is not to belittle Aeschylus, Dante or Rousseau, but to see in and through them something like their 'age', to take into account how we are ourselves caught in a time and a Place, and then to imagine acting within such an awareness." (Gayatri Charkavorty Spivak)

Wenn wir die von uns favorisierte kunstkritische Methode ("social history") mit Gayatri Charkavorty Spivak als eine beschreiben, die das "ethisch-politische und strategische Ausschlußverfahren" anprangert, welches die Eigenschaften von etwas INNERHALB von ihm festlegt ("der Text an sich, das Gedicht als solches") , dann müssen wir uns fragen, warum uns dieses Ausgrenzen von äußeren Faktoren bzw. eine immanente Herangehensweise an Kunst gerade jetzt so unzulänglich zu sein scheint.

Anders ausgedrückt: Warum halten wir die Beachtung der materiellen, ideologischen, oder psychosozialen Aspekte von künstlerischer Produktion für eine unerläßliche Denkbewegung? Natürlich richtet sich unser aktuelles Interesse an den Produktionsbedingungen gegen ein gerade heute wieder auflebendes autonomes Kunstverständnis — Kunst wird immer noch als etwas sich aus sich selbst heraus Erklärendes und nicht als von etwas "abkünftig" Seiendes begriffen. Jede Erklärung von Kunst mit Kunst läuft aber auf einen Fetischismus dessen hinaus, was zu erklären war.

Dagegen kann man feststellen, daß die Frage nach denjeweiligen Anschlüssen, die die Eigenschaften des Kunstproduktes erklären, einfach mehr "kognitive Informationen" hervorbringt.

Obschon wir auch immer wieder Zeuge eines sehr fruchtbaren und gewinnbringenden Umgangs mit Kunst sind, der alles Außerkünstlerische von ihr abzieht und ihre realpolitischen Verflechtungen völlig unter den Tisch fallen läßt. Man muß also in gewissen Fällen zugestehen, daß ein Übergehen der geschichtlichen Entstehungsbedingungen von Kunst auch etwas erkennbar werden läßt, das durch ein sofortiges Anschlußsuchen an realexistierende Systeme völlig übersehen werden könnte. Mit dieser Einschränkung soll nur betont werden, daß die "social history" hier nicht dogmatisch als einzige Kunst behandelnde Methode vorgeführt werden soll.

Das Konzept einer Sozialgeschichte der Kunst könnte man als die Ergänzung einer bloß stilkritisch ausgerichteten Kunstgeschichte durch stärker kontextuell orientierte Methoden definieren.

Inzwischen sind kontextualistische Arbeitsweisen aus der Praxis der Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenken, doch wurden mit der größeren Verbreitung auch die Schwächen dieses Verfahrens deutlich: die Fixierung auf das Einzelwerk, die Zentrierung auf abbildende Kunst und schließlich die weitgehende Beschränkung auf den Kanon etablierter Werke, der in seiner Gültigkeit nicht angezweifelt wird. Was ist die social history der social history, oder welche Art von Gesellschaft bringt eine Kunstgeschichte hervor, die einen materialistischen Begriff von Geschichte und eine entmystifizierte Sichtweise auf die Kunst hat?

Die Verbreitung einer "marxistisch fundierten Kunstgeschichte" in den Universitäten Amerikas setzt Benjamin Buchloh mit der zunehmenden realpolitischen Depolitisierung und Entmarxisierung in Verbindung. Abgeschoben in den Bereich des Akademischen, ist die "social history" wie auch der Marxismus als wissenschaftliche Methode herzlich willkommen, solange keine Fäden zur real existierenden Gesellschaft geknüpft werden. Das gilt auch in Zukunft für das marxfreie Gesamtdeutschland.

Die Relevanz von "social history" oder auch sozialgeschichtlichen Methoden sowohl in der kunsttheoretischen als auch in der künstlerischen Praxis wurde auf einem Symposium des Grazer Kunstvereins im Juli 1990 diskutiert. Grundlage für das von Isabelle Graw und Helmut Draxler konzipierte Symposium "Was ist social history?" waren zwei Texte: Benjamin Buchlohs "Periodizing Critics" und das erste Kapitel des Buches "Image of the people, Gustave Courbet and the 1848 Revolution" von T.J. Clark ( "On Social History") , welches wir, zusammen mit der von T.J.Clark geschriebenen aktualisierenden Ergänzung, hier noch einmal abdrucken.

Die Vortäge von Benjamin Buchloh, Diedrich Diederichsen und Greil Marcus haben wir mit der freundlichen Genehmigung des Grazer Kunstvereins vorabgedruckt, und zwar in zum Teil gekürzten und überarbeiteten Fassungen. Wir möchten ausdrücklich auf die Dokumentation der gesammelten Vorträge und Diskussionen des Symposiums verweisen, die im nächsten Heft der Zeitschrift "Durch" mit weiteren Beiträgen von Dieter Schwarz, John Miller, Anne Rorimer, Thierry de Duve und Jutta Held erscheint. "Durch" ist über den Grazer Kunstverein, Eisengasse 3/ Eggenberg, A-8020 Graz, Österreich, zu beziehen.

ISABELLE GRAW / STEFAN GERMER