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Jutta Koether

Walk-In-Collage Ein Gang Durch New Yorker Ausstellungen

Beim Rundgang durch die Galerieviertel eines "Post-9/11 New York" ist Jutta Koether allerorten auf eine signifikante Häufung von Aneignungs-Themen gestoßen. Zufall, eigene Involviertheit - oder ein Zeichen dafür, wie präsent im Kunstbetrieb noch immer die unterschiedlichsten Aneignungskonzepte sind?

Sie sah dort unter anderem das Gold von Balthus, eine Kippenberger-Ausstellung und neue Arbeiten von Thomas Hirschhorn, traf auf gelungene und weniger gelungene Aneignungen - und auf die Vision, dass Aneignung irgendwann von etwas anderem abgelöst werden könnte.

Wie es ist:

Ich glaube, dass die wichtigste Aneignung die Aneignung der Methode der Aneignung ist. Was die Kunst angeht, führt dies zu einem Zustand größter Zugänglichkeit, was die Produktion als auch die Wahrnehmung der Produkte sowie die Wahrnehmung des Prozesses selbst angeht. Es führt auch zu einem speziellen Terror des Standards, der sich zwar im Unterschied zu echtem, nicht-appropriiertem (= angeeignetem) Terror definiert, jedoch in seiner Wirkung ähnlich ist, und wo sich also Aneignungs-Muster und -Stile herausbilden, die dann heute für den Künstler Preis und Wert setzend wirken wie früher sein Authentizitätspegel.

Es wird eine Frage des Stils. Es ist ein unbombiger, unblutiger, sanfter Normalitäts-Terror, es ist der spezielle Terror des visuellen Kulturdisplays, der die Stadt nyc im Frühjahr 2002 ereilte, nein, den alle, bewusst oder nicht, mitgestaltet haben.

Da sind die beiden monströsen Hauptattraktionen in Downtown New York, einerseits die "Viewing platform" (die Rampe, von der aus man die wtc-Stelle sehen kann) - und andererseits der Prada-Store, downtown (die von dem Architekten Rem Koolhaas entworfene über-Site mit multiplen interdisziplinären und ideologischen Ansprüchen, die ein umfangreiches Repertoire technologischer Installationsgadgets aufweist). Dazu kam noch ein temporäres Lichtspektakel, die beiden Strahlen/Ersatztürme, die in die Abende leuchteten. Diese drei Dinge sind aktuelle Parameter, in denen sich das Sehen von Kunst derzeit abspielt. Es handelt sich hier aber um angeeignete Formen sehr entwickelter Installationskunst, die zugleich eine höchstmögliche Zahl von Besuchern, Teilnehmenden, Wahrnehmenden erreichen. Das Alles für alle. Very fucked up demokratisches überwältigendes Theater.

Wer spielt was darin und wie soll das aussehen und gibt es darin sprühende Funken, spirituelle Schocks, die sich daran entzünden? Welchen Gebrauch der Künste soll man angesichts dieser Parameter vorschlagen? Warum möchte ich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Kunst Ausdruck eines Glaubens sein kann, dass Gefühle und Gedanken, innere Konflikte, Erregungen damit hervorgerufen werden können? Mit der Klarheit und Verwirrung desjenigen, der weiß, dass auch Auslöschung eine Möglichkeit sein kann.

Ich sah viel Gold. Die übergroßen Mannequins mit den Brokatröcken und Mänteln bei Prada. Goldene Panels im Haus, die Sonne einzufangen. Das Bild "Goldene Tage" von Balthus. Bestandteil einer Ausstellung über Pierre Matisse, den Kunsthändler. Dieses Bild versprüht Magic, eine sehr dunkle Interpretation des Zusammenseins zwischen einem Mann und einer Frau. Es erinnert an die Bilder, die Balthus in Anlehnung an "Wuthering Heights" gemacht hat. Noch mal dunkel nachgesetzt. Ein Schildchen erklärt mir, dass er dieses Bild ganz schnöde zum Finanzieren einer Immobilie gemalt hat ... Ah, Geld. Fettes Geld, von fetten Gesichtern. Celebrity-Körper: Julian Schnabel stellt jetzt bei Gagosian aus, und es sind riesige Gesichter einer Frau, gemalt nach der Vorlage eines Bildes, das er vor Jahren im Thriftstore gefunden hat. Abstrakte Formen kollidieren mit den Köpfen, meistens da, wo die Augen sind. Vor der Galerie sah ich einen Mann mit einer Wunde auf dem Kopf. Ich gehe und sehe, wie es ist. Raus und Rein. Auf der Suche nach was? Wie so viele andere lungere und streife ich herum und sehe die Wunden in und auf den Köpfen der Maler Kokoschka, Schiele (Neue Galerie), Carol Dunham (Metro) und Barnaby Furnas (Boesky), Marlene Dumas (New Museum of Contemporary Art), Francis Bacon (Shafrazi) und in Daniel Hesidence-Projekt "The Whole", oder aber den mit High Tech und Fotorobotern arbeitenden Bild-Konzeptualisten Craig Kalpakjian (Andrea Rosen).

Es gab aber auch smarte Thematisierungen davon, wie Kunst gesehen und wiedergesehen und in kritischer Auseinandersetzung mit dem Rest der Welt gesehen wird, mal lustig wie bei Andrea Fraser (Friedrich Petzel, American Fine Arts) oder ernsthafter wie bei Lawrence Weiners "Wave after Wave"-Installation (Marian Goodman). Die besten Vorschläge für einen komischen Gebrauch der Künste, bei denen man es mit Gegenständen produktiver Verzweiflung zu tun hatte, an denen man hängen bleibt und die einem etwas abfordern und wo Kunst, Künstler und Publikum miteinander verstrickt wurden, waren für mich Mark Leckeys "Soundsystem" (Gavin Brown's Enterprise) und Harun Farockis "Eye/Machine"-Videoinstallation (Greene Naftali). All dies waren Untersuchungen zur Bilder-, aber auch Wahrnehmungsproduktion. Gut daran war, dass es das Hier und das Jetzt betraf.

Dann war da noch "re: La Chinoise", eine Gruppenausstellung (Baumgarten), die sich mit der Aneignung von Strategien einer politischen Kunst (Godard-Film, darin Guerilla-Theater, Stylefragen, Lehre, Protest etc.) beschäftigt, die selbst schon mal eine Aneignung gewesen war. "Wir sind die Worte der anderen" heißt es in "La Chinoise". Dann gab es "Body Double x", eine Aufführung von Brice Dellspergers Film, der alle seine Filme mit diesem Brian-de-Palma-Film-Titel versieht und dann eine Zahl anheftet. Hier ist Aneignung totaler als total und wird zur Transformation, denn sein Film besteht darin, dass das in voller Länge appropriierte Andrzej-Zulawski-Werk "Nachtblende" (ein französischer Kultfilm aus den Siebzigern mit Romy Schneider in der Hauptrolle) mit nur einem Schauspieler versehen wird, der alle Rollen übernimmt. Alles, auch die Wirklichkeit, wird/ist "in drag". Ein seltsames Spiel mit nostalgischen Zügen, das man auch bei Karen Kilimnik (303) mit ihren Aneignungen von Alfred-Stieglitz-Fotos oder niederländischen Stillleben oder bei Henry Darger (American Folk Art Museum) sehen kann.

Es gibt noch Aneignungs-Erinnerungen an die Ausstellung von Gerhard Richter (die Retrospektive im Museum of Modern Art) und die von Vanessa Beecroft (Jeffrey Deitch), das "Malen nach"-Problem, die Vermeer-Aneignung bei Richter, die brachial-barocke Mentalität der Beecroft, denn alle, die ich traf, wollten darüber sprechen. Intimere Inkongruenzen gab es in der Georg-Baselitz-Ausstellung: die mit Karostoffen bezogenen Riesenkopf-Skulpturen (appropriierter Primitivismus; Galerie Michael Werner) und bei T. J. Wilcox' (Metro Pictures) Warhol sich aneignenden filmischen Porträts zweier Frauen aus seinem Leben. Einer jungen und einer älteren, jeweils in ihren Wohnzimmern gefilmt, wird ein kleiner Stapel Karten ausgehändigt, auf denen ein Stichwort steht, zu dem sie dann in sehr eigenen flamboyanten Weisen etwas sagen, und aus diesem "Screen test", der jedoch nicht den Druck des Warhol'schen Screen tests hat, wird ein Bild dieser Frauen gezeichnet. Oder eine Erinnerung in Bewegung, Dan Grahams Film "Roll" von 1970 (Marian Goodman), in dem er auf Waldboden herumrollt. Eine Kamera filmt aus einer kleinen Entfernung die Bewegung, während die zweite Kamera vom Auge des rollenden Performers aus gefilmt ist. Der Vorgang eines Sich-Aneignens der Wahrnehmung wird einem vorgeführt. Ich dachte daran, wie es wäre, wenn man dies heute aufführen würde, mit digitalen Kameras an verschiedenen Stellen am Körper angebracht vielleicht, und als Aufführung in der Urbanität, auf der Straße statt auf Waldboden!

Ich sah eine extrem gut-gemischte Martin-Kippenberger-Ausstellung (Zwirner/Wirth) mit der "Schneewittchensarg"-Skulptur, von der ich mir immer schon vorgestellt hatte, sie sei ein Selbstporträt. Und wie er sich immer einen Witz oder zwei daraus zu machen pflegte, aus dem "Appropriieren", zum Beispiel im "Verwenden" eines grauen Gerhard-Richter-Bildes in einer Skulptur oder in extrafalschem Zitieren von Witzen oder in seinem Über-Aneignen wie in "Happy Ending für Kafkas ‚Amerika'".

Dabei wurd's mir dann doch etwas morbid. Und ich muss an einige Tote denken. Einer der erst kürzlich Verstorbenen war Ralph Rumney, ein seltsamer, cleverer britischer Situationisten-Künstler, der als erster von Debord ausgeschlossen worden war, aber weiterhin im Sinne der Situationisten ein literarisches Leben lebte (in dessen Verlauf er erst die Tochter von Peggy Guggenheim, später dann Michèle Bernstein heiratete) und noch im Jahr 2000 ein Re-grouping versuchte als die "Banalisten". "We were fanatics, but we weren't wrong!" Genau. Dann waren da die Gruppenausstellung "Unknown Pleasures" (Daniel Reich) und die Ausstellung "Here are the Young Men" von Slater Bradley (Team), beide Titel gewählt von einem Joy-Division-Album- bzw.-Songtitel. Bradley eignet sich direkt ein Live-Konzert-Video an, in dem er die Figur des tragischen Sängers Ian Curtis mit seiner eigenen bzw. der seines Doppelgängers durchmischt. Die Aneignung von "Unknown Pleasures" ist mehr von der kollektiven Art. Ein abstrahierter Haufen von Gedenkstücken. Wie die Blumen des Guten und des Bösen auf diesen Instant-Gedenkstätten, die entstehen, eine offene und offen bleibende Form von Expressionismus, die immer aussieht wie zwischen Werden und Auflösung. Denn ihre Vertrashung ist schon im Plan mit drin.

Ich griff auch zu "Heavier Than Heaven", einer Biografie über Kurt Cobain und "Shakey", einer über Neil Young, die beide auf unterschiedliche Arten und mit grundverschiedenen existenziellen Entscheidungen künstlerische und lebenstechnische Aneignungen ausführten. Die zeigen auch vielleicht mehr Risiko, mehr elementaren Ängst-Input. Oder Stüff-Input. Oder Trash. Oder das, was das Leben zu bieten hat. Eine Abstraktion von Teenage- oder Alter-Blues-Direktheit. Ja genau, das Falsche, Nichtcoole aneignen. Im Hier und Jetzt. Wieso nicht die Ironie rauskicken oder exorzieren, mit was anderem ersetzen. Und kann man das andere ein Gefühl nennen? Ich mochte "Perfect If On" von Peter Coffin (Andrew Kreps), eine Debütausstellung, die einen dazu aufforderte, alternative Bewusstseinsprozesse zu testen. Zentrales Stück der Ausstellung war ein kleines, semitransparentes Gartenhaus, gefüllt mit Pflanzen und Musikequipment, und lokale Musiker und dj-Künstler waren eingeladen, dort zu spielen und mit den Pflanzen zu kommunizieren ...

Wie es so ist, nimmt man das eine oder andere Wort zur Hand, wundert sich, woher das kommt und wer es wohl mit welchen Intentionen wie weitergibt. Wie die Nachrichten. Gefundene. Wahre. Illusionistische. Angeeignete. Was für mich jetzt bedeutet, endlich, trotz ihrer Unsagbarkeit, die Auflehnung anzuzetteln, einer sich verstopfenden, sich anhäufenden Ironie mit Gefühlen zu begegnen. Falsche Aneignungen zu machen. Irrwege aufzutun. Nicht-Professionalismus zu propagieren. Ja, all das. Warum nicht? Und Kick 'n' scream. Ich sah so viel zu viel. Es ist ein unaufhörlicher Strom. Ich liebe den Überfluss. Und dann wird mir schlecht. Und dann wird alles wieder gut. Auch das Hässlich-Werden. Standard-Werden. Und ich griff danach: "My Heart Laid Bare" ...

"The destillation and centralization of the ego. Everything is in that. A certain sensual enjoyment in the company of the extravagant." Wie habe ich versucht, das zu malen: das hysterische sublime Zeug des Augenblicks! Und nun auch noch in Worten. Ich liebte es, Baudelaires Spätwerk wieder zu lesen, während ich mich umsah, die Haufen von Kunst zu sortieren und dabei zu sehen, welche Aneignungsverfahren ihr zugrunde lagen und welche man weiterführen kann. Wie sich Instinkte und Spiritualitäten miteinander leben. Baudelaire war schon ziemlich am Ende seiner dunklen Verzweiflungen angelangt, als er dies schrieb, aber er verstand es, sie auszuhalten und sie sich selbst dann wieder anzueignen.

Aaah! Auf Deutsch "Mein entblößtes Herz". Die deutsche Fassung des entsprechenden Satzes lautet (in der neuen Übersetzung): "Verflüchtigung, Verdunstung, Einwärtsfassung, Sammlung des Ichs. Hierin ist alles enthalten." (Übersetzung: Friedhelm Kemp). Bei Heinrich Stenitzer hingegen heißt es: "Der erste beste hat das Recht, von sich selbst zu sprechen, wenn er zu unterhalten versteht. Über die Vaporisation und Zentralisation des Ich. Darin liegt alles." Merkwürdige Baudelaire-Philologie. Charles Baudelaire hatte den Titel "My Heart Laid Bare" dieses Projekts - das als Teil der Sammlung der "Intimen Tagebücher" erschienen ist -, mit dem er sich die letzten Jahres seines Lebens beschäftigte, von Edgar Allen Poe übernommen, den er wiederum übersetzt hatte. Hier also führte Übersetzung zu Aneignung. Da habe ich sie Revue passieren lassen, und sie sind mir schon sehr verschwommen, die Kunstwerke. Weder der Stoff, aus dem sie gemacht waren, noch die Symbolik, noch die direkten Referenzen blieben in den Erinnerungsnetzen hängen. Mein Sehen, ein nicht-systematisches Durchlöchern von Theorien. ... ach, das wäre auch schön. Und ein benebeltes Gemüt, und ein Herz sprechen lassen in diesem Sinne? Mache, dass es passiert, dass eine Ausstellung einen vielleicht mal anschreit oder winselt oder sie sich sonstwie bis auf ein paar Knochen de-kontextualisiert! Oh ja? Dann lass uns mal mit einem Bild anfangen. Eins, das was will von der Welt? Warum nicht noch mal auslegen? Entblößen. Und wieder anziehen. Es ist ein Frühling, in dem ich nichts lieber will als Ironie mit Gefühl ersetzt sehen. Die Body-Soul-Debatte aufrollen. Mehr Krisen verursachen. Extra-Krisen, mehr verlangen als da je sein kann ... Erregung der Sinne. Ich erinnere mich auch gern an diese Episode affirmativer Verneinung: Auf der New Yorker "Armory Show" gab es eine Sache, die mich faszinierte: das verstärkte Auftauchen von Zeug von Thomas Hirschhorn, Sachen in verschiedenen Darbietungsformen (Zeichnung, Skulptur, Wandinstallation, Fotos etc.), echt vermülltes Zeug, das verschiedene Transformationprozesse sowohl schon durchlaufen als auch angeregt und zermürbt hatte. Völlig durchappropriierter Trash. Über-Stüff. Das war erhaben. Und letztlich so abstrakt. Die Erinnerung ist fast nicht mehr visuell. Sondern eher ein Geräusch von Kunst. Übersetzungen, die zu Aneignungen führten, in anderen Medien.

Nach Formen strategischer, affirmierender, de-kontextualisierender, extra falschverstandener, trauriger, minimalistischer, vertrashter Aneignungen habe ich letztens dieses Problem mit einer Gruppe von jungen Künstlern in einer angeeigneten Sitzung, impromptu im Prada-Laden, diskutiert, und dann auch Stück für Stück die möglichen Rollen eines Besuchers an diesem Ort (Shopper, Tourist, Architektur/Design/Fashion/Display-Connaisseur, aber auch potentieller Vandalist, Störer). So war das in Downtown ny im Frühling 2002 ...

… Demnächst aber werden Geschichten, Celebrity-Körper, Terror, Bilder, Musikvideos, Läden und Rampen und reiner Trash nicht mehr appropriiert. Demnächst wird gechannelt! Das werden goldene Tage.