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Vorwort

Jetzt eine Ausgabe mit dem Thema „Berlin" zu planen, schien uns aus verschiedenen Gründen gerade rechtzeitig. Zunächst hat uns, auch fünf Jahre nach dem Umzug von Texte zur Kunst von Köln nach Berlin, die zunächst etwas unvernünftig klingende Frage bewegt: Was machen wir eigentlich hier? Gut, wir machen eine Zeitschrift, die sich mit zeitgenössischer Kunst- und Theorieproduktion beschäftigt. Aber gibt es, gerade aus dieser Perspektive, überhaupt so etwas wie einen sinnvollen Bezug auf den „Standort Berlin"? Wir haben uns gefragt, auf welche zeitgenössische Kunstszene wir uns in dieser Stadt eigentlich beziehen möchten — einmal abgesehen von den „significant others" , Einzelpersonen, die in der Mehrzahl entweder vor kurzem oder vor ein paar Jahren hierher gezogen sind. In den letzten Jahren ist vieles am „Kunststandort" Berlin eher unsympathischer geworden. Das ist vielleicht keine Spezialität Berlins, sondern Problem anspruchsvoll auftretender Kapitalmetropolen. In Kunst-Berlin betrifft es vor allem die sich fortsetzende Tendenz zum „Parochialismus" , zum Drängeln um die Glockentürme in den stadtteilzentrierten Galerienszenen, es betrifft aber auch das riesige Vakuum, das sich hier im Hinblick auf eine institutionelle Kompetenz im Umgang mit zeitgenössischer Kunst herangebildet hat. Und das bei einem gleichzeitig sich fortsetzenden ungeheuren Hype „deutscher" Kunst oder „Berliner" Malerei. Gibt es überhaupt ein nennenswertes „intellektuelles Klima" in Berlin, das ein Hierbleiben nahe legte? Über lange Strecken überwogen nicht nur bei uns Zweifel an den immer wieder beschworenen Qualitäten der Berliner Zentralität — der Beitrag des amerikanischen Kunsthistorikers Christopher Wood zeigt dies auch aus der Perspektive eines akademischen Besuchers der Stadt. Faktoren wie die Ausgehmöglichkeiten, die interessanten Wissensressourcen und die verlockende Kino- und Konzertdichte allein zu nennen, wäre sträflich verkürzt. Ganz entscheidend ist natürlich die Abdrift der Galerienszene, die sich aus dem Westen zu wichtigen Teilen in Richtung Berlin verlagert hat und sich hier in den vergangenen jahren mit dem Artforum an einer von vielen Schwierigkeiten begleiteten Nachahmung der Erfolgsrezepte aus Köln, Basel und London versucht. Unabweislich, dass unser eigenes Kalkül als Kunstzeitschrift die Nähe zu den Entwicklungen auf dem Kunstmarkt mit einschließt. Diese mitunter konstitutiv heikle Nähe bildete bereits in den Köln einen der wichtigsten Differenzmotoren für das Projekt Texte zur Kunst, und daran hat sich kaum etwas geändert.

Generell kann man sagen, dass wir uns in dieser Ausgabe mit der kulturpolitischen Rolle zeitgenössischer Kunst und mit der staatlichen und institutiOnellen Verfügungsmacht über die Geschichtsschreibung auseinandersetzen. Darüber hinaus gibt es aber auch einen Bereich des so genannten Alltags, der von vielen lieber fein säuberlich aus der Formulierung politischer Interessen herausgehalten wird. Wie verhält es sich mit den eigenen sozialen Kontakten innerhalb dieser nicht nur dem Vernehmen nach durch und durch repräsentationsorientierten Stadt? Da die Wunschprojektion auf ein Wahrnehmen und Wahrgenommenwerden an Sich nicht so außergewöhnlich erscheinen, haben wir ein Gespräch mit solchen jüngeren Kunst- und Kulturproduzent/innen geführt, die vor einigen Jahren nach Berlin gekommen sind. Wir haben sie gefragt, wonach wir uns selbst gefragt haben nach den Gründen für den Umzug. Was für inhaltliche oder personelle Schnittmengen haben sich in den letzten Jahren herausgebildet? Welche Rolle spielt etwa noch die Arbeit in Gruppenzusammenhängen? Wie haben sich für die neu Hinzugekommenen die Szenen verändert?

Gerade jetzt gibt es, jedenfalls für uns, unübersehbare kleine Verschiebungen, die uns aufmerksam werden lassen. So hat etwa in den letzten Monaten die Leitung der zurzeit größten nichtmusealen Berliner Institution für zeitgenössische Kunst gewechselt: Die Kunst-Werke, bislang vom nun ans MoMA abgewanderten Klaus Biesenbach geleitet, stehen deshalb diesmal gleich aus zwei Gründen im Fokus des Interesses. Dazu trägt eine signifikante Zweiergruppe von Ausstellungen bei: zum einen (gerade zuende gegangen) die von Stephan Dillemuth, Josef Strau und Axel John Wieder extrem kuratierte „Übersichtsausstellung" „Jetzt und zehn Jahre davor", in der die Gentrifizierung Berliner Kunstszenen nach dem Mauerfall sehr eigenwillig und vordergründig scheinbar chaotisch behandelt wird. Zum anderen befindet sich die seit längerer Zeit skandalisierte Ausstellung über die künstlerische „Rezeption" der Roten Armee Fraktion, die von ihren Finanziers bereits die Mittel entzogen bekam, nun doch in Vorbereitung. Mit einer Eigenfinanzierung durch auf eBay versteigerte, von Künstler/innen gestiftete Kunstwerke im Wert von 250000 Euro kam das unter Naivitätsverdacht stehende Projekt doch noch zustande. Einige Zeit hätte man darauf hoffen können, dass sich in dieser Historisierungsgeste ein Hinweis zeigt, inwieweit die Kunst-Werke dazu fähig werden können, sich zum Interessanteren oder zumindest Differenzierteren hin zu wandeln (vgl. den Text von Andreas Fanizadeh und das Gespräch mit Kurator/innen der Ausstellung).

Auch in dieser Ausgabe finden sich Statements zur längst nicht nur von uns kritisierten Präsenz der „Friedrich Christian Flick Collection" im Hamburger Bahnhof. Diesmal sind es drei kunstbezogenere von vielen Beiträgen zu einer Veranstaltung, die im Dezember letzten Jahres im Hebbel-Theater stattfand. Sie konzentrieren sich vor allem auf das Motiv institutioneller Macht über Geschichtsbegriffe in der „Berliner Republik". Eine weitere Ausstellung, die zeitgleich in Berlin (im Gropius-Bau) zu sehen war, jedoch ungleich weniger Aufmerksamkeit fand, war eine dokumentarische Ausstellung über die Auschwitz-Prozesse Anfang der sechziger Jahre in Frankfurt, die den Nachkriegsgenerationen das Ausmaß des deutschen Völkermordes an den Juden noch einmal unausweichlich ins Bewusstsein brachte. Diese Ausstellung gibt, in nur wenigen Kilometern Entfernung, ein vielleicht zeitgemäßeres Thema vor als die „Flick-Collection" (bzw. deren generationeller „Hintergrund"). Aber genau an der Stelle der Einbeziehung zeitgenössischer Kunst treten wieder die für Berlin zurzeit typischen "blinden Flecke" auf.

ISABELLE GRAW / CLEMENS KRÜMMEL