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Litfass Vertigo Oliver Tepel über Gunter Reski im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf

90-tepel-2 Gunter Reski, "Doktor Morgen neue Sorgen borgen", 2013, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, Ausstellungsansicht

In seinen Texten und Bildern argumentiert Gunter Reski auf gleichermaßen humorvolle wie scharfsinnige Weise gegen die Absicherung und Institutionalisierung künstlerischer Strategien, und seien sie noch so „Avantgarde“. In den letzten 20 Jahren hat der in Berlin lebende Künstler nicht nur hoch geschätzte Beiträge für diese Zeitschrift – und andere Publikationen – verfasst, sondern auch kontinuierlich ein umfassendes malerisches Werk erarbeitet, in dem sich Schrift und Bild schwungvoll ineinander verschränken.

Weniger mit Verspätung als angenehm befreit von der fake-historisierenden Hektik des Kunstbetriebs richtete der Kunstverein in Düsseldorf in diesem Frühjahr nun die erste umfassende Werkschau Reskis aus, in der man nicht nur seinem prall gefüllten Motivrepertoire begegnete, sondern auch den Namen seiner Nachbarn.

Schritt zurück: Angesichts von Gunter Reskis umfassendem Fundus an theoretischen Texten und Rezensionen (nicht zuletzt in Texte zur Kunst) könnte eine Distanz zu seiner Malerei entstehen, als gäbe es eine implizite Aufforderung an die Betrachter/innen, eine angemessene Vorbildung mitzubringen. Doch was wäre diese? Wer definiert die Relevanz des „gegenwärtigen Stands des Malereidiskurses“, den der von Gunter Reski und Hans-Jürgen Haffner herausgegebene Band „The Happy Fainting of Painting“ enthalten soll, welcher nun im Rahmen von Reskis Ausstellung erscheint?

Schritt heran: Zugleich suggeriert der Titel des Bandes eine Art Unmittelbarkeit, wie sie auch Reski in seinem bildnerischen Schaffen oft anbietet. Betritt man also das großzügige Foyer des Düsseldorfer Kunstvereins, übersieht man auf den ersten Blick den Tisch mit Reskis Publikationen, etwa den Magazinen/Zines Starship und DANK – alle Aufmerksamkeit zieht ein großes Wandbild auf sich. Die Ouvertüre, vielleicht auch eine Art Remix der Ausstellung. Ein Glatzkopfgesicht grinst freundlich von rechts unten. Sein Panzerknackerbart wurde effektvoll mit harter Borste, geradezu pointillistisch, getupft. Doch besonders augenfällig ist der stilisierte, in der Nasenspitze wurzelnde Baum, der sein Astwerk grafisch über der Stirn des Glatzköpfigen ausbreitet. Der zerknautschte Unfallbus, Lagerfeld mit der umgedrehten Sonnenbrille, die blau Gekleidete mit den vielen Füßen an den überlangen Beinen, die Gabel und die Steckdose – Reskis Werk ist voll einprägsamer Motive. Doch bevor sie im Inneren des Haupt­ausstellungsraums (wieder-)gesehen werden, entdeckt man noch den Ausstellungstitel „Doktor Morgen neue Sorgen borgen“, so dynamisch wie akkurat gelettert auf gelbem Grund. Was will er? Welche Bezüge klingen an? Was müsste ich wissen?

Schritt zurück, Schritt heran – diese innere Bewegung beschreibt einen fortwährenden Prozess in der Auseinandersetzung mit Gunter Reskis Arbeit. Es liegt nicht an ihm, sondern an einer Situation, die er 2002 in seinem Text „Frischer Staub“ für den Katalog „Ökonomien der Zeit“ sehr genau betrachtete: In seinen Ausführungen widmete er sich jenen Nachphasen, die sich im Schatten der Paradigmen der sogenannten kulturellen Hochzeiten entwickeln. Reski wollte sich vor elf Jahren noch nicht festlegen, ob die aktuelle Zeit nun Moderne oder Postmoderne genannt werden sollte. Vielleicht, so könnte man weiterspinnen, weil die Postmoderne viele Begrifflichkeiten und Statements der Moderne in Gesten der Aufnahme, Übernahme oder Abgrenzung durchdeklinierte, jahrelang fern eines Feyerabend’schen „Anything goes“, sondern in einem zusehends komplexeren Verweissystem auf schon Dagewesenes. Zudem hatte die Moderne, zerschnitten von zwei Weltkriegen, selbst die unterschiedlichsten Perspektiven produziert, aus denen subsumierbar allein der Anspruch einer „Avantgarde“ zu destillieren wäre. Was, so fragt Reskis Text weiter, wenn nach deren Ende die Kunst heute eher als „Repertoirekultur“ zu verstehen wäre?

Weder bemüht avantgardistisch noch in der Routine des Repertoires erscheint Reskis Werk, welches die grau-weiße Strenge des Kunstvereins überwindet und nachdrücklich Aufmerksamkeit schafft, ja überfordernd wirken kann – ein Resultat der enorm dichten Hängung im Hauptsaal, die Exzerpte vergangener Ausstellungen gleich St. Petersburger Landkarten auf Teilbereiche der Wände verteilt. Es ist aber auch ein Effekt der mitunter rasch wirkenden Ausarbeitung mancher Arbeiten, nebst klaren Spuren des einzelnen Pinselstrichs. Auf den zweiten Blick erstaunt die sichere Umsetzung, ob in der Darstellung von Dimensionalität oder in den vielfach ungewöhnlichen perspektivischen Blickwinkeln. Wie sich hinter dem schnellen Appeal vieler Bilder weitere Bild- und Denkräume auftun, ist eine Qualität von Reskis Malerei. Dies wird nicht zuletzt von der Arbeit mit Schrift im Bild befördert. Die Düsseldorfer Werkschau zeigt, wie Reski schon allein im Formalen die Grenzen des modernistischen Repertoires erweiterte. Vielleicht fiele das Urteil über seine Arbeiten etwas anders aus, hätte man die Poster der San Franciscoer Hippiegrafiker mit in die High Art aufgenommen. Andererseits verliert sich das Plakative der Schrift bei Reski aber in der Länge seiner Texte und Zitate. Selten bleibt es so verknappt wie „Gutes Publikum“ und „Schlechtes Publikum“ aus seiner Ausstellung im Bayer Erholungshaus, Leverkusen 2007.

Zu seinen extra für die Ausstellung angefertigten Arbeiten zählen, gleich einem Kommentar zum Plakativen, zwei kleine Litfaßsäulen aus dem Fundus der Kriwet-Ausstellung der Kunsthalle Düsseldorf. Auf die eine sind neue Arbeiten auf Papier geklebt, ähnlich der großen Collage, die sich über die komplette Stirnseite des Ausstellungsraums ausbreitet. Die andere Litfaßsäule ist die Basis einer neuen Form der Textarbeit: aus Papier geformte Buchstaben mit zarter Kantenstärke in den Raum hineinragend und ebenso durchscheinend in Grün, Braun, Grau besprüht. In Buchstaben, die in ihrer Typografie an christliche Kunst der 1950er und 1960er Jahre erinnern, steht da zum Beispiel: „Ihr Verweilen war stets knapp bemessen!“ – Wer sich die Säule umkreisend die Sätze erarbeitet, endet nicht nur im Schwindel, sondern investiert notwendigerweise mehr als nur knapp bemessene Zeit. Doch das Problem bleibt, unabhängig von Reskis Kunst. Nicht allein das in den „Gesellschaftsbildern“ von 2007 skizzierte En-Passant-Publikum reduziert die statistische Verweilzeit vor Kunstwerken, sondern ebenso der souverän-flüchtige Blick der ­Abhaker und Überall-Gewesenen. Reskis Anspruch ist dagegen hoch: „Wer als Tourist kommt, darf nicht als Tourist gehen“ – so heißt es in „Wurfsendung“ (2008). Bedeutet dies ein Verharren im Schritt-heran-Schritt-zurück-Prozess?

Reskis Stil der Bild-Text-Kombination mag hier hilfreich sein, verfestigte Perspektiven oder bekannte High-Art-Posen aufzulösen: „Ein Bild erscheint mir mitunter etwas feierlich, ein Text dagegen etwas flüchtig. Oder am nächsten Tag umgekehrt“, schrieb Reski in „Volltext mit Bildboom“ (Starship, #2, 1999). Ein gegenseitiges Beschleunigen und Ausbremsen der Elemente kennzeichnet sein Werk; wo es einen einfängt, beginnt man, Motive zu vergleichen, Texte zusammenzubasteln oder um beides zu kreisen. Farbpunkt gegen Zeichenkette sind der Einsatz in einem bis heute andauernden Spiel mit den keinesfalls klaren Oppositionen der Linguistic und Pictorial Turns. Auch zu diesen Begriffen erscheint sein Werk als ein fortlaufender Kommentar. Spätestens zum Jahrtausendwechsel, so zeigt es die Ausstellung, hatte Reski dabei alle Mittel ausgearbeitet. Bis auf benannte Litfaßsäule und die blassgrauen Arbeiten zu Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ (Galeriekoje Karin Günther, Art Cologne, 2003) setzt sich wenig stilistisch ab, sodass die Werkschau einlädt, Datierungen zu ignorieren und vielmehr einer langen Kommunikation zu folgen. Sie findet ihr Zentrum in der erwähnten Collage aktuell(st)er Arbeiten. Ein überlappendes Nebeneinander abstrakter, figurativer und geletterter Werke, manche skizzenhaft, andere sehr ausgearbeitet, bekannte und ganz neue Motive verknüpfend.

Ein Durchgang in der Collagenwand führt zu einem kleineren Raum, darin eine karge White-Cube-Reduktion auf ein paar einzelne Arbeiten von 1996 bis 2005. Fast erscheint es wie die „Bonus Beats“ alter Hip-Hop-12’’es oder eine Sammlung von „Outtakes“, doch es könnte auch die museale Version der Werkschau sein: Geht es auch als institutionalisierte Avantgarde oder Referenz in Rahmen? Interessanterweise: Nein, so der unmittelbare Eindruck. Vielleicht ist es in dieser Perspektive gar noch viel zu früh für eine Werkschau. Es interessiert weit weniger, was Reski vor 15 Jahren wie technisch-stilistisch anders gelöst hat, sondern es interessiert die unmittelbare Auseinandersetzung.

Das manieristisch zweifelnde oder klassizis­tisch restaurative Schaffen am Ende kultureller Hoch-Phasen mündet stets irgendwann ins Vergessen; seine Codierungen und Gesten verlieren sich im zusehends gleichgültigeren oder unwissenden Blick kommender Generationen. Kunst machen sie weiterhin. Einiges deutet darauf hin, dass in den letzten zehn Jahren die Postmoderne tatsächlich von der Referenz ins „Anything goes“ kippte. Gunter Reskis Werk erscheint in diesem Prozess weder als Beharren noch als Kapitulation. Eine Arbeit seiner Wandcollage heißt „Die Verbesserung des Fingers“. Diese dringen im Bild durch ein Smartphone, als wäre seine Oberfläche die Membran zu einer anderen Dimension. Vielleicht gelingt gerade Reski die Alternative zur „Schritt heran – Schritt zurück“-Logik. Eine Art „Schritt hindurch“, als Wormhole oder noch offener Prozess. Nicht unbedingt wartet am Ende das große Geheimnis. Was den Ausstellungstitel angeht: Er erweist sich als Reihung der Namen seiner neuen Nachbarn, welche, so fordert er in einer aktuellen Arbeit, sich mehr reimen müssen.

Gunter Reski, „Doktor Morgen neue Sorgen borgen“, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 9. März bis 26. Mai 2013.