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Loretta Fahrenholz

Scanners

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Der Wechsel von analoger zu digitaler Technik dient im Allgemeinen als einfache und umfassende Erklärung für den Wandel im Diskurs über Fotografie heute.

Aber auch noch auf andere Weise hat sich unser Formverständnis verändert, schreibt im folgenden Beitrag die in Berlin lebende und mit diversen filmischen und fotografischen Medien arbeitende Künstlerin Loretta Fahrenholz: etwa im Hinblick auf die Frage, was wir eigentlich festhalten wollen, wenn wir ein Bild machen. Und mit den neuen Repräsentationsdynamiken gehen neue Formen der Macht und des Machtmissbrauchs einher, neue Wege der Kontrolle und der Überwachung Anderer durch die Linse unserer Kamera.

Der Index

Es hat mich immer schon wahnsinnig gelangweilt, wie zwanghaft dem Wahrheitsanspruch der Fotografie nachgeweint wird. Er ist auch nicht der springende Punkt. Ganz offenbar geht es um etwas anderes als um den Verlust eines bestimmten Mechanismus: Die entscheidende Wende, die durch die Digitalisierung hervorgerufen wurde, hängt eher mit Fragen zusammen, wie wir Bilder einsetzen und warum wir auf einmal so viele machen müssen. In einer Situation, in der nahezu alle rund um die Uhr mit Kameras ausgestattet sind, deren Linsen sich hauptsächlich auf uns selbst richten, scheint sich der Antagonismus von Objekt und Subjekt in der Fotografie verflüchtigt zu haben. Indexikalität funktioniert unter diesen Bedingungen wahrscheinlich eher wie die Pissmarken von Hunden oder pubertäre Schulbank-Schnitzereien: Ich-war-hier statt Es-ist-so-gewesen.

Vor Kurzem habe ich in einer psychiatrischen Klinik Aufnahmen mit einem 3-D-Laserscanner gemacht. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte ist das Fotografieren in therapeutischen Einrichtungen nicht erlaubt. Doch ein Raumscanner, der normalerweise zur Kartierung von Eigentum benutzt wird, ist nicht dazu in der Lage, bewegte Objekte aufzuzeichnen. Statt eine Momentaufnahme zu machen, tastet er seine Umgebung in einer 5 bis 30 Minuten langen 360-Grad-Drehung um die eigene Achse räumlich ab. Obwohl die dabei entstehende 3-D-Punktwolke individuelle Merkmale anonymisiert, hinterlassen die sich bewegenden Körper eine geisterhafte Spur. Der Aufnahmevorgang erinnert an die langen Belichtungszeiten der Fotografie im 19. Jahrhundert. Ich mag den Gedanken, dass der Scanner während der Vermessung immer auch etwas jenseits von Raumdaten registriert und eine Art Index von Arbeits- und Lebensbedingungen erstellt, die aus juristischen Gründen selten zum Bild werden.

Bad Photography

Für Künstlerinnen und Künstler ist die Demokratisierung des Bildes vermutlich schwerer zu schlucken als für andere. Nicht nur hat sich die Kategorie des „guten Bildes“ erübrigt, auch der individuelle Blick scheint passé. Denkt man an Instagram oder Abbildungen in Kunstmagazinen, wird offensichtlich, dass die Wertunterschiede zwischen den Dingen heute fast vollkommen ununterscheidbar geworden sind – Objekte, Bilder von Objekten, Bilder von Körpern. Auch kulturelle Strategien, die früher Künstlerdomäne waren, sind zu Mainstreamtechniken der Online­kommunikation geworden; wenn man z. B. an die Logik von Memes oder den Onlinegebrauch von Ironie, Insiderwitzen und Referenzschleifen denkt. Es ist wahrscheinlich sinnvoll, sich mit dieser Situation zu arrangieren und sich von der Idee von „herausstechenden“ Bildern, Kunstwerken oder Künstlerinnen vorerst zu verabschieden. Aber wie tut man so etwas aktiv? Ich weiß es auch nicht, allerdings kommt es mir so vor, als ob z. B. Ideen um „Bad Photography“ sehr viel weniger auf die Probe gestellt wurden, als es bei Bad Painting der Fall war.

Loretta Fahrenholz, „kbo-Isar-Amper-Klinikum, Speisesaal 1“, 2015

Der umgekehrte Blick

In den vergangenen Jahren habe ich mich manchmal gefragt, warum sich Leute immer weniger für das interessieren, was einmal „Street Photography“ genannt wurde, oder generell für irgendeine Form von Fotografie, die sich mit etwas anderem als uns selbst oder unserer unmittelbaren Umgebung beschäftigt.

Manchmal denke ich, es ist ein bisschen wie mit den radikalen Ideen der Frühromantik, die dann später im Biedermeier versandeten, wo sich die Mittelklasse im Geist der deutschen Restauration in bürgerliche Beschaulichkeit zurückzog. Vielleicht wird, wenn sich unsere Welt subjektiv unkontrollierbarer oder instabiler anfühlt, ein Erkundungsdrang leicht von dem Bedürfnis übermannt, uns mit den beruhigenden Details unserer Alltagsroutinen zu sedieren. Facebook hat etwas ausgesprochen Biedermeierliches an sich.

Ein weiterer, ganz anders gearteter Katalysator für die Umkehr des Blicks ist vielleicht auch die gesteigerte Sensibilität gegenüber Repräsentationspolitiken, die mit den westlichen sozialen Medien einhergeht. Neben all den positiven Einflüssen, die das auf öffentliche Debatten hatte, kippt diese erhöhte Aufmerksamkeit in manchen Fällen in seltsame Kontrollmechanismen, die eine unangenehme Opfer-Rhetorik und therapy speak kultivieren. Im Zuge dessen schleicht sich durchs Hintertürchen erneut eine überholte Pseudomoral in die Diskussionen um (Pop-)Bildwelten ein. Das kann zu absurden Feedbackschleifen führen, wie etwa zur nervtötenden Dynamik zwischen body shaming und dem Anprangern der body shamer. Dieser Überwachungsstil kann sich in restriktiven Folgen bemerkbar machen, vor allem dann, wenn er im Extremfall zur Forderung nach gesetzlicher Einschränkung der freien Meinungsäußerung führt; etwa im Fall der angeblichen Verletzung der sogenannten Title IX ­Anti-Diskriminierungsgesetze, die Studierende der Kulturkritikerin Laura Kipnis vorwarfen, nachdem sie in einem Essay ihre Ansichten über Campus-Feminismus und eine mögliche Überstrapazierung von Triggerwarnungen veröffent­licht hatte.

Eine Neigung zur Vorsicht und eine Schuster-bleib-bei-deinen-Leisten-Logik kann man zurzeit auch in der (Kunst-)Ausbildung beobachten, wo sich verschiedene hochgradig spezialisierte Agenden in einem abgeschlossenen Rahmen gegenseitig in den Schwanz beißen. Diese Dynamiken des Micro-Trolling begünstigen ein Klima, in dem Leute Hemmungen entwickeln, sich aus den ihnen zugewiesenen, kontextuellen Parzellen herauszubewegen. Wenn man, sozio­ökonomisch betrachtet, in einem obszönen System agiert, dann muss man sich im Klaren darüber sein, dass jede Sprechposition innerhalb des Systems zwangsläufig krasse Haken mit sich bringt. Von der infantilen Regression in vermeintliche kreative „Sicherheitszonen“ ist also keine große Befreiung zu erwarten.

Loretta Fahrenholz, „Recently Deleted 3“ (Detail), 2015

Die Freiheit des verlorenen Referenten

Akzeptiert man, dass die Fotografie heute in gewisser Weise von der Verpflichtung freigestellt ist, „die Wahrheit zu sprechen“ – was sie ja ohnehin nie getan hat –, dann ist sie mit dem Verlust ihres Referenten offen für alle möglichen anderen Rollen: Onlinebilder rutschen schnell und ohne Aufhebens als Witze, Memes, ­Kommentare, Nachrichten oder als reiner Datenschrott durch. Instagram hat die Facebook’sche Illusion einer kontrollierbaren Onlinerepräsentanz der eigenen Person längst hinter sich gelassen, seine Mitgliederprofile haben sich in einen autonomen Bilderschwarm verflüchtigt. Diese freigesetzten Bilder tragen eine andere Art Information in sich, die in gewisser Weise attraktiver und nützlicher ist und unsere Gegenwart adäquater abbildet als die inzwischen merkwürdig deplatziert wirkenden Abzüge vom Filmbild.

Im Unterschied zu Bildern, denen man in Kunstausstellungen begegnet, scheinen gepostete Bilder in zunehmendem Maße nach der Logik von Sprechakten zu funktionieren, Bilder tun etwas, indem sie in Erscheinung treten. Man kann sich das wie ein Gedicht vorstellen, wie eine Performance, eine Äußerung unklarer Ausdrucksformen, die danach verlangen, geteilt zu werden.

Übersetzung: Clemens Krümmel

Anmerkungen

[1]Loretta Fahrenholz, „kbo-Isar-Amper-Klinikum, Kunsttherapie 1“, 2005