NEUE TROMPE L´OEIL-TENDENZEN (I)

Haben David Thorpe, Thomas Demand, Kira Wager und Sebastian Hammwöhner etwas gemeinsam? Eher bedingt, jedenfalls nicht denselben Galeristen, der unterm Schreibtisch dezent mit der zu schnell vergessenen Krise kämpft. Auch wenn man nicht unbedingt alle diese Künstlernamen kennt, verbindet diese ein kleines Stichwort der Kunstgeschichte: den Trompe l´oeil-Effekt. Täuschend echt oder echter als echt, schwer zu beschreiben, man muss es sehen, bzw. gerade auf solch visuellen Trickbetrug hereingefallen sein. In geschriebener Sprache gibt es keine Entsprechung, was auch aufschlussreich ist. Wenn schon Realismus, dann nur in gesteigerter Form, ist vielleicht die abstrahierte Quersumme dieser Künstler mit sonst geringen Gemeinsamkeiten. So ähnlich wie Alltag noch am ehesten in komprimierter Form erträglich ist. Na, dann nehme ich doch einen doppelten Novembermontag diese Woche, dann hab ich nächste keine Wetterdepression.

David Thorpe erreicht mit seinen Materialassemblagen einen verblüffenden Grad an Photorealismus,  wenn er aus zusammengeklebten Borkenstückchen die perfekte Anmutung eines fabelhaft  dargestellten Baumstammes erzeugt. Entfernt kommt auch die in Vergessenheit geratene Fraktaltheorie ins Spiel. Im Kleinen steckt in beliebiger Hoch- oder Runterskalierung und Wiederkehr das entsprechend Große. Sebastian Hammwöhners gezeichnete Teppiche benutzen virtuos Trompe l´oeil-Effekte in klassischer Manier. Es scheint wahrhaftig geknüpftes Teppichgut hinter Glas zu hängen, bis man etwas näher tritt. Sein vermeintlich antikes Bildgut liest sich unterschwellig wie ein Kommentar über all die zeitgenössische Kunst, die immer noch selig in der Vergangenheit baden geht. Wenn schon im Rückwärtsschritt, dann immer von ganz weit hinten kommen. Kira Wagers Malerei deutet Trompe l´oeil eher nur an. Sie ist eine der wenigen die Pinselschwünge mit Topsspin oder unterschnitten einsetzen können. So entsteht ein wirklich einzigartiger Phototouch. Mehr davon im zweiten Teil.

Thomas Demand, „Klause II", C-Print/Diasec, 2006

18.09.2009 - 17.01.2010 / THOMAS DEMAND / „NATIONALGALERIE" / NEUE NATIONALGALERIE / BERLIN

Kittelmanns Presseabteilung muss man noch mal nachträglich gratulieren. In den Tagen um die Eröffnung war es schlichtweg unmöglich eine Zeitung aufzuschlagen ohne Doppelseite über Demands „Nationalgalerie". Es ist immer lobenswert, wenn sich um echte Nischen gekümmert wird. Bei einer derart effizienten Verwertung einer überschaubaren Bildmethode wird natürlich jeder neidisch. Es geht wohl um Memorial-Realismus oder womöglich etwas namens Memorialismus, auch wenn es aus Pappe ist oder gerade weil? Und wie gern sich das menschliche Auge Realitäten vorgaukeln lässt. Falls es jemand wirklich noch nicht weiß: Thomas Demand baut in bravouröser Akribie Pappmodelle nach zeitgeschichtlich relevanten Fotografien, die wiederum highend-mäßig abfotografiert werden. Wie eine Fake auf Grundlage fotografischer Oberflächen funktioniert, abstrahiert mittlerweile jeder Dreijährige mit treuherzigem Augenaufschlag weg. Oder auch interessant, wie blitzartig man zwischen photorealistischen Looks von VHS-Video, Polaroid, You-Tube- oder HDTV unterscheiden kann. Natürlich kann man auch aus abgeschnittenen Fingernägeln einen anscheinend funktionstüchtigen BMW zusammenbasteln. Anscheinend ist hier das Schlüsselwort. Die Grenzen von Demands Arbeitsmethode liegen in der Limitierung des Ausgangsmaterials ´Pappe´. Man bekommt eben nie zu Gesicht, was sich damit nicht so täuschend echt basteln lässt. Menschen oder Flüssigkeiten? Fehlanzeige. So gesehen steht Thomas Demand das Abbildungsvokabular direkt nach Abwurf einer Neutronenbombe zur Verfügung. Interessante Selbstbeschränkung vermeintlich umfassender fotografischer Abbildungskraft. Insofern ist es naheliegend, auch öfters prominente Todesfälle (Uwe Barschel, Lady Diana) als Ausgangsmaterial zu verwenden. In der Regel geht es jedoch mehr um historische Schauplätze wie die alte Innenausstattung des Parlaments oder ein frisch gefleddertes Stasibüro. Halb vergessene Hotspots im kollektiven Gedächtnis einer Staatsgemeinschaft werden als Mimikryrealität noch mal aus dem Hut gezaubert. Ohne Titelinformation hat man eine blasse Ahnung, woher man es noch kennen müsste. Achsoja, Robert Lembkes „Was bin ich?" - Fernsehstudio. Kunst beschränkt sich hier auf eine Memorial-Funktion vergleichbar mit Gedenk- und Todestagen. Während Kunst ja auch so etwas wie eine modifizierte Geschichtsschreibung ausprobieren oder vorschlagen könnte, unterscheidet sich Demands zeitgeschichtliche Bildauswahl in keiner Weise vom Mainstreamkonsensraster eines ZDF-Jahres- oder Dekadenrückblicks. Die vierzig gezeigten Arbeiten in der Neuen Nationalgalerie sind denn auch eine bewusste Auswahl anlässlich des zwanzigjährigen Mauerfall sowie zum vergessenen kulturpolitischen Tagesgeschäft dieses Landes.

Der Erfolg Demands mag auch auf unterdrückter wertkonservativer Sehnsucht beim neuen wie alten Bürgertum nach gekonnter Handwerklichkeit zusammenzuhängen. Und je weniger eine durchdefinierte Könnerschaft zum Vorschein kommt, umso besser. Man will ja auch nicht unbedingt die minusbezahlten Hände in Fernost sehen, die die gerade frisch erstandene It-Bag hergestellt haben.

Am interessantesten bleibt noch jener Mimikry- oder Trompe l'oeil-Effekt, der das Betrachterauge wahrnehmungstechnisch nachhaltig in einen irritierten Zwiespalt bringt. Das Auge - wie erwähnt seit den Sechzigern nahezu automatisch auf das Erkennen von Fotos getrimmt -, verhakt sich immerzu beim Einsortieren dieser Photoschimären, weil allzu viele kleine beabsichtigte Unstimmigkeiten gegen prototypische Fotowirklichkeit sprechen. In etwa so, wie wenn zu viele Unschärfen ein Scharfstellen des Objektivs unmöglich machen und der Autofokus verzweifelt endlos vor- und zurückzoomt ohne verlässlichen Halt zu finden .

"Das Volk wurde nicht 'verführt' - es verführte seinen Verführer" und wurde so gleichsam "dazu verurteilt, in der Geschichte als Verbrecher, Wahnsinnige und Unmenschen zu enden". So etwas fällt Botho Strauß zu Demands Wolfsschanzen-Bild ein. Insgesamt eine eigenartige Idee des Text-Support, für den natürlich Botho Strauß eingeladen wurde. Wirkt insgeheim schwächelnd schutzbedürftig. Warum nicht Rainald Götz oder Christian Kracht? Fast schlimmer noch als viele Zeilen, in denen Botho Strauß seine endlos essentielle Pathosschleuder anschmeißt, sind die überinszenierten Stützvitrinen, die sehr installativ, das doch rechte entrische Bildgeschehen inhaltlich hochhalten sollen.

Eine Freundin meinte mal angesichts meiner Vorliebe für die Holzskulpturen Balkenhols, mit meinem Menschenbild könne etwas grundsätzlich nicht stimmen, wenn ich den Dinger etwas abgewinnen könnte. (Ja, die sehen eben aus wie x-beliebige Nachbarn.) Soviel Zuspruch wie die Arbeiten Demands gerade bekommen, kann die deutsche Seele eigentlich nur aus Pappmachee bestehen, um abschließend auf den müde kecken Nationalcharakter der Ausstellung einzugehen. Vielleicht ja nur vorübergehend, und wenigstens nicht aus Stahl, diese Seele gerade.