Tina Schulz über „30 Jahre Kunst“ von Jos de Gruyter und Harald Thys im Kunstverein München

Abgrundtiefer Hihilismus

Das belgische Künstlerduo Harald Thys und Jos de Gruyter bespielt die eleganten Räume des Münchner Kunstvereins mit einem Großteil seines bisherigen Schaffens und wählt dafür die Maskerade eines Hobbykreativmarktes: Die Wände sind bedeckt mit pittoresken Aquarellen, poppigen Ölbildern, grellen Fotostillleben und Bleistiftzeichnungen, dazwischen hängen lumpige Strohpuppen und abgefetzte Katzen aus demselben Material und stehen modellhafte Kleinskulpturen sowie große Keramikarbeiten auf Sockeln. Flachbildschirme, Skizzen, Poster und weitere Skulpturen füllen jede Lücke. Auf schludrigen Labels werden in leutseligem Tonfall anekdotisch-biografische Erzählungen zu den Werken mitgeliefert, die die Leserin in ein von Psychopathologien und Neurosen beherrschtes Universum führen und „Erklärungen“ liefern, die nichts erklären [1] , aber der düsteren Materialschlacht noch eine weitere, kaum handhabbare Ebene hinzufügen. Überforderung ist Programm, wenn Werkgruppen aus 30 Jahren vermengt und als Gesamtkunstwerk arrangiert werden; auch die filmische Retrospektive ist mit einer Gesamtlänge von 6 ½ Stunden kaum in voller Länge konsumierbar. Das Ganze wird mit einem „Verkaufskatalog“ beworben, der Schwarz-Weiß-Abbildungen aller ausgestellten Arbeiten inklusive der Bezugsadressen und/oder der Preise enthält.

Das dieser Potpourri-Inszenierung zugrunde liegende Narrativ besteht möglicherweise über die biografische Notiz des „Kunstjubiläums“ hinaus, in einem Verhältnis von Komik und Kritik, das auf der Suggestion von Zugänglichkeit und Nähe basiert: Alles wird ausführlich gezeigt und alles ebenso ausführlich kommentiert – doch was stellt diese Ausführlichkeit her? Worin genau besteht die Zugänglichkeit, und auf welche Kritik zielen de Gruyter und Thys ab? Zugänglich zu nennen wäre da zum einen die ästhetische Niedrigschwelligkeit der „kleinen“, von Kunsthandwerk, Dilettantismus und Amateurkunst inspirierten Formen, und zum anderen die im Werk enthaltene Komik, die als Marionettenhaftigkeit oder ungelenke Tollpatschigkeit unweigerlich Lachen hervorruft. Komik und ästhetische Niedrigschwelligkeit gehören in den Bereich der gesellschaftlichen Teilhabe, sind Schmiermittel des Sozialen, durch die sich temporäre Gemeinschaften bilden, sich abgrenzen und gekittet werden können; die Annahme, dass beide Formen jedoch ebenso geradewegs in die dunkelsten Abgründe des menschlichen Daseins führen, ist trotz aller Umwege über Künstlersubjekt, Biografie und Institution das eigentliche kritische Drehmoment der Show.

Jos de Gruyter und Harald Thys, „30 Jahre Kunst“, Ausstellungsansicht, 2017

In die Ausstellung führt ein händisch gemalter Wandtext ein, der die gängigen Klebebuchstaben imitiert und formal und inhaltlich eine holprige Verballhornung „klassischer“ Institutionskritik darstellt. Der Duktus des Textes ist um einfache Sprache bemüht und platziert sich gekonnt zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit, wenn sich etwa de Gruyter und Thys gleich zu Beginn bei der deutschen Bundesregierung und dem gesamten bayerischen Staatsapparat für „die Gelegenheit bedanken, ihr Kunstjubiläum in diesen historischen Räumlichkeiten feiern zu dürfen“. [2] Eine Evolution, so bekennen die Künstler freimütig, hätten sie in ihrer Zusammenarbeit nicht feststellen können, aber es sei ihnen immer schon um das „Individuum, das in einer kapitalistischen Gesellschaft ums Überleben kämpft“ gegangen. Damit deuten sie auf einen spezifischen Hintergrund hin, der die etwas breitbeinige Herangehensweise mit einem soliden Anker zu versehen vermag, der Kunst und Leben kritisch verbindet: das Gemeindezentrum Ten Weyngaert in Vorst bei Brüssel, in dem beide Künstler über Jahre hinweg arbeiteten. Insofern liegt bei allem Schalk die Vermutung eines ernsten Kerns nahe; Thys und de Gruyter wären beileibe nicht die Ersten, die ihre Kritik an gesellschaftlichen Zuständen hinter einer Narrenkappe vortragen.

Dabei stellt sich hier aber die Frage, ob ihre im Rahmen eines Mid-Career Survey inszenierte Institutionskritik nicht eigentlich ins Leere zielt, wenn sie schulbubenhaft aus der Position des vermeintlich Subalternen stänkert und sich in einer passiv-aggressiven Revolte gefällt, ohne den über diese sattsam bekannte Künstlerrolle hinaus bestehenden Möglichkeiten des Widerspruchs Rechnung zu tragen. Die Münchner Show bleibt, was das betrifft, hinter den Umsetzungen vergangener Ausstellungen wie z. B. „Das Wunder des Lebens“ (Kunsthalle Wien, 2014) oder „White Suprematism“ (CAC Vilnius und Portikus Frankfurt, 2016) zurück.

Jos de Gruyter und Harald Thys, „30 Jahre Kunst“, Ausstellungsansicht, 2017

Das real existierende Gemeindezentrum Ten Weyngaert, in den 70er Jahren gegründet, schreibt sich auch heute noch auf die Fahnen, durch soziale und kreative Arbeit multikulturelle und -linguale Gemeinschaften zu formen und zur Selbstentfaltung der Teilnehmenden beizutragen. Dieser Idee der Emanzipation durch kulturelles oder künstlerisches Engagement erteilen de Gruyter und Thys ganz offensichtlich von innen heraus eine Absage: So lassen sie Laiendarsteller/innen gruppendynamische Prozesse und Rollenspiele durchleben, die in stumpfer Grausamkeit und katatonischen Zuständen resultieren („Ten Weyngaert“, Video, 2007), oder zeigen sie als hilflos wimmernde Wesen beim therapeutischen Töpfern („Der Schlamm von Branst“, Video, 20 Min., 2008). In einem seltsamen, schon passiv-aggressiv zu nennenden Kreisschluss nutzen de Gruyter und Thys dennoch genau die ästhetischen Formen, die sie als korrumpiert, sinn- und hoffnungslos bloßstellen: Sie werden unter ihren Händen zu toxischem Material, zum bitterbösen Ausdruck einer Gesellschaft, für die der Gipfel der Selbstbestimmung darin zu bestehen scheint, sich nach der lebenslangen Selbstoptimierung für Sterbehilfe entscheiden zu können. [3] Vom Glauben an ein gesellschaftswirksames Heilsversprechen durch kreativ-künstlerische Arbeit sind de Gruyter und Thys weit entfernt; und doch wissen sie diese Quelle trefflich zu nutzen und suhlen sich genüsslich und äußerst produktiv in der heillosen Komplexität menschlicher Abgründe.

„What is a Dutch man, who jumps in front of a train? Spread cheese!“ [4]

Gibt’s da auch noch was zu lachen?

Offenbar trifft auf das Universum des Duos genau das zu, was Henri Bergson über das Lachen bereits 1900 nüchtern festgestellt hat: „Seelische Kälte ist sein wahres Element.“ Man weiß wohl um den komischen Effekt, der darin liegt, dass im menschlichen Verhalten mechanische Züge auftreten – ein Großteil der performativen Komik, der Pantomime und des Slapsticks beruhen darauf. Die Marionette ist daher der Prototyp dessen, was komisch und zugleich abstoßend, ja unheimlich erscheint: das Lebendige im Leblosen, das Mechanische im Menschlichen. Diese Rezeptur haben de Gruyter und Thys sich zu eigen gemacht und auf die Spitze getrieben: Waren die Protagonisten der früheren Filme noch Menschen, die sich marionettenhaft steif und sprachlos verhielten, so wurden sie im Lauf der Zeit von skelettierten Holzpuppen mit stereotypen Styroporschädeln ersetzt, deren Attribute wie Häkelschal, Nickelbrille oder angeklebter Fusselbart eine allenfalls armselige Menschenähnlichkeit inszenieren.

Jos de Gruyter und Harald Thys, „30 Jahre Kunst“, Ausstellungsansicht, 2017

Die Lächerlichkeit dieser Personae mündet jedoch nie in ein befreiendes Lachen im Angesicht des Grotesken, sondern erzeugt auf die Dauer einen müden, entnervten Widerwillen, der sich bis zur Übelkeit steigern kann. Das Lachen selbst wird bei de Gruyter und Thys bloßgestellt und bekommt die Funktion einer Korrektur, eines sozialen Ordnungsrufes, der eher der Formung einer Gruppe Gleichgesinnter dient, als Empathie zu erzeugen. Was resultiert, ist eine bitterböse, komische Mischung, die Institutionskritik und Utopiegedanken zu einem schwer verdaulichen Brei vermengt, der düstere Träume erzeugt und dennoch auf einem zutiefst empfundenen Humanismus gründet: Mit großer Ernsthaftigkeit widmen sich die Künstler den Niederungen der conditio humana, denn nur wer das Lächerliche ernst nimmt und das Ernsthafte zu parodieren versteht, kann den Blick ins schwarze Loch des 21. Jahrhunderts ertragen. Nach dem Besuch der Ausstellung möchte man sich nichts weiter als einen winzig kleinen Hoffnungsschimmer gönnen und verlässt dafür die Räume.

Jos de Gruyter und Harald Thys, „30 Jahre Kunst“, 22. April – 25. Juni 2017, Kunstverein München

Tina Schulz ist Künstlerin und lebt und arbeitet in Berlin.

ANMERKUNGEN

[1]So ist dort zum Beispiel von den „Psychosen“ die Rede, die der Anblick eines italienischen Brüderpaares in Bari auslöste, die im Werk als die boshaften Brüder „Ricco und Rocco“ (in „Das Loch“, Video, 27 Min., 2010) wiederkehren, oder auch von der „halluzinatorischen Wirkung“, die eine Gruppe Grappa saufender deutscher Touristen auf die Künstler ausübte, was in „Angstzuständen und Migräneattacken“ gipfelte und „Jahre später“ zu einer Serie von Ölgemälden unter dem Titel „Beach Balls and Umbrellas“ (2016) führte.
[2]Zitat aus dem Eingangswandtext
[3]„Das Braun von Mechelen“, Video, 56 Min., 2013
[4]aus „Les Énigmes de Saarlouis", Video, 37 Min., 2012