Isabelle Graw

Der ewige Zynismus-Vorwurf

Martin Kippenberger, "New York von der Bronx aus gesehen", 1985

© Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Endlich dazu gekommen, die „Artforum“-Titelgeschichte über Martin Kippenberger (Februar 2008) von George Baker zu lesen. Zunächst empfand ich es als erleichternd und nachgerade erfrischend, dass sich ein renommierter Kritiker wie Baker der übertriebenen Kippenberger-Emphase der letzten Jahre nicht anschließt und stattdessen seine Bedenken vorträgt. Doch das zentrale Argument Bakers – dass Kippenberger nur zynisch Positionen durchlaufen, sie aber nicht wirklich einnehmen und deshalb ihre Unterschiede verwischen würde, vermochte mich nicht zu überzeugen. Beharrlich hält Baker an der Vorstellung fest, dass bestimmte künstlerische Verfahren über eine ihnen inhärente Bedeutung verfügen. Vor allem die Institutionskritik wird aus dieser Perspektive zu einer sakrosanten Angelegenheit, die sich keinesfalls spielerisch aufgreifen oder gar anders aufführen lässt. Nur – kann man künstlerische Methoden tatsächlich so klar und sauber gegeneinander abgrenzen, wie dies Baker suggeriert? Handelt es sich bei diesen Typologien nicht vielmehr um die Projektion einer kunsthistorischen Orthodoxie, die durchaus anfechtbar ist und zumal von künstlerischer Seite in Frage gestellt werden muss? Ich glaube nicht, dass man der Methode Kippenbergers näher kommt, wenn man seine Skulptur „New York von der Bronx aus gesehen“ (1985) als Allegorie der Logik von Einschluss und Ausschluss interpretiert, so als würde sie uns den sehnsüchtigen Blick der Peripherie auf das Zentrum aufzwingen und sich mit diesem hierarchischen Blick gemeiner Weise auch noch einverstanden erklären. Die Leichtigkeit, der schnelle Witz und das Inversive dieser Arbeit geht in der Lektüre Bakers verloren. Denn der Wolkenkratzer-Topos wird ja zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben, da sich die Form der Skyline bei näherer Betrachtung an die Morphologie eines schnöden Behälters für Stifte, Radiergummis etc anlehnt. Die Skyline New Yorks ist ihrer Großartigkeit beraubt und wird in die Sphäre des Schreibtisches herabgezogen. Was man von der Bronx aus zu sehen meint, ist demnach auch eine Illusion. Nicht plausibel fand ich zudem Bakers letzten Punkt, dass Kippenbergers angeblich alle Unterschiede aushebelndes Verfahren die Logik des Kapitals reproduziert. Zunächst einmal ist es eher so, dass die Unterschiede zwischen den historisch zur Verfügung stehenden künstlerischen Verfahren in seiner Arbeit keineswegs ausgelöscht, sondern vielmehr die Grenzen zwischen ihnen anders gezogen werden. Und selbst wenn sich seine Vorgehensweise mimetisch der Logik des Kapitals anschmiegen würde, indem sie etwa auf Akkumulation zielt, was wäre daran verwerflich? Man muss Bakers Text aber auch im Kontext der gesamten Artforum-Ausgabe sehen, die es auf eine Verteidigung der ernsthaften Malerei in Abgrenzung zur „zynischen“ abgesehen zu haben scheint. Nicht nur macht Baker Kippenberger einmal mehr dessen angeblichen „Zynismus“ zum Vorwurf, auch Achim Hochdörfer verwirft zu Beginn seines Texts zur „hidden reserve“ der zeitgenössischen Malerei in derjenigen der fünfziger und sechziger Jahre die „zynische Appropriation eines Warhol, Oehlen oder Carpenter“ zugunsten einer Version von Malerei, die am Potential des „mark making“ festhält. Jene, die an die Malerei glauben und die (unausrottbare) Vorstellung einer rein malerischen Immanenz bedienen, werden den Zynikern à la Kippenberger vorgezogen, die der Malerei als einer per se fragwürdigen Institution VON AUSSEN begegnen, qua externer Versuchsanordnung. Letzteres mit dem Vorwurf des Zynismus zu brandmarken kommt einem Totschlagargument gleich, gegen das kein Kraut gewachsen ist. Doch denkt man darüber nach, was „zynisch“ eigentlich bedeutet – nämlich verletzend, spöttisch oder bissig zu sein – dann stellt sich die Frage, warum Zynismus eigentlich einer Kardinalssünde gleichkommen soll? Zumal sich Zynismus im Fall von Kippenberger mit einer perversen Liebe zur Semantik der Kunst paarte, die dieser jedoch stets auf radikal respektlose Weise begegnete, was den Verteidigern DER Kunst bis heute ein Dorn im Auge sein muss. Schon krisenbedingt wird im Moment von allen Seiten – auch von artforum – daran gearbeitet, den Glauben an das Projekt „Kunst“ zurückzugewinnen und da kann ein Insistieren auf ihrer Ernsthaftigkeit oder auf dem Wert einer der Malerei immanenten, rein binnenästhetischen Sprache, nicht schaden. An diesem Punkt würde ich mich stets auf die Seite der (vermeintlichen) Zyniker schlagen. Was nicht heißt, dass ich deren Projekten kritiklos gegenüberstehe. Doch einer Ehrenrettung einer rein immanent funktionieren wollenden Malerei ist ein Ansatz, der den Glauben an „die Malerei“ mit Füßen tritt, allemal vorzuziehen.