Isabelle Graw

Die Seelenlage der Einkäuferin

Nicht nur der Kunstmarkt, auch die Luxusindustrie ist eingebrochen, was man aus den Zeitungen erfahren kann und auch beim Gang durch Berliner Edelboutiquen an einem gewöhnlichen Wochentag bestätigt findet. Überall gähnende Leere und gelangweilt herumstehende Verkäufer/innen. Selbst die russischen Kundinnen, sonst zu jeder Tageszeit im Quartier 2006 unterwegs, lassen sich hier kaum blicken. Die Kleiderständer hingegen sind – etwa in der Boutique „The Corner“ am Gendarmenmarkt – noch prall gefüllt. Beinahe sämtliche Kleider der Frühjahr/Sommersaison hängen hier, selbst in den kleinen Größen 34 und 36, die sonst spätestens seit Ende Februar ausverkauft gewesen wären. Auch im Selbstexperiment kann man feststellen, wie sich die derzeitige Krisenstimmung auf das eigene Kaufverhalten auswirkt, mehr noch: wie sie sich in die eigene Begehrensstruktur einnistet. Plötzlich verlieren Dinge, die ich unter normalen Umständen als ausgesprochen begehrenswert empfunden hätte, ihren appeal. Sie lachen mich nicht mehr an, wollen nichts mehr von mir. Während mir ein Kleid, sagen wir, von Balenciaga-Silk, unter normalen Bedingungen eine unmittelbare Evidenz und absolute Kaufnotwendigkeit eingeflüstert hätte, gelingt ihm dies jetzt kaum noch. Es kommt mir so vor, als würde der für Waren charakteristische Verlebendigungsprozess nicht mehr funktionieren. Sie sind ihrer symbolischen Anziehungskraft beraubt, was ihren Preis seiner eigentlichen Unangemessenheit überführt. In dem Moment, wo Designerkleidung nicht mehr automatisch mit „cutting edge“ oder Prestige assoziiert wird, sinkt auch die Bereitschaft, viel Geld für sie auszugeben. Speziell Luxuswaren sprechen nicht mehr zu uns, haben ihren Zauber, ihre Persönlichkeit verloren. Plötzlich empfindet man die Kluft zwischen dem für sie verlangten Preis und ihrem Materialwert als unerträglich, ihr Preis wirkt geradezu obszön. Noch unangemessener wäre es höchstens, sich mit der „It-Bag“ der aktuellen Saison einzudecken. Das ganze Konzept „It Bag“ ist ohnehin in eine Schieflage geraten – es gibt schlicht keine Taschen mehr, die einem das Gefühl geben würden, dass man sie haben müsse. In der britischen „Elle“ wurde deshalb kürzlich die Ablösung des Prinzips „Must have“ vom Prinzip „Must keep“ ausgerufen: Man muss nichts mehr kaufen, und wenn, dann ist es ein „Must Keep“, das behalten werden kann und mehrere Saisons überlebt. Indem suggeriert wird, dass bestimmte ausgefallene Edeldesignerteile über diesen bleibenden Wert eines „Must-keep“ verfügen, versucht man die Leute bei der Konsumstange zu halten. Das „Must-keep“ hat mit dem Kunstwerk die Verheißung von Dauer gemein – sein Wert soll (angeblich) nicht verfallen. Sowohl in der Modeindustrie als auch auf dem Kunstmarkt ist man derzeit um den Eindruck bemüht, dass es bestimmte bleibende Werte gibt (wie z.B. das Prinzip „Meisterwerk“ oder Klassiker von Chanel), die die Investition nach wie vor lohnen. Während man sich mit der Gegenwartskunst auf unsicherem Wertterrain wähnt, erlebt die klassische Moderne (etwa in Maastricht) derzeit eine Marktrenaissance. Anders die Mode, von Natur aus flüchtig und schnelllebig. Hier fällt die Suggestion von bleibendem Wert schwerer, zumal sich kaum jemand ein Fashion-Item zulegt, weil er oder sie auf dessen dauerhafte Aktualität spekuliert. Von jenen Frauen aus meinem Freundeskreis, die der Mode gegenüber bislang extrem aufgeschlossen waren und auch über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen, höre ich im Moment regelmäßig Äußerungen wie die, dass es einfach cooler sei, die alten Sachen aufzutragen oder neu zu kombinieren. Guckt man jedoch genauer hin, dann werden jede Menge Ausnahmen von dieser Regel gemacht – ein beliebtes Feld der Ausnahmeregelung sind Schuhe. Denn erstens variieren Schuhformen tatsächlich von Saison zu Saison und zweitens haben diese traditionellen Fetische ihre Beseeltheit noch nicht preisgegeben. Sie sind ein typisches „Identity Good“, was soviel heißt wie dass sie unsere Identität auszumachen scheinen. Immerhin stehen wir auf ihnen. Von dieser bleibenden Empfänglichkeit für Schuhe kann ich selbst ein Lied singen – kürzlich reservierte ich ein Paar in einer Boutique in „Mitte.“ Seither traue ich mich nicht mehr hin.