Fokussierung und Historisierung, Holger Schulze über die 25. Transmediale, Berlin 2012

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Joshua Light Show mit Supersilent, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2012, © Ania Domanska / transmediale

Der letzte große Abend der diesjährigen Transmediale bildete den Höhepunkt eines Festivals, das in diesem Jahr eine subtile, doch deutlich spürbare Veränderung erkennen ließ. An diesem Abend trat zum dritten Mal die Gruppe The Joshua Light Show des New Yorkers Joshua White in Berlin auf. Ihre vollständig analog mit Spiegeln und Reflektoren, mit Flüssigkeiten und Farbverläufen hergestellten Hinterleinwand-Visuals, die seit 1967 bei zahlreichen Rockbands zum Einsatz gekommen sind, entstanden an diesem Abend begleitend zur Musik von Manuel Göttsching. Krautrock- und Elektronikmusiker Göttsching war – dies ein nicht unbedeutender historischer Bogen des Festivals – beteiligt an der Avantgarde-Modenschau und Performance „Big Birds“ von Claudia Skoda im November 1979; eine Performance, die den hinzugezogenen Akustikern und Statikern zufolge nicht unschuldig war am Zusammenbruch des Hauses der Kulturen der Welt rund sechs Monate später, das damals noch Kongresshalle hieß. Dieser und auch die vorangegangenen beiden Abende der Joshua Lightshow 2012 waren in dem 1.000-Zuschauer fassenden großen Auditorium mehr als ausverkauft, das Publikum suchte sich die letzten noch möglichen Nischen. Diese überwältigende Resonanz für das Medienkunstfestival Transmediale rührte dabei nicht zuletzt auch daher, dass diese Abende (konzipiert von Sandra Neumann) gemeinsam mit dem CTM (bis 2011 Club Transmediale) veranstaltet wurden: dem seit 1999 etablierten pop- und cluborientierten Ableger der Transmediale. Nach einem zuletzt immer größer werdenden Abstand und Gegensatz der beiden Teile – hier das Diskurs-, Panel-, Aktionismus- und Technologiekunstdiskussionsforum, dort die Clubabende, Pop-Performances und -Installationen in den einschlägigen Clubs und Projekträumen –, die sich teils gar zu kannibalisieren drohten, waren in diesem Jahr beide wieder merklich zusammengerückt. Die ohnehin vorhandene Nähe der Personen, der Ästhetiken und der Fragestellungen wurde nun wieder deutlicher gezeigt.

Joshua Light Show ft. Oneohtrix Point Never

Joshua Light Show featuring Oneohtrix Point Never, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2012, © Genz, Lindner / transmediale

Die Veränderung, die die Transmediale unter ihrem neuen Leiter Kristoffer Gansing dabei erfuhr, manifestierte sich zudem direkt im Eingangsbereich des Hauses der Kulturen der Welt. Eine zentrale, für das Thema der Transmediale 2012 geradezu ikonische Arbeit erfüllte das gesamte Foyer. Ben Woodesons Installation mit dem Titel „Bite you on your ass and kiss your socks goodbye“ (2011, aus der Serie „Health & Safety Violation“) zog durch elektrisch geladene Metallstangen eine diagonale Grenze durch den Raum: Die Besucher/innen konnten respekt- oder angstvoll diese raumfüllende Diagonale umgehen – oder es wagen, die Röhren anzurühren, beiseitezuschieben, die Grenze zu durchschreiten und dabei einen merklichen Stromschlag zu erfahren. Diese medienkünstlerische Skulptur, die zugleich eine Intervention in das Ausstellungsgeschehen darstellte und performative Entscheidungen der Besucher auslöste, diese Arbeit selbst markierte den Schwerpunkt des Festivalthemas „In/compatible“: Wie bestimmt die Inkompatibilität, die Nichtpassung, und Unzusammengehörigkeit, das Scheitern von Formaten, Artefakten und Programmen unser Leben mit Medien anno 2012? Inwiefern ist diese Inkompatibilität – und genau nicht das gelobte Land reibungslosen, allumfassenden Prozessierens – der Erfahrungsraum, der unseren Umgang mit Medien heutzutage womöglich am treffendsten beschreibt? Allein durch diese Arbeit ist es Gansing und seinem Team gelungen, ein Symbol für das Thema des Festivals zu finden, das weniger ausgefranst und kleinteilig erschien als in den Jahren zuvor.

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Ben Woodeson, Health & Safety Violation #36 – Bite you on your ass and kiss your socks goodbye", 2011

Dieses Anliegen der diesjährigen Transmediale stand auch im Zentrum einer höchst beeindruckenden Performance von jon.satrom am Eröffnungsabend im großen Auditorium: Beginnend mit einem Loginproblem des zuvor sprechenden Kristoffer Gansing auf dem bereitgestellten Laptop half der Chicagoer Künstler aus, musste hierzu ein Plugin nachladen, was in der Folge ein rhythmisch choreographiertes Downloadfenster öffnete, dessen Systemnachfragen, Installationsablehnungen und Dateispeicherorte sich zu einer umfassenden audiovisuellen Performance auswuchsen. Eine Performance, die bei den heute wohl alltäglichsten Kompatibilitätsproblemen begann, deren ästhetische Überschreitung bloßen Klickens, Öffnens und Schließen plötzlich die gesamte Fläche des Desktops in ein synkopiertes Spiel rhythmischer Prozesse und erschreckender Transformationen verwandelte. jon.satrom gelang es, ein Auditorium von tausend Menschen zu bannen durch die Projektion eines Desktops – einzelne ließen sich zu Jubelschreien hinreißen. Eine wirkliche Überraschung.

jon.satrom at the opening

jon.satrom und Kristoffer Gansing bei der Eröffnung der Transmediale, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2012, © Genz, Lindner / transmediale

Beispielhaft in diesen Arbeiten von jon.satrom und Ben Woodeson, aber auch in der Entscheidung, der Joshua Light Show einen so prominenten Platz in den Abendveranstaltungen einzuräumen, zeigt sich die neue, leichthändige Fokussiertheit der Transmediale. Sie möchte nicht mehr allen denkbaren Akteuren und Kollegen ein Podium und eine Bühne für ihre Arbeiten bieten, sondern die kuratorische Strenge wählt stärker aus und kann damit einem inhaltlichen Schwerpunkt konzentrierter nachgehen. Gleichermaßen gilt dies für das Video-, Performance- und Symposion-Programm der Transmediale zum übergreifenden Thema.

Die Ausstellung schließlich, kuratiert von Jacob Lillemose unter dem Titel „Dark Drives – Uneasy Energies in Technological Times“, führte diesen Ansatz kongenial fort. Auch hier wurde auf eine starke Fokussierung gesetzt, durch die die einzelnen Arbeiten deutlicher in den Vordergrund gerückt wurden und durch den die Präsentation selbst mehr denn je den Charakter einer Kunstausstellung angenommen hatte – anstatt eines offenen Projektlabors oder eines Gefüges von Installationen, Interventionen und Rechnerarchitekturen. Das kann aus einer radikaleren Perspektive der Medienkunst als unnötige Auratisierung beklagt werden; es ermöglicht jedoch einem breiteren Publikum den Zugang zu einzelnen, markanten Arbeiten und zur Kontextualisierung dieser Arbeiten, da die Bemühung spürbar war, die historische und konzeptuelle Tiefe medienkünstlerischer Ansätze vorzustellen: von Nikola Tesla, William S. Burroughs und Chris Cunningham, über JODI, Jaromil, Ant Fram und VNS Matrix bis hin zu jon.satrom oder Jack Caravanos.

Dieser weite Blick der Ausstellung in Verbindung mit der Wiederaufführung historischer Medienkunstarbeiten im Rückblick auf 25 Jahre Transmediale setzte neben der stärkeren Fokussierung den zweiten Akzent: So wurde eine deutliche und selbstverständliche Historisierung erkennbar, die sich der Vielfalt der Traditionen der Medienkunst seit Mitte des 20. Jahrhunderts und davor nicht nur immer wieder vergewissert, sondern diese Historie der Medienkunst als provozierendes und inspirierendes Archiv zur Entwicklung aktueller Positionen und Ästhetiken verstand und aufzeigte. Diese Verschiebung ermöglichte sogar eine reflektierte Selbstironie, die etwa in der schreiend-ärmlichen Gestaltung der Programmhefte sowie der Website in offensiv umarmender iPad-Optik zum Ausdruck kam. Der Transmediale 2012 ist es somit insgesamt gelungen, den aktuellen Stand der Medienkunst in all ihrer Heterogenität und Geschichtlichkeit zugänglich zu machen – anhand eines tatsächlich zentralen Themas des aktuellen Umgangs mit Medien.

„transmediale 2012: in/compatible“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 31. Januar – 5. Februar 2012