Svetlana Alpers über John Berger (1926–2017)

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Wenn man das Buch „Portraits: John Berger on Artists“ (Verso, London 2015) zum ersten Mal in Händen hält, macht es einen eher unnahbaren Eindruck. Es ist sehr dick und die Bindung ist so fest genäht, dass es schwer ist, die Deckel offenzuhalten. Die spärlichen Illustrationen sind in Schwarz-Weiß. Wie der Autor in der knappen Einleitung anmerkt, handelt es sich nicht um Hochglanzfotos aus einer Luxusbroschüre für Millionäre, sondern um bloße Denkzeichen. Doch wenn man zu lesen beginnt, fühlt man sich sofort angezogen, ja befreit. Tom Overton, der die Manuskripte Bergers katalogisiert, die jüngst der British Library vermacht wurden, wählte aus diesem Fundus Texte aus, die Bergers wechselnde Sichten und Ansichten zum Werk einzelner Künstler/innen reflektieren. Die versammelten Essays, die eine Art Kunstgeschichte ergeben, erinnern uns daran, welch zutiefst menschliche Aktivität es ist, Kunst zu machen und zu betrachten. Die gegenwärtige weltpolitische Lage ist ein guter Moment für eine erneute Beschäftigung mit den Schriften von John Berger, der, 1926 geboren, bis ins hohe Alter aktiv blieb (er verstarb im Januar dieses Jahres).

Das Kunststudium in der Nachkriegszeit brach er ab, weil es wichtigere politische Aufgaben gab, als Gemälde an die Wand zu hängen. 1962 verließ er England und verlegte seinen Wohnsitz in ein Dorf in den französischen Alpen. Doch auch dort stand die Kunst (Zeichnungen, Fotografien, Texte) weiter im Mittelpunkt seines marxistisch orientierten Schaffens – von Romanen, Essays und Rezensionen über seine berühmte Fernsehsendung „Ways of Seeing“ (1972) bis hin zu seiner absolut lesenswerten Studie „Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso“ (1973; engl. Originalausgabe 1965).

Versuchen wir es mit einer Kostprobe – zum Beispiel seiner Bemerkungen zu den ägyptischen Mumienporträts, der von der griechischen Kunst angeregten Frontalbildnisse, die das Antlitz frisch Verstorbener festhalten sollten. Porträts, schreibt Berger, die das das Erlebnis des Gesehenwerdens spiegeln. Die Mumienporträts wurden mit den Toten vergraben und waren für keinen Betrachter bestimmt. Berger stellt sie in einen zeitgenössischen Kontext, in dem uns die modernen Massenmedien mit Bildern überfluten, viele davon Bilder von Gesichtern. Ist dieses unpersönliche, visuelle Hintergrundrauschen eine Art des Lebendig-Seins? Inmitten dessen bestätigen uns die Mumienporträts plötzlich wieder das Faktum unseres eigenen Lebens. Wie es typisch für ihn ist, zieht Berger zudem Parallelen zu einem Jahrhundert der Emigration: „So starren sie uns an wie die Vermissten unseres eigenen Jahrhunderts.

Berger ist ein Geschichtsschreiber. Die Geschichte situiert den Künstler in der Periode seines Schaffens; doch zugleich gehört sie auch denen, die einem Kunstwerk, das in der Vergangenheit entstand, lebendig gegenüberstehen. Das Betrachten von Kunst ist ein Happening ohne Ende.

Unmittelbar auf das Kapitel über die Mumienporträts folgt eines über Piero della Francesca, den Berger als Meister einer Malerei des Wissens, eines geistigen Aufbruchs präsentiert. Piero malt, wie die Welt sein würde, wenn wir sie vollends erklären könnten. Im Gegensatz zu späteren Malern verbirgt er nichts. Piero war Mathematiker und stand der Wissenschaft nahe. Unsere Zeit, argumentiert Berger, braucht dieses Selbstbewusstsein, um eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft zu schlagen.

Oder nehmen wir Théodore Géricaults kleine Gemälde von Geisteskranken. Ich erinnere mich an den eindringlichen Kopf einer alten Frau (die Leinwand befindet sich heute im Museum von Lyon). Berger zeichnet nach, wie sich unsere Einstellung zu psychischen Störungen im Lauf der Geschichte verändert hat: Von einer kuriosen Rarität (wie für Géricault) wurde sie zu einem Leiden, das sich potenziell heilen ließ, und später (wie für Berger selbst) zu etwas Typischem des menschlichen Lebens. Berger kontexualisiert unser Bild von Géricault, indem er auf die Kluft zwischen der Lebenserfahrung gewöhnlicher Bewohner/innen des Planeten Erde und den öffentlichen Narrativen, die dieser Erfahrung einen Sinn verleihen sollen, hinweist. Er sieht den Geisteskranken als logische Konsequenz, nicht als Rarität. Gelingt es uns heute überhaupt noch, irgendein Mitgefühl aufzubringen?

Herrlich auch die Passage, in der Berger eine Zeichnung van Goghs von Olivenbäumen preist: „Alles, was er sieht, betastet er mit den Fingern ... In der Zeichnung ist etwas enthalten, was ich Dankbarkeit nennen möchte, aber was sich schwer in Worte fassen lässt. Ist es die Dankbarkeit des Ortes, seine oder unsere?

Berger bleibt der historischen Realität der einzelnen Künstler/innen verhaftet. Der Realität des Ateliers, könnte man sagen. Doch er befasst sich auch mit der Rezeption historischer Kunst in unserer – Berger zufolge – düsteren Zeit. Er ist kein Idealist und akzeptiert die Tatsache, dass sich mit dem Wandel der Zeit auch unsere Perspektive verschieben kann. Vor 60 Jahren, als er am Anfang seiner Laufbahn stand, verfasste er eine negative Kritik über den englischen Maler Francis Bacon: Der Schrecken, der sich in Bacons Gemälden ausdrückt, sei nicht echt, konstatierte er, sondern habe etwas Modisches. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt korrigierte er dieses Urteil. Die gnadenlose Welt, die Bacon erfunden hatte, war mit den Jahren immer mehr zur Realität geworden. Sein Werk war prophetisch.

Berger schätzt – oder richtiger gesagt, liebt – die Kunst rückhaltlos. Das heißt, er nimmt sie ernst als Register und Maß des menschlichen Seins. Wer sonst schreibt dieser Tage noch auf diese Art und Weise für ein breites Publikum über Kunst?

Im Oktober 2015 besuchte ich John Berger und seine Partnerin in ihrem Haus in einer Pariser Vorstadt. Während des Essens bemerkte ich, dass ich schreiben würde, um die Gedanken in meinem Kopf in eine klare Ordnung zu bringen. „Nein!“, rief John und richtete seinen breiten Burstkorb auf. „Ich schreibe, um die Dinge klarer für die Welt zu machen.“ Oder sagte er, um aktiv in die Welt einzugreifen? Wie auch immer, er hatte sicherlich recht. Aber wenn ich „Portraits: John Berger on Artists“ lese, denke ich, dass es ihm trotzdem auch darum ging, (sich) die Dinge klar zu machen. Und vielleicht teile ich selbst mehr von seinem Willen, durch das Schreiben engagiert ins Weltgeschehen einzugreifen, als mir selbst bewusst ist.

Übersetzung: Bernhard Geyer

Dieser Text erschien in Englisch in der Märzausgabe von Texte zur Kunst (2017, #105). Erstveröffentlicht als: Svetlana Alpers, „Life of the Mind“, Phi Beta Kappas The Key Reporter, 14. April 2016. www.keyreporter.org/BookReviews/LifeOfTheMind/Details/1898.html

Anmerkung

[1]Sandro Klopp, „Seasons in Quincy. Four Portraits of John Berger“, 2016, Filmstil