Aufrollen der Spirale, Barbara Kapusta über Isa Rosenberger im Grazer Kunstverein, Graz

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Isa Rosenberger, Espiral, Ausstellungsansicht, 2011, Grazer Kunstverein, Foto: Johanna Glösl

Schon mit dem spanischen Titel „Espiral" (dt. Spirale) bezeichnet Isa Rosenberger die gewundenen Wege von Einfluss, Macht und Kapital vor dem Hintergrund künstlerischer Produktion, über die sich die einzelnen Stränge ihrer komplex angelegten Videoinstallation im Grazer Kunstverein miteinander verbinden. Hinter einem halbrunden mit schwarzem Stoff verhüllten Stahlgerüst in der Höhe des Raumes eröffnet sich ein imaginärer Bühnenraum. Hier befindet sich der erste von insgesamt drei Teilen einer Videoinstallation. Auf einer von oben herabhängenden Projektionsleinwand folgt man der in Chile geborenen und heute in Wien lebenden Tänzerin Amanda Piña bei Proben zu einer Szene des Balletts „Der grüne Tisch“. Das ursprünglich 1932 in Paris uraufgeführte Ballett des Choreographen Kurt Jooss gilt als eines der wichtigsten Werke expressionistischen Tanzes der Zwischenkriegszeit in Europa. In Anlehnung an das bereits im Spätmittelalter aufkommende Sujet des Totentanzes behandelt es, im Bewusstsein des Ersten Weltkriegs und der Ahnung der kommenden Katastrophe des Nationalsozialismus, das Werden und Geschehen des Krieges. Repräsentativ findet dieser in Schlüsselszenen jeweils zu Beginn und am Ende des Stücks in einer Choreografie getanzt von acht Herren im schwarzen Anzug, die um einen grünen Tisch sitzen, seinen Ausgangspunkt. Piña studiert die zackigen Bewegungsabläufe und machtvollen Gesten des Todes ein, maskiert als Skelett mit weißem Gesicht, schwarz umrandeten Augen und aufgemalten Armknochen. Sie tanzt, ihrerseits filmisch dokumentiert, vor Aufnahmen einer historischen Aufführung des Stücks, die ihr nun als Vorlage dient. Piñas Körper verschmilzt dabei mit der männlichen Figur des projizierten Todes zu einem changierenden Bild, bei dem die Aufmerksamkeit der/des Betrachers/in zwischen Vorder- und Hintergrund vor- und zurückwechseln. Über die Aneignung der Choreographie aktualisiert Rosenberger Jooss´ fatalistischen Kommentar zur Kontinuität von Geschichte mit den schwarzen Herren am grünen Tisch als Auslöser des Krieges und dem Tod als immer wiederkehrenden Sieger. Gleichzeitig stellt sich in der Differenz der Bewegungen des Re-enactements eine Ungenauigkeit ein, die auch dem Versuch des Sichtbarmachens von aktuellem Geschehen anhand eines historischen Blicks eigen ist, worauf sich der zweite Teil der Arbeit stützt.

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Isa Rosenberger, Espiral, Ausstellungsansicht, 2011, Grazer Kunstverein, Foto: Johanna Glösl

Farblich verbindet die Künstlerin die beiden ersten Räume über eine schwarz gestrichene Wand, die an die spiralförmige Konstruktion anschließt. Wieder tanzt Piña das Solo des Todes, jetzt allerdings vor den Toren der Österreichischen Nationalbank in Wien. Damit bindet sie den hier thematisierten Macht- und Kapitalfluss an die jüngste Geschichte Österreichs und seiner osteuropäischen Nachbarländer an, deren kulturelle und ökonomische Wechsel- und Abhängigkeitsverhältnisse die Künstlerin schon in früheren Arbeiten untersucht hat. In diesem Teil wiederholen sich die eigenartig stampfenden Gesten, die bestimmten Bewegungen der Arme und die Klaviermusik des ersten Videos. Die den Blick verwirrende Überlagerung der Farbigkeiten von Rückprojektion und Bühnenraum der vorangehenden Arbeit wird hier ersetzt durch eingefügte Sequenzen von Originalaufnahmen des Balletts, sowie durch Zwischen- und Untertitel, welche nicht nur die Bilder trennen, sondern gleichzeitig ebenfalls die Aufmerksamkeit des Publikums zwischen Körper und Text springen lassen. Die Texte verknüpfen die visuelle Ebene der Choreographie und des Körpers mit Rosenbergers Recherche zu den Verhältnissen und Zusammenhängen von Wirtschaft und Gesellschaftspolitik und machen „Espiral“ zu einer Kritik jener Machtverhältnisse, wie sie sich nach der Wende 1989 in Europa verfestigt haben. „Die Ostöffnung war ein galaktisches Fenster für Österreich" _1, heißt es im Video, welche die Gewinnsteigerung österreichischer Banken aufgrund ihrer Expansionen nach Ost- und Südeuropa mit den aufgrund der Gewinnrückführung an die Mutterkonzerne negativen Bilanzen der neuen EU-Länder und letztlich mit dem Verkauf österreichischer Kreditanstalten an wirtschaftlich stärkere Bankengruppen wie die italienische Unicredit oder die deutsche HBV in Zusammenhang bringt. 

Dadurch ergibt sich ein Bild von ineinander verschlungenen wirtschaftlichen Abhängigkeiten, die sich auch in Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Machtverhältnissen lesen lassen. Es ist eine Ahnung, die in Rosenbergers Arbeit besteht, dass einer wirtschaftlichen Hegemonie eine kulturelle folgt und dass die Bedingungen finanzieller Unterstützung seitens der kapitalistischen Geldgeber immer dieser Art sind, dass sie eine solche möglich machen. Im Katalog zu Rosenbergers Ausstellung „Novy Most" in der Secession 2008 formuliert die Philosophin und Videokünstlerin Marina Grzinic die Folgen dieses Phänomens im Hinblick auf die Länder des ehemaligen Ostblocks als Nicht-Existenz: „ … Osteuropa existiert nicht, oder besser gesagt: Es wird nicht als bedeutendes Gebiet der Erkundung und Auseinandersetzung anerkannt, dem man eine gültige Formulierung des Sozialen und des Politischen für die Zukunft der europäischen Union zutraut.“ _2


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Isa Rosenberger, Espiral, Ausstellungsansicht, 2011, Grazer Kunstverein, Foto: Johanna Glösl

Vor diesem Hintergrund verbinden sich die Textfragmente mit Piñas Bewegungen und der räumlichen Situation in der Installation. Denn mittig im Raum hat Rosenberger eine Rekonstruktion der Requisite des Balletts platziert – den grünen Tisch, an dem die schwarzen Herren den Krieg beschlossen haben. Seine eigenartige Verzerrung – er wird nach vorne hin breiter und niedriger – erklärt sich aus seiner ursprünglichen Funktion auf der Bühne, dessen irreguläre Proportionen sich am Blick des sitzenden Publikums orientierten: eine optische Täuschung, die reproduziert im Grazer Kunstverein in ihrer expressionistischen Künstlichkeit exponiert wird und deren Realität als scheinbare, als Verzerrung explizit gemacht wird. 

Es scheint, als ob die Künstlerin „Espiral" selbst als eine solche „Entzerrung“ von Wirklichkeit zu denken versucht. Über die Offenlegung der Partituren und Notationen (und tatsächlich findet man Notationen zu „Der grüne Tisch“ als Grafiken im Raum) soll die Geschichte lesbar gemacht werden, wie sie „im Augenblick der Gefahr aufblitzt“ _3, um mit Walter Benjamin zu sprechen. Für Jooss bedeutete die Gefahr einen neuen Krieg und die Machtübernahme des Nationalsozialismus, der ihn und sein Ensemble zur Flucht aus Deutschland zwingen sollte. Für Rosenberger und damit das heutige Europa bedeutet es vielleicht die westliche Missachtung der unterschiedlichen Erfahrungen, die von den Menschen im sozialistischen Osten vor 1989 gemacht wurden. Rosenberger legt ihre Gesellschaftskritik dabei als fragile Konstruktion an, in der auf einer anderen Ebene deutlich wird, wie kompliziert das Ineinandergreifen von wissenschaftlicher Recherche, politischer Haltung und künstlerischer Form ist.

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Isa Rosenberger, Espiral, Ausstellungsansicht, 2011, Grazer Kunstverein, Foto: Johanna Glösl

„Espiral“ enthält noch eine weitere Dimension, die wieder über Amanda Piña körperliche Präsenz erhält und den austauschbar-anonymen Figuren des Balletts tatsächliche Biografien entgegenstellt. Im letzten Raum der Ausstellung hinter dem letzten Halbkreis aus schwarzem Stoff, der das Display nun zu einer vollständigen Spirale zusammenfügt, zeigt Rosenberger die dritte Videoarbeit, ein Gespräch zwischen Piña und der Künstlerin selbst in der Rolle der Visagistin. Das zufällig anmutende Gespräch der beiden löst die verschlungenen Biografien und Geschichten auf, welche die Arbeit durchziehen. Die in Chile geborene Tänzerin erzählt von ihrer Begegnung mit Patricio Bunster, einem Tänzer in Kurt Jooss’ Ensemble, der 1985 das Centro de Danza Espiral gründete, auf das sich Rosenberger im übergreifenden Titel bezieht. Auch Jooss selbst war für kurze Zeit in Chile. Die Schule zeichnet ein soziales Denken aus, das aus einer anderen, sozialistischen Zeit vor der Diktatur Pinochets entstammt. Joan Jara, die Mitbegründerin, war die Ehefrau des Sängers und Aktivisten Victor Jara, der 1973 von Pinochet ermordet wurde. Über die Verknüpfung dieser Biografien bildet Rosenberger Personen ab, die sich durch ihre Biografien der Repression und Gewalt gegenüber stellten: Sie alle mussten vor den Regimes ihrer Zeit flüchten und ihre künstlerische Arbeit – die Rosenberger auch explizit als soziale versteht – kann als Möglichkeit eines oppositionellen Mittels gelesen werden, mit dem sie sich gegen Gewalt, Krieg und die ihn auslösenden Mächte auf die Seite des Individuums stellten.

Rosenbergers Arbeit lässt sich als komplexe Kapitalismuskritik auffassen, in der sich Tanz, Kunst und Kultur als Gegenmodelle zu normativen Gesellschaftsformen verbinden. Die „Entzerrung“ der abgebildeten Wirklichkeit, die sich als Spirale immer weiterschraubt, bedeutet nicht, die Dinge in ihrer Realität, sondern in ihrer Konstruiertheit wahrzunehmen. Über die narrativen Stränge von „Espiral" bilden sich gesellschaftliche Prozesse ab, deren Grundsätze in tendenziöser Vereinfachung Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Folgt man Rosenberger so liegen die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegenmodelle nicht außerhalb jener Realitäten, sondern ließen sich bei einer vergleichenden Betrachtung der Geschichte in ihnen selbst aktualisieren. 

Isa Rosenberger, „Espiral“, Grazer Kunstverein, Graz, 5. April bis 11. Juni 2011 

Anmerkungen

1_ Aus: Espiral, Isa Rosenberger. RZB-Boss Herbert Stepic im Interview mit der „Presse“ vom 28. Mai 2005. 

2_ Marina Grzinic: Isa Rosenberger. Der Geschichte Zeitlichkeit geben oder Die Erfahrung der Zeit und die Konstruktion von Geschichte, in: Isa Rosenberger: Novy Most, Ausstellungskatalog Secession, Wien 2008. 

3_ „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen >wie es denn eigentlich gewesen ist<. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. Dem historischen Materialismus geht es darum, ein Bild der Vergangenheit fest- zuhalten, wie es sich im Augenblick der Gefahr dem historischen Subjekt unversehens einstellt“, Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: Walter Benjamin: Erzählen, Suhrkamp 2007.